top banner 104
side banner 107

DISILLUSION: Interview mit Vurtox, Rajk

01.01.1970 | 01:00

Leipzigs DISILLUSION werden momentan ziemlich heiß im Metal-Underground gehandelt, was die euphorischen Reaktionen allerorten von Presse und Fans beweisen. Da folgte ich natürlich gern einer Einladung zur Privataudienz in ihrem Probenraum in einem Keller des Leipziger Hellraiser. Letztendlich stellten sich die Herren Vurtox (alias Andy Schmidt) und Rajk Barthel dem Verhör (auf dem Bild die beiden dunkelhaarigen Typen), da sich DISILLUSION's blondmähniges Trommeltier Jens Maluschka leider verspätete. Doch auch so gab es ein trotz (oder gerade wegen) seiner Länge sehr unterhaltsames Interview, das zusammen mit den Reviews zu den beiden MCD's "Three Neuron Kings" (2001) und "The Porter" (2002) einen guten Einblick zu dieser aufstrebenden Band gibt.
The Porter: http://www.powermetal.de/cdreview/anzeigen.php?albumid=1882
Three Neuron Kings: http://www.powermetal.de/cdreview/anzeigen.php?albumid=1881


Stephan:
Wie weit seid ihr denn mit dem neuen Album? (Soll Anfang nächsten Jahres erscheinen. - Anm. d. Verf.)

Vurtox:
Wir sind noch beim Material sichten. Es ist ja nicht so, dass man, wenn man keine Platte macht, da zwischendurch keine Musik schafft. Das ist natürlich in den letzten Monaten trotzdem passiert. Was jetzt geschieht, ist, dass wir das sichten, was so in den letzten Monaten zu Tage getreten ist. Prinzipiell ist es aber so, dass das halbe Album schon überschaubar ist.

Stephan:
Geht das in etwa in die selbe Richtung wie bei "The Porter"?

Vurtox:
Prinzipiell versuchen wir natürlich schon, noch neue Einflüsse, die wir in uns tragen, gleichzeitig mit einzubauen. Aber wie das Album jetzt genau klingen wird, das kann ich noch nicht sagen.

Stephan:
Warum habt ihr jetzt eigentlich erst diese Single rausgehauen und nicht gleich ein neues Album veröffentlicht?

Rajk:
Das hatte die Ursache in dem Legacy-Preis, den wir gewonnen haben. Wir hatten ja gerade "Three Neuron Kings" fertig und damit haben wir dann den Legacy-Newcomer-Wettbewerb gewonnen. Der Preis beinhaltete, und das war quasi auch Auflage, dass wir einen neuen Song auf dem Legacy-Sampler veröffentlichen. Da hatten wir also gerade einen neuen Song aufzunehmen, was uns auch ein bisschen aus dem Rhythmus gebracht hat, und da erschien es uns aber einfach als zu wenig, wegen nur einem Song ins Studio zu gehen. Da haben wir halt noch einen zweiten aufgenommen, der vor "Three Neuron Kings" schon fertig war. Das haben wir dann auf eine Single gepackt, mit der wir ursprünglich auf Labelsuche gehen wollten, als Ausblick auf unser weiteres Material. Nun hatten wir inzwischen aber schon ein Label gefunden (Voice Of Life - d.Verf.) und dadurch haben wir das als MCD, als erstes Release auf unserem neuen Label herausgebracht. Das soll nun noch ein bisschen anfüttern auf das Album, was es ja auch tut, denn jedes Review endet irgendwie mit dem Satz "Wir sind sehr gespannt, was uns dann auf dem ganzen Album erwartet". (lacht)

Stephan:
Aber die beiden Songs sind jetzt nicht auf dem neuen Album mit drauf?

Rajk:
Nein, wir wollten keine Mogelpackung machen. Das ist wirklich ein Extra-Release, damit das auch einen kleinen Anreiz gibt.

Stephan:
Bezüglich der Reviews, habt ihr eigentlich auch nur ansatzweise solch euphorische Reaktionen auf "Three Neuron Kings" erwartet?

Vurtox:
Kurz und knapp, nein.

