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30 Jahre Roadrunner Records: History Lesson mit Monte Connor

06.04.2011 | 14:14

Roadrunner Records feiern derzeit ihren 30. Geburtstag. Ein guter Grund, um sich einmal mit der Geschichte dieses für den Metal so wichtigen Labels zu beschäftigen. Dabei schauen wir nicht nur auf die ellenlange Diskografie des Labels zurück, aus der wir im zweiten Teil unseres Specials 30 wichtige, vergessene und zukünftige Perlen gepickt haben, sondern unterhielten uns auch mit Monte Connor, seines Zeichens seit 23 Jahren A&R für Metal bei Roadrunner und daher mitverantwortlich für die Entdeckung von Bands wie SEPULTURA, OBITUARY oder später SLIPKNOT & TRIVIUM.

Ein A&R (steht für "Artists & Repertoire", also den redaktionellen Teil des Labels - PK) ist bei den Plattenfirmen dafür verantwortlich, neue Bands zu finden und unter Vertrag zu nehmen. Ein Posten, der viel Verantwortung bedeutet und auch erfolgsabhängig ist. Wer keine neuen Bands findet, die Erfolg haben, ist in diesem Business auch schon mal schnell seinen Job los. Dass Monte Connor seit Dezember 1987 A&R bei Roadrunner Records ist, spricht für sein gutes Händchen, für seinen Sachverstand und seine Liebe zum Metal. Er ist eine echte Institution.

Der freundliche, humorvolle und redegewandte Monte hat im Heavy Metal viel erlebt und kann auch davon erzählen. Weit über eine Stunde dürfen wir ihn von der Arbeit abhalten und sprechen mit ihm über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft von Roadrunner Records.

Wir beginnen natürlich mit einem Blick zurück und Montes ersten Tagen bei Roadrunner Records. Tage, die Monte immer noch gut in Erinnerung hat. "Als ich im Dezember 1987 bei Roadrunner eingestellt wurde, war ich noch nicht A&R, sondern sollte College Radio Promotion machen. Das war für mich ein sehr einfacher Job, denn alles, was man tun musste, war die Typen von den Sendern anzurufen und mit ihnen über Metal zu reden und sie dazu zu bringen KING DIAMOND laufen zu lassen. Zudem hatte ich das selbst zuvor für mehr als vier Jahre gemacht. Ich hatte eine Sendung namens "The Witching Hour" bei WBND und habe da die ganze Untergrundmusik gespielt, die dann später von Combat oder MetalBlade unter Vertrag genommen wurde. Und dazu habe ich auch noch viele Bands ohne Label gespielt, wie METALLICA, MEGADETH, ANTHRAX, ANNIHILATOR, SLAYER oder SEPULTURA. Ich hatte also nach dieser Zeit einen ziemlich guten Überblick über die Szene und habe Labels Demos von Bands geschickt, von denen ich dachte, dass sie einen Vertrag bekommen sollten. Das hatte Roadrunner auch gewusst, als sie mich einstellten und sie wussten auch, dass ich Ambitionen hatte, A&R zu werden, dennoch wurde ich erstmal für die Promotion von College Radios eingestellt. Doch nur wenige Tage nachdem ich eingestellt wurde, hat die Kollegin, die damals A&R war, gekündigt. Und nun standen wir ohne A&R da, was bei einem Office mit vier Leuten ein echtes Problem war. Und irgendwie war ich dann der einzige, der übrig blieb, um diesen Job zu machen, da ich der einzige Metaller von uns vieren war. Natürlich hat das nicht bedeutet, dass ich meinen Job als College Radio Promoter nicht mehr machen musste. Mit nur vier Mitarbeitern war ohnehin jeder für alles zuständig und so hatte ich eigentlich auch mindestens zwei Jobs gleichzeitg. Die erste Band, die ich unter Vertrag genommen habe, waren REALM aus Milwaukee, die zweite Band war dann SEPULTURA, und im ersten Jahr folgten dann noch OBITUARY & ANNIHILATOR. Und als diese Bands alle relativ erfolgreich wurden, haben sie hier gemerkt, dass ich durchaus weiß, was ich tue, was mir dann alle Freiheiten in diesem Job gebracht hat.", erzählt Monte von seinen ersten Tagen. Mittlerweile arbeiten alleine im New Yorker Büro 60 Mitarbeiter, so dass Monte sich natürlich seit einigen Jahren komplett auf seinen Job als A&R konzentrieren kann.

