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CYNIC: Interview mit Paul Masvidal

27.09.2008 | 16:12

CYNIC sind zurück. Mit "Traced In Air" haben sie ein fantastisches neues Album vorgelegt, das demnächst in Deutschland erscheint. Die Band ist Kult: 1987 wurde sie von Gitarrist Paul Masdival und Drummer Sean Reinert gegründet. Ihr Album "Focus" von 1993 gilt als Meilenstein, wurden darauf doch Death Metal, Jazz und elektronische Einsprengsel in bis dato unbekannter Form miteinander vermischt. Auch die zweistimmigen Gesangslinien, bei denen zu tiefem Death-Metal-Gegrunze eine sehr hohe und verzerrte Stimme stößt, waren einzigartig. Seit vergangenem Jahr sind sie wieder da. Mit Paul Masdival sprach Henri Kramer.

Henri Kramer:
Hallo Paul. Ihr habt dieses Jahr in Wacken gespielt, nach 14 Jahren war das einer eurer ersten Auftritte. Als du all die Fans vor der Bühne gesehen hast: Was hast du da gedacht?

Paul Masdival:
Eigentlich denke ich nicht groß nach, wenn ich auf der Bühne stehe. Aber da habe ich schon viel Dankbarkeit dafür empfunden, wie unsere Musik gewürdigt wird. Ich habe mich sehr gefreut, die Energie ging gleichzeitig von dem Publikum und uns aus.

Henri:
Euer neues Album "Traced In Air" wird bald veröffentlicht. Wie fühlst du dich im Moment damit?

Paul:
Ich fühle mich gerade heiter und frei. Ich denke, dass es ein aufrichtiges Album geworden ist. Und ich glaube, die Leute werden das fühlen, wenn sie zuhören.

Henri:
Es ist immerhin euer erstes Album seit 15 Jahren. Was ist in der Zwischenzeit mit dir passiert?

Paul:
Ich bin zurück zur Schule und habe mehr Musik studiert. Daneben habe ich angefangen, in der Welt der Film- und Fernsehmusik zu arbeiten und Bibliotheksmusik zu schreiben. Ebenso habe ich eine kleine Musikproduktions-Firma gegründet. Letztes Jahr haben Sean Reinert und ich noch ein AEON SPOKE-Album veröffentlicht.

Henri:
Und was war dann der ausschlaggebende Punkt dafür, mit CYNIC wieder durchzustarten?

Paul:
Als Sean und ich letztes Jahr von der Reunion-Tour zurück kamen, spielten wir uns durch ein paar neue Ideen. Nach ein paar Proben wussten wir, dass ein neues CYNIC-Album genau das ist, was wir machen wollten. Der kreative Prozess hat uns dabei geführt.

Henri:
Denke doch in diesem Zusammenhang bitte einmal an die erste Probe mit den reunierten CYNIC zurück. Was hast du in diesem Moment gedacht?

Paul:
Ich hatte Gefühle von Klarheit, Enthusiasmus und kindlicher Unschuld. Das Album ist für Sean und mich in vielerlei Hinsicht eine Rückkehr zur Unschuld, weil CYNIC unsere erste richtige Band war, unsere Wurzeln liegen hier.

Henri:
15 Jahre. Ich habe diese Zeitspanne schon erwähnt. Das ist eine lange Zeit im Musik-Business. Warum bist du dir sicher, dass die Leute heute Musik von CYNIC wollen?

Paul:
Ich bin mir sicher, dass ich diese Musik gerade jetzt machen muss. Ob Leute sie mögen oder nicht liegt außerhalb meiner Kontrolle. Ich überlasse das dem Universum.

Henri:
CYNIC sind als visionäre Band bekannt geworden, die ein sehr innovatives Konzept hatte. Denkst du, dass das die Leute auch über das neue "Traced In Air"-Album sagen werden?

Paul:
Ich denke nicht so sehr an Ziele. Ich interessierte mich mehr für die Arbeit, die das Schreiben von Musik macht. Ich weiß, dass diese Platte die modernsten und einzigartigsten Songs vereint, die wir je aufgenommen haben. Vielleicht hören die Leute das auch.

Henri:
Dann versuche doch einmal unseren jungen Lesern zu erklären, für was der Name CYNIC 2008 steht.

Paul:
Ein großer und wunderschöner indischer Feigenbaum, der in der Mitte eines gigantischen weiten Feldes gedeiht, ohne etwas anderes in seiner Nähe.

Henri:
Das Album heißt ja "Traced In Air", also "in der Luft aufgespürt". Was habt ihr dort gefunden? Was bedeutet der Titel für dich?

Paul:
Er hat viele Bedeutungen für mich. Im allgemeinen Sinn mag ich das Feeling der Wörter. Und Musik wird in vielen Arten in der Luft aufgespürt, wie eine Schwingung, die auf einen Klang antwortet. In vielerlei Hinsicht fühlt sich die Musik von CYNIC genauso an.

Henri:
Ihr habt bei dem Cover wie bei "Focus" erneut auf Robert Venosa vertraut. Warum?

Paul:
Seine Arbeiten fangen den Sound von CYNIC in einer visuellen Sprache auf. Wenn ich eines seiner Bilder sehe, dann höre ich CYNIC.