Rajk:
Wir haben einfach gemacht. Wir haben uns im Januar 2001 zusammengefunden, angefangen die ersten Lieder zu machen und haben ein Demo aufgenommen. Dann haben wir das an ein paar Zeitungen geschickt und so nahm das Unglück seinen Lauf. (lacht)

Stephan:
Gab es eigentlich auch Verrisse oder waren das durchgängig positive Reaktionen?

Rajk:
Das allererste Review war ein Komplettverriss. Der hatte halt geschrieben, es hat keine Struktur, es ist zu wirr, es hat zu viele Noten und es kann keiner verstehen. Aber ab da ging's eigentlich nur noch bergauf.

Stephan:
Als ihr im Studio wart, hattet ihr da schon irgendwie das Gefühl, dass das etwas Besonderes sein könnte?

Vurtox:
Wir haben ja zumindest eine kleine Vorproduktion gemacht, so richtig ins Blaue haben wir die Songs ja auch nicht aufgenommen. Was uns auf jeden Fall klar war, als wir so einigermaßen fertig waren und die vier Songs mal durchhören konnten, war, dass es durchaus passieren könnte, dass es nur wenige Menschen auf der Welt ergreift, weil es eben in gewisser Weise schon anders ist. Es läuft halt irgendwie in anderen Bahnen zusammen, als man das bei vielen anderen Kapellen hört. Das ist jetzt aber kein Qualitätsmerkmal. Letztendlich haben wir dann versucht, das tatsächlich noch weiter auszuarbeiten. Jetzt wird uns bescheinigt, dass es eine eigene Stilistik und Monster-Eigenständigkeit schon auf der ersten Platte ist. Das ist klasse, aber wir haben das nicht wirklich so direkt geplant. Wir haben versucht, unser Ding zu machen, dass das irgendwie eckig ist, wussten wir, dass das aber so gut ankommt, konnte keiner ahnen.

Stephan:
Ist das jetzt ein Erfolgsdruck für das nächste Album?

Rajk:
Weil die Reaktionen jetzt so gut sind: ja, es ist so. Als wir uns entschieden haben diese Zwei-Track-Single rauszubringen, war schon der Druck da. Bei "Three Neuron Kings" haben wir ganz unbeschwert arbeiten können und plötzlich waren wir der Newcomer-Tipp, wie uns manche Zeitungen tituliert haben, und dem mussten wir ja standhalten. Bei "The Porter" haben wir den Druck verspürt, er ist jetzt auch noch da, aber ich glaube, wir können jetzt besser damit umgehen. Als wir gemerkt haben, dass "The Porter" gut ankommt und ähnliche Reaktionen einfährt, da ist jetzt eher so etwas wie Vorfreude da. Es ist eine Erwartungshaltung da und das ist natürlich besser, als wenn es niemanden interessieren würde.

Stephan:
Wenn ihr die Musik schreibt, ist das grundsätzlich Teamwork oder hat da jemand den Hauptanteil dran?

Rajk:
Ich denke, dass man sehr deutlich sagen kann, der Andy (Der heißt doch Vurtox, Mensch! ;-) - Anm. d. Verf.) hat den Blick und den Plan für den Song. Das Austesten und das Ausfeilen, das ist dann die Teamsache.

Stephan:
Was stellt ihr euch selber für Anforderungen an eure Musik?

Vurtox:
Im Grunde sehr hohe. Es soll sehr variabel sein, mit einer ganzen Reihe von Einflüssen und Stilistiken. Die Stilistik soll dann auch so eingesetzt werden, wie sie gerade am besten wirkt. Das erfordert natürlich eine schnelle Abfolge und eine exakte Ausarbeitung, sodass ein schöner Old-School-Death-Metal-Teil auch neben einem ruhigen Teil funktioniert. Das sind so die Ansprüche, die wir haben. Gleichzeitig aber auch noch eine große Aussage drinzuhaben und in die Atmosphäre reinzulegen. Das ist zwar ein schönes Gefühl, aber es ist gleichzeitig auch anstrengend.

Stephan:
Denkt ihr, dass ihr euch seit "Three Neuron Kings" stilistisch weiterentwickelt habt?

