GHOST BRIGADE: Interview mit Wille Naukkarinen

05.11.2014 | 06:53

Das finnische Sextett veröffentlicht am 7. November sein viertes Album. "IV - One With The Storm" bietet gewohnt bärenstarkes Material, wenn auch etwas gemäßigter als seine Vorgänger. Gitarrist Wille darüber, wie sich Besetzungswechsel, Auszeit und Death Metal auf die neue CD ausgewirkt haben.

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Wille Naukkarinen, seines Zeichens Gitarrist und kreativer Kopf der Melancholiker aus dem mittelfinnischen Jyväskylä, widerspricht jeglichen Klischees, die einem Boulevard und Co. über die Nordeuropäer verzapfen wollen. Er ist gut gelaunt und in Plauderlaune. Aus der anberaumten Interviewzeit von 30 Minuten wurde schließlich eine Stunde. "Eigentlich hätte ich vor zwei Minuten schon im Proberaum sein müsse", witzelt Wile, nachdem er auf die Uhr schaut. "Aber das ist nicht weiter schlimm. Wir proben eh gleich hier um die Ecke." Na dann ist's ja gut.

Das letzte Album von GHOST BRIGADE war "Until Fear No Longer Defines Us" und hat bereits drei Jahre auf dem Buckel. Im Musikbusiness eine verdammt lange Zeit, zumal es auch sonst recht still um die Band geworden ist. "Wir mussten uns zunächst einmal sammeln und uns um einen neuen Deal kümmern," erklärt Wille die Auszeit. "Die Verhandlungen haben natürlich viel Zeit verschlungen. Schließlich haben wir uns dazu entschlossen, mit Season Of Mist weiter zusammenzuarbeiten. Dazu kam noch, dass Tommi und ich mit SONS OF AEON noch eine weitere Band am Start hatten, die mehr in Richtung Death Metal ging. Und das macht man auch nicht von heute auf morgen, zumal wir erst einmal lernen mussten, wie man Death Metal überhaupt spielt." Mit Janne Julin ist ein langjähriger Gefährte aus der Band geschieden. "Viele denken wahrscheinlich, dass es kein großes Ding sei, einen Bassisten zu ersetzen, der eh nicht ins Songwriting involviert gewesen ist, nicht aber bei uns. Schließlich habe ich gemeinsam mit Janne knapp 20 Jahre lang Musik gemacht," blickt Wille auf die Geschehnisse letztes Jahr zurück. "Eine Pause war unausweichlich. Wir zweifelten sogar daran, ob es mit GHOST BRIGADE überhaupt weitergehen wird. Ich habe in der Zeit weiterhin Musik geschrieben. Unabhängig von der Zukunft der Band wäre ich so wenigstens kreativ nicht auf der faulen Haut gelegen."

Ein neuer Bassist wurde dann auch gefunden, und zwar ein alter Freund der Band: "Ich wollte ein unbekanntes Gesicht zu uns holen, jemanden, der nicht in jeder x-beliebigen anderen Kapelle gespielt hat oder nach wie vor spielt. Glücklicherweise sind wir mit Joni (Saalamo - hd) fündig geworden. Er war nicht der erste, der uns als neuer Bassist in den Sinn kam. Wir gingen schon immer auf seine Parties, hingen zusammen in Bars ab und haben über die Jahre hinweg immer und immer wieder über Musik philosophiert. Er kommt eher aus der Hardcore-Szene, liebt aber auch melancholische Mucke und ist schon immer ein großer Fan von GHOST BRIGADE gewesen. Er sagte einmal zu uns, er wäre der beste Bassist, den die Band je haben beziehungsweise gehabt haben wird und ging einfach nach Hause. Ja, wir waren schon gut betrunken an dem Abend. Tja, und so haben wir uns dann entschlossen, mit ihm weiterzumachen."

