BURZUM - Kunst oder Tabu?

31.03.2010 | 17:28

Anlässlich des neuen Albums "Belus" befassen sich Julian und Rüdiger mit dem Wirken und dem neuen Werk des nach sechzehn Jahren auf Bewährung aus der Haft entlassenen Varg Vikernes.

Liebe Powermetal.de-Gemeinde,

wir haben uns lange überlegt, ob wir einen Artikel zum Thema der neuen BURZUM-Schallplatte verfassen sollen, und haben uns auch in epischer Breite mit dem Rest der Redaktion über das Für und Wider eines solchen Artikels unterhalten. Nicht jeder Kollege findet es gut, dass wir ihn veröffentlichen wollen, doch letztlich wurde uns zugestanden, das Thema aufzugreifen. Wir sind uns wohl bewusst, dass Kritiker sagen werden, dass gerade wir, die wir uns stets gegen Hass und Gewalt aussprechen und sogar eine entsprechende Kampagne ins Leben gerufen haben, einem Projekt wie BURZUM und einem Musiker wie Varg Vikernes kein Forum geben sollten. Jede Erwähnung sei Werbung, wird gesagt, und Werbung für BURZUM sei Werbung für etwas, das nicht unterstützenswert sei. Ein Punkt, den man natürlich nicht einfach von der Hand weisen kann. Doch wem ist gedient, wenn wir diesen Artikel nicht veröffentlichen? Findet der politisch fehlgeleitete Fan nicht ohnehin in einschlägigen Versandhäusern und Foren zu seinen Bands? Ist das Totschweigen eines Phänomens ein sinnvoller Umgang mit demselben? Wir sind gerne bereit, all diese Fragen mit euch, unseren Lesern, im Forum zu diskutieren. Wir halten euch für mündige Bürger, mit moralischen Grundsätzen, die selber beurteilen können, was sie unterstützen wollen und was nicht, und auch aus welchen Gründen sie das tun. Eines steht jedoch fest: Schweigen wir das Thema tot, dann wird es hier keine Diskussion und keinen Austausch darüber geben, und wenn es keinen Austausch über eine Sache gibt, dann kann sich auch keiner eine Meinung bilden oder etwas dazu lernen.

Warum genau gibt es nun diesen Artikel zu BURZUMs "Belus"? Nun, es gibt ihn deshalb, weil wir - Julian und ich - trotz eines nicht ganz unerheblichen Altersunterschieds, jeder auf seine Weise und zu seiner Zeit musikalisch massiv von BURZUM beeindruckt oder beeinflusst wurde. Die Musik des norwegischen Ein-Mann-Projekts war für uns eben stets mehr als einfach nur eine weitere Black-Metal-Band. Die fünf Scheiben "Burzum", "Aske", "Det Som Engang Var", "Hvis Lyset Tar Oss" und "Filosofem" waren und sind einzigartige Dokumente einer Zeit, die zum Guten wie zum Bösen eine ganz besondere Phase der metallischen Musikgeschichte darstellt. Die Alben hatten auf zahlreiche Fans und Musiker einen Einfluss, wie ihn nur wenige andere Werke der schwarzmetallischen Welt entfalten konnten. Und sie haben diese Wirkung noch heute, weit über die Grenzen des Black Metals hinaus, unter anderem wird auch in der Doomszene BURZUM gecovert. Das sind für uns Gründe genug, nicht einfach darüber hinweg zu gehen, wenn dieser Herr Vikernes nach sechzehn Jahren im Gefängnis nun wieder die Freiheit hat, nicht nur durch dubiose Aufsätze und Bücher mit bizarren Theorien, sondern auch durch seine Musik zu Wort zu kommen. Das Ergebnis dieser musikalischen Wortmeldung interessiert uns beide sehr, und mit uns interessiert es offenbar Tausende anderer Black-Metal-Fans, die genauso wie wir gerade nicht einem politisch extremen Lager angehören oder einem Varg Vikernes an den Lippen hängen, sondern die es interessiert, weil sie die Musik, welche dieser Mann erschaffen hat, auf unheimliche Weise anzieht. Daher wollen wir uns in diesem Artikel, so gut es möglich ist, in erster Linie dem neuen Werk und dessen musikalischer wie lyrischer Seite widmen.