Bevor sich Roadrunner Records zu dieser Zeit einen Namen als Label machte, war es Gründer Cees Wessels, der Roadrunner als Lizenznehmer und Vertrieb für die vielen Metalbands aus den USA in Europa etablierte. "Ganz genau. Cees hatte gesehen, wie all diese neuen US-Bands kamen, aber sie alle hatten keinen Vertrieb in Europa. Also lizensierte er Bands und Alben von Labels wie Megaforce, Metalblade, Shrapnel und wie sie alle hießen, um so Europa mit Metal zu versorgen. Cees ist ein sehr smarter und ambitionierter Geschäftsmann und so wurde es ihm irgendwann langweilig, die Bands nur zu lizensieren und er gründete sein eigenes Label, hatte damit aber nur mäßigen Erfolg. Nur MERCYFUL FATE und später KING DIAMOND waren wirklich erfolgreich zu der Zeit, als ich zum Label kam. Bands wie METALLICA, S.O.D. oder CARNIVORE waren alle nur lizensiert. Cees merkte schon vorher, dass er ein Office in den USA braucht, wenn er wirklich auch ins A&R-Geschäft einsteigen will, und so wurde dann im Herbst 1986 das Büro in New York eröffnet, um sich hier darauf zu konzentrieren, Bands unter Vertrag zu nehmen", gibt Monte einen kurzen Abriss über die Anfangstage von Roadrunner.

Mit dieser Neuorientierung im Geschäft hat sich natürlich auch das Verhältnis zwischen lizensierten und selbst veröffentlichten Alben deutlich verändert. "Zu Beginn waren sicher 90% unserer Veröffentlichung nur Lizenzen, wir haben das dann noch eine Weile gemacht, aber immer weiter zurückgefahren. Auch heute haben wir das noch bei einigen Bands wie COHEED & CAMBRIA oder SLASH, aber der Anteil ist vielleicht noch 10%, der Rest sind unsere Bands und Veröffentlichungen.", erzählt Monte.

Auf die Frage, der Erfolg welcher Band Monte am meisten überrascht hat, hat er auch eine klare Antwort: "Das wird dich vielleicht überraschen, aber das sind SEPULTURA. Als ich die Band unter Vertrag genommen habe, hatten sie gerade "Schizophrenia" veröffentlicht, die erste Platte mit Andreas Kisser, und sie wurden schon noch ein bisschen belächelt. Aber ich mochte die Scheibe offensichtlich sehr, denn ich habe ihnen ja einen Plattenvertrag gegeben. Dennoch hätte ich nie mit einer Platte wie "Beneath The Remains" gerechnet. Ich könnte heute natürlich sagen, dass ich das schon beim Hören von "Schizophrenia" gewusst hätte, aber das wäre gelogen. Erst als ich "Beneath The Remains" hörte, wusste ich, dass ich ein wirklich gutes Händchen hatte. Von diesem Zeitpunkt an war ich auch überzeugt davon, dass die Band einmal groß werden würde. Aber dennoch war auch der spätere Erfolg von SEPULTURA mit Alben wie "Arise", "Chaos A.D." und "Roots" eine Überraschung für mich. Ich wusste, dass sie groß werden würden, aber so groß? Wow.", gibt Monte zu.

Eine weitere Band sind LIFE OF AGONY, die mit "River Runs Red" anno 1993 ebenfalls großen Erfolg hatten. "Ich denke, was viele überrascht hat, war, dass diese winzigen Typen so große Musik machen können. "River Runs Red" war wirklich ein bahnbrechendes Album und auch heute klingt es noch frisch und stark, aber jeder der die Band nur gesehen hat, dachte erst einmal wie klein die Jungs alle sind. Und dann kam Keith mit seiner riesigen Stimme. Das hat wirklich alle umgehauen. Man könnte auch sagen, dass Michael Poulsen von VOLBEAT vor allem auf dem ersten Album ein wenig nach Keith klingt.", stellt Monte richtigerweise fest.

Die besten Signings der letzten zehn Jahre waren für Monte TRIVIUM und KILLSWITCH ENGAGE. "TRIVIUM sind noch größer geworden, als ich gedacht habe. Andererseits haben sie mit einem Song wie 'Pull Harder On The Strings Of Martyr' für meine Begriffe einen der besten Songs geschrieben, der je auf Roadrunner veröffentlicht wurde. KILLSWITCH ENGAGE hingegen waren so etwas wie die erste Band, die erfolgreich Metalcore mit dieser Verbindung aus cleanen Refrains und corigen Strophen gemacht hat. Das sind wirklich tolle Bands, die zu Recht so groß geworden sind."

