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BLODTÅKE: Interview mit Gitarrist Gråven

24.08.2019 | 14:39

Im heimischen Underground setzt das Ruhrgebiets-Kommando BLODTÅKE mit dem Debüt "Nativity Of Ashes" ein Zeichen. Den erfrischenden Mix aus Black Metal mit Doom- und sogar dezenten Prog-Einflüssen hört man nicht an jeder Ecke. Genug Gründe, um Gitarrist Gråven mit ein paar Fragen zu löchern.

Unsere Leser werden euch wahrscheinlich noch nicht kennen. Ist BLODTÅKE eure erste Band oder wart ihr vorher schon in anderen Formationen aktiv?

Wir waren in der Szene schon sehr umtriebig, Scather war Sänger der Szenegröße PATH OF GOLCONDA, Scriostóir und ich waren bis August als Schlagzeuger bzw. Gitarrist bei CONVICTIVE, Thylraz war unter anderem bei ROADKILL FOR DINNER und Ereškigal bei VISIONS OF INSANITY. BLODTÅKE ist nun unsere gemeinsame Herzensangelegenheit! BLODTÅKE habe ich 2014 als Projekt gegründet, um der kreativen Sackgasse in meiner damaligen Band zu entgehen. Als sich abzeichnete, dass lediglich zwei Mitglieder von CONVICTIVE das Album gemeinsam schreiben wollten, brauchte ich den kreativen Kanal abermals und entschloss mich, mit unserem damaligen Drummer eine richtige Band aufzubauen. Mittlerweile sind wir seit 2017 eine eigenständige Band mit dem gemeinsamen Ziel, vollkommene kreative Selbstverwirklichung innerhalb der Band zu leben.

Ihr nennt euch zu Deutsch Blutnebel, bevorzugt aber das norwegische Wort. Wie viel Faszination übt die zweite Welle heutzutage noch auf euch aus?

Sie hatte auch auf uns einen maßgeblichen Einfluss. Die Direktheit und die Kompromisslosigkeit des Black Metal üben nach wie vor eine hohe Faszination aus, vor allen Dingen aber auch die Freiheit, die Musik weiterzuentwickeln und seine eigenen Pfade abseits der Meinungen anderer zu gehen, wenn man denn gewillt dazu ist. Während sich die zweite Welle ja vor allen Dingen vom Death Metal differenzieren wollte, wollen wir den Black Metal als ultimative Ausdrucksform mit Elementen aus dem Doom, Death und progressiven Metal weiterentwickeln, um unsere Botschaft zu transportieren.

Auch ein Song ist vom Titel und einigen Zeilen auf Norwegisch gehalten.

Genau, 'Lys I Mørket', ein "Licht in der Finsternis". Der Song steht auf der ersten Hälfte des Albums, die trotz einsetzender Finsternis noch von Hoffnungsschimmern beseelt ist. Er ist einer von zwei Songs, die noch aus der Projektphase der Band um 2014 stammen und die wir kontinuierlich weiterentwickelt haben. Der Text ist, bis auf den Refrain, erst in den letzten beiden Jahren entstanden. Obwohl sich an den Riffs und Noten nicht viel geändert hat, hat der Song eine enorme Entwicklung durchlaufen und macht live besonders Spaß.

Die gerade genannten Punkte schielen zwar alle in Richtung klassischer Black Metal, musikalisch seid ihr aber deutlich abwechslungsreicher unterwegs. Gibt es nennenswerte Einflüsse, die ihr bewusst verarbeitet habt und die es vielleicht bei anderen BM-Bands so nicht gab?

Solche Einflüsse gibt es tatsächlich einige. Wir alle haben unterschiedliche Einflüsse, die wir ins Songwriting miteinfließen lassen, da wir alle gemeinsam an den Songs schreiben und diese solange ausarbeiten, bis wir alle glücklich mit dem Material sind und das Gefühl haben, dass sie unsere Aussage und Emotionen wiedergeben können. Ich höre viele der düsteren progressiven Bands, die dem Black und Death Metal entstiegen sind: KATATONIA, OPETH, SWALLOW THE SUN oder auch ALTARS OF GRIEF. Aber auch Bands aus dem moderneren Black Metal und Post Black Metal wie AU-DESSUS, HARAKIRI FOR THE SKY, ANOMALIE oder unsere Freunde von AUSSERWELT sind innerhalb der Band sehr geschätzt. Dazu kommen das ganze spleenige Underground-Black-Metal-Zeug, die aktuelle französische und osteuropäische Black-Metal-Szene, Ambient- und Post-Rock-Bands.