Ghost BrigadeDie Rekrutierung eines festen Keyboarders in die Bandränge war auch nur eine Frage der Zeit, wie Wille erklärt: "Wir haben schon immer mit Keyboards gearbeitet und auf "IV - One With The Storm" konnten wir einen Schritt weitergehen. Unser Keyboarder Joni übernimmt teilweise sogar die Melodien, die ich ursprünglich für meine Gitarre vorgesehen habe. Ich neigte zuvor dazu, immer mehr und mehr in einen Song zu packen, bis er einfach zu überladen klang." Vielschichtig ist der Klang auf dem neuen Album zwar, aber alles andere als überladen. Daher haben die Finnen alles richtig gemacht, Joni in die Band zu holen. A propos der Neue: Der Tastenquäler hört und macht nicht nur Metal, ja sogar von Hip Hop ist die Rede. Wille relativiert: "Als sich unsere Wege vor zehn Jahren zum ersten Mal kreuzten, hat er als DJ in einem Club aufgelegt. Zudem hat er Beats für bekanntere finnische Hip-Hop-Künstler programmiert und sogar einen Remix für DJ SHADOW produziert." Letztlich überzeugte Wille Jonis Version von 'In The Woods': "Ich habe den Song geschrieben, aber als ich seine Version gehört habe, habe ich sofort Gänsehaut bekommen und dachte mir, die Version ist zumindest ebenbürtig zum Original, wenn nicht sogar besser." Einen Hip Hopper wird es bei GHOST BRIGADE aber niemals geben, wie Wille versichert: "Joni hat noch eine eigene Band namens SUMIA am Start, die ein wenig wie DEFTONES klingt. Dort singt er und spielt Gitarre. Es liegt ja auf der Hand, dass wir keinen "reinrassigen" Hip Hopper in die Band aufnehmen würden, wir sind ja nicht blöd. Wir würden damit alles zerstören." Nur gut, dass Wille von der Zusammenarbeit von WITHIN TEMPTATION und XZIBIT nichts gehört hat.

Aber es gab nicht nur personelle Änderungen. Wille hat sich an einer neuen Herangehensweise beim Komponieren versucht: "Wo es mir früher wichtig war, die Jungs mit fertigem Material zu versorgen und Ideen sofort aufzunehmen, habe ich diesmal Riffs in meinem Kopf gesammelt und sie über die Zeit reifen lassen," erklärt er das Songwriting 2.0 bei GHOST BRIGADE. "Ich wollte weg vom typischen Popsong-Schema der Vergangenheit mit Intro, Strophe, Refrain und so weiter. Die ersten Lieder für das neue Album habe ich beispielsweise mindestens ein halbes Jahr lang immer wieder in meinem Kopf abgespielt. So kam dann mal ein neues Riff dazu und die Zeit veränderte die Grundidee. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich mir sicher war, dass diese Songs in meinem Kopf wirklich fertig waren und ich nicht mehr so viel mit dem Computer daran feilen musste. Anders würde ein Zehnminüter wie 'Electra Complex' gar nicht funktionieren, wo wir ab der Mitte fast schon in einen völlig neuen Song wechseln. Das sind so die positiven Ergebnisse, wenn man Ideen im Kopf mariniert." Chefkoch Wille lässt eben nichts anbrennen.

http://presskit.season-of-mist.com/PressKits/Ghost_Brigade/SOM343-Ghost-Brigade-cover-500X500px-72dpi-RGB.jpg"IV - One With The Storm" ist etwas gemäßigter in seinem Wesen, etwas weniger wild und aggressiv. Ist da etwa SONS OF AEON für diese Entwicklung bei GHOST BRIGADE schuld?
"Vielleicht sind wir einfach erwachsen geworden und sind jetzt eine langweilige Band," spaßt Wille. "Um diese Frage aber beantworten zu können, müsste ich für eine längere Zeit erstmal richtig Abstand von unserem neuen Album haben. Dann könnte ich dir sagen, ob es für mich etwas Wildes hat oder nicht. Ich verstehe jedoch, was du damit sagen willst. Dieses Rohe ist aber immer noch in unserer Musik zu finden, wenn auch auf eine andere Art. Die neuen Songs sind auf jeden Fall schneller als in der Vergangenheit und auf eine gewisse Weise auch intensiver. Das alles gehört auch dazu, wenn man seine wilde Seite ausleben möchte," erklärt der sympathische Gitarrist und fügt an: "Stell dir vor, unser Debüt wäre ein Rechteck, dann ist "IV-One With The Storm" ein Kreis. Alle vier Vorgänger unterscheiden sich bezüglich ihrer Wildheit. Unser Debüt "Guided By Fire" ist das aggressive Album. "Isolation Songs" war das traurige, das hoffnungsloseste. Bei "Until Fear No Longer Defines Us" fällt es mir hingegen schwer, es irgendwo zu verorten. Aber wild war es auf jeden Fall."