Keine Sorge also, wir werden keine Eulen nach Athen tragen und nicht dem Boulevardjournalismus frönen, in dem wir euch aufgewärmte Sensationen und Skandale auftischen, die seit spätestens 1996 einen Bart haben. Die Geschichte von Varg Vikernes ist eine Geschichte, die oft erzählt wurde, und eine Geschichte die fast jeder kennt, der sich einmal etwas näher mit Black Metal beschäftigt hat. Es ist müßig, sie nochmals im Detail zu wiederholen, und es wäre eine Heuchelei, wenn wir so täten, als könnten wir euch zu dem Thema noch etwas erzählen, das nicht schon unzählige Male erzählt worden ist. Die Fakten liegen auf dem Tisch: Varg Vikernes ist kein Mythos, er ist ein Mensch. Ein Mensch, der getötet hat, und ein Mensch der dafür sechzehn Jahre im Gefängnis war, weil es das norwegische Recht so bestimmt hat. Außerdem ist Varg Vikernes ein Mensch, der sich weit mehr mit den Themen von Rasse und Artglauben befasst, als uns geheuer sein kann, und dabei zu Schlüssen kommt, die uns irritieren und teilweise abstoßen. Zuletzt ist er ein Mensch, den wir nicht kennen und den wir deshalb nicht einschätzen können, der für uns und unsere kleine musikalische Insel relevant ist, weil er in den frühen und mittleren Neunzigern fünf Alben erschaffen hat, die nicht wenigen als das Non-Plus-Ultra in Sachen Black Metal gelten. Diese Leute haben nun vierzehn Jahre auf ein metallisches Lebenszeichen dieses eigenartigen Menschen gewartet, der auch in all den Jahren im Gefängnis niemals schwieg, sondern sich stets zu artikulieren wusste. Diese Wartenden sind beileibe nicht alle Anhänger seiner Ideologie, die wenigsten von ihnen sind Anhänger seiner Taten, und ein guter Teil von ihnen steht vor dem Phänomen "Varg Vikernes" wie der Ochs vor dem Berg, weil ihm nicht klar ist, wie sich die Faszination für sein Werk - für BURZUM - mit der Ablehnung so vieler Facetten der Person Varg Vikernes und ihres Wirkens vereinbaren lässt. Auch wenn ich euch kein Patentrezept liefern kann, wie "man" mit diesem Zwiespalt umgehen soll, und wie "man" zu BURZUM stehen soll, so kann ich euch freimütig gestehen, dass ich zu eben dieser Gruppe mit den gespaltenen Gefühlen gehöre, und dass ich selbst nicht beanspruche zu wissen, ob mein Umgang mit dem Phänomen gut und richtig ist. Er fühlt sich für mich richtig an, und deshalb gehe ich den Weg zu BURZUMs "Belus" in dem Bewusstsein, wo die Grenze zwischen Bewunderung für die Musik und blinder Verehrung für den Musiker ist. Ich stand weder der Ideologie noch den Taten des Herrn Vikernes jemals nahe, und doch hat mich die Musik des Norwegers bis heute fasziniert, gefesselt, gebannt, inspiriert und bewegt - achtzehn Jahre lang, mehr als die Hälfte meines Lebens. Das ist auch der Grund, warum ich mir das Recht nehme, gespannt auf "Belus" zu sein und euch zu erzählen, wie dieses Album auf mich wirkt. Julian wird euch nun erzählen, wie er die Geschichte angeht: (RS)

