Das vierte Jahrzehnt: The Best. The Rest. The Rare. Teil 1

31.01.2011 | 00:40

Das Jahr 2010 nutzte die POWERMETAL.de-Redaktion zur Rückbesinnung auf die vorangegangenen zehn Jahre in Musik. Zahlreiche Werke der Dekade haben wir Euch vorgestellt, Konsensalben ebenso wie die absoluten Favoriten einzelner Redakteure. Viel blieb dabei liegen, obwohl es uns kaum minder beeindruckte. Persönliche Top-Alben, die sonst fast niemand aus der Redaktion gewürdigt hat, hier noch einmal gesondert zu beleuchten, das soll dieser Nachtrag leisten. Was erwartet Euch? Grabesmäßiger Doom, ungeahnt direkte Härte aus dem Proguniversum, anglo-iberischer Hybridmetal, Drone, Post-Hardcore und Techno-Thrash, dystopischer Schwedentriprock, atmosphärischer Black Metal, Solo- und Gastauftritte von Proggern wie Ian Anderson und James LaBrie, Selbstverlegtes aus Budapest, klassischer Rock aus Mannheim, AOR aus Mittelerde, alpine Fantasiereisen, punkige Longtracks mit Popappeal, progressiver und auch sludgiger Metal aus Louisiana, bärtiger Seattlerock mit Akustik-Charme, braunschweiger Depri-Crossover, Honigbalsam für ausgelaugte Schädel, wild blubberndes Hexengebräu, belgischer Balladen- und transatlantischer Indie-Rock, britischer Synthieprog, von einer Pastorentochter dargebotene Coverversionen und weitere aus Tuva, arbeitswütige Todesblei-Skandinavier, puzzlende Schotten, experimentierfreudige Italiener, Psychedelisches, die Rückkehr des Tigerauges im Löwenfell, schöngeistiger Poprock, Aschegeborenes aus der Kryptozoologie, eine antike Göttin sowie der auf diesen Seiten nunmal unvermeidliche Steven Wilson. Kurzum, viel gute Musik, die in den Jahren 2000-2009 aus dem redaktionsinternen Konsensrahmen fiel, aber dennoch wert ist, erwähnt zu werden, sei es aufgrund stilistischer Eigenheit, sei es aufgrund massiver Qualität. Viel Spaß beim Stöbern!
[Eike Schmitz]

Da die drei beteiligten Redakteure einfach nicht aufhören konnten, unterteilen wir diese Rückbesinnung in zwei Teile und beginnen mit den Jahren 2000-2004. Anbei auch noch einmal die Links zu den entsprechenden "hochoffiziellen" Ranglisten der Redaktion für die betreffenden Jahre.

Zum ersten Teil: 2000
Zum zweiten Teil: 2001
Zum dritten Teil: 2002
Zum vierten Teil: 2003
Zum fünften Teil: 2004

Das vierte Jahrzehnt: The Best. The Rest. The Rare. Teil 2

 

2000


Schwelgerisches Gefühlskino in Pop und Rock, großformatig zelebrierte Songs voller Sehnsucht, verhaltener Leidenschaft, Harmonie und Opulenz, klassisches Rockinstrumentarium gespickt mit Akustikgitarre und dezenten Effekten, entschleunigte Musik, die glitzert, gleitet, galant zwischen Britpop und Postrock hindurch ihrer eigenen Nische entgegen navigiert - das bietet "Weather Underground" von GENEVA bereits seit dem Jahr 2000. Höchste Zeit also, sie zu entdecken! Manchen mag das zu glatt, durchgestyled, kantenlos, hochtönend klingen; wer sich aber einfach in "nur schöner" Musik dahintreiben lassen will, wird hier fündig.
[Eike Schmitz]

Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass HYPOCRISYs 2000er Scheibe im Bandschaffen irgendwie häufig unterbewertet wird. Dabei ist "Into The Abyss" ein großartiges Stück melodischer Todesstahl aus Tägtgrenscher Feder. Klar, für alle war 'Fractured Millenium' vom ein Jahr zuvor erschienenen, selbstbenannten Vorgängeralbum der neue große HYPO-Hit (und legitimer Nachfolger von 'Roswell 47'), aber man sollte doch die allesamt großartigen Granaten 'Legends Descend', 'Unleash The Beast', 'Fire In The Sky' und vor allem das exzellente 'Deathrow (No Regrets)' nicht vergessen, die darüber scheinbar ein bisschen untergingen. Überhaupt war Peter Tägtgren zu dieser Zeit auf einem Hoch in punkto kreativer Schaffenskraft, wie sein tolles, nur weniger Monate vorher unter dem Banner PAIN veröffentlichtes Industrial-Elektro-Groove-Metal-Überraschungspaket "Rebirth" eindrucksvoll bewies. Auch "Into The Abyss" besticht mit durch und durch gelungenen und dabei unverkennbar nach HYPOCRISY klingenden Songs. Warum das keiner der Kollegen so sah und das Album ebenfalls nominierte, bleibt rätselhaft. Immer noch ein unbestrittenes Highlight unter all den Platten, bei denen Mr. Tägtgren seine Finger im Spiel hatte.
[Stephan Voigtländer]

2001


Die Deutschen ALIAS EYE aus dem Mannheimer Raum haben mittlerweile immerhin bereits drei Alben, auf die sie zurückblicken können, sowie eine Supporttour für SAGA auf der Habenseite. Ihr Debüt "Field Of Names" ist von den drei Alben das rockigste, oder besser, am wenigsten proggige, und ist deshalb sicherlich für PM.de das geeignetste. Aushängeschild der Band ist Sänger Philip Griffiths, der eine prägnante und kraftvolle Stimme hat. Auf den ersten beiden Alben war zudem noch Vytas Lemke an den Keyboards und verschiedenen anderen Instrumenten sehr einflussreich, später erscheint es mir, als hätte sein Engagement abgenommen, was dann auch zur Trennung führte. Zwar arbeiten die Fünf seit einigen Jahren an ihrem vierten Album, aber da niemand weiß, wann es endlich so weit sein wird, bleibt Zeit, die alten Alben aufzuarbeiten, am besten begonnen mit "Field Of Names", das mit dem Titelsong, 'Premortal Dance' und 'Driven' drei phantastische Hits enthält. Ein Besuch der MySpace-Seite, wo 'Premortal Dance' gestreamt wird, lohnt sich!
[Frank Jaeger]

Das nächste hier vorzustellende Album stammt von einer Frau, die, wie aufmerksame POWERMETAL.de-Foristen mitbekommen haben dürften, meinen musikalischen Zeiger zuverlässig zum Ausschlag bringt. 2001 coverte sich TORI AMOS quer durch die Männerwelt, interpretierte auf ihre unnachahmliche Weise Songs nicht nur, aber auch, über Männer und Frauen, geschrieben von Männern. "Strange Little Girls"? Nun ja, merk-würdige Songs jedenfalls, gerade auch in Toris Versionen. Ziemlich ungewöhnlich klingen die Rap-Mörderballade ''97 Bonnie & Clyde' von EMINEM, das BEATLES-Stück 'Happiness Is A Warm Gun' und SLAYERs 'Raining Blood'. Einfach nur schön sind 'Enjoy The Silence' (im Original von DEPECHE MODE) und 'Time' (von TOM WAITS). Leicht psychedelisch wirkt 'Rattlesnakes' (LLOYD COLE & THE COMMOTIONS), und verstörend Ms. Amos' Interpretation von NEIL YOUNGs Suche nach dem 'Heart Of Gold'. Tori macht die Stücke zu ihren eigenen, darum wirkt manches wunderlich, ein jegliches wieder anders, und jedes auf seine Weise gut.
[Eike Schmitz]

