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BLIND GUARDIAN: Interview mit Hansi Kürsch

10.02.2015 | 15:46

Mit "Beyond The Red Mirror" beweisen die Krefelder Urgesteine einmal mehr, dass sie zu den Großen und Kreativen im metallischen Bereich zählen. Bombast und Epik hier, Power, Komplexität und musikalische Dominanz dort. Wo BLIND GUARDIAN draufsteht, steckt auch BLIND GUARDIAN drin. Wir sprachen mit dem gut gelaunten Frontbarden Hansi Kürsch über das Konzept und die Entstehung der neuen Platte, die baldige Tour mit ORPHANED LAND, die Arbeit mit Charlie Bauerfeindt und den Sprung zurück nach 1995. Herausgekommen ist ein sehr informatives Interview, das wir euch nicht vorenthalten wollen.

Hansi, es ist mir eine Ehre! Hast du inmitten des ganzen Promostresses zur neuen Scheibe überhaupt Zeit zum Luft holen?

Ich hatte Weihnachten, hehe. Und das war mal wieder eine gute Erfahrung, einfach mal zehn Tage gar nichts machen zu müssen. Jetzt ist die Weihnachtsentspannung aber wieder weg und musste dem grauen Januar-Alltag weichen. Es funktioniert aber noch ganz gut mit den Interviews.

Am 30. Januar erschien euer neues, nunmehr zehntes Studioalbum "Beyond The Red Mirror", in das ich im Vorfeld reinhören konnte. Das ist nun euer viertes Album, das von Charlie Bauerfeindt produziert wurde. Verliefen die Produktion und Songwriting denn ähnlich gut wie bei den drei Alben zuvor?

Es ist, wenn man so will, schon die fünfte Scheibe, an der Charlie zumindest als Producer beteiligt ist, wenn man die "Nightfall"-Scheibe hinzuziehen möchte. Er ist wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, damals haben wir die Produktion noch selbst geleitet, aber von den Engineers war er die federführende Kraft.

Es ist sehr angenehm, mit Charlie zu arbeiten, da wir eine ähnliche Arbeitsphilosophie haben. Er ist daran interessiert, dass sich Sachen immer ein wenig verändern und auch weiterentwickeln, sodass wir nie eine Art Stillstand haben. Als Producer bildet er sich ständig fort und ist auch jemand, der hinsichtlich Geräte und Möglichkeiten immer auf dem neusten Stand ist. Das kommt uns natürlich sehr zu Gute. Jede Produktion ist ein wenig anders: In den letzten 20 Jahren gab es stressige Produktionen, welche, die sich sehr lange hingezogen haben, oder auch Produktionen, die sehr kompliziert waren, da Sachen aufgetaucht sind, die man so nicht erwartet hat. Aber die jetzige Produktion war recht unproblematisch. Es verlief alles recht geradlinig, es war ein sehr konzentriertes, aber im Hinblick auf die Massivität natürlich auch ein bisweilen anstrengendes Arbeiten. Sie war bei weitem nicht die längste oder aufwendigste Produktion, aber ich hatte oftmals den Eindruck, dass dies die konzentrierteste gewesen ist. Diesmal haben wir jedoch auch am längsten nebeneinander gearbeitet, sodass ich es diesmal zwar als anstrengend, aber nie als stressig angesehen habe.

Schafft er es denn eure Vorstellungen am besten und realistischsten umzusetzen?

Ja, das gilt für jedes Album, was er und wir aufgenommen haben. Das gilt aber für jeden Produzenten, mit dem wir zusammengearbeitet haben, wenn wir einmal von den ersten beiden Alben "Follow The Blind" und "Battalions Of Fear" absehen, da wir damals einfach noch nicht die nötige Erfahrung hatten. Auch wenn wir offiziell nicht als Produzenten genannt werden, sind wir im Hintergrund doch immer die treibende Kraft. Wir würden niemals ein Album veröffentlichen, bei dem wir das Gefühl haben, dass uns jemand eine Meinung verkauft, die nicht unserer  entspricht und wir dann ein Produkt am Start haben, das unsere Vorstellungen nicht repräsentiert. Im Gegenteil, ich finde, dass Charlie sehr akribisch versucht, die vorhandenen Ideen, die teilweise während der Produktion noch bearbeitet werden müssen, so authentisch wie möglich rüberzubringen. Und gerade was dieses Album angeht - es ist nunmal ein komplexes Album - sind wir sehr zufrieden. Es hat einen schönen Flow und das ist größtenteils der Produktionsarbeit von Charlie zu verdanken.