Die Herangehensweise an das neue Album und die Arbeit mit dem Phänomen scheint auch eine Aufarbeitung der eigenen Pubertät zu sein. Zumindest hat mich zu Beginn meiner Metal-Karriere dieser unglaubliche Hass, die ungeschminkte Härte und die Melancholie der Black-Metal-Bewegung fasziniert und in seiner abstoßenden und vernichtenden Kraft angezogen. Das Unerhörte dieser Musikrichtung, ihre ungebremste Aggression und ihre anti-schöpferische Energie waren Elemente, die mich aus der bürgerlichen Welt herausgerissen und es mir ermöglicht haben, mein Leben zu reflektieren. Möglicherweise auf eine triviale, banal-jugendliche Art und Weise, dennoch ist es ein Teil meines Lebens, den ich so nicht missen möchte. Und BURZUM war eine der Bands, die mir all das gaben. Hölderlin fasste diesen Grundgedanken in seinem "Hyperion" folgendermaßen zusammen: "Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, daß er Fesseln zerreißt!" Doch welche Fesseln legte mir die Faszination für Varg Vikernes auf? Wie ambivalent ist das Wort fesselnd doch. Vargs Ideologie, die Rüdiger anspricht, sie zu überblicken und sich zu entfesseln, das war wohl eine der schwierigeren Aufgaben dieser meiner Jugend. Nicht, dass Vargs Aussagen eine wie auch immer geartete Anziehungskraft gehabt hätten. Nein, der Weg, die Musik und die Person zu trennen war schmerzhaft und in guten Teilen auch niederschmetternd ernüchternd. Wie kann ich Musik lieben, die von einem verachtenswerten Menschen gemacht wird, der jedoch nur das lebt, für was er und seine Kunst stehen. Wo muss ich mich als "vernünftiger" Mensch einordnen, um nicht in den Sog destruktiver Misanthropie hineingesogen zu werden? Die einzige mir erscheinende Möglichkeit war, mich vollständig von dem Gedankenkonstrukt des Black Metals zu lösen und die Musik nur noch zu hören, sie auf einer Gefühlsebene zu erfahren, mich aber nicht mehr davon beeinflussen zu lassen. Dieser Weg gab mir ein Stück weit die Freiheit, das Fesselnde zu lösen, verschloss mit aber auch einen intensiven Zugang zu dieser Musikrichtung, indem das Schaffen Vargs weniger fesselnd wurde. In der Retrospektive hat mir dieses Vorgehen etwas geschenkt, was einige Szenegenossen der damaligen Zeit heute noch abgeht: Eine Freiheit, Musik zu lieben. Und zwar Musik an sich und nicht nur das zersetzende Korsett des Black Metals. In dieser Hinsicht war BURZUM also eine Art Katalysator in der Genese meiner Musikleidenschaft. Umso gespannter bin ich nun auf das neueste Album, schenkt es mir doch einen Moment der Reflexion, die persönlicher nicht sein könnte.

Das überraschende an dem ersten Hören ist, dass es vor dem Einlegen der CD beginnt. Das Cover von „Belus“ stellt eine Neuartigkeit im Schaffen des Norwegers dar. Die Waldszene, teilweise verdeckt durch einen schwarzen Balken – vielleicht ist das ein Baumstamm – auf dem in weißen Lettern der BURZUM-Schriftzug prangt, ganz so, als wollte sich der Musiker nicht gänzlich zum Licht wenden, verströmt schließlich doch eine gewisse Ruhe, eine gewisse Gesetztheit, ein Gefühl, irgendwo angekommen zu sein. Der Waldblick mit dem Fenster in das Unendliche, das Licht, hat eine zutiefst romantische Anmut. Das Spiel aus Licht, den tastenden Strahlen der Sonne und der Dunkelheit ist ein Motiv, das sich zwar durch die Geschichte der Menschheit zieht, in der Romantik jedoch einen Höhepunkt erlebt. Der Kreis zwischen diesen beiden Extremen zieht nicht nur eine Analogie über das Leben, sonder gleichzeitig den Betrachter, den Rezipienten in seinen Bann. Auch das Ewige der Wälder ist ein Symbol, das in der Romantik gleichermaßen Aufbruch wie Geborgenheit, Neugierde wie Sicherheit, Reise wie das Streben nach dem Glück, verbunden mit einer tiefen, geheimnisvollen Mystik, die sich dem letzten, umfassenden und alles beleuchtenden Zugriff entzieht. Wie sehr sich Varg Vikernes mit diesen Gedanken beschäftigt hat, und inwiefern ihn die norwegische Romantik geprägt hat, bleibt offen. Doch ist es nicht allzu spannend, dass das Digi-Pack wie das Booklet von schattenhaften, düsteren und skelettartigen Waldszenen geschmückt sind? Wenn man die CD vollständig aufklappt, fehlt jegliche Farbe. Wie viel Analogie steckt in diesem Bild zu einem Mann, der Zeit seines Lebens durch einen dunklen Tunnel gehen muss, immer auf der Suche nach der Erfüllung, der Klarheit, etwas, das seinem Leben einen tieferen Sinn gibt – und sich doch nur tiefer in den Sumpf seiner möglicherweise verrückten Gedankenwelt begibt, scheinbar der Inbegriff des Schwarzen, des Black Metals?