Vurtox:
Sicher, wir haben ja weitergearbeitet und keine Pause gemacht. Die Songs von "Three Neuron Kings" stammen ja erst so aus dem Spätsommer letzten Jahres. Natürlich ist seitdem viel passiert. Wir haben gesehen, wie wir zusammen arbeiten können und wo die Stärken des Einzelnen liegen, denn es war ja damals alles noch sehr frisch. Das hat sich alles auf jeden Fall weiterentwickelt. Wenn man jetzt mit ein bisschen Abstand die Songs hört, nach einem halben Jahr kann man das dann mal, dann merkt man schon, was man jetzt noch weiter ausbauen kann und wo man weiter in die Tiefe gehen kann.

Stephan:
Und wer schreibt die Texte?

Vurtox:
Das mache ich auch noch.

Stephan:
Worum geht es da so im Allgemeinen?

Vurtox:
(lacht) Da gibt es nichts Allgemeines. Aber es geht eigentlich immer um eine abgeschlossene Geschichte. Die kann fiktiv sein, die kann im Privatleben von einem Menschen verankert sein und die beschreibt einen spannenden, bislang auch schwer emotionalen Zustand im Leben der Person. Die fiktive Variante kommt jetzt bei "The Porter" ganz stark zum Tragen. Da geht es um eine Art parallele Welt außerhalb von uns. Da laufen humanoide Wesen rum und es gibt eine ähnliche Infrastruktur. Aber es gibt einen ganz großen Unterschied. Und zwar werden die Erinnerungen der Bevölkerung, da ich sagte es sind humanoide Wesen, nennen wir sie halt Menschen, in einer kollektiven Sammeleinrichtung aufbewahrt. Das ist die Halle der Erinnerungen bzw. "hall of memories". Die Erinnerungen werden in dem Moment, wo sie erlebt werden, zentral gespeichert, wie auch immer das nun wissenschaftlich gemacht wird. Das ist halt so ein metaphysisches Ding. Die Leute erinnern sich nicht direkt, sondern gehen halt dahin und rufen ihre Erinnerungen ab. Sie haben die Erinnerungen nicht so lebhaft wie wir, das funktioniert so ein bisschen wie eine Videothek. In dem speziellen Text geht es aber jetzt eigentlich um den Archivar oder Bibliothekar, der das verwaltet, die Erinnerungen rausgibt und dort sozusagen Ordnung hält. Und irgendwann hat der halt angefangen, das was er da macht, ein bisschen überzubewerten und sieht sich jetzt nicht mehr nur als Archivar, sondern eher als Portier, der den Schlüssel zu den Erinnerungen hat. Er entdeckt nun und ereifert sich stark darüber, dass die Leute, die da hinkommen, nur auf eine kurze Abwechslung aus sind. Er sieht, dass hier eben die Möglichkeit besteht, nicht nur sein ganzes Leben zu betrachten, sondern eine Art Kollektivbetrachtung der Erinnerungen möglich ist. Die ganze Geschichte eines Landes, den Kulturbeginn, das könnte man ja hier erleben. Das hätte er halt gerne und beginnt sich darüber moralisch zu ereifern.

Rajk:
Das ist sozusagen wie ein großer Schatz, der da verborgen ist, aber die Menschen heben ihn nicht, sondern ergötzen sich an den wenigen schönen Augenblicken, die sie in ihrem Leben hatten. Diese Ereiferung darüber, dass sie das nicht so nutzen, wie es möglich ist, macht einen großen Teil des Textes aus.

Stephan:
Wo nimmst du die Inspiration für deine Texte her?

Vurtox:
Kippe und Bier. (lacht) Nein, das dauert. Ich bin ja kein Literat oder so etwas, das ist auch nicht der Anspruch. So etwas entsteht durch viele abstrakte Diskussionen mit Freunden und bei den erlebten Geschichten (in den Texten - d. Verf.) ist es natürlich im Wesentlichen klar. Bei den abstrakten liegt es ja auch auf der Hand, dass es einen gewissen Realitätsbezug gibt. Wirklich abstrakt ist es ja nicht, sondern es ist eher eine abstrakte Darstellung der Realität.

Rajk:
Es dreht sich ja um die Frage, was bedeuten die Erinnerungen. Ist der Mensch die Summe seiner Erinnerungen, ist da mehr oder ist da weniger. So habe ich das verstanden.

