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BIFFY CLYRO - Interview mit Ben und James

10.08.2020 | 23:20

Ein Interview in einer Welt aus einer anderen Zeit.

Es ist der 05. März 2020 als ich dieses Interview mit Ben und James von BIFFY CLYRO in einem Berliner Hotel führe. So langsam dämmert es allen, dass sich CoVid-19 auch in Europa ausbreiten wird und so gibt es statt Umarmungen die Ellenbogen-Begrüßung. Die Zwillinge sind trotz der Umstände natürlich bester Laune, auch wenn zumindest der Beginn des Gesprächs einen nachdenklichen Ton aufweist.

"Meine Frau und auch einige Freunde haben uns für verrückt erklärt, dass wir diesen Promo-Trip noch machen", erzählt Ben. "Und ich mache mir auch durchaus Sorgen, weniger um mich selbst, mehr um meine Frau, die wohl wegen Diabetes auch eher der Risikogruppe zuzuordnen ist, und natürlich auch um die älteren Menschen in unseren Familien, die ja scheinbar deutlich stärker betroffen sind." Bereits zu diesem Zeitpunkt sind die beiden auch auf die britische Regierung nicht so gut zu sprechen. "Es ist schon bizarr, da geht ein gefährlicher Virus um die Welt und alles, was unsere Regierung sagt, ist, dass man die erste Strophe von "Happy Birthday to you" beim Händewaschen singen soll. Da kann ich nur den Kopf schütteln", erzählt James.

Welche weitreichenden Konsequenzen CoVid-19 für die Musiker haben wird, ist zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht wirklich zu ermessen, aber dass diverse Tourneen im europäischen Ausland abgebrochen wurden, lässt schon erahnen, dass hier noch mehr Ungemach droht. "Wir haben zum Glück unsere Tournee erst für den Herbst geplant und hoffen natürlich, dass bis dahin alles wieder in normalen Bahnen läuft. Eine laufende Tour mittendrin abzubrechen, ist auch noch einmal sehr viel kostenintensiver, das kann gerade für kleinere oder mittlere Bands schnell auch existenzielle Folgen haben", erzählt Ben. "Wer weiß, vielleicht gibt es in Zukunft Konzerte dann nur noch im Stream und ohne Zuschauer", orakelt James lachend und uns allen ist in diesem Moment noch nicht bewusst, wie schnell dies Realität wird, denn mittlerweile wurde die Tournee auf das nächste Jahr verschoben und zur Veröffentlichung von "A Celebration Of Endings" gibt es stattdessen einen Streaming-Event.

biffy clyro a celebration of endings cover

Immerhin ist dies eine gute Überleitung, um endlich auf das neue Album zu sprechen zu kommen. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte der Autor das Album seit zwei Tagen und in der Zeit erst einige wenige Male gehört, aber deutlich wird schon, dass das Trio von der basischen Ausrichtung auf "Ellipsis" wieder abgerückt ist und das Werk zudem erstaunlich heavy ist. "Ja, das stimmt natürlich. Du kennst uns einfach zu gut", lacht Ben. "Der Grund ist ganz einfach, dass in der letzten Zeit einige Dinge passiert sind, die uns mächtig wütend gemacht haben. Sowohl im Persönlichen wie eben auch einfach in der Welt insgesamt und in Großbritannien natürlich und das hört man der Platte eben auch ganz offensichtlich an", führt er weiter aus und James ergänzt: "Mit dieser Wut im Bauch fiel es uns dann auch leichter, die selbst auferlegten Grenzen zu sprengen. Ein Song wie 'Cop Syrup' enthält sicher die krassesten Vocals, die Simon je aufgenommen hat. Wir hatten auf den frühen Alben schon Screams, aber hier geht er noch mal ein Stück weiter. Und das dann mit dem langen Streicherteil zu kombinieren, ist sicher auch nichts, was du beim ersten Hören erwarten würdest." Ben legt nach: "Im Grunde sind 'Cop Syrup' drei Songs in einem und da ein fröhliches 'Fuck everybody, woooooh' einzubauen, ist eine Freiheit, die wir wirklich genießen."

