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BELTANE: Interview mit Julian Frederik Fischer, Mirko Weber, Marius Borjans

15.05.2008 | 13:52

Ab und an knipst jemand im dunklen Underground-Dickicht das Licht an. Diesmal sind es BELTANE. Das Quartett hat mit "Expressionist" jüngst ein erstklassiges Album vorgelegt, das mit seiner Düster-Prog-Mischung inklusive OPETH als Hauptzutat auf hohem Niveau unterhält und gleichzeitig eine kleine Einführung in den literarischen Expressionismus gibt. August Stramm, Georg Trakl, Jakob van Hoddis - noch nie gehört? Drummer Julian Frederik Fischer sowie die beiden Gitarristen Mirko Weber und Marius Borjans geben kostenlosen Nachhilfeunterricht.


Oliver:
Woher kommt eure Vorliebe für den Expressionismus?

Julian:
Der Expressionismus ist für mich persönlich der idealste Weg des gefühlvollen Ausdrucks. Nie konnte man ein Lebensgefühl so gänzlich und trotzdem kunstvoll darstellen, wie es die Dichter um 1900 getan haben. Jedes Mal, wenn ich zu den Werken von Autoren und Lyrikern wie Werfel, Stramm oder Trakl gegriffen habe, sehe ich die Welt wieder in etwas anderem Licht. Ich bin vor allem der Meinung, dass die Thematik des Expressionismus heutzutage wieder Aktualität hat. Die Technisierung der Welt stellt den Menschen an sich mehr und mehr in den Hintergrund. Die Menschen fahren sich in standardisierten Werdegängen fest, und die Welt wirkt auf mich irgendwie schnelllebig und enthumanisiert.

Oliver:
Ihr habt den Expressionismus nicht deshalb ausgewählt, weil seine Themen generell sehr gut zu Death-Metal-Songs passen?

Marius:
Nein, wir haben einfach zwei unserer Interessen verknüpft: die Musik und die Lyrik.

Oliver:
Die expressionistische Literatur soll sogar großen Einfluss auf die Entwicklung eurer Band haben. Wie muss man sich das vorstellen?

Julian:
Im weitesten Sinne sind sich Musik und Literatur nicht unähnlich. Wir haben einen Drang nach Ausdruck, um das täglich Erlebte irgendwie zu kompensieren. Das findet bei uns ebenso auf dem Papier wie im Proberaum statt. Etwas Eigenes zu schaffen, ist halt einfach befriedigend.

Oliver:
Bei 'Ophelia' wendet ihr euch Shakespeare zu. Lebensbejahender als die übrigen Texte ist der "Hamlet"-Auszug aber auch nicht.

Mirko:
So nihilistisch, wie wir aufgrund unserer Texte vielen erscheinen mögen, sind wir eigentlich nicht. Es steht jedoch außer Frage, dass wir durch unsere Musik den negativen Aspekten des Menschseins Ausdruck verleihen möchten. Wir erinnern auch gleichzeitig daran, dass das Leben endlich ist. Denn ist man sich erst mal seiner Vergänglichkeit bewusst, kann das ein Ansporn sein, eine Fußspur hinterlassen zu wollen. Viele Menschen leben heutzutage nach strikt konventionellem Muster, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein.

Oliver:
'Her Watery Grave' ist eine Fortsetzung des 'Ophelia'-Textes. Um das zu unterstreichen, beinhalten die Lyrics eine Passage aus Georg Heyms Gedicht "Ophelia". Was fasziniert euch an dem Charakter?

Julian:
Ophelia ist eine Symbolfigur für den sehr nahen Zusammenhang von Schönheit und Tod. Sie begeht Selbstmord und fließt als Wasserleiche in ihrer Schönheit, dem Abbild ihres Lebens, den Fluss entlang durch das lebendige Grün der Wälder. Das Zusammenspiel von Leben und Tod ist auf wundersame Weise irgendwie ästhetisch, auch wenn man sich dagegen zunächst sträubt. Die schöne Tote in ihrem Kleid, ringsherum die lebendige Natur: Hier werden scheinbare Gegensätze eins.

Marius:
Die Ästhetisierung des Todes wie gleichwohl auch die Zersetzung des Schönheitsideals beschreiben Extreme, die wir auch in unserer Musik widerspiegeln können.

Oliver:
Eure Musik ist nicht konservativ, ihr wollt euch weiterentwickeln, euer Bandname beschreibt aber etwas Steinaltes und Traditionsreiches. Wie geht das zusammen?