Die Texte passen hervorragend zur melancholischen Stimmung: "Mich beschäftigt das Leben, Erfahrungen, die wir als Menschen machen, das, was mich umgibt. Meine Texte sind immer sehr persönlich. Hoffnung ist ein immer wiederkehrendes Thema, über das ich gerne schreibe," so der Kreativkopf. "Weisst du, viele Leute nehmen an, du seist depressiv, weil du melancholische Lieder schreibst. Aber eher das Gegenteil ist der Fall. Ich schreibe meine Geschichten zwar nicht unbedingt aus der Perspektive einer Frohnatur, aber wer sich intensiver mit ihnen befasst, wird immer herauslesen, dass es Hoffnung in ihnen gibt. Und das findest du in jedem einzelnen Text, den ich geschrieben habe." Sänger Manne ist für die andere Hälfte der Lyrics verantwortlich: "Er schreibt gerne heftiges Zeug, wohingegen ich eher der nerdige Texter bin. Seine Geschichten spielen sich nicht unbedingt im Diesseits ab - Hoffnung findest du da eher nicht.
Ein Konzept gibt es auf "IV-One With The Storm" nicht. Wir haben schön altmodisch Texte geschrieben und dann im Anschluss entschieden, welcher Text zu welchem Song am besten passt.
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Da wir gerade schon beim Thema Hoffnung sind. Auf dem neuen Album werden beim Zuhörer eine Menge unterschiedlicher Gefühle hervorgerufen, düster am einen und heller am anderen Ende. Wille dazu: "Wir sind nicht mehr dieselben Musiker wie noch vor vier Jahren. Das Leben ändert sich und das spiegelt sich auch in unserem Sound wider. Ich habe mir da viele Gedanken darüber gemacht, ob das unsere Berufung ist, eine düstere Band zu sein und vor allem zu bleiben. Es war schwierig für uns, aus diesem Korsett auszubrechen, ohne zu positiv zu klingen. Aber wir dachten uns, wir sollten zunächst uns selbst treu bleiben und darauf vertrauen, was für Musik aus unserer Seele kommt. Das kannst du aber auch nicht wirklich kontrollieren." Der Rausschmeißer 'Elämä On Tulta' ist da ein hervorragendes Beispiel, wie auch der Gitarrist findet: "Ich hatte erst ein Interview mit einem größeren finnischen Magazin und ich wurde auf 'Elämä On Tulta' angesprochen, wie unglaublich düster dieser Song doch sei und dass wir uns thematisch mit dem Sterben auseinandersetzten. Der Text handelt aber genau vom Gegenteil. Übersetzt bedeutet der Titel 'Leben ist Feuer'. Positiver geht es bei uns eigentlich kaum. Er hat da einfach etwas falsch verstanden. Klar, in dem Song sind die Lyrics auf Finnisch und ich habe bewusst Wörter gewählt, die an sich nicht unbedingt Fröhlichkeit verbreiten. Wir singen zwar über den Tod, meinen aber das Leben. Man muss eben auch mal zwischen den Zeilen lesen können. Ich persönlich sehe es aber eher wie du. Für mich ist es kein düsterer Song."

