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AVANTASIA: Listening Session zu "Ghostlights"

30.12.2015 | 20:15

"Singt der sonst auch so tief? Wie geil ist das denn?" Die Journalistenmeute wurde zur Werkbeschau eingeladen und ist entzückt.

Im beschaulichen Wolfsburg wurde es laut im November, denn Tobias Sammet und Nuclear Blast haben zur Listening Session geladen. "Ghostlights", das siebte AVANTASIA-Album, wird 2016 das erste Großereignis im Metal-Zirkus sein, da muss die schreibende Zunft gut vorbereitet werden. Nachdem es die Wolfsburger Taxifahrer nach einer gefühlten Ewigkeit geschafft haben, uns zum Gatestudio zu befördern, warten bereits Produzent/Multiinstrumentalist Sascha Paeth und Michael "Miro" Rodenberg (Keyboards & Orchestrierung) auf uns.

Die Liste der Gastsänger ist wie immer lang und mit prominenten Namen besetzt. Neben den üblichen Verdächtigen Michael Kiske, Bob Catley und Ronnie Atkins lassen vor allem die Namen Dee Snider, Geoff Tate und Herbie Langhans auf kommende Überraschungen schließen. Doch warten wir den ersten Hördurchgang für weitere Vermutungen ab.

'Mystery Of A Blood Red Rose': Kein Intro, keine Schonfrist: Im schmissigen Midtempo gleich eine sehr typische AVANTASIA-Nummer am Anfang. Tobi bekommt noch keine Unterstützung von den Gastsängern, dafür aber schöne Chöre. Nicht zu dick aufgetragen - der Mix ist insgesamt sehr wuchtig und doch ausgewogen. So kann es gerne weitergehen.

'Let The Storm Descend Upon You': Kontrastprogramm: In den ersten Takten denkt man mehr an SAVATAGE oder gar KING DIAMOND, was die Dramaturgie angeht, Parallelen zu 'Death Is Just A Feeling' kommen in den Sinn. Für AVANTASIA trotzdem ungewöhnlich finster, die Atmosphäre zieht einen sofort in den Bann. Und ist dieser erst einmal vollständig gebrochen, donnert diese Nummer so monumental über den Asphalt, wie man es sonst nur von NIGHTWISH kennt. Mit gleich drei Gästen ist dieser Longtrack (fast 13 Minuten) in nur einem Durchlauf kaum zu packen. Jorn Lande, Ronnie Atkins und Robert Mason singen jedenfalls hervorragend - das könnte ein richtiger Grower werden. Und irgendwie auch beängstigend, wie Tobias Sammet es auch bei so finsteren Songs schafft, seine AVANTASIA-Trademarks unterzubringen.

'The Haunting': In ähnlicher Stimmung geht es erneut mit dem Klavier los, auch hier denke ich mehr als einmal an den Karo König denken. Am Mikro stößt bei diesem Song Dee Snider dazu, der dem schaurigen Treiben aber nicht so wie Krone aufsetzen kann wie die anderen drei Herren im Song zuvor. An den Chören im Refrain erkennt man aber trotzdem, dass wir immer noch bei AVANTASIA sind.

'Seduction Of Decay': Dieses Mal brät es den Hörer wieder richtig weg. Die sanften Klaviertöne weichen den derben Klampfen, die mit starken Hooks den Song vorantreiben. Man denkt automatisch an den 'Toy Master', obwohl Geoff Tate natürlich eine gänzlich andere Stimme hat. Je mehr man Zeit hat, den Song zu erfassen, desto mehr QUEENSRŸCHE-Anleihen lassen sich entdecken. Außerdem bietet der Song maximalen Faustfaktor, das könnte live ein richtiger Abräumer werden. Und wenn Geoff Tate nicht dabei sein kann, muss es Herr Sammet selbst richten. Bei dieser Nummer kommt er dem Stil Tates nämlich in seinen eigenen Parts erstaunlich nahe.

'Ghostlights': Metal Opera! Eine glasklare Angelegenheit: Gleich wird Michael Kiske singen. Und das tut er wie eh und je in den höchsten Sphären. Ein Song, wie er auch auf dem AVANTASIA-Debüt hätte stehen können. Bisher die schnellste Nummer des Albums, bei der auch die Gitarren so richtig Gas geben und für viele kurzweilige Augenblicke im Lauf der Nummer sorgen. Ein Titeltrack-würdiger Song zum Zungenschnalzen.