Vurtox:
Das wird aber jetzt im Text nicht geklärt.

Rajk:
Das ist ja eine große Frage und es wird zu diesem Thema, wie Andy (Vurtox! - d. Verf.) gerade angedeutet hat, wahrscheinlich eine Fortsetzung geben. Aber mal schauen, das liegt halt ganz bei ihm.

Stephan:
Macht ihr die Musik primär für euch selbst oder wollt ihr damit hauptsächlich andere Leute erreichen?

Rajk:
Ich glaube, es ist beides. Wenn wir die Musik hier machen (im Probenraum - d. Verf.), dann machen wir sie für uns, so dass sie uns gefällt. Andererseits wäre es auch unwahr zu behaupten, dass, wenn es niemanden interessieren würde, das uns auch egal wäre. Uns freut wirklich sehr, dass wir diese Aufmerksamkeit haben. Allerdings passen wir unsere Musik nicht irgendwelchen anderen Geschmäckern an. Wir hoffen darauf die Leute zu erreichen, die das interessiert.

Stephan:
Dann kommen wir doch mal auf den "Großen Preis" zu sprechen... (Das ist die alljährliche Auszeichnung der besten Band Leipzigs, bei der eine Jury den Titelträger kürt und auch etliche "Trostpreise" vergeben werden. Im letzten Jahr schafften es DISILLUSION, für eine Metalband relativ überraschend, bis in die Endrunde der acht besten Bands. - Anm. d. Verf.)

Rajk und Vurtox:
(allgemeines Gelächter)

Stephan:
Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, seid ihr da als schönste Band ausgezeichnet worden. (Das war einer der Trostpreise. :-) - d. Verf.)

Rajk:
(lacht) Das ist doch berechtigt, oder?

Stephan:
Was bedeutet euch dieser Preis, der sich ja weniger mit der Musik auseinandersetzt? (grinst)

Vurtox:
Gar nichts. So ist das.

Stephan:
Was habt ihr da eigentlich genau gewonnen?

Rajk:
Einen Spiegel. Den haben wir hier auch noch irgendwo liegen. Für die Finalteilnahme haben wir auch einen Geldpreis bekommen, den wir benutzt haben um einen Teil unserer Schulden zu bezahlen, was aufgelaufen ist für die Aufnahme von "Three Neuron Kings". Daher war das schon eine sinnvolle Sache. Zum anderen haben wir einen Flyer-Druck gewonnen. Den haben wir genutzt um eine Flyer für "The Porter" zu machen und auf der Rückseite haben wir DARK SUNS (Gothic/Dark Metal-Band aus Leipzig - d. Verf.) die Möglichkeit gegeben ihr "Swanlike"-Album zu präsentieren. Aber diese ganze Geschichte war mit einer sehr ärgerlichen Sache verbunden, denn wir haben dort einfach keinen ordentlichen Sound hingekriegt. Hinterher haben uns eigentlich alle, die das einschätzen können, bestätigt, dass wir einen miserablen Sound hatten und alle unsere Anstrengungen auf der Bühne vergebens waren. Das war leider einer unserer schlechtesten Auftritte, die wir gemacht haben. Also, schnell ein anderes Thema.

Stephan:
Na gut. Wie seid ihr denn zu dem Voice Of Life-Deal gekommen? Über "Three Neuron Kings"?

Rajk:
Ja, das war schon so. "Three Neuron Kings" hat ja an vielen Stellen für großen Wirbel gesorgt, und unmittelbar nach den ersten Reviews kam auch schon die erste Anfrage von einem Label, das etwas größer ist, auch größer als Voice Of Life. Aber dort haben wir einfach nicht den Draht gefunden zu den Labelmachern. Und der Frank (Chef von Voice Of Life - d. Verf.) ist ja hier aus der Gegend und nun auch nach Leipzig gezogen, der hat sich immer bei uns gemeldet und uns letztendlich überzeugt, dass er der Richtige für unser erstes Album ist. Es ist ein kleines Label, das hat den Nachteil, dass er nicht so der große Player im Metalbusiness ist. Allerdings hat es auch ein paar Vorteile, denn er steht voll hinter uns und der Musik, und wir sind täglich in Kontakt. Wir sind Nummer 1 dort und haben vollste Unterstützung. Da wir bis jetzt noch kein Label hatten, war das auf jeden Fall ein Schritt nach vorn.

