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ARSEN: Interview mit Norman und Selly

24.04.2018 | 13:28

Auch auf ihrem dritten Album wirft die deutsch-türkische Rock-Formation ARSEN wieder einen kritischen Blick auf die Gegenwart. Gitarrist Norman und Sängerin Selly geben Einblick in den Entstehungsprozess der neuen Songs und kommentieren die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, angefangen bei der politischen Weltlage über den Umgang des Einzelnen mit den Widersprüchen zwischen Klimaschutz und Konsumlust bis hin zur Debatte über den umstrittenen Begriff der Heimat.

Euer letztes Album mit dem Titel "Muttererde" habt ihr 2014 veröffentlicht. Eurer Homepage ist zu entnehmen, dass in diesen letzten vier Jahren von damals bis heute richtig viel passiert sei, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch bei euch. Ich bin natürlich neugierig, was ihr damit meint. Was hat sich für euch in Bezug auf eure Musik in den letzten Jahren so alles getan?

Norman: Hallo erst mal und danke, dass es wieder mit einer Review und dem Interview geklappt hat. Wie wahrscheinlich jeder Musiker von seinem aktuellsten Werk sagt, dass es das Beste ist, was er je geschrieben hat, ist es natürlich auch bei uns so.

Wir sind in den letzten Jahren auf Tour sowie privat als Band und Freunde noch mehr zusammen gewachsen. Genau das hört man auch auf unserem neuen Album "Susma". Wir haben einiges daran verändert wie wir Songs schreiben, sind musikalisch gereift und strukturierter geworden. Dadurch ist es uns möglich gewesen, das wirklich Beste aus uns rauszuholen und alle Energie in die Songs zu packen.

Bei den letzten beiden Alben haben wir uns eigentlich immer im Proberaum getroffen und die Songs aus dem Nichts geschrieben. Wir hatten jedoch das Gefühl, dass dadurch teilweise die Struktur der Songs gelitten hat. Bei diesem Album war es eher so, dass in den meisten Fällen Arnd mit einem musikalischen Konzept in den Proberaum gekommen ist und wir dann gemeinsam dran gearbeitet haben. Dadurch fühlen sich für uns die Songs geradliniger und energiegeladener an, ohne jedoch ihre Verspieltheit zu verlieren.

Bei den Texten ist es ähnlich, dort haben Selly und Dennis sehr viel zusammen gearbeitet und die Ideen gemeinsam ausgearbeitet. Es sind immer Ideen von uns allen. Jeder Song ist ein Gemeinschaftswerk, das ist uns sehr wichtig. Wir haben einfach die Aufgaben dieses Mal sinnvoller verteilt.

Und politisch-gesellschaftlich? Eure Songs sind ja immer schon auch kritische Ansagen an unsere Zeit und Gesellschaft gewesen. Dass das immer noch so ist, wird einerseits  mit dem neuen Titel 'Feierabend' klar, andererseits auch anhand des Videos zu dem Coversong 'Weck mich auf'. Was hat euch denn in dieser Beziehung in den letzten vier Jahren am meisten beschäftigt und wie beurteilt ihr die aktuelle Weltlage und euer Leben in diesem Deutschland?

Norman: Ach, was soll man in einer Gesellschaft, in der ein Donald Trump "mächtigster" Mann der Welt ist, Erdogan eine Diktatur errichtet, dabei fleißig von Deutschland finanziert wird, damit er die Flüchtlinge, die wir u.a. durch unsere Waffenexporte mit zu verantworten haben, zurückhält, noch sagen? Eine Gesellschaft, in der die NPD immer noch legal ist, die AfD im Bundestag sitzt, Regenwälder abgeholzt werden, die Leute sich ein mit Kohle und Atomstrom betriebenes E-Auto kaufen, um damit zu ihrer Kreuzfahrt auf einem Schweröl verballernden riesigen Scheißkahn zu fahren. Die Liste kann man ja echt beliebig lang fortsetzten, leider haben wir auf all diese Dinge auch keine wirkliche Antwort. Die ganze Welt dreht sich gefühlt immer schneller und niemand sieht da noch durch.