Nun darf man sich nicht allzu sehr auf das Gesehene verlassen, schließlich steht nach wie vor die Musik im Vordergrund. Wie weit trägt dich das Riff von 'II. Belus' Doed' in die Vergangenheit, Rüdiger? (JR)


Nun, nachdem Leuke sein Ränkespiel mit siebenundzwanzig metallischen Schlägen eingeleitet hat, ist es in der Tat bereits das erste Riff zu Belus' Tod, das unmissverständlich klar macht, dass Herr Vikernes Wort hält, und seine neuen musikalischen Ambitionen auf seinem Frühwerk aufbaut. Das Stück basiert auf höhenlastigen Gitarren, die zwei monolithische Riffs im Exzess zelebrieren, ganz so, wie dies bei BURZUM auch schon auf dem Debüt, auf "Det Som Engang Var" und "Hvis Lyset Tar Oss" der Fall war. Persönlich assoziiere ich 'Belus' Doed' am ehesten mit "Hvis Lyset Tar Oss", das sich mit der hypnotischen Atmosphäre von "Filosofem" verbindet. Die Produktion ist indes nicht so extrem übersteuert wie bei "Filosofem", sowohl Gitarren als auch Gesang tragen weniger Effekte und klingen weniger schroff, ja, organischer. Das Schlagzeug hallt im Hintergrund, klingt aber doch raumgreifend und majestätisch. Dass Varg wie vor Zeiten mit Pytten im altehrwürdigen Grieghallen aufgenommen hat, macht sich zu jeder Sekunde bezahlt, genauso wie die Tatsache, dass sich der Einzelgänger kaum bis gar nicht von irgendwelchen Entwicklungen der schwarzmetallischen Zunft hat beeinflussen lassen. Ein fraglos starker Einstieg weicht dann dem zweiten Stück 'Glemselens Elv', das den Fluss der Vergessenheit thematisiert. Das Stück ist schneller, weniger perseverativ, das Riff klingt verspielter, der Bass rückt deutlich weiter in den Vordergrund als dies bei BURZUM je der Fall war. Gesungen wird auf sehr eigenwillige Weise, die das Keifen mit klaren Elementen auf eine Weise verbindet, die mir so nie in dem Maße begegnet ist. Der komplett klar gesungene Kehrvers ist für Vikernes Neuland, doch er hat diese Entwicklung für meine Wahrnehmung sehr gut umgesetzt, besonders, weil ich das Gefühl habe, dass dieses Stück durch den vernehmbaren Bass, durch die melodische Ausrichtung und den klaren Gesangsanteil eine spürbare Wärme aufweist, die dem Konzept Rechnung trägt, dass Belus (Baldur) von seiner Wiederkehr kündet. War BURZUM bislang eine Band, die wir eher mit Kälte, Dunkelheit und Verzweiflung in Verbindung gebracht haben, so ist das Album "Belus' Doed" insgesamt, und 'Glemselens Elv' im Speziellen ein Frühlingserwachen, eine neue Ära BURZUMs. Deshalb hat Varg Vikernes in jeder Konsequenz recht, wenn er dieses Album zwar als Metal, aber gerade nicht als Black Metal sieht. Es fehlt ihm der Hass, die Verzweiflung und die finstere, bittere Kälte. Und dennoch - und das ist aus meiner Sicht das wahre Kunststück - klingt es zu jeder Zeit so, wie man sich die Musik BURZUMs als langjähriger Anhänger vorstellt.

