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BRUCE DICKINSON - Soloworks 1990 - 2005

17.11.2017 | 22:39

Es gibt Menschen, die trotz eines 24-Stunden-Tages einfach nicht aus dem Quark kommen, ihren Hintern auf Lebzeiten auf der Couch platzieren und das Talent, das der Liebe Gott ihnen bei der Geburt gab, durch ihre Inaktivität im Keim ersticken lassen. Und es gibt Menschen wie BRUCE DICKINSON. Als Paul Bruce Dickinson am 7. August vor 59 Jahren in der englischen Bergarbeiterstadt Worksop das Licht das Welt erblickt hat, konnte wohl keiner erahnen, welche immens wichtige Rolle er für den weiteren Verlauf der Musik spielen würde. Nun, anno 2017, gilt er als einer der besten, begnadetesten Sänger im Metal-Zirkus, erklomm mit den Eisernen Jungfrauen den Thron dieser Musik, sah dank seines Pilotenscheins schon sämtliche Fleckchen dieses Planeten, verfasste mehrere Bücher und ist darüber hinaus auch noch ein unfassbar sympathischer Zeítgenosse. Dass sich Mr. DICKINSON auch als Solokünstler einen beachtlichen Namen machen konnte, wissen Fans des Briten nicht erst seit diesem Jahr.

Holy was the preacher - riding on his rig of steel in the rising sun.

Und trotzdem nehme ich "Soloworks 1990 – 2005" zum Anlass, um etwas präziser auf die sechs Solo-Platten des IRON MAIDEN-Fronters einzugehen. Hierbei handelt es sich um eine mehr als üppige Vinyl-Sammlung, die nicht weniger als alle sechs Solo-Ausflüge von BRUCE DICKINSON in einer stabilen Box zusammenfasst. Sämtliche Alben wurden von Andy Pearce von den damaligen Originalbändern remastert und sind seit Ende Oktober über BMG als schmucke, jeweils 180g schwere Schallplatte erhältlich. Sämtliche Alben dieser Ära, ob wir es mit dem Hardrock-Debüt "Tattooed Millionaire", dem schmissigen "Balls To Picasso" oder dem bislang letzten Soloflug "Tyranny Of Souls" zu tun haben, kommen in "Solowork 1990 – 2005" zum Zuge - kein Album, kein Song, keine Ballade, kein Rocker, kein Scream, kein Gefühl dieser Zeitspanne aus dem Hause DICKINSON wurde vergessen. Doch wie schon erwähnt, schauen wir uns an dieser Stelle das Album-Sextett etwas genauer an.

Den Anfang macht - wie dürfte es anders sein - "Tattooed Millionaire", das 1990 als reines Nebenprojekt geplant und entsprechend auch vermarktet wurde. Und bekanntlich hat man bei einem Nebenprojekt, bei dem man sich musikalisch vollends austoben und seiner Kreativität freien Lauf lassen kann, den meisten Spaß. Eben jenen merkt man Bruce während der kompletten Spielzeit von 43 Minuten auch an. Doch alles begann mehr oder weniger mit der Frage, ob er nicht zum fünften "Nightmare On Elm-Street"-Teil einen Song beisteuern möchte. So wurde 'Bring Your Daughter To The Slaughter' geboren. Zwar fand sich dieser Ohrwurm irgendwann auf "No Prayer For The Dying" wieder, doch der Appetit nach Solo-Nummern konnte nur durch eine komplette Platte vorerst gestillt werden. Obwohl der Zehnerpack auf "Tattooed Millionaire" sich doch ein wenig von seiner Hauptband unterschied und eher dem knackigen Hardrock zuzurechnen war, stecken unheimlich viele Perlen auf dem BRUCE DICKINSONschen Debüt: Locker und frisch von der Leber weg rocken 'Hell On Wheels' und 'Dive! Dive! Dive!' vor sich hin, das düstere 'Son Of A Gun', das balladeske 'Gypsy Road' sowie das 'All The Young Dudes'-Cover sorgen für sehr viel Abwechslung und 'Lickin' The Gun' sowie 'Zulu Lulu' und 'No Lies' sorgen neben einem beachtlichen Ohrwurmeffekt auch primär dafür, dass man den Spaß von Herrn DICKINSON an diesem Album in jeder Faser spürt. Drehen und wenden kann man es bekanntlich, wie man will, doch mit "Tattooed Millionaire" hat BRUCE DICKINSON 1990 seiner persönlichen Musikkarriere nicht nur einen tollen Start verpasst, sondern allen Kritikern gezeigt, dass man es auch ohne Harris und Co. schafft, tolle, eingängige Nummern an den Mann zu bringen.