Julian:
Im Grunde gar nicht. Um ehrlich zu sein: Der Bandname stand schon, bevor wir diese Art von Musik gespielt haben. Umbenennen wollten wir uns dennoch nicht, weil alte Bezüge wichtig und normal sind. Jeder nutzt heute noch dieselben Töne, die damals Tony Iommi aus seiner Gitarre zauberte. Außerdem muss man nicht immer nach vorne schauen, um den Fortschritt zu finden. Ein "Inner Mounting Flame" (1972 - Anm. d. Verf.) vom MAHAVISHNU ORCHESTRA ist auch für heutige Verhältnisse noch hochprogressiv.

Oliver:
Ihr betont, dass ihr keine Metal-Klischees bedient und dass auch Fans genreübergreifender progressiver Musik eingeladen sind, in "Expressionist" reinzuhören. Damit setzt ihr euch zwischen alle Stühle. Macht ihr euch Gedanken über die Zielgruppe für eure Musik?

Mirko:
Erst mal spielen wir natürlich die Musik, die wir selbst gerne hören. Wir hoffen aber, auch die Leute anzusprechen, die wie wir an guter progressiver Musik interessiert sind, unabhängig von der Stilfrage. Wir werden damit wahrscheinlich nie bei der Masse ankommen, aber wie wir an uns selber sehen, sind Fans von besonders eigenständiger Musik auch besonders treue Fans, weil es oft wenige Ausweichmöglichkeiten auf andere Bands gibt.

Oliver:
War es eine gute Idee, euer 2005er "Observation Vortex"-Demo rauszuschicken?

Mirko:
Nein, das war wirklich keine gute Entscheidung. Da waren wir wohl zu euphorisch, endlich etwas "Hörbares" aufgenommen zu haben. Die zahlreichen Schwächen in Idee, Aufbau und Ausführung haben wir damals auch spätestens nach deinem Review realisiert. Außer POWERMETAL.de ist nämlich keiner in den "Genuss" des Demos gekommen (grinst).

Oliver:
In wessen Wohnzimmer wurden die drei Songs seinerzeit aufgenommen?

Julian:
Ein Kollege hat damals ein wenig mit Home-Recording experimentiert. Aufgenommen haben wir das Demo in unserem damaligen Proberaum, den wir mit sechs Punkbands geteilt haben. Die haben uns offenbart, dass man die After-Recording-Party wohl vor der Aufnahme zelebriert (lacht). Nein, im Ernst: Wir waren einfach nicht imstande, unsere Instrumente richtig zu bedienen, geschweige denn schlüssige Songs zu schreiben.

Oliver:
Diesmal wart ihr im Hagener Woodhouse. Seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

Marius:
Ja, wir sind wirklich sehr zufrieden mit dem Sound unserer CD. Unser Audio-Engineer Dennis Koehne hat keine Mühen gescheut und uns eine satte, aber dennoch glasklare Produktion beschert. Auch dem Woodhouse-Studio selbst müssen wir an dieser Stelle natürlich danken, da wir dort ohne Plattenvertrag eine derart hochwertige Produktion zugeschnitten bekamen.

Oliver:
OPETH scheinen Eindruck bei euch hinterlassen zu haben. Ist das eine der Bands, die ihr alle gut findet?

Marius:
Bei uns findet ein reger Austausch über Musik statt, über neu entdeckte oder uns bis dato unbekannte Bands. Daher gibt es bei unseren Favoriten einige Überlagerungen. OPETH gehören mit Sicherheit dazu, aber auch Bands wie CYNIC, DEATH, AYREON, DARK SUNS oder PORCUPINE TREE, die allesamt unerreichbar aufgrund ihrer Eigenständigkeit sind.

Oliver:
Sind OPETH auch dafür verantwortlich, dass man bei euch das Wechselspiel aus Growl- und Clean-Gesang beobachten kann?

Mirko:
Ja, das sind sie zum Teil, wobei sicherlich auch andere Bands inspirierend auf uns wirkten, bei denen entweder nur Growl- oder nur Clean-Gesang zu hören ist. Beide Gesangsstile haben einen eigenen Charakter und Vorzüge, weshalb der Einsatz beider Stile für uns so in Frage kam.

Oliver:
Genau wie bei OPETH taucht der Clean-Gesang nur an wenigen Stellen auf und nur dort, wo er auch sinnvoll ist. Das vorhersehbare Muster "gegrunzte Strophe/gesungener Refrain" gibt's bei euch nicht.