Doch vielleicht willst du mir an dieser Stelle widersprechen, Julian? Wirkt der Einstieg in dieses Album für dich auch wie ein Neuanfang, der auf paradoxe Weise die Erwartungshaltung des BURZUM-Hörers voll erfüllt, obwohl er die Emotionen, für die BURZUM einst immer zu stehen schien, in eine gänzlich andere Wahrnehmung verwandelt? Und welchen Einschnitt erfährt das Album danach durch 'Kaimadalthas Nedstigning' und das sehr ungewöhnliche 'Sverddans'? (RS)

Ja, es ist wie ein Nach-Hause-Kommen nach einer langen Reise. Und das gleich zweifach. Wie du richtig und schön beschreibst, Rüdiger, reisen wir mit dem Opener weit zurück in die Vergangenheit von BURZUM und lassen fast wie mit einer Beschwörungsformel, dem Schlagen, die Ambient-Ausflüge hinter uns zurück, um dennoch etwas Neues zu erfahren. Es ist eine Art Rückgriff, der nach vorne weist, eine Metamorphose, die zum ersten Mal in dem elfminütigen Epos 'III. Glemselens Elv' seinen Höhepunkt erfährt. Deswegen will ich dir ausdrücklich zustimmen. Vikernes führt den Hörer zurück zu seinem alten Konzept und gleichzeitig bietet er ihm eine Heimat in einem veränderten Gewand. Durch die zurückgenommenen Tempi scheint es fast so, als möchte er dem Hörer die Zeit geben, sich einzuleben und mit den neuen Tönen, den Elementen wie dem Klargesang zu akklimatisieren, nur um dann mit dem beschwörenden, treibenden Riffing von 'IV. Kaimadalthas Nedstigning' zu überraschen und die von dir angesprochene Zäsur zu realisieren.

Aufs Neue wird der Hörer mit einer Seite des Musikers konfrontiert, die zwar durchaus schon in den Ambient-Werken anklang, so aber noch nie umgesetzt wurde: Es sind zuerst gesprochene Worte, die im weiteren Verlauf in einem Mittelpart gesungen werden und in einen, ja, ich kann es nicht anders ausdrücken, atmosphärisch, schönen Part überleiten. Bass und Gitarre umspielen sich mit einer faszinierenden, allumfassenden Launenhaftigkeit, versprühen eine echte Lebensfreude, die diametral zu allem zu stehen scheint, was BURZUM bislang ausgemacht hat. Es ist jene, oben erwähnte Gegenüberstellung von der neuen, hellen Seite mit den dunklen Schatten der Vergangenheit, die auch auf dem Cover realisiert werden. Und irgendwie steckt hinter dem Songwriting doch das Gefühl, diesen Gang schon einmal durchgemacht zu haben. Denn die Worte beschwören etwas tiefes, einzigartiges und klingen für mich wie die Einladung in eine Reise durch den Kosmos. Dieses Transzendente hat BURZUM schon einmal mit dem langen, schweren 'Rundtgåing Av Den Transcendentale Egenhetens Støtte' umgesetzt und zeigte damals, wie sich Minimal und Black Metal auf einer interessanten Ebene vereinen ließen. Nun scheint es so, als wäre lediglich ein Nachhall geblieben, der sich wie eine kaum fühlbare Schwingung hinter dem Vordergründigen finden lässt. Etwas geheimnisvolles, das es erst mühsam zu entdecken gilt. Und falls es entdeckt wird, das Potential zu einer entfesselten, unbändigen Energie beinhaltet