Was bei IRON MAIDEN folgte, waren zwei In-Ordnung-Alben und leider ein nicht mehr unter den Teppich zu kehrender Zwist mit eben Steve Harris, der BRUCE DICKINSON veranlasste, die Eisernen Jungfrauen 1993 zu verlassen. Natürlich juckt es einem Springinsfeld wie ihm in den Fingern - untätig kann er einfach nicht bleiben, kreativ austoben musste er sich. Doch das war Mitte der 1990er Jahre nicht ganz so einfach, als die Arbeiten an seinem zweiten Soloalbum anstanden. Es wollte einfach nicht, "Balls To Picasso" war eine äußerst schwierige Geburt, mit der der Sänger anfangs äußerst unzufrieden war. Doch dann traf Bruce auf Roy Z und dessen Band TRIBE OF GYPSIES und es wuppte. "Balls To Picasso" sollte mehr in die metallischere Ecke schielen als noch "Tattooed Millionaire" und mit umgekrempelter Hintermannschaft war dies auch der entscheidende Schritt in die richtige Richtung. Diese zehn Songs aus dem Jahre 1994 ließen die Fans noch tiefer in die DICKINSONsche Seele blicken und dank eines tollen Abwechslungsreichtums, des Mutes, sich abermals stilistisch weit weg von seiner einstigen Hauptband zu bewegen, und des persönlichen Touchs ist aus "Balls To Picasso" ein rundum tolles Album mit kräftigem Alternative-Einschlag geworden. Die Über-Ballade 'Tears Of A Dragon' und das poppige 'Change Of Heart' zeigen die eine Seite, das fantastische '1000 Points Of Light' und das atmosphärische 'Cyclops' die andere Seite des Schaffens. Definitiv ein Album, das nicht gleich beim ersten Durchgang zündet. Doch mit der Zeit entwickelt "Balls To Picasso" unerwartete Kräfte und ebnet den Weg, der mit "Skunkworks" fortgesetzt wurde.

Das dritte Album erschien zwei Jahre später und war wohl wieder dem Alternative Rock zuzurechnen. Auch wenn sich IRON MAIDEN ein Jahr zuvor mit "The X Factor" selbst nicht mit Ruhm bekleckerte, so brauchte man doch recht lange, bis man in "Skunkworks" gutes Material fand. Ein Zugang war damals schwierig, zu viel erwartete man wohl einfach von DICKINSON und seinem immensen Ideenreichtum, der auf den beiden Solo-Platten zuvor Überhand nahm. Doch auch auf dem 1996er Album finden sich mit 'Back From The Edge', 'Solar Confinement' oder auch 'Inside The Machine' einige Songs, die jene deutlich aufwerten, auch wenn man dies den Verkaufszahlen und anschließenden Konzertbesucherzahlen nicht wirklich anmerkte. War es der Grunge? War es der experimentelle Einschlag? Oder lag es an dem damaligen Zeitgeist, der dieses Album floppen ließ? Man weiß es nicht. Doch fest steht, dass ohne "Skunkworks" BRUCE DICKINSON nicht zu jenem Rundumschlag ausholen konnte, zu dem er ein Jahr später in der Lage war.

Dieser hörte auf den passenden Titel "Accident Of Birth" und zeigte Bruce wieder einmal von seiner schwermetallischeren Seite. Die Songs zünden, krachen, haben Feuer und der Knoten schien geplatzt. Ob es an Adrian Smith, der seinem ehemaligen Sänger auf dessen vierten Soloausflug tatkräftig unter die Arme packte, Roy Z, der Bruce wieder in die richtige Bahnen lenkte, Derek Riggs, der dem Artwork den passenden Anstrich verpasste, oder an ihm selbst lag, fest steht, dass BRUCE DICKINSON mit "Accident Of Birth" seinen Kritikern mit voller Wucht das Maul stopfte und ein Album aus dem Boden hievte, das vor Hits nur so triefte. 'Starchildren' zeigt den Sänger von seiner besten Seite, das dramatische 'Taking The Queen' sowie das unheimlich düstere, fast schon bedrohliche 'Darkside Of Aquarius' sorgen für noch mehr Tiefe und Vielfalt. Was danach folgt, sind Über-Hits, wie sie im Buche stehen. Denn mit dem balladesken 'Man Of Sorrows', dem Dunkel-Titeltrack oder das fast schon fanatische 'Welcome To The Pit' macht BRUCE DICKINSON auf diesem Album alles richtig. Ich könnte noch stundenlang über "Accident Of Birth", meinem persönlichen Lieblingsalbum aus seinem Soloschaffen, sinnieren. Doch das würde den Rahmen sprengen. Wir halten einfach fest, dass dieses Album die Erwartungen mehr als nur übertroffen hat und "Soloworks 1990 - 2005" ohne dieses Viertwerk nur halb so wertvoll wäre.