Eine in Prog-Kreisen hochgeschätzte Band hat 2001 ihr zweites Album veröffentlicht und eine echte Perle abgeliefert. Tore Ostby an der Gitarre ist den meisten bereits durch seine vorherige Band CONCEPTION bekannt, mit der er vier Alben veröffentlichte. Dazu holte er sich bereits auf dem Vorgängerwerk den damals noch unbekannten Jorn Lande und nahm insgesamt zwei Alben unter dem Namen ARK auf, von denen "Burn The Sun" das letzte darstellt. Im Gegensatz zum Erstling geht die Band direkter zu Werke und mit weniger ausufernden Instrumentalpassagen, was die Metaller freute, die Progger zu Stirnzunzeln veranlasste. Aber ihren Stil haben sie verfeinert und eine ganze Reihe Ohrwürmer aufgenommen, die das Album im Erscheinungsjahr unter die besten Prog-Metal-Scheiben des Jahres katapultierte. Warum war die nicht in den Jahrescharts vertreten? Ich glaube, die haben einfach nicht alle...

Der MAGNUM-Frontmann BOB CATLEY hat während der Auszeit seiner Stammformation gleich mehrere Alben veröffentlicht, bei denen ihm erfahrene Songschreiber Lieder entwarfen, die zu seiner Stimme passten. Auf den ersten Alben war dies Gary Hughes, bekannt als Gitarrist der Band TEN. Dessen Handschrift ist auch auf "Middle Earth", dem dritten und letzten gemeinsamen Album, unverkennbar, nur dass Hughes noch nie und auch niemals wieder ein so makelloses Album voller Kitsch und Pathos kreiert hat. Catleys große Stimme in den AOR-Hymnen ist das große Kino, und natürlich gibt Tolkiens Geschichte auch genug dafür her. Aber Umsetzungen des Stoffes gibt es viele, jedoch nur wenige, die es schaffen, den positiven Freundschaftsaspekt der Geschichte so ungeniert süßlich rüberzubringen wie "Middle Earth". Sicher ein Album, das für viele eben zu kitschig sein dürfte, aber mich hat es vom ersten Hören und Lesen der Texte erwischt. In dieser musikalischen Nische ist es wegweisend und makellos.
[Frank Jaeger]

2002


Ein in Louisiana unter das Volk gebrachtes Demotape wird nach x-maligem Umkopieren auf einer Tour ins nordische Europa einem der an den Aufnahmen Beteiligten wieder zugesteckt - von einem begeisterten Fan, der nicht weiß, dass er damit Eulen nach Athen trägt. Dies, so will es jedenfalls die Legende, gab den Ausschlag für DOWN, das zunächst nur aus Spaß an der Freude eingespielte Material offiziell zu veröffentlichen. Im Jahre 2002 folgt dann auf das kultige "NOLA" das etwas bluesiger angehauchte "II. A Bustle In Your Hedgerow..." der Southern Metaller. Hardrock, Metal, Sludge und Southern Rock - mehr braucht es nicht, sofern die Mischung stimmt, um einen höllischen Groove auf's Parkett zu legen. Noch im gleichen Jahr fing ich Feuer, und dieses Feuer brennt noch immer. Nicht nur bei mir: Aus dem ehemaligen Nebenprojekt ist inzwischen die Hauptband der Beteiligten geworden. 'Nuff said.
[Eike Schmitz]

Auf dem Ipecac-Label von FAITH NO MOREs Mike Patton erschien 2002 das ISIS-Album Numero zwo. Und so vielschichtig und unergründlich wie der Ozean ist "Oceanic" von den Ausnahmekönnern aus Amiland auch in musikalischer Hinsicht. Der Bastard aus Post Metal, Sludge, Doom, Hardcore und Ambient lässt den Hörer nicht mehr los und nimmt mit auf eine spannende Reise voll überraschender Wendungen. Im Gegensatz zur Wundertüte "Oceanic" fiel der nachfolgende, aus kommerzieller Sicht erfolgreichere "Panopticon"-Rundling vielleicht etwas gradliniger, dafür aber auch einen Tick weniger vielseitig aus. In dieser Hinsicht stellt "Oceanic" wohl den Höhepunkt des Musikschaffens von ISIS dar. So oder so ist es natürlich ein großer Verlust, dass sich die Band im vergangenen Jahr auflöste, waren sie doch für viele nachfolgende Combos ein musikalischer Wegbereiter und werden immer wieder als Referenzband genannt. Hört man dieses wunderbare, facettenreiche und innovative Album, weiß man, warum das so ist. Es gibt so viel zu entdecken, so viele fesselnde Momente, dass es sich einfach nicht abnutzt und "Oceanic" eine der Scheiben ist, die man gern immer wieder auflegt ohne dabei den Eindruck zu haben, dass man die Platte schon komplett erschlossen hätte oder gar Abnutzungserscheinungen auftreten. Zweifellos ein Paukenschlag abseits des Mainstream-Metals.
[Stephan Voigtländer]