Marius:
Ja. Wir versuchen weniger, konventionellen vorgegebenen Mustern zu folgen, sondern achten auf den Fluss und die innere Logik des jeweiligen Songs. Für den Einsatz eines Refrains entscheiden wir uns zum Beispiel nur dann, wenn innerhalb des Songablaufs die Rückkehr zu einem bereits vorhandenen Teil Sinn macht, etwa wenn dadurch eine kreislaufartige Harmonie entsteht.

Julian:
Ein sinnvoller und interessanter Songaufbau wird oft unterschätzt, wobei ich auch glaube, dass es uns einfach aus Gewohnheit mittlerweile schwerfallen dürfte, das übliche Strophe-Refrain-Schema zu benutzen. Oft kann die herkömmliche Methode auch schlüssig sein, jedoch unseres Erachtens nach nicht bei dieser Art von Musik.

Oliver:
Kürzlich ist euer zweiter Gitarrist Markus Holin ausgestiegen und Marius ist vom Bass an die Gitarre gewechselt. Wird das irgendwelche musikalischen Auswirkungen haben?

Mirko:
Marius' Fähigkeiten waren auch schon bei "Expressionist" ein wesentlicher Faktor beim Songwriting. Viele Ideen zu Gitarrenläufen wurden bereits dort vom ihm beigesteuert. Mit Marius an der Gitarre sind die technischen Möglichkeiten für uns um einiges gestiegen, was wir natürlich auf unserem nächsten Album dementsprechend nutzen werden.

Oliver:
Ihr habt jetzt eine professionelle Platte in der Hinterhand. Was sind eure nächsten Schritte?

Julian:
Derzeit sind wir immer noch auf der Suche nach einem annehmbaren Ersatz für Marius am Bass. Falls talentierte Leser dieses Interviews Interesse an einer Zusammenarbeit haben, meldet euch einfach bei uns! Bis jetzt haben wir unser Album an verschiedene Magazine geschickt und uns deren Kritik ausgesetzt. Letztlich sind alle durchweg positiv ausgefallen, was auf uns natürlich beflügelnd wirkt. Sobald unsere Band wieder vollzählig ist, werden wir Promo-Material an Konzertveranstalter und Clubs schicken, um das Album auf die Bühnen zu tragen.

Marius:
Gleichzeitig schreiben wir Material für das kommende Album und würden es sehr begrüßen, wenn sich in naher Zukunft ein Plattenlabel für uns interessiert, so dass wir die Finanzierung des nächsten Albums nicht wieder alleine tragen müssen und wir unsere Musik auch einem größeren beziehungsweise speziellen Publikum präsentieren können.

Oliver:
Für die neue Platte kündigt ihr Synthies und Keyboards an. In welche Richtung wollt ihr insgesamt gehen?

Julian:
Geplant ist ein Konzeptalbum mit musikalisch verwirklichter Story. Musik und Text rücken auf diese Weise noch näher zusammen. Die Stärken unseres Debüts werden ausgebaut, zum Beispiel die Balance zwischen Härte, technisch anspruchsvollen Teilen und Atmosphäre oder der Einsatz von gelesener Lyrik, diesmal allerdings der Story entsprechend selbstverfasst. Wir werden uns aber auch noch weiter über den Tellerrand hinauslehnen, in der die laue Brühe der Konvention schwimmt (lacht).

Marius:
Daher könnte unser neues Material im Vergleich zum Debüt schwerer zugänglich werden, da wir uns zum Ziel gemacht haben, die Extreme noch weiter auszuloten und gegeneinander abzugrenzen. Eine weitere Aufgabe wird sein, die Geschichte nicht nur vom Text, sondern auch von der Musik selbst erzählen zu lassen, eben durch den geschickten Einsatz unserer verfügbaren Mittel. Freut euch auf alle Fälle auf ein interessantes Werk mit vielen Überraschungen!

Oliver:
Was macht ihr, wenn ihr nicht im Proberaum seid, euch Überraschungen ausdenkt oder Georg Trakl lest?

Julian:
Georg Trakl verfügt für expressionistische Verhältnisse noch über eine relativ blumige Sprache. Ich greife daher auch gerne mal zu Armin Wegner oder Jakob van Hoddis.

Mirko:
Wir geben uns eigentlich eher gewöhnlichen Hobbys hin, zum Beispiel sind wir glühende Anhänger des professionellen Topfschlagens und solcher Sachen (lacht).

Redakteur:
Oliver Schneider

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