Und diese scheint direkt im Anschluss zu kommen: 'V. Sverddans' heißt das Stück, das vom thrashigen Grundcharakter des Hauptriffings irgendwo an die Heavy-Metal-Wurzeln BURZUM erinnert, allen voran dem Heavy-Metal-Stück schlechthin: 'War'. Schnell, kurz und bündig scheint Vikernes die Genese BURZUMs auf den Punkt bringen zu wollen. Denn ein Blick auf die Länge des Songs zeigt, dass die Parallele offensichtlicher nicht gezogen werden kann. Lediglich zwei Sekunden trennen die Songs voneinander. Obwohl es doch so ähnlich zu sein scheint, trennen sie nicht nur fast 20 Jahre, sondern Welten. Als ich 'War' zum ersten Mal gehört habe, war ich von dem Hass dieses Songs beeindruckt, fasziniert und schließlich auch auf eine Art verängstigt, die mir gezeigt hat, wie weit ein Mensch gehen kann, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Diese ungestüme Kraft, dieser emotionale Wirbelsturm, den Varg mit diesem Black-Metal-Ursong freigesetzt hat, zeigt, wo dieser junge Mann damals stand: Vor einem Abgrund. Roh, überbordend, sich überschlagende Screams und eine Gitarre, die er für die damaligen Verhältnisse bis ins äußerste getrieben hat, wurden ein einem zweieinhalb-minütigen Mahnmal ein für allemal in Stein gemeißelt. Nicht, was ich seitdem gehört habe, hat mich in seiner Aggression derart berührt wie dieser Song. Und nichts hat mit dem Hören eine derartige Distanz aufgebaut, die mit gleichzeitiger Faszination einher ging. Wie anders klingt da 'V. Sverddans'. Welch Veränderung!

Wie erlebst du die Veränderung Rüdiger? Siehst du ähnliche Parallelen? Und was bedeutet das für die Ausstrahlung von "Belus"? Ist BURZUM etwa bejahend geworden?
(JR)

Ob BURZUM bejahend geworden ist? Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, denn insgesamt ist auch "Belus" noch ein schroffes und für den Außenstehenden sicher sehr schwer zugängliches Werk. Ich habe beim Hören auch nicht den Eindruck, dass Varg auf gesellschaftliche Akzeptanz schielen würde. Von daher ist "bejahend", zumindest im Bezug auf die Gesellschaft, den Mainstream und die Szene sicher ein viel zu weit gehendes Attribut. Doch etwas hat sich auf jeden Fall grundlegend geändert, wenn man "Belus" mit den ersten vier Alben vergleicht, und das wird zum Beispiel dann sehr offensichtlich, wenn in Heimdalls Herabsteigen zum klar gesungenen Refrain erklingende Riff sehr rockig und für Varg Vikernes relativ fröhlich aus den Boxen tönt, während die gesprochenen Passagen ein spaciges Flair verbreiten. Durch die wiederholt eingestreuten massiven Wutausbrüche gelingt es Varg aber auch hier immer wieder, den Bogen zur alten Zeit zu schlagen und den vorbei flanierenden Passanten und Schaulustigen sagt: "Für Euch ist das alles nicht gedacht!" - Das gelingt, wie du sehr treffend bemerkt hast, mit 'Sverddans' noch eindrucksvoller, weil diese kurze Abrissbirne zum einen wie auch das Debütalbum belegt, dass BURZUM sich nicht nur in perseverativen, melodisch und rhythmisch reduzierten Monumentalstücken ergehen kann, sondern auch mal knackig auf den Punkt kommen kann. Die sehr auffällige, verspielte Melodieführung lässt den Verdacht aufkommen, dass Varg nicht nur mythologisch sondern auch musikalisch eine gewisse Vorliebe für slawische Folklore entdeckt haben könnte, was manchen Hörern auch einen Vergleich mit MASTER'S HAMMER nahe legt. Dass hier eine direkte Beeinflussung vorliegt, halte ich jedoch für unwahrscheinlich, wenn auch nicht für ausgeschlossen. Doch zurück zur eingangs gestellten Frage, ob BURZUM bejahend geworden ist: Ein Stück weit durchaus! "Belus" ist nicht mehr purer Nihilismus, elendige Verzweiflung und abgrundtiefer Hass, sondern "Belus" lässt den Lichtgott ins Leben. Das Album scheint die Existenz der Lebensfreude zu bejahen. Es ist kein Album für den fröhlichen Tanz in der Blumenwiese, weil es auch die Schatten, die Zwiespälte und den Kampf thematisiert; doch ich meine zu spüren, dass diesem Album auch der Lichtstreif am Horizont innewohnt, nach dem der Protagonist greift. Wo frühere Werke im finsteren Winterwald verweilten, mit dem Schwarzen Tode tanzten und kein Licht zuließen, das nicht mit Schmerz verbunden schien ('Hvis Lyset Tar Oss'), da verbindet "Belus" Licht und Schatten des Lebens und bejaht die Existenz beider Gegenpole. Vielleicht fordert es sogar die Auseinandersetzung mit beiden Gegenpolen. Das ist jedenfalls die Lehre, welche ich aus den abschließenden drei Stücken ziehe:

