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APOKALYPTISCHEN REITER, DIE: Interview mit Volk-Man

03.02.2008 | 08:43

Es gibt Bands, die eine DVD aufnehmen und sie dann irgendwann auch mal öffentlich in einem Kino zeigen. So weit, so gewöhnlich. Und es gibt die APOKALYPTISCHEN REITER. Auch sie haben eine DVD zu ihren Festivalauftritten des vergangenen Jahres aufgenommen. Doch sie kommen bei den Kino-Vorführungen gleich mit. "Tobsucht" heißt die DVD, die in diesen Tagen am 1. Februar erscheint und neben einem schönen Backstage-Film die beiden kompletten Auftritte der REITER beim Wacken Open Air und beim Party.San im vergangenen Sommer enthält. Dazu kommen noch massig Impressionen ihres Russland-Konzert-Trips nach den Sommer-Festivals. Der Aufwand scheint sich gelohnt zu haben: Zumindest bei der Kinovorführung in Berlin klatschten die Zuschauer recht enthusiastisch, nachdem sie knapp drei Stunden lang mit "Tobsucht" behandelt wurden - und immer noch nicht die komplette DVD gesehen hatten.

Klingt nach ganz schön viel Arbeit?! "Wenn man die Vorbereitungen mit einrechnet, haben wir quasi das gesamte Jahr 2007 daran gesessen", sagt Bassist Volk-Man, der als einziger der Band nur eine der Kino-Vorführungen sah - seine Frau erwartet gerade das erste Kind. Dafür kann er lange über die DVD plaudern. "Wir haben schon Anfang des Jahres angefangen, die Shows im Detail zu planen, weil schon sehr früh feststand, dass wir beim Wacken und beim Party.San spielen werden. In Wacken wollten wir es - angefangen von Gastmusikern, Pyros, aufwändiger Lichtshow und Fuchs' Abseilact - schon richtig krachen lassen, also großes Kino. Party.San hat, was die Vorbereitung angeht, aber mindestens genauso viel Zeit in Anspruch genommen, wenn nicht noch mehr. Wir mussten nämlich beim Proben feststellen, dass viele der alten Songs komplett aus der Erinnerung verschwunden waren. Wir haben uns irgendwie selbst gecovert, dabei aber sehr viel Spaß gehabt. Der eigentliche Wahnsinn begann aber erst nach den Shows, denn wir sind dann sofort dazu übergegangen, die Shows zu sichten: Man muss sich vorstellen, dass beispielsweise in Wacken zehn Kameras am Start waren, die aus verschiedenen Positionen die Show aufgenommen haben. Mitunter war es echt schwierig, die richtigen Einstellungen auszuwählen. Wir haben zwar mit einem professionellen Cutter und Editor gearbeitet, aber letztlich sind doch etliche Rohschnitte nötig gewesen, bis wir dann langsam, aber sicher mit dem Ergebnis zufrieden waren. Auch einen fetten Sound zu bekommen, war nicht einfach. Wir hatten bis zum August zum Glück schon knapp zehn Open Airs absolviert und so auf anderen Festivals viel herumexperimentiert, wie man das Optimum bei der Aufnahme herausholen kann, dennoch aber einen authentischen, lebendigen Livesound bekommt. Wir sind alle total glücklich mit dem Resultat, auch wenn die vielen Nerven, die wir zwischendurch gelassen haben, im Vorfeld gar nicht abzusehen waren. Der Aufwand war mindestens ebenbürtig mit einem Studioalbum."

Man muss sich dies also so vorstellen: Eine Band sitzt vor dem Bildschirm und sagt: "Das und das wollen wir nicht". Eine aufreibende Prozedur, die Volk-Man bestätigt: "Man denkt nicht mehr in Songs, sondern nur noch in Frames und Sekunden. Ich könnte ja jetzt mal eine der berühmten 'Änderungswünsche'-Dateien zeigen, die wir so circa alle drei Tage an den Cutter geschickt haben. Da stand dann wirklich drin, bei Minute 18:12,23 bis 18:13,45 statt 'Totale' bitte 'Umschnitt auf Dr. Pest'... und so weiter, und so weiter, die Listen waren wirklich seitenlang. Zur Endabnahme sind wir dann auch direkt zum Cutter nach Stuttgart gefahren und haben den Rest direkt beim Anschauen entschieden. Wie gesagt, es war am Ende wirklich hart, weil wir uns das Video bestimmt hundertmal angesehen haben."

Doch kamen bei den langen Sitz-Sessions vor dem Bildschirm auch die Erinnerungen an die Gigs wieder. "Als in Wacken der gesamte Platz 'Die Sonne scheint mir aus dem Arsch' gesungen hat, sind mir fast die Knie weich geworden. Es war schlichtweg überwältigend", erzählt Volk-Man. Und weiter: "Beim Party.San kann ich mich erinnern, dass bei einigen der ganz alten Songs wie 'V.A.D.E.R.' oder 'The March Of Revenge' einige Leute schon nach wenigen Takten völlig apathisch geschrieen haben, man hört das auch gut auf den Aufnahmen... voll die Gänsehaut..." Ebenso cool klingen Schilderungen über die Zeit in Russland, die die REITER als völlig wildes Gelage erlebten. Die Aufnahmen sehen dabei aus, als sei die Band dort nur von DieHard-Fans umgeben gewesen - unglaublich. Welche der drei Sequenzen auf "Tobsucht" soll man da besonders hervorheben - oder noch schwieriger - am Besten finden? Auch Volk-Man ist sich da unsicher: "Das kann man schwer vergleichen. Beim Wacken war es einfach ganz großes Kino, Stimmung, Sound, Licht, Pyros, Bühne, einfach überwältigend und schwer in Worte zu fassen. Das Party.San war unglaublich intensiv, einfach roh, gewaltig, passend dazu das extreme Wetter - es war so, als wenn jemand laut aus der Offenbarung des Johannes vorlesen würde. Und die Russland-Shows waren allesamt sehr wild und zügellos. Ich habe es selten erlebt, dass Leute so völlig außer Rand und Band waren."

