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AMORPHIS: Interview mit Tomi Joutsen

31.01.2006 | 22:27

Ein neuer Sänger bedeutet immer einen größeren Einschnitt in der Geschichte einer Band. Nach Tomi Koivusaari, der sich seit "Tuonela" ausschließlich auf das Gitarre spielen konzentriert, und Pasi Koskinen, der AMORPHIS im August 2004 verließ, hat Tomi Joutsen (SINISTHRA) die nicht ganz einfache Aufgabe übernommen, den Nachfolger von "Far From The Sun" zu interpretieren. Eine Chance hat der bescheidene Finne allemal verdient, zumal er "Schuld" daran ist, dass die lange Zeit vernachlässigten Growls wieder Einzug in den AMORPHIS-Sound genommen haben. Tatsächlich bildet "Eclipse" den Brückenschlag zwischen "Tales From The Thousand Lakes", "Elegy" und "Far From The Sun". Und auch das finnische National-Epos, die Kalevala, durfte wieder als Inspirationsquelle herhalten.

Elke:
Es wurden in der Presse nicht großartig breitgetreten, deshalb würde mich zunächst interessieren, warum der ehemalige Sänger Pasi Koskinen AMORPHIS im August 2004 verlassen hat.

Tomi:
Ich denke, ein Grund war, dass Pasi gerne etwas härtere Musik machen wollte. Außerdem war er, was AMORPHIS betrifft, wohl nicht mehr sonderlich motiviert. Er ist jetzt in anderen Bands aktiv und soweit ich weiß sehr glücklich damit.

Elke:
Hat er AMORPHIS aus eigenen Stücken verlassen oder wurde er gefeuert?

Tomi:
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Soweit ich weiß, sind sie immer noch befreundet, also gab es wohl keinen großen Streit.

Elke:
Esa (Holopainen, Gitarre) hat in einer News-Meldung verbreitet, dass sie ca. 150 Bewerbungen aus aller Welt für den vakanten Sängerposten erhalten hätten. Warum fiel die Wahl letztendlich auf dich?

Tomi:
Ich denke, einer der Gründe war, dass ich mit dem Material vertraut bin, ich war schon immer ein Fan der Band. Ich habe außerdem bereits Erfahrungen als Sänger, war jahrelang in mehreren Death-Metal-Underground-Bands und einigen melodischeren Combos aktiv und bin derzeit parallel noch in der Melancholic-Rock-Band SINISTHRA tätig. Mit SINISTHRA schreibe ich auch gerade an neuen Songs, allerdings sind wir nach dem ersten Album, das bei Arise Records erschien, auf der Suche nach einem neuen Label.
Ich denke, dass meine Stimme einfach gut zu AMORPHIS passt. Außerdem ist Tomi Koivusaari (Gitarre) mit jemanden von SINISTHRA, Markku (Mäkinen, Gitarre), befreundet. Markku hatte ihm natürlich erzählt, dass ich ein guter Mensch bin und solche Sachen. Vielleicht haben sie mich einfach deswegen ausgesucht, weil sie wussten, dass ich kein Arschloch bin (lacht).

Elke:
Nach einem kurzen Ausflug zu Virgin mit "Far From The Sun" seid ihr mit "Eclipse" wieder in den Schoß von Nuclear Blast zurückgekehrt. Warum?

Tomi:
Es war einfach eine natürliche Wahl. Esa und Tomi kennen die Leute von Nuclear Blast seit Jahren, und sie haben auch für das neue Album bisher sehr gute Promotions-Arbeit geleistet. Wir sind jedenfalls sehr glücklich darüber, wieder bei ihnen gelandet zu sein.

Elke:
Ihr habt vor einer Weile einige Sound-Clips des neuen Albums im Nuclear Blast Music Shop veröffentlicht, und die diesbezüglichen Statements der Fans auf eurer Homepage gingen von "furchtbar" über "enttäuschend" bis "super". Habt ihr mit solch unterschiedlichen Reaktionen gerechnet?

Tomi:
Es waren nur sehr kurze Auszüge der Songs in mieser Qualität, die eigentlich noch kein Urteil über das Album zuließen. Natürlich bedeutet ein neuer Sänger eine große Veränderung, und möglicherweise werden mich einige, die Pasis Stimme gewohnt sind, nicht mögen. Ich hoffe jedoch, sie geben mir trotzdem eine Chance und hören sich das Album an. Nachdem ich es mir selbst so um die 100 Mal reingezogen habe, bin ich nämlich immer noch stolz darauf.

Elke:
Einige Fans hätten auch heute noch gerne Tomi Koivusaari zurück am Gesang, jetzt trauern andere Pasi hinterher. Du dürftest keinen leichten Start haben.