Produktionstechnisch lässt sich zumindest kein Haar in der Suppe finden.

Richtig, ich bin auch sehr gespannt, wie die Leute reagieren werden, wenn es irgendwann mal die Möglichkeit gibt, auf noch höhere Formate zu gehen. Im CD-Format hast du im Vergleich zu dem, was man produziert hat, schon Kompressionen. Es gibt bereits Medien, mit denen diese hörbar gemacht werden kann. Und gerade wenn es um informationsreiche Musik geht, wird das dadurch noch spannender. Es wäre also an der Zeit, mit DVDs oder höheren Datenträgern zu arbeiten.

Dieses Gefühl hat man ja auch, wenn man schlichte MP3s mit dem Klang von Vinyl vergleicht.

Stimmt. Wenn man in den Vinylbereich gehen würde, müsste man noch etwas anders arbeiten. Gerade im Digitalbereich gibt es heutzutage viele Möglichkeiten, bessere Ergebnisse für den Konsumenten hörbar zu machen. Jedoch laufen die neuen Produktionen über Digitalaufnahmen und es ist nicht ganz so einfach, dann wieder auf ein anderes Format zu wechseln. Das entspricht auch eigentlich nicht der bestmöglichen Qualität. Dadurch hoffe ich, irgendwann die digitalen Möglichkeiten, speziell was im Audiobereich möglich wäre, mal auszuschöpfen.

Für den Konsumenten sicherlich nicht die schlechteste Sache. Neben der klanglichen Komponente ist für euch auch stets die konzeptionelle sehr wichtig. Thematisch knüpft ihr an das "Imaginations From The Other Side"-Album an, in dem sich der kleine Junge entscheiden muss, ob er durch ein Portal eine fremde Welt betreten möchte.

Dieser Link zu "Imaginations From The Other Side" geht eigentlich über das Grundkonzept hinaus. Wenn man weiß, dass das Titelstück, 'Bright Eyes' und 'And The Story Ends' eine Geschichte erzählen, die schon federführend für das Konzept des neuen Albums ist, dann wird man aber sehen, dass die anderen Elemente auch aufgegriffen worden sind. Ob es die Artus-Legende ist, die damals eine große Rolle gespielt hat, oder futuristisch-dystopische Gedankenspiele, wie sich die Gesellschaft entwickeln könnte ('Born In A Mourning Hall'), das wird auf der neuen Scheibe nochmal reflektiert. Dadurch kann man schon sagen, dass die Texte diese "Imaginations From The Other Side"-Handschrift tragen.

Wie kamt ihr auf die Idee, 20 Jahre später noch einmal an diese Thematik der beiden dort beschriebenen Welten anzuknüpfen?

Das lag in erster Linie an den Entstehungen unserer Best-Of-Scheibe "Memories Of A Time To Come" und der "A Traveler's Guide To Space And Time"-Box. Dadurch konnten wir uns noch einmal vor Augen führen, was wir sound- und konstrukttechnisch damals erstellt haben. Da war der Link zu "Imaginations" schon gegeben. Als die Songs für "Beyond The Red Mirror" entstanden sind, kristallisierte sich ein ähnliches Bild wie damals heraus, diese zwei Welten, die nebeneinander exisitieren und nur miteinander verknüpft werden müssten. Wir haben beispielsweise mit Songpärchen gearbeitet, 'Ashes Of Eternity' und 'At The Edge Of Time' sind solche Beispiele. Du hast auf der einen Seite das Moderne, das Zerstörerische und auf der anderen dieses eher Klassische, leicht Verträumte mit diesem enormen Bombast dahinter. Und das wollte ich in diesem Konzept so weitertragen.

Welche Rolle nimmt dabei "The Red Mirror", also der rote Spiegel ein?