2003


Eigentlich ist IAN ANDERSON bekannt als Frontmann und Flötenschlumpf der unkaputtbaren JETHRO TULL, deren Schicksal es ist, immer wieder ihre alten Hits in den Vordergrund stellen zu müssen, obwohl sie seit ihren frühen Erfolgen bis in die 2000er Jahre hinein immer neue Alben produziert haben, die übrigens zu einem großen Teil die frühen Werke in den Schatten zu stellen vermögen. Doch daneben schafft es Ian gelegentlich, auch noch eine Soloplatte abzuliefern. In diesem Fall ist "Rupi's Dance" eine entspannte, witzige und für Anderson typische Folkrock-Scheibe mit der berühmten "Tongue in Cheek", wie schon der Satz "got a Capucchino lip on a short skirt day" bezeugt. Rupi ist übrigens eine Katze. Und dieses Album ein wunderschönes Sommerscheibchen, das beschwingt und leicht durch den Raum und die Gehörgänge fleucht und ein Lächeln auf jedes Gesicht zaubert, dem die Töne begegnen.
[Frank Jaeger]

Und nun zu etwas ganz anderem. Untypisch für diese Seiten: Der helle, klare, anmutige, leichtgewichtige, darob aber nie belanglose oder gar kitschige Klang einer musikalischen Perle, die das Jahr 2003 der Musikwelt bescherte. Songs wie 'The New Year', 'Lightness', 'Passenger Seat' und 'We Looked Like Giants' sollten eigentlich genügen, um Freunde von kristallklarem Rock und Indiepop für "Transatlanticism" zu begeistern. Dynamisch aber in gemäßigten Bahnen verlaufen die Songs von DEATH CAB FOR CUTIE darauf. Einiges Nachdenkliches, viel Gefühlvolles und eine gewisse Liebe zum Detail bei größtmöglicher Eingängigkeit sowie einige naturbelassene Flächen und Kanten lassen die Musik auch beim x-ten Hören noch frisch klingen, selbst wenn sie "unspektakulär" daherkommt - flirrend leicht zwar, jedoch mit Tiefgang.
[Eike Schmitz]

Progmeister Henning Pauly machte sich auf dem FRAMESHIFT-Album "Unweaving The Rainbow" daran, die Theorien des Evolutionsbiologen Richard Dawkins musikalisch umzusetzen, besonders die Bücher "The Selfish Gene", "Unweaving The Rainbow" und "Climbing Mount Improbable". Abgesehen von der außergewöhnlichen Thematik stellt dieses Album neben Paulys Werk "exe" seines Projekts CHAIN den Höhepunkt des bisherigen Schaffens des Künstlers dar. Weil Prog-Alben oft natürlich besonders daon abhängen, ob Gesang und Gesangsmelodie die ausufernden Instrumentalarrangements zusammen halten können, liegt ein besonderer Wert auf der Stimme. Für dieses Werk hat sich Pauly niemand geringeren als DREAM THEATER-Fronter James LaBrie geholt, der gewohnt großartig agiert und dem phantastischen Werk das Tüpfelchen aufs i setzt.