Im Gegensatz zu vielen anderen BM-Bands gebt ihr euch nicht sonderlich "antikosmisch", satanisch oder sonst was. Haben die Image-Klischees im BM inzwischen ausgedient?

Wir glauben schon, dass der Black Metal aufbegehren muss, ob das aber satanisch oder gar antikosmisch sein muss, sei mal dahingestellt. Die "antikosmischen" Überzeugungen, die man beispielsweise auf "Reinkaos" von DISSECTION hört, waren die Überzeugung der Band und der Versuch, diese bestmöglich musikalisch umzusetzen. In der aktuellen Zeit muss man sich aber fragen, ob beispielsweise die organisierte Religion noch das Ziel des Aufbegehrens sein muss, oder ob der Black Metal mittlerweile nicht dringlichere Ansatzpunkte hat. Wir wählen die emotionale Welt als Ansatzpunkt und begleiten auf "Nativity Of Ashes" ein Individuum durch seine persönliche Hölle, die, egal wo und in welcher Regierungsform oder Religion man aufwächst, jeder einzelne von uns - in der einen oder anderen Form - selbst auch durchläuft.

Gibt es bei BLODTÅKE ein inhaltliches Konzept? Im Song 'Absolution Denied' wendet ihr euch beispielsweise gegen die christliche Vorstellung der Sündenvergebung.

Das inhaltliche Konzept ist tatsächlich der Ausdruck unserer Eindrücke und Gefühlswelt in den Songs und diese für die Hörer maximal fühlbar zu machen. Das Album ist zweigeteilt wie eine klassische Vinylproduktion und begleitet einen Menschen in seiner Erfahrungswelt. Die erste Hälfte des Albums ist wütend, aggressiv und reaktant, die zweite Hälfte hoffnungsloser, finaler und zerstörerischer. 'Absolution Denied' ist ein schönes Beispiel dafür, dass Black Metal nicht nur oberflächliche Religionskritik bedeuten muss: Wir Menschen denken gerne in einem psychologisch-romantischen Konstrukt, welches das Individuum vor der Übernahme von Verantwortung schützt. Begeht jemand ein Verbrechen, verhält sich amoralisch oder hinterhältig, predigt Wasser aber trinkt hinterrücks Wein, lässt sich das so immer legitimieren. Vergebung der Sünden, "jemand ist für meine Sünden gestorben damit ich ins Paradies komme", "ein Buch verlangte das von mir", "kein Gesetz verbietet mir das, also ist das schon okay...". 'Absolution Denied' sagt "Nein verdammt, du hast aus einem Motiv so gehandelt, dann trage auch die Konsequenzen und stehe dazu. Lebe mit deinen Entscheidungen, es wird niemand mit einer Generalabsolution um die Ecke kommen". Ich glaube, diese Nachricht ist so ursprünglich Black Metal, wie sie nur sein kann.

Inzwischen findet ein großer Teil der Metalszene digital statt. Ist das für euch als Underground-Band ein Vorteil oder wünscht ihr euch, dass die Szene vor Ort größer wäre?