Surrend und rasend künden die Gitarren in 'VI. Keliohesten' davon, dass ein Hengst das Sonnenlicht über das Land zieht, den Schnee schmelzen lässt und den Eichengeist befreit, auf dass der Winter besiegt wird. Auf diese Weise begeht Varg Vikernes hier sein persönliches Frühlingsritual, das ideologisch so überhaupt nicht zum Black Metal passen will. Und doch - ich wiederhole mich - klingt diese Weise wie BURZUM, und sie fühlt sich an wie BURZUM. Genau so, wie sich im sehr ausladenden und mantrischen 'VII. Morgenrøde' die Freude über das Erwachen eines neuen Morgens, möglicherweise einer neuen Welt regt. Dieser Welt lässt der Protagonist Zeit zu werden, was sich im sehr getragenen Tempo und dem perseverativen Rhythmus niederschlägt. Beide Stilelemente greift auch das neunminütige Finale "IX. Belus' Tilbakekomst' auf, wobei hier der Gesang endgültig verstummt und das Schlagzeug weit in den Hintergrund rückt. Es erklingt vor allem die Gitarre, die eine vage Ahnung dessen zeichnet, was Belus, was Baldur sein kann. Die Antwort wird jeder von uns selber finden müssen und deshalb möchte ich an dieser Stelle wieder an dich, Julian, abgeben, um dich erklären zu lassen wie du den Abschluss dieses Albums wahrnimmst, und ob du "deinen Baldur" entdeckt hast. (RS)

Ich habe ja eingangs meinen Zugang zu BURZUM und zu dieser Musik beschrieben und bin dementsprechend überrascht, angetan, ja, eigentlich trifft begeistert es am besten. Die Metamorphose vom hassenden Mitbegründer des extremen Black Metals, mordenden und menschenverachtenden Krawallbruder der Neunziger Jahre hin zu einem das Licht anbetenden, mystischen Musiker macht dieses Album zu meinem Top-BURZUM-Album. Es sind die besonderen Melodien und nach innen weisenden Ebenen, die "Belus" so spannend machen. Doch es sind auch die tollen Riffs und Spielereien, die Kraft und das Leuchten, wie es 'VI. Keilohesten' absolut klar ausstrahlt, die zeigen, dass sich die Veränderung, die BURZUM anbelangt, noch zu keinem abschließenden Ende bewegt hat. Deiner Beschreibung, Rüdiger, von 'VII. Morgenroede' ist eigentlich nichts hinzuzufügen, vielleicht allein der Hinweis auf das tolle Bassspiel, welches das Summen und Klingen eines neuen Tages so wunderbar widerspiegelt. Auch die zurückhaltenden Vocals und das Kreisen des Riffings erzeugen vor meinem inneren Auge sofort ein unglaubliches Farbenspiel, das die gesamte Strahlkraft der aufgehenden Sonne in einer Symphonie des Lebens ankündigt, die Liebe des Musikers zu der Mythologie und Spiritualität seiner Welt widerspiegelt und mir zeigt, dass sich auch dieser Musiker auf eine gewisse Art und Weise verändert hat, sich vielleicht auch losgelöst hat von seiner Vergangenheit - sonst wäre dieses intensive, mehrdimensionale und in Teilen eben bejahende Werk niemals entstanden. Da bin ich mir sicher - und das bestätigt mich auf eine gewisse Art und Weise auch in meiner eigenen, musikalischen Entwicklung. Und mit dem Klingen der Konklusion kann ich deine Frage voller Freude beantworten, Rüdiger: Ja, ich habe "meinen Belus" gefunden. Er steckt in diesem kraftvollen Kunstwerk und weiß, in dem Spiel aus Licht und Dunkelheit zu tanzen, mit den Strahlen der Sonne in eine wundervolle Symbiose zu gehen, ohne jedoch die eigenen Wurzeln zu vergessen oder gar zu leugnen. Die Inspiration seines eigenen Backkatalogs scheint mir in diesem Album zu kulminieren, gerade wie die Genialität früherer Werke in einem neuen Gewand und mit überraschenden Ideen in eine neue Zeit getragen wird. Und so endet dieses Album und ich frage dich Rüdiger, welches Resümee ziehst du nach knapp über 50 Minuten Hörgenuss der "neuen BURZUM"? (JR)