Wer dachte, dass es nur ein Jahr später nicht besser hätte kommen können, wurde mit "The Chemical Wedding" eines Besseren belehrt. Auch wenn der Vorgänger bei mir persönlich eine Nasenspitze voraus ist, ist objektiv betrachtet "The Chemical Wedding" ein absoluter Bolzenschneider, wenn es um Klasse, Ausdruck und traditionellen Heavy Metal geht. Alchemie und Okkultismus hier, Aleister Crowley und das wahnsinnige Gesangsorgan von Bruce dort - sämtliche Bestandteile sorgten für einen akustischen Höllentrip, der den Hörer fesselte, in seinen Bann zog und seine Seele zumindest für die Spielzeit von 55 Minuten verschlang. 'King In Crimson' ist ein Finster-Einstieg wie er im Buche des Bösen steht, 'The Tower' schraubt sich metertief in die Gehörgänge, mächtig erklimmt 'Book Of Thel' die Berge, das EMERSON, LAKE & PALMER-Cover 'Jerusalem' fügt sich wunderbar ein und das finale 'The Alchemist' setzt diesem Werk die Krone auf. Gemeinsam mit diesem gewaltigen, diabolisch-geheimnisvollen Artwork, einem Bruce in der abermaligen Gesangsblüte seines Lebens, sowie Roy Z und Adrian Smith, die ihm - bitte nicht falsch verstehen - abermals die Stange halten, schafft es "The Chemical Wedding" gänzlich zu überzeugen. Natürlich darf auch diese Platte nicht in der vorliegenden Box fehlen. Doch die Wirkung, die diese Platte als Vinyl samt jenem Cover hat, ist gewaltig. Hiermit hat sich Bruce abermals ein kleines Denkmal gesetzt.

Unmittelbar danach - nicht nur Fans werden es wissen - kehrte der verlorene Sohn zu seinen Eisernen Jungfrauen zurück. Die Comeback-Platte "Brave New World" sticht wieder in die gewohnten Meere, das Team ist wieder vollständig und bereit, als Sextett wieder an die alten Erfolge anzuknüpfen. Es folgen nicht nur zahlreiche Best-Of-Compilations und mit "Dance Of Death" ein, wie ich persönlich finde sehr gutes IRON MAIDEN-Album, sondern auch 2005 das bislang letzte Soloalbum des Frontsängers, das natürlich auch in "Soloworks 1990 - 2005" nicht fehlen darf.

Auf "Tyranny Of Souls" machen DICKINSON und Z abermals gemeinsame Sache und versteht mich bitte nicht falsch, das Songmaterial ist wirklich gut. Leider kann es aber dem Übermaterial der letzten beiden Alben nicht gänzlich das Wasser reichen. Doch obwohl stolze sieben Jahre zwischen "The Chemical Wedding" und dem Abschluss des DICKINSONschen Soloschaffens lagen, ist der Stil auf beiden Alben nahezu gleich. Düster angehauchter, traditioneller Heavy Metal, nur leider ohne Adrian Smith an der Gitarre. Das dürfte 2005 jedoch nicht ausschlaggebend gewesen sein. Damals wie heute - remastered mit typischem Vinyl-Flair - machen insbesondere Hits wie der melodische 'Abduction'-Einstieg, 'River Of No Return' und der 'Navigate The Seas Of The Sun'-Progger immer noch gehörigen Spaß, obgleich mir der diabolische Unterton von einst ein wenig abhanden gekommen ist. Doch auch ohne okkulten Charme, den Ausflug in die Alchemie und Smith an der Klampfe hat Bruce mit "Tyranny Of Souls" einen rundum guten Abschluss seiner Solopfade gefunden, der logischerweise auch den Abschluss des Box-Sets "Soloworks 1990 - 2005" markiert.

Doch man kann es nicht leugnen: Sämtliche Alben dieses Sextetts sollten Fans in- und auswendig kennen. Alle Alben sind wichtig für den weiteren Verlauf entweder seines eigenen Ausflugs oder den seiner Hauptband IRON MAIDEN. Im stabilen und hochwertigen Pappschuber sind sämtliche Soloalben dieses großartigen, einflussreichen Sängers und Menschen liebevoll versammelt, wurden säuberlich remastert und noch säuberlicher auf Vinyl gepresst. So kommen der Hardrock-Startschuss "Tattooed Millionaire", das harte "Balls To Picasso", das experimentierfreudige 'Skunkworks", die Über-Alben "Accident Of Birth" und "The Chemical Wedding" sowie der folgliche Solo-Abschluss "Tyranny Of Souls" natürlich noch charmanter, authentischer und ehrwürdiger herüber. Die Box hält, was sie verspricht!

...Speaking tongues of fire - enflaming our desires - watching as we die!

Redakteur:
Marcel Rapp

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