Tomi:
Dessen bin ich mir bewusst. Pasi und Tomi hatten beide einen sehr eigenständigen Stil.

Elke:
Die größte Überraschung für viele Fans dürfte sein, dass auf "Eclipse" wieder Growls Einzug gehalten haben. Warum habt ihr dieses Element wieder in euren Sound integriert?

Tomi:
Ich vermute, ich bin Schuld daran. Ich mag am liebsten die alten Alben, "Tales From The Thousand Lakes" und "The Karelian Isthmus" und höre generell gerne härtere Sachen. Ich wollte ausprobieren, ob dieser Sound auch zum neuen Material passt. Wir haben die Sachen geprobt, bevor wir ins Studio gingen, und die Growls klangen einfach gut. Die anderen Jungs haben mir diesbezüglich freie Hand gelassen. Ich bin froh, dass sie mir die Gelegenheit dazu gegeben haben, und es ist ja auch nichts Neues für AMORPHIS. Live spielen wir ebenfalls noch die alten Sachen, und da war es einfach natürlich, die Growls wieder aus der Mottenkiste zu holen.

Elke:
Warst du am Songwriting beteiligt?

Tomi:
Ich habe nichts komponiert, aber zusammen mit unserem Produzenten Marco Hietala die Gesangslinien entwickelt. Bevor wir ins Studio gingen, hatte ich bereits ein paar Sachen ausgearbeitet, und Marco war von einigen meiner Refrains total begeistert. Das macht mich natürlich stolz.

Elke:
Die erste Single 'House Of Sleep' hat einige typisch finnische Gothic-Elemente, die von man von einer Band wie AMORPHIS nicht erwarten würde, und ist kaum repräsentativ für das Album. Warum habt ihr den Song ausgewählt?

Tomi:
Nuclear Blast und unser Manager fanden, dass es eine gute Single abgeben würde, weil der Song sehr catchy ist und gut im Radio gespielt werden könnte. Ich mag den Song, aber ich stimme dir zu, dass er kein wirklich passendes Bild des kompletten Albums vermittelt.

Elke:
Habt ihr zu dem Song bereits ein Video gedreht?

Tomi:
Ja, haben wir. Es ein leicht verträumtes Video mit grafischen Animationen. Ich finde es sehr gelungen und hoffe natürlich, dass die TV-Stationen es bringen werden.

Elke:
Im Vergleich zu dieser ersten Single fängt das Album mit einem der härteren Songs an. Ich war ziemlich überrascht, als ich "Eclipse" zum ersten Mal hörte. Wolltet ihr das Album mit einem solchen Song beginnen, um von Anfang an klarzustellen, dass AMORPHIS wieder härter geworden sind?

Tomi:
Keine Ahnung. Es gibt ja eigentlich keine echten Growls in dem Song. Ich denke, es ist einfach ein guter, schneller Opener.

Elke:
Die Texte basieren auf einer Geschichte der Kalevala. Worum genau geht es?

Tomi:
Sie erzählen die Geschichte eines Mannes namens Kullervo, die der Kalevala entnommen wurde. Wir haben die Version des finnischen Autors Paavo Haavikko genommen, die er in den 70ern geschrieben hat und die von Anselm Hollo übersetzt wurde. Es ist eine sehr düstere Geschichte, die gut zur Musik passt.

Elke:
Es sah eine Zeit lang so aus, als wären AMORPHIS dieser ganzen Kalevala-Geschichten etwas überdrüssig.

Tomi:
Das stimmt. Doch schon vor Jahren war im Gespräch, ein Album über die Kullervo-Geschichte zu machen. Der finnische TV-Produzent Pekka Lehto wollte damals eine Serie über Kullervo drehen und fragte AMORPHIS, ob sie den Soundtrack dazu schreiben wollten. Sie waren von der Idee begeistert, aber die Serie wurde dann niemals verwirklicht und die Sache war fast vergessen. Als Pasi die Band verließ und es keine fertigen Texte gab, dachten sie, dass es eine gute Idee wäre, die Kullervo-Geschichte wieder auszugraben. Der Autor Paavo Haavikko, mittlerweile ein alter Mann, gab uns die Erlaubnis, seine Texte zu verwenden. Keine Ahnung, ob ihm die Musik gefällt, aber er mochte die Idee und ließ uns freie Hand.

Elke:
Wo wurde "Eclipse" aufgenommen?

Tomi:
Mitten in Helsinki in den kürzlich gebauten Sonic Pump Studios. Es ist ein wunderschöner Ort. Die Aufnahmen fanden im Juli statt.