Stephan:
Aber der Vertrag läuft nur über ein Album?

Rajk:
Der läuft nur über ein Album. Wir haben uns das so ausgemacht, wenn wir zufrieden sind mit der Zusammenarbeit, dann verlängern wir, wenn nicht, suchen wir uns ein anderes Label. Dadurch, dass er auch damit einverstanden war, hatten wir keine Skrupel da so schnell zu unterschreiben. Ursprünglich wollten wir ja erstmal alles abgrasen und mit der Single alle Labels bemustern, aber das hat sich dann so ergeben. Und wir sind auch bis jetzt sehr zufrieden mit der Arbeit von Voice Of Life.

Stephan:
Wie sieht es denn bei euch zukünftig an der Live-Front aus, sind schon irgendwelche Auftritte bestätigt?

Vurtox:
Wir spielen jetzt noch bis Ende November, und dann soll nur noch das Album gemacht werden, damit wir auch ein bisschen mehr Ruhe und Zeit dafür haben. Am Ende ist es halt der ganz normale Kapellen-Stress, wenn du immer am Wochenende unterwegs bist. Das ist zwar alles ganz toll, aber irgendwann ist es halt einfach zu viel und du kommst nicht mehr zum Gitarre-Jammen, was ganz wichtig ist, um neue Songs zu schreiben. Deswegen machen wir jetzt noch die letzten paar Auftritte, obwohl wir das immer weiter nach hinten drücken, und dann machen wir eine Pause.

Rajk:
Wir wollten eigentlich schon im Sommer sagen, jetzt ist der letzte Auftritt, und ab jetzt machen wir nur noch Album. Jetzt ist der letzte Termin der 30.11., aber an dem werden wir nun wirklich festhalten. Wir kriegen halt immer wieder Angebote, die man so schwer ausschlagen kann. Aber ich glaube, der 30.11. ist jetzt wirklich der Punkt, wenn nichts mehr dazwischen kommt. Naja, vielleicht noch einer oder so. (lacht)

Stephan:
Habt ihr auch schon größere Open Air-Festivals gespielt?

Rajk:
Ja, eins, das war das "Fun & Crust" im Westerwald. Da haben wir mit SAMAEL zusammen gespielt, das war uns eine große Freude.

Vurtox:
Das war wirklich gigantisch, bei so einem größeren Underground-Festival vor etwa 1000 Leuten auf der Bühne zu stehen. Im Grunde ist das ja auch das, warum du Musik machst. Nicht um dich feiern zu lassen, sondern weil da draußen dein Publikum ist. Und wenn es nächstes Jahr mit einem der großen Festivals klappen sollte, wäre das toll.

Stephan:
Ihr habt ja auch beim "Heavy Metal - Nix Im Scheddel...?" gespielt. Wie findet ihr diese Veranstaltung und seid ihr auch privat öfter dort?

Rajk:
Also ich finde es gut, dass die dort eine Untergrundkonzertreihe etabliert haben, die auch regelmäßig (läuft einmal im Monat - Anm. d. Verf.) eine ordentliche Anzahl von Leuten zieht, was man ja mit einer Untergrundmetalband nicht unbedingt erwarten kann. Das ist schon ein Verdienst dieser Reihe. Dass ich jetzt noch nicht so häufig dort war, lag daran, dass mir bisher die Bands nicht so zugesagt haben. Wenn da ein bisschen mehr Abwechslung ins Programm kommt, wie es sich ja in letzter Zeit andeutet, dann werde ich da auch öfter hingehen. Bisher war da halt nur die Hardcore- und Knüppelfraktion, und das ist nicht so unbedingt mein Fall. Aber im Großen und Ganzen ist das schon eine geile Sache.

Stephan:
Denkst du, dass da auch ein bisschen Konkurrenz zum Hellraiser besteht, weil letztens war es ja so, dass bei denen ILLDISPOSED und hier im Hellraiser zur gleichen Zeit VADER und KRISIUN gespielt haben?