Wir sind es aber leid immer nur mit dem Finger irgendwo hin zu zeigen und zu sagen, der, die, das, ist doof, böse, usw. Na klar muss dieser Frust mal raus, ein Song wie 'Weck mich auf' ist da natürlich perfekt für. Trotzdem hat er ja eine abschließende Moral: "ich und du und er und sie und es, sind besser dran, wenn wir uns selber helfen". Genau das ist eigentlich der Punkt, der uns als Band wichtig ist. Diese Welt wird kein besserer Ort, wenn man so einfach vor sich hin meckert. Wir müssen einfach aufstehen und diese Welt zu einem besseren Ort machen.

'Feierabend' ist ja fast satirisch gemeint - die ganze Welt geht vor die Hunde, wir rennen mit offenen Augen auf den Abgrund zu, aber Hauptsache es ist pünktlich Feierabend und das Schnitzel ist günstig. Die Leute funktionieren halt so, ich mach mir da keine Hoffnung, dass von "da oben" was Sinnvolles kommt. Ich will da auch gar nicht drüber meckern, es gibt so viele gute Initiativen, so viele gute Leute, die die Welt besser machen, ganz ohne vorgegebenen staatlichen Plan. Genau diesen Leuten ist der Song 'Sei ungezähmt' gewidmet. Es geht darum, den eigenen Kopf zu benutzen, seine eigenen Strukturen zu bauen und sich nicht dem System einfach zu ergeben.

Ihr habt zwei Coversongs auf das aktuelle Album genommen: 'Dein ist mein ganzes Herz'  von Heinz Rudolf Kunze, und  'Weck mich auf' von Samy Deluxe. Wie seid ihr denn auf diese beiden Titel von doch sehr unterschiedlichen Musikern gekommen? Geht es da nur um die Songs, die euch gereizt haben oder auch um die Persönlichkeiten der beiden Musiker?

Norman: Sowohl Samy Deluxe als auch Heinz Rudolf Kunze gehören nicht zu unseren absoluten Lieblingskünstlern, daher kann ich nicht so viel zu ihren Persönlichkeiten sagen. 'Weck mich auf' war damals jedoch ein Song, der uns allen sehr aus der Seele gesprochen hat. Leider ist er immer noch so aktuell wie zu der Zeit, als er veröffentlicht wurde. Die Idee 'Dein ist mein ganzes Herz' zu covern, ist etwas aus einer Bierlaune heraus entstanden. Wir haben den Song eigentlich für unser Liveset eingeprobt, dann ist er aber so cool geworden, dass wir gesagt haben, wir packen den auch aufs Album.

Was hat es denn mit dem Song 'So wie ich bin' auf sich? Ist es eine Überinterpretation, wenn ich da autobiographische Anteile vermute?

Norman: Nein, ganz und gar nicht. Der Song erzählt Sellys Geschichte, ich denke dazu kann Selly aber besser etwas sagen.

Selly: Im Song 'So wie ich bin' geht es um die Umstände, Gefühle und Emotionen, die mich in der Türkei geprägt haben. Speziell geht es um die Zeit, in der ich dort gelebt habe und die Zeit kurz nachdem ich wieder zurück in Deutschland war. Ich wurde in Deutschland geboren und als ich acht Jahre war, wurde ich in die Türkei mitgeschleppt, um dort neu anzufangen. Mit zehn oder elf, als ich mich an die neue Kultur in der Türkei gewöhnt hatte, erkannte ich, dass ich eigentlich wieder nach Deutschland zurück wollte. In Deutschland kann ich ich selbst sein. Ich wusste, dass einiges dort leichter war und man die Möglichkeit hat sich besser zu entfalten.

Das soll nicht heißen, dass ich die Türkei und ihre Kultur nicht mag. Im Gegenteil, ich liebe sie und sie ist ein Teil von mir. Ich bin von der türkischen Kultur sehr geprägt und sie ist Teil meines Charakters. In dem Song 'So wie ich bin' geht es darum, wo ich mich zu Hause fühle, und das ist in Deutschland.

