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END OF GREEN: Interview mit Sad Sir

04.09.2017 | 12:36

Wieso eigentlich nicht? Man lebt schließlich nur ein Mal. Das dachten sich auch END OF GREEN-Gitarrist Michael "Sad Sir" Setzer und seine Kumpanen, als sie die Arbeiten an dem nunmehr neunten Studioalbum begannen. Und siehe da, "Void Estate" ist ein sehr schönes Album geworden, das die typische END OF GREEN-Atmosphäre perfekt einfängt, ohne dass sich die Band im Kreis bewegt. Das nahmen wir zum Anlass und baten Sad Sir um ein Gespräch. Und was dieser sympathische Herr zum "The Painstream"-Nachfolger zu sagen hatte, erfahrt ihr hier.

Sad Sir, herzlichen Dank, dass ich dir ein paar Fragen zur neuen Scheibe stellen kann. Bevor es thematisch jedoch um diese geht, lass mich kurz wissen, wie es euch so geht.
Sehr gut, abgesehen davon, dass ja eh immer was ist, haha. Nö, im Ernst so richtig klagen können wir gerade nicht und ich deute das mal als ein gutes Zeichen.

Euer letztes Album ist nun fast genau vier Jahre alt. Was ist seit "The Painstream" bei euch passiert außer der Veröffentlichung des Live-Albums?
Wir waren auf Tour mit "The Painstream", haben uns dann ein bisschen um uns selbst gekümmert  und dann die Schnapsidee in die Tat umgesetzt, eine Akustik-Tour zu machen. "Darkoustic" haben wir das genannt, damit es sich nicht so nach CVJM am Lagerfeuer anhört. Die "Silent Night"-Live-CD war eigentlich schon sehr lange fertig, wir hatten lediglich nie einen passenden Zeitpunkt gefunden, sie zu veröffentlichen. Wenn man das vor Weihnachten macht, sieht es aus wie so ein Sarah-Connor-Marketing-Gag und wenn Frühjahr und der Sommer kommen, ist eine Akkustik-Platte auch irgendwie komisch. Die "Darkoustic"-Tour bot sich da dann irgendwie an. Das Konzert haben wir vor Jahren in der Röhre in Stuttgart mitgeschnitten, ich glaube es war das vorletzte Konzert dort, bevor der Club Stuttgart 21 zum Opfer fiel. Irgendwie ist das auch ein bisschen unsere Art, an diesen fantastischen Club zu erinnern.

Dort war ich leider nie, aber ein schöner Gedanke zumindest. Euer neues, nunmehr neuntes Album trägt den Titel "Void Estate". Kann man es grob mit "leeres Anwesen" übersetzen? Inwiefern verbindet der Titel die einzelnen Songs des Albums? Wie ist der Zusammenhang zwischen Titel und Album?
"Leeres Anwesen" funktioniert da genauso gut wie "Haus im Nichts" - das gefällt mir auch am Titel. Zusammen mit dem Covermotiv hat das bei jedem von uns völlig unterschiedliche Bilder erzeugt - wahrscheinlich waren wir noch nie so nahe an "Kunst", haha. Wir hatten tatsächlich zuerst das Artwork und dann kloppte irgendwie "Void Estate" durch den Raum. Keine Ahnung, wo das plötzlich herkam, aber irgendwie machte es Sinn, auch weil es die Stimmung der Platte tatsächlich traf.

Steckt eine spezielle Geschichte oder ein Konzept hinter der neuen Scheibe?
Eigentlich nicht, zumindest nicht mehr, als das normalerweise der Fall ist. Wir schreiben seit jeher Lieder und hoffen, dass die zusammen ein schlüssiges Bild ergeben. Vieles erledigt sich da auch fast wie von selbst. Ehrlich gesagt, waren wir dann allerdings auch etwas von uns selbst überrascht, als die Platte konkrete Form annahm. Irgendwann muss man ja mal aufhören, sich nur irgendwie treiben zu lassen und tatsächlich schauen, wie das alles zusammenpasst. Und das tat es erstaunlich gut, wenn auch - das ist uns auch klar - etwas anders als man das eventuell von uns erwarten würde. Letztendlich ist es aber ein gutes Zeichen, wenn man sich nach all den Jahren auch noch selbst überraschen kann, hehe.