Der rote Spiegel ist das finale Portal zwischen den beiden Welten. Wenn man zurück zu 'And The Story Ends' geht, dann sieht man am Ende des Songs einen Jungen, der in seiner Welt unglücklich ist und ein isoliertes Dasein führt. Er ist dazu bestimmt, durch einen Spiegel, der zum damaligen Zeitpunkt das natürliche Portal zwischen den Welten darstellt, zu schreiten und seine Rolle in der anderen Welt anzunehmen. Als mir bewusst wurde, dieses Konzept noch einmal aufgreifen zu wollen, hab ich mich dazu entschieden, den Jungen nicht stehen zu lassen. Er hatte damals Angst und den Sprung nicht vollzogen, sodass die beiden Welten durch diese Entscheidung voneinander getrennt wurden. Und der rote Spiegel stellt das einzig verbliebene Bindeglied zwischen den beiden Welten dar. Der Junge, der 20 Jahre später zum Mann geworden ist, muss sich also auf die Suche nach dem roten Spiegel machen, um überhaupt nochmal eine Chance zu bekommen, in die andere Welt zu wechseln.

Das erinnert mich gerade ein wenig an die "Operation: Mindcrime"-Herangehensweise, bei der das Konzept von 1988 18 Jahre später noch einmal aufgegriffen wurde.

"Operation: Mindcrime" ist nach wie vor eines der größten Konzeptalben der Musikgeschichte. Ich gehöre auch zu den wenigen Menschen, die auch den zweiten Teil mögen, hehe. Aber daran habe ich natürlich nicht gedacht. Es war eher so, dass ich zeitgleich "The Story" von Stephen King gelesen habe und dieser dort eine ähnliche Technik anwendet. Er hat den Jungen aus "Shining" 20, 30 Jahre später noch einmal aufgegriffen. Und hierbei war für mich der konzeptionelle Ansatz zu finden, das fand ich ziemlich reizvoll.

Bilden das beginnende Orchestermammut 'The Ninth Wave' und der heroische Abschlusstrack 'Grand Parade' mit ihrer Überlänge eigentlich die Grundpfeiler dieses Albums?

Ja, das kann man so sehen. Das war aber auch eine Analogie zu "At The Edge Of Time", weil wir das dort ähnlich konzipiert haben. Das fanden wir immer recht spannend, wenn ich 'Wheel Of Time' durchgehört habe, bekam ich direkt Vorfreude darauf, das Album noch einmal zu hören, hehe. 'Sacred Worlds' wirkte auch nicht wirklich wie der Anfang eines Albums, sondern das Album per se eher wie eine Never-Ending-Story im Zirkel. Und etwas ähnliches wollten wir mit der neuen Scheibe auch erarbeiten.

Es ist ein Album, was nicht direkt beim ersten Durchgang zündet, sondern den Hörer in eine komplett andere Welt entführt. Auf mich macht die Platte einen etwas progressiveren Eindruck als die Vorgängeralben. Zudem klingen des Öfteren auch düstere futuristische Momente auf. War das von Anfang an auch so geplant oder kamen diese kleinen Neuerungen erst im Nachhinein auf?

Es ist unterschiedlich. Die letzten beiden Stücke, die entstanden sind, waren 'The Ninth Wave' und 'Twilight Of The Gods' und diese sind schon in diese Richtung hinkonzipiert worden. Der erste Song, den wir hatten, war 'Ashes Of Eternity', der im Hinblick auf die Komposition und zumindest am Anfang auch die Textgebung anders war. Ich musste dann nur irgendwann einen guten Weg finden, dieses Textkonzept, was ich ausgearbeitet hatte, in die beiden Universen einzubinden. Das war aber gar nicht so schwierig und ist mehr oder weniger aus dem Gefühl heraus entstanden. Ich habe nichts vorkonzipiert und habe auch lange damit gewartet, bis ich verkündet habe, dass ich über ein Konzeptalbum nachdenke. Einen Großteil der Songs haben wir eher frei Schnauze entwickelt, Teile davon, gerade im klassischen Bereich, verlinken auch schon zum Orchester-Album, was wir jetzt doch hoffentlich in den nächsten zwei Jahren bewerkstelligen können. Das war auch ein Grund, 'The Ninth Wave' und 'Grand Parade' an den Anfang bzw. das Ende zu setzen.