Jim Peterik, den sicher jeder als Mitglied der Band SURVIVOR und Co-Autor von 'Eye Of The Tiger' kennt, rief PRIDE OF LIONS ins Leben und fand dafür den jungen Tobi Hitchcock als Sänger, der aus diesen guten Songs die Juwelen machte, als welche sie nun zwölf Mal auf dem Debüt der Band glänzen. Außer eventuell bei SEVENTH KEY wurde Achziger-Jahre-Stadion-Rock im vergangenen Jahrzehnt nie nochmal so großartig und unironisch dargeboten, quasi zwanzig Jahre in die Neuzeit gebeamt, nur um zu beweisen, dass große Songs und große Gefühle in jeder Ära funktionieren. Textlich bleibt man zwar auch den traditionellen Plattitüden treu, aber wen interessiert das, wenn man pfeifend und hüpfend durch die Wohnung tanzt? AOR hat noch lange nicht ausgedient, solange alte Heroen und Könner wie Jim Peterik (und John Whetton mit ASIA natürlich nicht zu vergessen) weitermachen. Aber "Pride Of Lions" ist mein AOR-Album des vergangenen Jahrzehnts.
[Frank Jaeger]

SUCH A SURGE ist sicher eine Band, die zu Polarisierung führen kann: Hardcore, Heavy Rock, Hip Hop - und dann noch auf Deutsch! - Kann diese Mischung funktionieren? ... Auf "Rotlicht" tut sie das meines Erachtens bestens. Radiohörer dürften SUCH A SURGE eher über Singles wie 'Silver Surfer' und 'Chaos' kennen gelernt haben; hüpfbare Songs, die nach vorne gehen und chartkompatibel sind bzw. waren. Mit "Rotlicht" hat die Band ihren Stil zwar nicht grundlegend geändert, setzt aber andere Nuancen.
Titel wie 'Sag jetzt nichts' und 'Aktion' thematisieren Zwischenmenschliches relativ direkt, danach gerät der Band aber alles zu vexierbildhaften Innen/Außen-Ansichten: Der Mensch zwischen Ich, Über-Ich und Es; das lyrische Ich zwischen privaten Träumen und gesellschaftlichem Spiel; der Hörer zwischen den Stühlen, wenn es um die Frage geht, wo die Ursache der psychischen Labilität zu verorten ist. 'Alles muss raus' und 'Hypochonder' beschreiben Zustände, die sich so oder so deuten lassen. Für einen 'Augenblick' gibt es Seelenruhe, danach setzt die Pein wieder ein. Zunächst wieder im Kleinen mit 'So viele Fragen', danach durch und durch mit dem borderline-artigen 'Fremdkörper', dem egotrippig/bulimischen Gesellschaftsbild 'Nie genug' und dem durchweg depressiven 'Aufstehen', bei dem ein unförmig verwabertes und doch bleischwer verfremdetes BLACK SABBATH-Mundharmonika-Sample ('The Wizard' - vom kraftvollen Ausgansstoff in sein komplettes Gegenteil verkehrt) jegliche Motivation in tiefsten Untiefen versenkt. Mit 'Kann alles sein' kommt noch mal ein Anflug rebellischer Empörung zum Vorschein, bloß um "Rotlicht" sich dann bei 'Keinen Schritt weiter' endgültig in panischer Verzweiflung verausgaben zu lassen.
Das Album ist ein Psychotrip, sicherlich selbstquälerisch, dabei aber keineswegs saft- und kraftlos, sondern im Gegenteil alles unter Benzin setzend. Das Streichholz schabt und schrabbt, um im letzten Moment noch vor dem Flammpunkt verharrend den Zuhörer um so geschaffter zurück zu lassen. "Rotlicht" ist ein krisenhaftes Album voller Sozialphobie, verstört und verstörend, und vielleicht auch das untypischste der Band. Ein Album ohne offensichtliche Hits, aber eines das wächst, so wie ein Knoten in der Brust.
[Eike Schmitz]

 