Vergleiche zum Vorgänger bleiben natürlich nicht außen vor. Was ist deiner Meinung nach der musikalische Unterschied zwischen den beiden Alben?
Ganz ehrlich, ich konnte sowas noch nie richtig beurteilen. Ich denke "Void Estate" ist wahrscheinlich etwas gewagter als unsere Platten bisher. Ich meine das eher im Sinne: sich tatsächlich treiben lassen und alles um uns herum auszuklammern - soweit das natürlich geht. Wenn der Hund mal raus muss, dann muss er raus. Aber sich von musikalischen Erwartungen frei zu machen, hat durchaus seinen Reiz. Und da meine ich hauptsächlich unsere eigenen Erwartungen. Den Rest kannst du ja eh nie steuern. Wir hatten schon oft den Gedanken, ob wir "irgendwas bringen" könnten, so im Sinne von: Das kannst du aber nicht machen. Mittlerweile ist "Wieso eigentlich nicht?" eine völlig einleuchtende Antwort.

Das Album ist ungemein vielschichtig, es lädt zum Träumen ein und bietet eine wunderbare und dichte Atmosphäre. Wie wichtig ist für euch eine passende Atmosphäre sowohl live als auch auf Platte?
Ich denke, darum geht's letztendlich: Lieder und Stimmung. Und ich mich stört es überhaupt nicht, dass wir live oft etwas ruppiger und härter als auf Platte sind - im Gegenteil. Das alles gehört zu uns. Manchmal fasziniert es mich fast, dass viele Lieder bei unseren Konzerten ein völlig anderes Gesicht bekommen als auf Platte.

Bestehen denn Pläne mit dem Album auf Tour zu gehen? Gibt es schon Konkretes zu berichten?
Wir werden im Oktober und November wieder ein bisschen autobahnen und danach hoffentlich auch nicht damit aufhören. Ich glaube, wir haben uns in den vergangenen Jahren etwas zu sehr zurückgenommen, was Konzerte angeht. Das ist nicht gesund. Also, auch für den Körper. Das Summer Breeze steckt mir noch immer in den alten Knochen, mit etwas mehr Training wäre das nicht passiert, haha.

Na dann wird es Zeit, hehe. Euch gibt es schon seit nunmehr 25 langen Jahren. Rückblickend, was waren eure High- und was eure Lowlights in zweieinhalb Dekaden END OF GREEN?
Highlight, ganz klar: dass wir überhaupt noch da sind. So viele Bands, mit denen wir damals durch die Clubs und Jugendzentren gezogen sind, gibt es gar nicht mehr. Das finde ich schade. Umso mehr freut es mich, dass UNDERTOW oder JACK FROST noch da sind. Ein anderes und wahrscheinlich das größte Highlight: Achim Ostertag. Er hat an uns geglaubt, als uns keiner mehr mit dem Arsch angeguckt hat. Ich denke, wir haben ihm und T. unglaublich viel zu verdanken. Was die Lowlights angeht: Wir hatten genug Ärger, Drama und Mist in unserem (Band)-Leben, als dass wir uns zu lange damit aufhalten sollten. Ändert ja nix.

Sehr schöne Schlussworte eines sehr schönen Interviews. Sodann wäre ich mit meinen Fragen auch durch und möchte mich noch einmal herzlich bei dir bedanken. Ich wünsche euch viel Erfolg mit dem neuen, sehr emotionalen und schönen Album. Die letzten Worte gebühren selbstverständlich dir.
Wir möchten uns von ganzem Herzen bedanken für die Unterstützung und auch für die Mühe, dass du dich tatsächlich mit Musik auseinandersetzt. Vielen Dank!

Redakteur:
Marcel Rapp

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