Rajk:
Das ist ihr eigenes Problem. Ich fände es blöd, wenn sich die wenigen Metalveranstalter hier in der Gegend auch noch bekriegen würden. (Das tun sie ja nicht! - d. Verf.) Es wäre sicherlich einfach möglich da auch mal miteinander zu reden und solche Sachen wie den Konflikt mit dem VADER- und ILLDISPOSED-Konzert zu vermeiden.

Stephan:
Dann würde ich gerne noch mal kurz zu eurer History kommen. Wie habt ihr euch denn über all die Jahre hinweg stilistisch entwickelt?

Vurtox:
Ganz wichtiger Eingangspunkt, wenn es um die History geht, ist, dass so, wie wir jetzt hier vor dir sitzen und zusammen Musik machen, ist das eigentlich erst seit Ende 2000 relevant. Was davor lief, ist im Endeffekt eher die Frage, was hat jeder einzelne von uns gemacht, selbst wenn die Kapelle jetzt noch DISILLUSION heißt. Wir haben uns halt irgendwann mal geeinigt, dass dafür, wie wir mit uns selber umgehen und worum es textlich gehen soll, ist das im Grunde genommen der passende Bandname. Auch wenn das vorher mal unter Metalcore lief, das war damals, bevor Rajk und Jens dabei waren. Im Grunde genommen ist es weniger eine lineare Entwicklung. Irgendwann vor vielen Jahren sind meine beiden vorhergehenden Mitstreiter ausgestiegen, da hab ich dann alleine weitergemacht. DISILLUSION lag brach, da war nix. Und dann haben wir uns alle zusammen gefunden. Der Punkt ist, wir hätten uns auch umbenennen und ein ganz neues Ding machen können und es wäre nicht anders geworden. So müsstest du eigentlich fragen, was hat jeder einzelne bisher so gemacht. Irgendwann ganz früher waren DISILLUSION mal eine Grunge-Kapelle. Dann war es mal Metalcore. In den Endzeiten war es dann Doomcore (es leben die Schubladen, was frage ich auch sowas Blödes - Anm. d. Verf.).

Rajk:
Dann gab es eine lange Pause, wo Andy alleine war. Da hast du, glaube ich, ein paar Songs geschrieben und zumindest die Strukturen für zwei Songs, die wir jetzt noch aktuell spielen. Aber richtig neu los ging es dann erst Ende 2000, als wir in dieser Dreierbesetzung angefangen haben. Trotzdem haben wir natürlich davon profitiert, dass Andy in der Zwischenzeit alleine an Songs gearbeitet hatte.

Stephan:
Wollt ihr eigentlich weiter als Trio agieren oder habt ihr vor noch einen vierten Mann zu rekrutieren?

Vurtox:
Wir brauchen noch einen Saxophonspieler.

Stephan:
Ich dachte eher, dass ihr noch einen Bassisten sucht.

Vurtox:
Ach ja, jetzt, wo du es sagst. Naja, wir versuchen es halt. Wir treffen uns, wir labern, wir probieren, aber es soll immer irgendwie nicht sein. Die Gründe dafür sind verschieden, aber das ist schon ewig ein Problem. Also, als Aufruf: Wir suchen tatsächlich einen Basser, eine Basserin meinetwegen auch, daran soll sich niemand stören.

Stephan:
Würdet ihr dann mit zwei Gitarren und einem Bass weitermachen, oder würdest du dich dann bloß noch auf das Singen konzentrieren?

Vurtox:
Nein, das geht nicht. Das ist natürlich momentan nur eine Light-Version. Auf der einen Seite hat es natürlich eine gewisse Überschaubarkeit, wenn nur eine Gitarre dich anbrüllt. Auf der anderen Seite bricht natürlich der Plan auseinander, wir müssten aus den Plattenversionen eine richtige Liveversion bauen. Wir haben auch schon oft überlegt, ob ich mir den Bass umhänge und wir suchen einen zweiten Klampfer. Bloß bei Klampfern ist das Problem noch komplexer.