Hier und da hört man Parallelen zu den Landsleuten von INSOMNIUM, an einigen Stellen auch etwas KATATONIA, wobei um Welten besser, weil ehrlicher, natürlicher und schlüssiger als bei den Schweden. "Ich habe mir "Dance Of The December Souls", das Debüt von KATATONIA, nach dem Release 1993 oftmals und gerne angehört," blickt Wille weit zurück. "Doch ich habe sie danach irgendwie aus den Augen verloren. Nach der Veröffentlichung von "Last Fair Deal Gone Down", meiner Meinung nach ihr stärkstes Album, habe ich sie für mich wiederentdeckt."
INSOMNIUM sind gute Freunde von GHOST BRIGADE. Die Ähnlichkeiten will Wille gar nicht erst bestreiten, sieht seinen Einfluss aber woanders: "Ich bin mir durchaus bewusst über die Riffs, auf die du dich beziehst. Ich sehe das genauso. Wenn du dir mal den Kehrvers des Openers ('Wretched Blues' - hd) anhörst, fällt dir sofort die Leadgitarre auf, die ich "THIN LIZZY-Gitarren" nenne. Wenn Du dann diese Melodien in einen Metal-Kontext bringst, werden sicherlich nicht wenige Leute behaupten, sie würden sich anhören wie INSOMNIUM. Wie gesagt, wir sind uns dessen bewusst, haben aber auch gerade deswegen darauf geachtet, das nicht zu sehr auszureizen."

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Wille ist eher der alten Schule verschworen, entdeckt wenig Neues, das ihn begeistert. "Ich durchlebe echt seltsame Phasen, was meine Hörgewohnheiten angeht. Aber momentan fällt mir keine neuere Band ein, die mich wirklich beeindruckt hat. Das letzte, was ich mir zugelegt habe, waren frühe Scheiben von ALICE COOPER, U.F.O. oder RAINBOW - altes Zeug eben. Je älter ich werde, desto mehr erforsche ich die Wurzeln," begibt sich der Gitarrist auf musikalische Ahnenforschung. "Aber Bands wie MASTODON finde ich schon klasse.  Und da fällt mir noch TALBOT ein, ein richtig gutes Duo aus Estland. Ihre Musik wirkt auf mich wie Sludge mit leichter GODFLESH-Schlagseite. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, spielten sie im Vorprogramm einer größeren Band und sie haben mich komplett weggeblasen. Das zweite Mal habe ich unseren anderen Gitarristen mitgeschleift und er meinte zu mir: "Das ist die beste Band überhaupt!"  
Wir werden die Esten mit auf unsere nächste Europa-Tour mitnehmen. Sie werden eröffnen und uns die Show stehlen,
" scherzt Wille - GHOST BRIGADE-Shows sind bekanntlich immer ein besonderes Vergnügen. "AGRIMONIA wird auch dabei sein. Ich würde den Sound der Schweden irgendwo zwischen Death Metal, Crust und etwas düster-melodiösen NEUROSIS-Einflüssen einordnen. Einer von AT THE GATES ist bei ihnen übrigens auch dabei (Martin Larsson - hd)."

Als Kind der späten Achtziger und frühen Neunziger gingen Goth Rock und New Wave nicht spurlos an Wille vorbei, eine Band hat es ihm jedoch besonders angetan: "Ganz wichtig für mich persönlich ist THE CURE, noch vor FIELDS OF THE NEPHILIM, SISTERS OF MERCY oder THE MISSION. Ich war bereits über 30, als ich deren Genie erkannt und verstanden habe." Je älter man wird, desto besser kann man THE CURE verstehen oder "desto mehr versteht man auch die Musik, die man früher gehasst hat. Ich habe früher pauschal alles gehasst, was sich meine große Schwester  angehört hat. Und heute merke ich erst, dass da wirklich wahnsinnig gutes Zeug dabei ist. Ich entdecke gerade vieles aus den Sechzigern und Siebzigern. Aber das mag wohl auch nur eine Phase sein."

Sagt's und verschwindet im Dunkel des finnischen Abends - ich danke für das tolle Gespräch!

Bandphoto © Samuli Raappana, 2014

Redakteur:
Haris Durakovic

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