Gerade der Party.San-Gig fällt auf "Tobsucht" auf. In dieser Nacht spielten die REITER nur Songs ihrer ersten Alben - Stücke, die sie sonst kaum noch oder gar nicht mehr spielen. Worauf sich natürlich die Frage stellt, wie es sich so angefühlt hat, all die "ollen Kamellen" wieder zu zocken?! Volk-Man antwortet: "Man merkt, wie lange man eigentlich schon in der Band spielt - lang genug, um Song von früher vollständig zu vergessen; lang genug, um die Arrangements von früher nach heutigen Maßstäben neu zu bewerten und manchmal dabei echt erstaunt ist, wie man früher Stücke geschrieben und zusammengesetzt hat. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich mit den alten Stücken wieder wohl gefühlt habe, weil Musik ja bei uns immer so ein Gefühlsding ist. Ich musste mich erst wieder in den wütenden, zerstörungswütigen Teenager von damals hineindenken, der seinen Hass auf die Menschheit in seinen Stücken Ausdruck verleihen wollte. Insofern war es einfach, die Stücke handwerklich zu erlernen, aber viel schwieriger, sie emotional zu interpretieren, dass es authentisch wirkt. Im Proberaum hat das nie so richtig geklappt, aber auf der Bühne fühlte es sich wirklich 'old-school' an. Vielleicht muss man den kapitalen Fuck-ups unserer Amps danken, weil Gitarrenamp und Bassamp gleichzeitig beim ersten Stück auf dem Party.San versagten. Ich hatte so eine Scheiß-Wut auf die Technik, die Techniker, eigentlich auf alle und jeden, dass ich den gesamten Gig im dunkelroten Bereich absolviert habe."

Doch hat dies offenbar niemand bemerkt. Auf "Tobsucht" zumindest bietet der Party.San-Gig eine Stunde lang das REITER-Feeling der früheren Tage. Auffällig ist dabei, dass auch der Ex-REITER-Sänger und Drummer Skelleton mit auf die Bühne kam und seine Stimme kreischen ließ. Über das Verhältnis zu ihm in der heutigen Zeit kann Volk-Man viel Positives berichten - und er erzählt, wie es eigentlich zu dem Ausstieg kam: "Ich denke, eine Trennung in einer Band ist immer eine schwere Sache. 1999 gab es einen Bruch. Wir wollten mit der Band durchstarten und so viel wie möglich auf Konzerten spielen, wir wollten stilistisch andere Wege ausprobieren, weil wir so endlos viele Ideen im Kopf hatten. Skell entschied sich damals, aus der Band auszusteigen. Es hatte sich irgendwie schon angebahnt, denn während der Proben für 'All You Need Is Love' gab es manchmal heftige Meinungsverschiedenheiten. Ich erinnere mich, dass Skell sich mitunter weigerte, bestimmte Parts zu spielen, weil sie seiner Meinung nach zu soft waren. Man spürte wohl, dass dies über kurz oder lang auf einen Bruch hinauslaufen würde. Ich denke, dass war am Ende auch die ehrlichste Art, die Sache zu beenden. Skell ist einfach ein Death/Black-Metal-Fanatiker. Seine jetzige Band DISASTER K.F.W., das ist sein Style. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass Skell 'Das Paradies' oder 'Die Sonne scheint' spielt. Auf der menschlichen Ebene war es für ihn bestimmt nicht einfach, denn er hat ja auch gesehen, wie es mit den REITERN vorwärts ging. Ich kann mir schon vorstellen, dass er da in der Anfangszeit einen gewissen Groll gegen uns gehegt hat, aber von einem Rosenkrieg waren wir zum Glück immer meilenweit entfernt. Und wie man sieht, beim Party.San standen wir wieder alle gemeinsam auf der Bühne."

So bleibt angesichts einer so umfassenden Live-DVD wie "Tobsucht" nur noch eine Frage: Fast jede Band hat ja im Laufe ihrer Geschichte einen Song - als Beispiel sei NIRVANAs 'Smells Like Teen Spirit' genannt - den man eigentlich nicht mehr spielen will. Auch die REITER kennen das - mit 'Dschingis Khan', wie Volk-Man erzählt: "Das Schlimme an der Sache ist: Der Song ist nicht einmal von uns. Aber die Leute schreien wirklich die halbe Show danach. Wir würden uns wirklich wünschen, dass Herr Siegel uns endlich verklagt und wir das Stück nicht mehr aufführen dürfen. Aber der wird sich vermutlich eher über die schönen Gema-Gelder freuen, die bei jeder Aufführung fällig werden." Doch ist es in Zukunft sowieso weniger wahrscheinlich, dass die REITER das Stück noch spielen müssen, schließlich dürfte die Setlist ihrer Konzerte mit einem neuen Album bald noch größer werden. Volk-Man verrät den aktuellen Stand der Arbeiten: "Wir sitzen schon seit Frühjahr 2007 daran. Ich glaube, keines unserer Alben ist je über so einen langen Zeitraum entstanden. Aber es lief immer so nebenher, denn wir waren ja auch ständig auf Tour, dann die DVD... Wir werden im April ins Studio gehen und die Zeit bis dahin wird alles in die fertige Form gegossen. Was man erwarten kann? Ich denke, bei den Reitern muss man anders herum fragen. Was kann man nicht erwarten? Ein eindimensionales Album..."

Redakteur:
Henri Kramer

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