Elke:
Auf eurer Webseite hat jemand behauptet, dass es dort auch eine Sauna gab.

Tomi:
Ja, aber sie war noch nicht fertiggestellt. Aber es gab einen schönen Blick auf den See.

Elke:
Du hast deine Live-Feuertaufe bereits auf einer großen US-Tour bestanden. Wie haben die Fans auf dich reagiert?

Tomi:
Ich denke, recht positiv. Ich hatte große Angst, als ich zum ersten Mal auf die Bühne musste. Es gab dann auch zwei Jungs, die deutlich zeigten, dass sie mich nicht leiden konnten und mich mit Gegenständen bewarfen. Aber wir haben überwiegend positives Feedback bekommen. Beim ersten Mal ist es natürlich etwas merkwürdig, die alten Songs von einem neuen Sänger zu hören, weil sich meine Stimme doch sehr von Pasis unterscheidet. Aber die meisten Fans haben mich gut aufgenommen und die Tour lief insgesamt sehr gut, was mich sehr in meinem Selbstbewusstsein gestärkt hat.

Elke:
Wie war diese erste größere Tour für dich persönlich?

Tomi:
Anfangs war es allein wegen des Jetlags sehr hart, aber ich denke, ich habe mich sehr gut geschlagen. Die Tour war eine ziemlich große Sache und ich hatte natürlich Muffensausen, aber am Ende lief alles wunderbar. Jetzt, wo ich weiß, wie die Dinge funktionieren, wird es beim nächsten Mal leichter.

Elke:
Du könntest also am Tour-Leben Gefallen finden?

Tomi:
(lacht) Ja. Ich reise gerne, und sobald man sich daran gewöhnt hat, in einem Bus zu schlafen, fühlt man sich wie zu Hause.

Elke:
Ihr hattet im November auch zwei Shows in Moskau und St. Petersburg. Das klingt sehr spannend.

Tomi:
Das war es auch. Ich war zum ersten Mal in Russland, und dort gibt es wunderschöne Gebäude und Konzerthallen. Das Publikum war phantastisch, alles war einfach perfekt. Ich hoffe, wir können dort auch in Zukunft noch einmal touren.

Elke:
Mit dir als neuem Sänger wäre es doch eine gute Idee, eine Live-CD oder DVD herauszubringen. Gibt es diesbezüglich bereits Pläne?

Tomi:
Ja, wir wollen irgendwann eine DVD aufnehmen. Wir spielen im Februar unter anderem auf der Metal Expo in Finnland und wollen im Frühjahr auf Europa-Tour gehen. Wir werden vielleicht einige Shows davon aufnehmen und für eine DVD zusammenschneiden.

Elke:
Wie gut kommst du mit den Gesangs-Linien von Tomi K. und Pasi klar? Gibt es mit einzelnen Songs Probleme?

Tomi:
Nein, keinesfalls. Ich fühle mich geehrt, diese Songs live singen zu dürfen.

Elke:
Da du persönlich ja die älteren AMORPHIS-Scheiben bevorzugst, werden wir auf der nächsten Tour vielleicht ein paar mehr Songs von "The Karelian Isthmus" zu hören bekommen?

Tomi:
Vielleicht nicht unbedingt von "The Karelian Isthmus", aber ich hoffe, dass wir auch in Zukunft Growls verwenden werden. Ich mag diese Art von Gesang, weil man damit gut sich selbst und seine Gefühle ausdrücken kann. Ich habe viele Jahre in diesem Stil gesungen und finde es cool, auf der Bühne zu growlen und headbangen. Aber ich mag auch melodische Sachen und finde es daher sehr schön, dass wir so viele verschiedene Elemente in unseren Songs haben.

Elke:
In meinem letzten Interview mit Esa für ein anderes Magazin im Jahr 2003 habe ich ihn auf die verschiedenen Line-Up-Wechsel in der Band-Geschichte angesprochen und er sagte damals, dass das Line-Up gerade recht stabil aussehen würde. Offenbar hat er sich geirrt. Wie siehst du persönlich die Zukunft von AMORPHIS? Denkst du, die jetzige Besetzung ist konstanter?

Tomi:
Man weiß nie, was die Zukunft bringt, aber ich hoffe sehr. Im Moment jedenfalls ist jeder in der Band sehr motiviert. Wir haben bereits über das zweite Album gesprochen. Wir haben zwar noch nichts dafür geschrieben, aber jetzt, wo die Jungs gesehen haben, was ich zur Band beitragen kann, wird es uns sicher leicht fallen, neue Songs für ein hoffentlich noch tolleres zweites Album zu komponieren.

Redakteur:
Elke Huber

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