Mein persönliches Fazit zu dieser Scheibe ist, dass ich nicht das bekommen habe, was ich erwartet habe. Ich habe weitaus mehr bekommen als das. Wo ich erwartet hätte, dass Varg Vikernes ein Album veröffentlicht, das musikalisch und inhaltlich seine Frühzeit zitiert, ohne jemals wieder die Intensität jener Zeit, jener Lieder, jener Worte und jener Bilder zu erreichen, da hat dieser Mensch einen radikalen Schnitt gewagt und sich zur Wandlung seiner Persönlichkeit bekannt. Er hat ein Werk geschaffen, das eben nicht der zum Scheitern verurteilte Versuch ist, die Emotionen und den Ausdruck wieder zu beleben, der ihn als Teenager ausgemacht hat, sondern ein eindrucksvolles Produkt seines individuellen Reifungsprozesses, den keiner von uns nachfühlen kann oder auch nur nachfühlen will. Dennoch wirkt "Belus" wie ein glaubwürdiges und authentisches Statement, das Varg Vikernes' künstlerisches Selbstverständnis des Jahres 2010 perfekt wiedergibt. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass jeder, den BURZUM einst tief berührt und den das Phänomen bis heute nicht losgelassen hat, dieses Album verstehen wird. Er wird sich wiederfinden, er wird den Vikernes' wiederfinden, den er über die Jahrzehnte "gekannt" hat, und er wird das wiederfinden, was er heute hinter diesem Vikernes' vermutet. Die Schlüsse aus diesem Findungsprozess werden jedoch sehr unterschiedlich sein, und keiner soll sich anmaßen, sie richtig oder falsch zu nennen.

Wenn ihr von mir nun wissen wollt, ob ihr euch dieses Album kaufen sollt, ob ihr damit vielleicht den Falschen unterstützt, oder ob ihr doch eher zum Boykott neigen sollt, dann verweise ich euch nochmals in aller Knappheit auf die Fakten: "Belus" ist ein musikalisch und inhaltlich überzeugendes BURZUM-Album, das viel Altes aber auch viel Neues bietet, und das jedem Anhänger dieser Musik viel zu Entdecken liefert. Dabei ist das Album frei von Hetze und Propaganda, es ist spirituell und mannigfaltig interpretierbar. Doch "Belus" ist auch das Werk eines Menschen, dessen Worte und Taten Stirnrunzeln, Widerspruch und klare Ablehnung herausfordern. Daher kann ich euch die Entscheidung nicht abnehmen und euch nur den Rat geben, auf euer Gewissen und euer Gefühl zu hören. Wenn euch euer Gefühl sagt, dass ihr "Belus" haben müsst und euer Gewissen euch sagt, dass es nicht verwerflich ist, sich mit dem Schaffen einer kontroversen Persönlichkeit auseinander zu setzen, dann müsst ihr euch mit "Belus" befassen, so wie wir es mussten. Wenn euer Gewissen und euer Gefühl eine andere Sprache sprechen, dann müsst ihr es lassen. Genau dafür seid ihr freie Menschen! (RS)

[Rüdiger Stehle] & [Julian Rohrer]

Redakteur:
Rüdiger Stehle
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