2004


Steven Wilson, bekannt als Mastermind hinter PORCUPINE TREE, hat sich 2004 mit einem israelischen Künstler zusammen getan, um ein Projekt namens BLACKFIELD zu gründen. Laut eigenen Aussagen haben sich die beiden zu den Aufnahmen nie getroffen, es saß der eine in England und der andere im Nahen Osten, aber die Kollaboration war so erfolgreich, dass diesem Album sogar drei Jahre später noch ein weiteres folgte - und in Kürze sogar der dritte Teil erscheinen wird. Zuerst aber war da "Blackfield", ein ruhiges Rockalbum voller Melancholie, Sehnsucht und Zerbrechlichkeit, das zwar Wilsons Handschrift trug, aber einen deutlichen Popappeal durch den Israeli Aviv Geffen erhielt, dessen Song 'Cloudy Now' der heimliche Hit des Albums ist. Durch die Reduktion auf das Wesentliche, kurze Song, die eingängigen Hooklines und die melancholischen Texte sticht dieses Projekt aus Wilsons Diskographie heraus und kann kaum dem üblichen Progstil des Meisters zugeordnet werden. Ein Grund mehr, ein Ohr zu riskieren!

Progressive Metal ist jetzt nicht die häufigste Musikart in Lousiana, könnte ich mir vorstellen, aber dafür haben CEA SERIN immerhin gleich mal ein Feuerwerk losgelassen, das irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn, Hörspiel und Prog Metal sein Unwesen treibt. Die langen Songs stecken irgendwo zwischen DREAM THEATER und RIVERSIDE gemischt mit Filmmusik, einem Genre, dem Bandleader Lamm auch sonst frönt. Aber bei CEA SERIN darf er auch mal richtig heftige Riffs raushauen, die Einflüsse auch aus dem extremeren Metal offenbaren. Dass dieses über Nightmare Records allgemein verfügbare Album so unbekannt ist, bleibt ein Mysterium und ein Beweis dafür, dass sich Qualität eben doch nicht immer durchsetzt. So bleibt dieses Album ein Geheimtipp, der in naher Zukunft übrigens einen Nachfolger haben wird, da die Band für 2011 ein neues Album in der Mache hat. Bis dahin sollten Progliebhaber sich "... Where Memories Combine" unbedingt zugelegt haben.
[Frank Jaeger]

Zu den hier gesondert vorzustellenden Ausnahmewerken des Jahrzehnts zählen nicht zuletzt auch die Außenseiter und stilistischen Experimente jenseits der Mehrheitsfähigkeit. Einen fürwahr verwunschenen Hexenpunsch braute die italienische Band ENSOPH im Jahre 2004 zusammen. "Opus Dementiae - Per Speculum Et In Aenigmate" mit seiner eigenwilligen Mischung aus kauzig theatralischem bis abgrundtief schroffem Gothic, dem Extremgesang des Black Metal, aufgelockert von proggigen Flötentönen, windschiefen Klavierläufen, und immer wieder auch einigen (allerdings recht verspielt daherkommenden) Industrialanleihen, ist Grund genug, die Gruppe alleine aufgrund ihres Freakfaktors zu erwähnen. Doch auch wenn die Stücke ihres zweiten Longplayers selbst nach Jahren noch etwas sperrig bleiben, kann man ENSOPH einen Vorwurf nicht machen: Sich hier am Unmöglichen versucht zu haben; denn faszinierenderweise fügen sich die Puzzleteilchen tatsächlich zusammen und ergeben ein äußerst interessantes Gerüst, dessen mitunter spukhaft offen gehaltene songwriterische Leerstellen von einer seltsam berückenden Atmosphäre gefüllt werden, die meines Erachtens hervorragend zum okkulten Charakter der Songtitel passt und keine Wünche offen lässt. Eine gewisse grundlegende Offenheit und wohl auch Gewöhnung des Hörers an den bandeigenen Stil ist hier dennoch vonnöten: An acquired taste, wie der Engländer sagt.
[Eike Schmitz]