Aber nicht alles, was Roadrunner und Monte angefasst haben, ist Gold geworden. Es gab auch viele Bands, die trotz aller Klasse floppten. "Da fallen mir zwei Bands ein, die erstklassige Alben gemacht haben, wo es zumindest zu Beginn aber niemand gemerkt hat. Das eine war "Burning Times" von LAST CRACK, die Alternative und Metal verbanden und deren Album wahrscheinlich einfach zwei Jahre zu früh erschienen ist. Ich denke, dass die Platte in der Blütezeit des Grunge viele Fans gefunden hätte, obwohl es nicht wirklich Grunge war. Aber 1990 waren wir als Metallabel bekannt und kein Mensch hat diese CD gekauft, da sie einfach nicht wirklich Metal war. Die Typen auf der CD sahen auch nicht aus wie Metal, mit ihren eher gebrauchten Outfits. Damals hat man noch geglaubt, man müsse attraktiv sein, um als Metalband erfolgreich zu sein. Dann kamen NIRVANA und bewiesen das Gegenteil. Wäre "Burning Times" zu diesem Zeitpunkt erschienen, hätte sie viel bessere Chancen gehabt, da bin ich sicher. Die andere Band ist CYNIC, die 1993 mit "Focus" einen Meilenstein abgeliefert haben. Das haben die Menschen aber erst Jahre später begriffen. Am Anfang lag das Album wie Blei in den Regalen.", erzählt der sympathische Ami.

Roadrunner Records haben sich immer als ein Label verstanden, das neue Trends setzt und nicht Trends hinterherhechelt. Monte kann dies mit zahlreichen Beispielen belegen. "Cees wollte immer, dass wir Trends aufspüren, Bands unter Vertrag nehmen, die neu und frisch und anders klingen. Das war schon immer seine Philosophie und hat uns sehr inspiriert. Und wenn man an Bands wie SEPULTURA, die dieses Tribal-Element einbrachten, VISIONS OF DISORDER, die im Prinzip der Vorläufer für eine Band wie KILLSWITCH ENGAGE waren, TYPE O NEGATIVE, LIFE OF AGONY oder FEAR FACTORY, die so mechanisch klangen, denkt, ist das Beweis genug dafür, dass wir wirklich immer versucht haben, originelle, neue Bands zu finden, die wirklich einen Einfluss auf den Metal haben.", gibt Monte selbstbewusst zu Protokoll. Das darf er auch sein, denn mit SLIPKNOT oder auch COAL CHAMBER, die zu den ersten Bands des Nu Metal gehörten, fehlen in der Liste sicher noch Bands, die Monte hätte aufzählen können.

Das ist auch einer der Gründe, warum Monte optimistisch in die Zukunft blickt, obwohl viele behaupten, dass die Zeit der großen Labels bald abläuft. "Ich denke, wir haben auch in der Zukunft gute Karten. Der Name "Roadrunner" bedeutet den Kids von heute ebenso etwas wie den Metalheads, die seit mehr als 20 Jahren diese Musik lieben. Und sie sind smart genug, um zu wissen, dass wir zwar auch im Mainstream erfolgreiche Bands wie NICKELBACK, BLACK STONE CHERRY oder AIRBOURNE unter Vertrag haben, aber auch immer für Qualität im Metal stehen. Davon abgesehen haben wir über all die Jahre eine echte Philosophie entwickelt, die uns von anderen Wettbewerbern unterscheidet und dazu haben wir clevere Geschäftsmänner im Hintergrund, die dafür sorgen, dass es sich für uns und den Künstler lohnt, bei Roadrunner zu sein."

Und so ergeben sich auch Chancen für Roadrunner in diesem neuen Zeitalter. "Mit "Loud & Proud" haben wir ein Unterlabel gegründet, wo wir Bands wie ROB ZOMBIE oder QUEENS OF THE STONE AGE unter Vertrag nehmen, die nicht ins Roadrunner-Konzept passen, aber immer noch viele Platten verkaufen, dennoch aber von ihren Labels gedroppt werden. Man muss sich das vorstellen, dass QUEENS OF THE STONE AGE gedroppt werden, weil sie "nur" 250.000 Platten verkaufen. Und wenn das passiert, sind wir für diese Bands die beste Wahl. Mit Warner im Rücken sind wir so groß wie ein Major, arbeiten aber immer noch wie ein Indie-Label. Das ist etwas, was uns von Labeln wie Nuclear Blast oder MetalBlade unterscheidet, die die Reichweite und Power eines Majorlabels noch nicht erreicht haben."