'Draconian Love': Zum dritten Mal wird es gleich zu Anfang düster und mysteriös mit einer Stimmung irgendwo zwischen DEPECHE MODE und FIELDS OF THE NEPHILIM. Der eigentliche Knaller ist aber die Stimme von Herbie Langhans, der so tief singt, dass man augenblicklich an Peter Steele oder Ville Vallo denken muss. Der Refrain ist mit seinem Gothic-Flair und den kontrastierenden "üblichen" AVANTASIA-Elementen der pure Wahnsinn. Das hier ist DIE Hit-Single des Albums. So catchy wie 'Lost In Space' und doch um ein Vielfaches besser weil vielschichtiger. Schon jetzt einer meiner Lieblings-Songs aus dem Hause Sammet.

'Master Of The Pendulum': Zurücklehnen kann man sich bei "Ghostlights" schlichtweg nicht, denn nach dem bisherigen Highlight der Scheibe knallt einem der härteste Song des Albums ins Gesicht. Marco Hietala (NIGHTWISH) kann bekanntermaßen nicht nur Bass spielen, sondern hat auch ein äußerst starkes Organ. Und wie immer fragt man sich auch hier, wie bitteschön so ein fieser Brecher mit einem derart eingängigen Refrain so gnadenlos gut klingen kann. Ich sage nur: "tick...tock..."

'Isle Of Evermore': Schon wieder eine ganz andere Baustelle, hier mit allerlei elektronischen Bauteilen. Es herrschen ganz andere Vibes als bei den ersten sieben Tracks. Und es ist der Erste mit einer Frau: Sharon Den Adel (WITHIN TEMPTATION) bereichert den Klang auf ihre Weise. Das wird dann wohl die erste Ballade des Albums. Es bleibt jedenfalls weiter elektronisch angehaucht, insgesamt wird hier das Schmalz-Level an die obere Grenze gefahren.

'Babylon Vampyres': Metal Opera Part 2 sozusagen. Hier fliegen Adler frei und die Welt der Zukunft lässt grüßen. Muss hier noch einmal erwähnt werden, dass selbstverständlich Michael Kiske zu hören ist? Dennoch ein Novum bei diesem Song, das sich ausnahmsweise nicht auf den Gesang bezieht. Die wieselflinken Gitarren-Leads stammen von keinem geringeren als Bruce Kulick (Ex-KISS, GRAND FUNK RAILROAD). Nach dem Opener die wohl typischte AVANTASIA-Nummer, wenngleich die hinterlassene Duftmarke hier nicht so groß ist.

'Lucifer': Das beginnende Klavier lässt vermuten, dass wir jetzt die zweite Ballade zu hören bekommen. Jorns Gesang kommt mit ganz viel Herzschmerz daher und wird später durch Tobis ergänzt. Absolute Gänsepelle an den zweistimmigen Stellen, ehe ein hoher Schrei in den Tempowechsel überleitet. Nach einem starken Gitarrensolo mutiert die Nummer zum bärenstarken Midtempo-Rocker und ist für den ersten Eindruck die bessere Ballade des Albums.

'Unchain The Light': Das anfängliche Atmo-Geplänkel ist trügerisch, denn hier geht es nach dem Intro richtig nach vorne. Eine durchaus solide Geschichte, die mit Michael Kiskes Einsatz so richtig gut wird und obwohl es in den Strophen ordentlich galoppiert, fühlt es sich irgendwie gebremst an, bis wieder Kiske ans Mikro darf. Der Refrain ist ganz urtypisch AVANTASIA, das flinke Gitarren-Solo rundet den Song perfekt ab. Nummer sicher? Vielleicht, aber trotzdem ein Volltreffer!

'A Restless Heart And Obsidian Skies': Der letzte Song des Albums lässt sich zu Beginn ebenfalls viel Zeit und wird von Bob Catley und Tobias gesungen. Im Refrain dann mit dezenten Backing Vocals und dem Pomp-Level, welches man vom letzten AVANTASIA-Track des Albums erwartet. Ich sehe schon die Feuerzeuge zu "Dark Is The Night..." von links nach rechts schwenken, das ist die Nummer für den Abschluss des Konzerts, bei dem das Schleifchen ums Geschenk geschnürt und fünf Minuten lang der Schlussakkord vorbereitet wird.

Fazit nach einmaligem Hören: Das ist ein verdammt starkes und abwechslungsreiches Album! Die Produktion klingt super und besser hätte man so verschiedene Gäste kaum in Szene setzen können. Ein endgültiges Urteil darf natürlich erst nach ausgiebigen Testrunden fallen, der erste Eindruck macht ganz viel Lust auf mehr.

Redakteur:
Nils Macher

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