Erfolg schützt vor Qualität nicht. Klar, es ist weiterhin Punk, aber das muss ja nicht schlecht sein. Eingängige Popmelodien? Nichts dagegen. Und natürlich eine politische Aussage, die zwar nicht neu ist, aber eben Punk. Dabei kann aber die Entwicklung, die GREEN DAY in den 15 Jahren ihres Bestehens nahmen, nicht geleugnet werden. Dies ist Progressive Punk, und einen Song, oder besser ein Epos, wie 'Jesus Of Suburbia' werden sie vielleicht nie wieder hinbekommen. Trotzdem oder gerade deswegen gehört das Album mit der Zeitgeist-Hymne "American Idiot" in jeden gut sortierten Rockerhaushalt, denn es markiert den Schaffenshöhepunkt der Band, der mit dem über neunminütigen 'Homecoming' noch einen Longtrack enthält. Longtrack? Im Punk? Ja, genau. Sag ich ja, muss man haben. Und dass die Band damit den großen Durchbruch hatte, diverse Hits in die Charts schoss und die Herren zu Teenie-Idolen wurden, ändert ja nichts an der Musik.
[Frank Jaeger]

2004 war das Jahr, in welchem den Belgiern MUD FLOW ihr bestes Album gelang, da kamen auch "Re-Act" davor und "Ryunosuke" danach, beides keineswegs schlechte Platten, beim besten Willen nicht ran. MUD FLOW, in Insiderkreisen sehr hoch gehandelt, sind nie bei einer größeren Plattenfirma untergekommen, und so war außerhalb Belgiens nicht so ohne weiteres an ihre Scheiben ranzukommen. Wenn man sich die Alben zulegen wollte, konnte man sie für lange Zeit lediglich über deren Homepage bestellen. Mittlerweile ist wohl zumindest der Erwerb der MP3-Versionen ihrer Alben kein Problem mehr. Dennoch, man findet über MUD FLOW generell kaum etwas im Weltweitnetz (auf ihrer Myspace-Seite ist außer ein paar Songbeispielen nix an weiteren Infos zu finden und die "offizielle" Homepage verlinkt inzwischen weiter zu einem amerikanischen Comedian), auch Reviews zu "A Life On Standby" scheint es nicht zu geben. Fast scheint es so, als solle diese wunderschöne Musik eben gerade nicht zu vielen Menschen Zugang finden, sondern einem kleinen Kreise von Eingeweihten vorbehalten bleiben. Dabei hat der balladesk-poppige Rock der Belgier - wobei von der sehr gefühlvollen, träumerischen Sorte - durchaus das Potenzial bei einer größeren Hörerschaft Anklang zu finden, denn insbesondere "A Life On Standby" hat viele große Momente zu bieten. Besonders beim ergreifenden 'Chemicals' zieht es mir jedes Mal die Schuhe aus. Einer der schönsten Songs, die ich kenne. Und 'Today' mit seinem eingängigen Drive holt danach sofort wieder aus einem möglichen Zustand von verträumter Schwelgerei heraus. "A Life On Standby" ist jedoch keine besonders schwermütige Platte, irgendwie haben MUD FLOW hier einfach eine perfekte Mischung und jede Menge wunderbare Songs hinbekommen. Kein Zweifel, diese Belgier ham's einfach drauf.
[Stephan Voigtländer]

Einen eklektizistischen, atmosphärischen, trippigen Ansatz verfolgt PAATOS, eine Band, die man als progaffiner Mensch in Auge und Ohr behalten sollte, weil sie sich immer wieder kreativ sprühend wandelt, ohne dabei allzu wilde Haken zu schlagen. "Kallocain" weist dabei mehr Rocktradition auf als der Vorgänger "Timeloss", klingt allerdings lebendiger, dynamischer, manchmal auch psychedelischer als die Kollegen von PORCUPINE TREE, mit denen PAATOS auch schon tourten. Klar und rein ist der Klang von "Kallocain", mitunter auch verstörend, vor allem aber - betörend. Für eine Plazierung in meinen Top 5 des Jahres 2004 hat das denn auch locker gereicht.
[Eike Schmitz]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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