Auch technisch hat sich der Markt stark verändert, das von vielen prognostizierte Aussterben der CD sieht Monte aber nicht kommen. "Lass es mich so sagen: Wenn Vinyl noch nicht ausgestorben ist, ist es für mich völlig undenkbar, dass CDs irgendwann aussterben. Natürlich wird der Markt kleiner und vielleicht kann man irgendwann CDs nur noch im Internet bestellen oder so etwas, aber es wird sie immer geben. Aber du hast natürlich Recht, dass vor allem die Jugend kaum noch CDs kauft und wir uns als Label dem anpassen müssen. Ich habe neulich einen Artikel auf Billboard.com gelesen, der die Musikhörer in verschiedene Gruppen unterteilt. Die Kids im Alter von 12-15, die sog. digital-natives, die wollen nicht mal mehr eine Datei besitzen, die wollen nur im Internet streamen. Ihnen reicht YouTube und ein Internet-fähiges SmartPhone, mit dem sie auch unterwegs Musik hören können. Dann gibt es die Kids im Alter von 16-24, die sog. Transitionals, die damit aufgewachsen sind, mit Napster Dateien runterzuladen oder auch bei iTunes zu kaufen. Diese Kids wollen Dateien, unabhängig davon ob sie die kaufen oder illegal runterladen. Und dann gibt es noch die Gruppe, die 25 Jahre und älter ist, die sog. "Analogs". Das sind Leute wie du und ich, die immer noch CDs oder gar Platten haben wollen. Und wenn die Gruppe jetzt erst 25 ist, dann hat die CD für die nächsten 75 Jahre schon mal ausgesorgt, da wir ja alle wenigstens 100 Jahre alt werden", lacht Monte.

Ausgesorgt mussten auch die Fans haben, um nach dem Erwerb der Erstausgabe ein paar Monate später auch die Special Edition kaufen zu können. Ein Fakt, der zu einigem Missmut bei den Fans und zum Umdenken beim Label geführt hat. "Ich hatte schon relativ früh darauf hingewiesen, dass die Fans diese Politik nicht mögen würden, aber völlig zu Recht wurde dem entgegnet, dass niemand die Kids zwingt, diesen Kram zu kaufen. Denn nur weil sie diese Editionen kaufen, können wir sie veröffenlichen. Und wir haben viele davon verkauft. Es gab also offensichtlich einen Markt dafür. Dennoch haben wir natürlich mitbekommen, dass die Fans nicht besonders erfreut darüber waren und versuchen seitdem die verschiedenen Editionen zur selben Zeit zu veröffentlichen. Das klappt natürlich nicht immer, denn manchmal gibt es den Bonus noch gar nicht, wenn das Album erscheint, aber wenn es möglich ist, machen wir das natürlich. Es ist schon so, dass wir diese negativen Stimmen wahrgenommen und auch unsere Lehren daraus gezogen haben."

Dabei sind diese Special Editions durchaus noch mal ein separater Markt. Die nur über die Band oder das Label erhältliche Box zu "The Incident" von PORCUPINE TREE war ein solches Produkt. "Ja, das ist ein wichtiger Markt für uns als Label und die Band. Es nennt sich D2C - Direct to Consumer. Den wahren Fans sind diese Editionen, wie die von "The Incident", die du erwähnt hast, viel Geld wert. Daran verdienen wir und auch der Künstler natürlich mehr, als wenn eine CD im Laden gekauft wird. Und für die Fans ist es durch die kleinen Auflagen auch ein echtes Investment, so dass sie sogar Geld gewinnen, falls sie das Produkt irgendwann mal wieder verkaufen müssen. Zudem bieten diese Editionen auch einen echten Mehrwert für die Fans, so dass es eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten ist."

Klingt so, als stünde die Zukunft des Labels auf sicheren Füßen und wir könnten in 20 Jahren den 50. Geburtstag von Roadrunner Records feiern. Mal sehen, ob uns Monte Connor dann erneut Rede und Antwort stehen kann.

Bitte beachtet auch unser Gewinnspiel zum 30. Geburtstag von Roadrunner Records.


Redakteur:
Peter Kubaschk

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