Henri:
Kannst du denn das Cover erklären? Ich sehe da in einer Figur Motive eines Manns, eines Außerirdischen, eines Engels und einer futuristischen indischen Shiva-Gottheit.

Paul:
Die Figur symbolisiert für mich die Evolution einer Spezies und das reine dynamische Bewusstsein in seiner physikalischen Form.

Henri:
Dann wenden wir uns jetzt den Lyrics zu. Versuche doch einmal beispielsweise die Texte von 'Evolutionary Sleeper' und 'King Of Those Who Know' zu erklären.

Paul:
'Evolutionary Sleeper' ist eine Geschichte mit meinem kreativen Selbst. Es geht aber auch darum, wie wir unerwartete Ereignisse und Plätze in unserem Leben kennen lernen, die erst Sinn ergeben, wenn wir ihre Kommen akzeptieren. 'King Of Those Who Know' erzählt dagegen von Alchemie, Veränderung und dem Hunger nach absoluter Erkenntnis.

Henri:
Nun möchte ich über die Musik allgemein sprechen. Das ist bei CYNIC ganz schön schwierig. Würdest du zustimmen?

Paul:
Ja. Worte können sehr begrenzt sein, wenn sie versuchen sollen eine Musik zu beschreiben, die absichtlich darauf angelegt ist, Orte ohne Grenzen zu erkunden.

Henri:
Ich denke dennoch, dass "Traced In Air" im Vergleich zu eurem "Focus"-Debüt mehr auf weichere Klänge und Töne setzt. Wo siehst du die Unterschiede?

Paul:
Ich denke, dass "Traced In Air" eine größere harmonische Dichte, eine raffiniertere melodische Sprache und mehr Dynamik als "Focus" besitzt. Es ist größer und kleiner geworden, wenn das einen Sinn ergibt. Die Kompositionen sind einfach auf einem anderen Level.

Henri:
Und euer nächstes Album? Werden die Fans nun wieder 15 Jahre warten müssen?

Paul:
Das ist unwahrscheinlich.

Henri:
Dann wage doch einmal bitte einen Blick in die Zukunft eurer Musik: mehr elektronische Spielereien, mehr Death Metal oder doch mehr progressive Stellen? Was denkst du?

Paul:
Ich kann mir natürlich in manchen Aspekten mehr progressive Sounds oder Ambient-Klänge vorstellen. Aber ich finde es schwierig genug in der Gegenwart zu leben. Deswegen interessiert mich die Zukunft im Moment nicht wirklich.

Henri:
Ich habe bereits vorhin eine Frage zum aktuellen Musik-Business gestellt. Gibt es denn neuere Bands, die dich inspirieren können?

Paul:
Ich bin nicht ganz auf der Höhe der Zeit, was neue Bands betrifft. Aber ich bin offen für das, was in der Branche passiert. Allerdings war in den ganzen Jahren die Musik in meinem Kopf so laut, dass ich meine äußeren Hör-Einflüsse ein wenig reduziert habe. Dennoch bin ich immer gespannt auf Neues. Irgendwelche Empfehlungen?

Henri:
Zum Beispiel OPETH. Mit denen geht ihr demnächst auf Europa-Tour. Was denkst du über diese Band?

Paul:
Ich mag ihre Musik. Sie mixen klassisch-progressive Sensibilität mit den Farben von Gothic. Sie machen damit etwas Einzigartiges.

Henri:
Nun noch zu ein paar privaten Themen: Man hört, dass du oft ein paar Tage zum Meditieren brauchst. Kannst du darüber etwas erzählen?

Paul:
Meditation ist ein aktiver Teil meines Lebens. Es ist wichtig für mich, einfach da zu sitzen und in mich zu blicken, damit ich das Leben eindeutiger sehe. Ich befrage die Stille, damit ich verstehe, wer ich neben der Person wirklich bin, die dieses Interview gibt.

Henri:
Und noch eine unvermeidliche Frage in diesen Tagen: Ihr stammt aus Florida, einer der so genannten "swing states" in den USA, die bei den Präsidentenwahlen immer als besonders wichtig gelten. Wie bekommst du denn den Kampf zwischen Obama und McCain mit?

Paul:
Oh. Ich lebe inzwischen seit 12 Jahren in Los Angeles. Florida ist da nicht mehr auf meinem politischen Radar. Und eigentlich bin ich an Politik nicht wirklich interessiert. Dennoch glaube ich, dass das jetzige Rennen um die Präsidentschaft eines der interessantesten Duelle in der Geschichte der USA ist.

Henri:
Zum Schluss habe ich noch ein paar Wörter und Wortgruppen für dich. Bitte sage, was dir dazu jeweils spontan einfällt.

Paul:
* Chuck Schuldiner: Ein extremer Metal-Innovator ... und ein Freund.
* Klimawandel: Das globale Karma bei der Arbeit.
* Cannabis: Arzneipflanze
* Das schönste Mädchen der Welt: Meine beste Freundin Amy Correia.
* KISS: Makeup
* Warren Riker: Ein brillanter Sound-Mixer
* Season Of Mist: Ein Label, das an uns glaubt.

Henri:
Ok, die letzten Worte für unsere Leser gehören dir.

Paul:
Danke für das Lesen dieses Interviews. Testet das neue Album, wenn ihr etwas Neues hören wollt.

Redakteur:
Henri Kramer

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