Du hast gerade das Orchester-Album erwähnt. Wie war es mit drei verschiedenen Chören zusammenzuarbeiten?

Och, das verlief eigentlich recht gut und unkompliziert. Sobald du in diesem Bereich tätig bist, arbeitest du mit sehr professionellen, hochmotivierten Leuten zusammen, die so gecoacht werden, dass du überhaupt keine Mehrarbeit hast. Es ist tatsächlich die Vorarbeit, die sehr aufwändig ist. Wir sind aber ein sehr eingespieltes Team und haben mit Charlie Bauerfeindt einen erfahrenen Mann am Start, der bereits schon bei damaligen Scheiben sehr viel Input gegeben hat. Die Organisation,Terminvergabe und das Abgleichen von Zeiten ist im Endeffekt eine größere Aufgabe als die Performance vor Ort. Und da ist Charlie ein produktiver Mensch, der viel Druck von uns nimmt.

Im Vorfeld wurde mit 'Twilight Of The Gods' bereits ein kleiner Appetithappen veröffentlicht. Inwiefern repräsentiert dieser Song aus deiner Sicht das neue Album?

Das war bei diesem Album ähnlich schwierig wie bei "A Twist In A Myth". Welchen Song will man da nehmen, um das Album zu repräsentieren? Auf den letzten beiden Alben haben wir uns für Outputs entschieden, die unserer Meinung nach - das hört sich jetzt negativ an - Standard-BLIND-GUARDIAN sind und einen ganz guten Vorgeschmack bieten können. Natürlich hat 'Twilight Of The Gods' den großen Vorteil, dass man den Song live performen kann. Das ist bei anderen Songs auf dem neuen Album um einiges schwieriger. Natürlich haben wir die Nummer auch in diesem Live-Hinblick aufgesucht, speziell, wenn es um den Chorus geht. Wir haben noch einige Ideen, wie wir ihn noch gewaltiger gestalten können. Wenn das funktioniert, dann bin ich recht guter Dinge.

Nachdem die Platte Ende Januar veröffentlicht wird und ihr euren Auftritt beim 70.000 Tons Of Metal absolviert habt, geht es im April zusammen mit ORPHANDED LAND auf große Europatour. Worauf kann sich der Zuschauer einstellen und gibt es Pläne, die Thematik des neuen Albums auch optisch etwas umzusetzen?

Auf jeden Fall. Die Realisierung hängt natürlich auch mit der Größe der Hallen zusammen. Wir müssen ein Päckchen für die Bühne kreieren, was diesen Ansprüchen gerecht wird. Das wird definitiv sehr rot und Spiegel werden eine zentrale Rolle spielen, haha. Was wir darüber hinaus machen, wird ab Februar, nachdem wir vom Schiff wiedergekommen sind, noch ausgearbeitet. Ich habe aber schon erste Bilder gesehen und fand es sehr ansprechend. Wenn wir es so hinbekommen und es auch so wirkt, das ist natürlich auch noch wichtig, dann bleiben wohl keine Fragen offen. Songtechnisch sind wir zur Zeit auch noch in der Mache. Ich denke, wir werden auf einen Fundus von 50 bis 55 Stücken zurückgreifen und in der Regel kristallisieren sich daraus dann knapp 30 Nummern heraus, die man dann mehr oder weniger als Kern des Sets definieren könnte. Da sind momentan im Idealfall fünf Stücke von "Beyond The Red Mirror" dabei und wenn es schlecht läuft immerhin noch vier.

Hansi, darauf freuen wir uns. Ich wäre mit meinen Fragen soweit auch durch und freue mich schon auf die Tour. Mit eben jener und natürlich eurem neuen Album "Beyond The Red Mirror" wünsche ich euch viel Erfolg. Möchtest du den BLIND GUARDIAN-Fans und unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Reinhören und gut finden, hehe. Wir mögen es sehr und hoffen, dass es euch auch gefällt.

 

Redakteur:
Marcel Rapp
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