Der Song enthält die Textzeile: "Ich sehne mich nach dir, oh Heimat, die du meine bist". Das Wort "Heimat" hat ja gerade befremdlich Konjunktur in Deutschland. Jetzt soll es sogar im Bundesinnenministerium eine besondere Rolle spielen. Was verbindet ihr mit dem Begriff "Heimat" und wie seht ihr die aktuelle Debatte um diesen Begriff?

Norman: Die Textzeile zeigt in unseren Augen ein Problem auf, welches viele Menschen mit Migrationshintergrund haben. Selly beschreibt ja in dem ganzen Song diese Zerrissenheit, sich eigentlich nirgends richtig heimisch zu fühlen und die daraus resultierende Sehnsucht nach einem Zuhause. Genau das ist Heimat für uns. Der Ort, an dem man sich heimisch fühlt, an dem Freunde und Familie sind. Leider ist dieser Begriff durch die deutsche Geschichte und leider auch in der Gegenwart durch ein immer stärker werdendes rechtes Gedankengut in Misskredit geraten. Heimat ist in unseren Augen nichts Schlimmes, sondern ein Ort, an dem man sich geborgen und wohl fühlt.

Diese Ausgrenzung, die da von Rechts und mittlerweile auch aus dem Innenministerium gefordert wird, ist in unseren Augen einfach intoleranter, teilweise menschenverachtender rechter Blödsinn. Deutschland ist unsere Heimat und wir wollen, dass es ein toleranter, kulturell vielfältiger und humanistischer Ort ist. Jeder Mensch, egal wo er her kommt, woran er glaubt, wie er aussieht usw. soll hier willkommen sein und eine friedliche, sichere Heimat finden und Teil dieser Gesellschaft werden können.

Das neue Album trägt einen türkischen Titel und enthält auch wieder einen Song in türkischer Sprache. Kann ich daraus schließen, dass türkischer Punkrock auch gut ankommt? Habt ihr viele türkische Fans, oder spielen die Sprache und Sellys Wurzeln gar keine so große Rolle?

Norman: Es ist so, dass wir Leute verschiedenster Nationalitäten bei unseren Konzerten haben, was wir total schön finden. Da sind natürlich auch immer mal wieder türkischsprachige Leute dabei, die sich natürlich besonders über die türkischen Songs freuen. Es ist allerdings nicht so, dass wir überwiegend Türken bei Konzerten haben oder besondere Aufmerksamkeit von der türkischen Rock-Szene bekommen. Was immer wieder schön zu sehen ist, sind Leute, die gar kein Türkisch sprechen, aber die Songs mitsingen oder sich teilweise sogar die Songs übersetzen.

2012 habt ihr POWERMETAL.de erstmals ein Interview gegeben. Damals habt ihr über eure kritischen Erfahrungen mit Labels und Promoagenturen berichtet. Offenbar ist es dabei geblieben, dass ihr alles in eigener Hand behaltet. Diesmal habt ihr euer Album über eine Crowdfunding-Kampagne auf dem Portal Startnext finanziert. Welche Erfahrungen habt ihr mit dieser Aktion gemacht?

Norman: Naja, die Musikindustrie hat sich in den letzten vier Jahren nicht wirklich verändert und wir unsere Meinung zu ihr auch nicht. Wir sind glücklich mit der Freiheit, die wir haben und dem Weg, den wir gehen. Es ist auch nicht so, dass wir Feinde der Industrie oder von Bands, die diesen Weg gehen, sind. Jeder muss da seine Wahrheit finden und auch schließen wir es ja nicht prinzipiell aus mit anderen Firmen zusammen zu arbeiten, solange es auf Augenhöhe geschieht.

Startnext war eine sehr coole Aktion, die uns sehr geholfen hat. Natürlich deckt die gespendete Summe nicht die gesamten Kosten der Produktion, aber es hat uns doch sehr geholfen alles was wir uns so vorgestellt haben umzusetzen. Wir sind allen, die gespendet haben, sehr dankbar, dass sie uns geholfen haben unseren Traum weiter zu leben. Wir freuen uns jetzt mit unserem Album auf Tour zu gehen - mit allen, die gespendet haben und natürlich auch vielen mehr, gute Abende zu erleben.

Dankeschön für das schöne Interview und wir sehen uns dann alle bei den Konzerten!

Redakteur:
Erika Becker

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