Rajk:
Generell ist es schwierig hier jemanden zu finden, der voll auf diese Mucke abfährt. Wir bräuchten im Prinzip einen DISILLUSION-Fan, der genial Bass spielen kann. (lacht) Wir hatten ja schon zwei, drei Kandidaten, die die Mucke geil fanden und sich hier voll integrieren wollten. Bei dem einen hat es an der technischen Seite gehapert, beim andern war es dann so, dass er nicht genug Zeit hatte, weil das hier ja wirklich eine zeitintensive Sache ist. Es geht wirklich nur ganz oder gar nicht, deswegen ist es so schwierig. Aber ich denke, es lohnt sich, also wenn irgendwo da draußen jemand sitzt... (lacht)

Stephan:
Was sind denn die wesentlichen Einflussbands von euch?

Vurtox:
Es gibt da draußen wirklich wahnsinnig viele geile Kapellen, die auch ganz viele eigene Geschichten machen und deswegen wahnsinnig ergreifend sind. Das ist jetzt also nur eine kurze Zusammenfassung der naheliegendsten Bands. Wir haben uns irgendwann mal entschieden, dass wir so ein Spannungsviereck aufbauen von Kapellen, wo unsere Musik drin liegt. Das ist aber noch nicht mal ansatzweise die Liste der Einflussbands. Dazu (zu dem Spannungsfeld - d. Verf.) zählen eben EMPEROR, OPETH, SOILWORK, MESHUGGAH, ANATHEMA, KATATONIA. Aber wie gesagt, wenn du einmal anfängst, wirst du nie wieder fertig. Das geht halt zurück bis zur ersten Kindermelodie, wenn es jetzt um die Einflussfrage geht. Aber unsere Musik bewegt sich halt in dem genannten Spannungsfeld.

Stephan:
Dann kommen wir langsam zum Schluss. Ich würde von euch beiden jetzt gerne noch wissen, was für euch persönlich das Wichtigste an der Band ist und warum die Leute, die euch noch nicht kennen, DISILLUSION antesten sollten.

Rajk:
Das Musikmachen in dieser Konstellation ist für mich das Wichtigste, weil es mir einen Sinn für mein Leben gibt. Von daher ist es das Großartigste, was ich mir vorstellen kann. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Vurtox:
Ich muss dazu ein bisschen weiter ausholen. Zu der Zeit, als die anderen Kumpanen damals ausgeschieden sind, bin ich in ein ganz massives Loch gefallen. Ich hab versucht da wieder rauszukommen, war bei anderen Kapellen als zweiter Klampfer und so, hab aber dann relativ schnell damit aufgehört, weil es keinen Sinn machte. Und was wir jetzt hier machen können in dieser Gesamtkonstellation ist die langfristige Möglichkeit das Ganze, was über Jahre in einem schwelt, rauszulassen. Das aber auch aufbauen zu lassen, weil es ja nicht sofort abrufbar ist. Was mir das Wichtigste ist, dass hier nach vielen Jahren mal wieder eine Langfristigkeit absehbar ist, auf der man sehr fruchtbar arbeiten kann.

Rajk:
Für die nächsten Jahre ist das ja einfach eine Beschäftigung und eine Basis, worauf man aufbauen kann. Das macht es ja so reizvoll. Und zum zweiten Teil der Frage, was die Leute an DISILLUSION geil finden können, hmm...

Vurtox:
Das ist ja eine Frage, die eine arrogante Antwort erzwingt. (lacht) Na, weil's geil ist.

Rajk:
Weil es richtig geiler Metal ist, der zwar ein paar Anforderungen stellt und vielleicht nicht gleich beim ersten Mal ins Ohr geht, wo aber jede investierte Zeit sich sehr auszahlt und lohnt.

Stephan:
Ich danke euch für das Interview.


Anmerkung: Außerdem geht mein Dank an Maria, die mich aufopferungsvoll beim Abtippen dieses Interviews unterstützt hat. Das ist auch der Grund dafür, wenn diesmal ein paar mehr Rechtschreibfehler drin sind als sonst. *fg*

Redakteur:
Stephan Voigtländer

Login

Neu registrieren

Wir verwenden Cookies, um unsere Website besser gestalten und verbessern zu können. Diese nutzen wir unter anderem für die Reichweitenmessung und zu Marketing- und Optimierungszwecken. Durch die weitere Nutzung der Website stimmst Du der Verwendung von Cookies zu (weitere Informationen gibt es hier).