Doch nicht nur musikalisch kann man die Wut deutlich spüren, auch lyrisch ist sie sehr prominent in Szene gesetzt, wie in der beinahe lieblichen Akustikballade 'Opaque'. Leider wird meine Hoffnung, dass es erneut um den Buchhalter geht, dem (neben anderen) bereits 'Friends & Enemies' zuzuschreiben ist, von den Zwillingen lachend verneint. "Hahaha, nein, das ist leider nicht der Fall. Da geht es leider um unseren ehemaligen Manager, den du ja beim letzten Interview sogar noch getroffen hast. Das ist leider so eine Geschichte, wo wir ein Ende feiern mussten. Ich meine, du kannst dir ja vorstellen, was passiert ist, denn der Text ist ja nicht sonderlich subtil ['take the fucking money and run' ist in der Tat recht eindeutig - PK], aber der Song hatte dadurch auch etwas Befreiendes und wir konnten mit dem Thema abschließen", erzählt Ben. Und James ergänzt: "Das ist auch ganz klar die Schattenseite des Erfolgs. Wir versuchen so gut es geht wir selbst zu bleiben, aber es verändert uns wahrscheinlich dennoch und ganz offensichtlich auch die Menschen um einen herum. Dabei kommen leider manchmal die nicht so guten Seiten zum Vorschein."

biffy clyro james ben

Eine echte Überraschung auf dem Album ist auch der Breitwand-Pop-Song 'Instant History', der zu diesem Zeitpunkt als einziger Song veröffentlicht wurde und einige Fans irritiert hat. "Ja, das ist durchaus beabsichtigt", schmunzelt Ben. "Als uns klar wurde, dass der Song poppig werden würde, haben wir das noch mal verstärkt und wollten es richtig fett und episch und ich denke, das ist uns gelungen. Und obwohl die Nummer das Album musikalisch nicht wirklich repräsentiert, ist sie eben doch eine wirklich gute Single, denn ich finde, dass kein Song für sich "A Celebration Of Endings" wirklich allumfassend vorstellen kann. 'Instant History' ist aber unglaublich catchy und zeigt uns dabei dennoch von einer etwas anderen Seite. Das macht sie perfekt für Airplay", erklärt der sympathische Drummer und James ergänzt: "Als nächstes wird dann 'End Of' ausgekoppelt, das einen deutlichen Kontrast darstellt und so den Fans wahrscheinlich eher eine Idee geben wird, wie "A Celebration Of Endings" klingt." Stimmt.

Ebenfalls bemerkenswert ist die herausragende Produktion des Albums, welches zum Teil im legendären Berliner Hansestudio aufgenommen wurde. "Ja, vielen Dank. Wir sind auch sehr zufrieden damit, wie das Album klingt", sagt Ben lächelnd. "Wir waren dieses Mal in der äußerst luxuriösen Situation, dass wir uns mit der Produktion viel Zeit lassen konnten und teilweise wirklich Stunden oder gar Tage nur damit verbracht haben, den genau richtigen Sound für kleinste Details zu finden. Das ist etwas, was wir in der Vergangenheit uns so natürlich nicht leisten konnten." Das ist also eine der sonnigen Seiten des Erfolgs. "Hahaha, ja, das stimmt", lacht James. "Und du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dankbar wir dafür sind. Wir haben viele Jahre hart gearbeitet, um an diesen Punkt zu kommen, weshalb wir auch die Unterstützung von unseren Fans, die seit Jahren, ja, teilweise mehr als einem Jahrzehnt zu unseren Shows kommen, oder Journalisten wie dir, die uns über viele Jahre begleiten, sehr zu schätzen wissen."

Am nächsten Tag stellt das Trio im Hansestudio "A Celebration Of Endings" noch einem kleinen Kreis persönlich vor und spielt zuvor einen kleinen Akustik-Gig. Danach kann man sich noch ein wenig unterhalten mit der Band, Labelmitarbeitern, anderen Schreibern oder Promotern. Eine Form von Event, die wir uns für die möglichst nahe Zukunft natürlich wieder wünschen.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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