Live haben wir tolle Erfahrungen in der Szene gemacht, viele Konzerte in der Region sind gut besucht und wir haben viele Leute, die immer wieder zu unseren Shows kommen und uns unterstützen. Das gilt auch für unsere eigene kleine "Blod Feast"-Konzertreihe. Man muss, glaube ich, bereit sein etwas zu riskieren, Bands aus dem Ausland oder anderen Bundesländern und aufstrebenden Nachwuchsbands ein Forum geben. Aber auch Abende mit wenigen Besuchern gehören dazu und wir spielen uns für jeden einzelnen Besucher die Seele aus dem Leib. Jeder einzelne davon hält die Szene am Leben. Außerhalb der Live-Konzerte haben wir unser Album sowohl digital als auch physisch in einer Auflage von 1.000 recht aufwendig-gestalteten Digipacks veröffentlicht, weil Metalheads noch wirklich Musik zu schätzen wissen und sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Die digitale Landschaft bietet die tolle Möglichkeit, schnell neue Bands kennenzulernen und - wenn einem das Artwork nicht so wichtig ist - schnell in die Musik einzutauchen ohne auf den Versand der CD zu warten. In Summe sehen wir diese Auswahlmöglichkeit als großen Vorteil an. Von reinen Streaming-Portalen halten wir uns allerdings mit unserem Album bewusst fern, da wir nicht wollen, dass Musik zur Nebensächlichkeit verkommt. Wir glauben an das Album als Gesamtkunstwerk. Einen Song in den Fokus zu rücken, wie es Spotify und Apple Music meist praktizieren, Musik zur Flatrate anzubieten und Kunst nach Popularitätsgesichtspunkten zu vermarkten, steht unserer Ansicht entgegen, dass Musik und Kunst wirklich wichtig sind. Bandcamp hingegen streamt unser Album nicht nur, sie bieten auch direkt den Digipack und unser Merch an. Wer die CD bestellt, bekommt sofort einen digitalen und hochauflösenden Download und muss nicht auf den Versand warten. Besser geht es eigentlich nicht und uns helfen die Fans und Bandcamp gemeinsam enorm, um auch weiterhin Musik in hoher Qualität und schicker Aufmachung zu veröffentlichen.

Meiner Meinung nach sollte man mit einem so guten Album doch einen Label-Deal bekommen. Habt ihr euch dagegen entschieden oder gab es tatsächlich keine Angebote?

Vielen Dank! Für "Nativity Of Ashes" haben wir uns tatsächlich dagegen entschieden, das Album vor Veröffentlichung an Labels zu senden. Zwar haben wir von Beginn an das Album geglaubt, waren aber auch heiß darauf es zu veröffentlichen und ihm viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wir haben insgesamt zwei Jahre Arbeit in das Material investiert und von Vorabveröffentlichungen oder Demos weitestgehend abgesehen, weil wir direkt mit dem maximal Möglichen starten wollten. Auch wollten wir zeigen, dass wir erfahren genug sind, um das gesamte Paket über Songwriting, Artwork-Design, Pressung bis hin zur Promo-Arbeit abzudecken und haben mit Leuten aus der Szene, aus der Fotografie, dem Mixing und Mastering und der Herstellung zusammengearbeitet, denen wir vertrauen. Auch damit Labels, die später auf uns aufmerksam werden sehen, was wir als Band leisten können, gute Entscheidungen treffen und es sehr ernst mit unserer Kunst meinen. Wenn ein Label dies hier liest und gerne mit uns zusammenarbeiten möchte, würden wir uns freuen, wenn ihr auf uns zukommt!

Wie sehen eure Zukunftspläne aus? Gibt es Bands, mit denen ihr beispielsweise gerne länger touren würdet?

Wir hoffen für das kommende Jahr eine tolle Festival-Saison spielen zu können. Die eine oder andere Zusage haben wir bereits erhalten und hoffen somit, viel unterwegs zu sein. Wir möchten das Album live so vielen Menschen wie möglich vorspielen. Promoter und Booker können auch jeder Zeit gerne auf uns zukommen, wir lieben die Bühne. Da gibt es natürlich auch einige Bands, mit denen wir gerne touren würden: ANOMALIE, HARAKIRI FOR THE SKY, AU-DESSUS, OCTOBER TIDE, HELRUNAR, aber auch Bands aus unserem lokalen Umfeld, mit denen wir etwas Stimmiges auf die Beine stellen könnten, A CROWN OF ENTRAILS oder AUSSERWELT zum Beispiel.

Vielen herzlichen Dank für deine Fragen und euren Support!

Redakteur:
Nils Macher

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