GRAVE PLEASURES: Interview mit Mat McNerney

02.10.2015 | 13:50

Wieso BEASTMILK zu Grabe getragen wurde, was Oscar Wilde mit GRAVE PLEASURES zu tun hat und warum Geschlechterrollen im Metal saugen, lest ihr am besten selbst im Interview mit Mat McNerney.

Das Ende von BEASTMILK kam für Nichteingeweihte überraschend. Wenn man aber die Äußerungen von Frontmann Mat McNerney kurz vor dem Split etwas genauer unter die Lupe genommen und den Subtext erfasst hat, so konnte man zumindest erahnen, welch ein fragiles Gebilde die Band doch gewesen ist. Als GRAVE PLEASURES allmählich Gestalt annahm und das Ursprungstrio McNerney/Olsson/Arino die Verpflichtung von Ex-IN SOLITUDE-Trommler Uno Bruniusson bekannt gegeben hat, war die Trauer um das Ende von BEASTMILK auf einen Schlag vergangen, und die Vorfreude auf "Dreamcrash", das Debüt der neuen Band, stieg ins Unermessliche. Wir unterhielten uns mit Sänger Mat über Küsse im Knast, Matsch aus der P.A., Geschlechterrollen in der Musik und vieles mehr.

Wie jedes anständige Interview, fängt auch dieses an mit der obligatorischen Gratulation zum neuen Release. "Dreamcrash" ist allerdings ein Album, das ich auf gewisse Weise von euch erwartet habe. Es ist ja eine Art inoffizieller Nachfolger zu "Climax" [erstes und einziges BEASTMILK-Album - HD], ist aber überraschenderweise unmetallisch ausgefallen. War das eine logische Weiterentwicklung für euch?

Mat: Die Arbeit an diesem Album verlief sehr natürlich. Wir haben uns jetzt nicht zusammengesetzt und beschlossen, dass wir jetzt unmetallischer tönen wollen. Es waren Ideen, die in uns steckten und der zweite BEASTMILK-Release werden sollten. Wir mussten das dann einfach durchziehen. Und die Tatsache, dass wir unseren Namen geändert haben, half sogar dabei, dass "Dreamcrash" sogar noch besser geworden ist. Aber ich denke, die Richtung der Songs wären gewissermaßen ähnlich ausgefallen. Ich bin froh, dass wir es aufgenommen haben. Wäre BEASTMILK nicht implodiert, dann hätten wir das Album nicht machen können. Die Songs mussten aus uns heraus. Sie schrien verzweifelt danach, aus uns herauszukommen.

Also habt ihr auch alten Ideen verbraten.

Mat: Ja. Ich habe einige der Songs benutzt, an denen wir für das zweite Album gearbeitet hatten. Die Art und Weise, wie wir mit BEASTMILK Lieder geschrieben haben, war, dass eine Menge Gitarrenriffs von Johan [Goatspeed, ex-BEASTMILK-Gitarrist - HD] kamen, von mir umarrangiert wurden und ich dann die Gesangslinien drübergelegt habe. Ich habe die Songs aus diesen Bestandteilen zusammengebastelt. Jetzt war es eine logische Konsequenz, dass ich auch den Rest übernehme. Ich habe ungefähr 50 Prozent des Albums mit der Gitarre komponiert und den Rest hat Linnéa beigesteuert.

Das überrascht mich jetzt. Ich habe dich das erste Mal mit CODE live gesehen, als ihr 2009 mit SÓLSTAFIR und SECRETS OF THE MOON in Europa unterwegs gewesen seid. Ich hatte immer den Eindruck, du wärst der Sänger, der sich diese verrückten, geilen Gesangslinien aus den Fingern zaubert, hauptsächlich für die Lyrics zuständig ist, aber mit der Mucke per se nicht viel am Hut hat.

Mat: Für mich war das eine natürlich Entwicklung, weil ich mich mit meinen musikalischen Ideen irgendwo immer von den Anderen abgesetzt habe. Ich habe auch immer öfter zur Gitarre gegriffen und schreibe auch für meine andere Band HEXVESSEL die Songs. Da ich mich dadurch stetig verbessert habe, stieg auch das Selbstvertrauen, einen guten Job abliefern zu können. Auf der anderen Seite wäre ich nie auf die Idee gekommen, die Gitarren auf dem Album einzuspielen. Das überlasse ich lieber Leuten, die das besser drauf haben. Ich fühle mich einfach sicherer, aus den Riffs selbst einen Song zu basteln. Aber das wollte ich auch so. In der Vergangenheit hatte ich dazu keine allzu großen Ambitionen. Es ist auch ziemlich schwierig, auf eine Person zu warten, bis sie mit ihren Ideen ankommt. Das hatten wir in den Vorbereitungen zum zweiten BEASTMILK-Album. Wir haben darauf gewartet, dass Johan aus den Pötten kommt und endlich was liefert. Ihm fehlte einfach die Inspiration für BEASTMILK und mit der Band eine zweite Scheibe aufzunehmen. Bei uns herrschte einfach eine sehr uninspirierende Stimmung. Das führte dazu, dass andere Leute das Zepter in die Hand genommen haben. Ich habe Riffs vorgelegt, genauso wie Linnéa. Und wir hatten das Gefühl, dass das, was Johan vorgebracht hat... Lass es mich so sagen, er hatte einfach keine Lust mehr auf die Band. Ihm fehlte es an Enthusiasmus.

Du hast einmal während eurer Tour mit IN SOLITUDE gesagt, dass BEASTMILK eine sehr launische Band sei und die Konstellation sehr zerbrechlich. Du meintest, ihr könntet euch ziemlich bald auflösen oder für immer weitermachen. Hast du damals schon gefühlt, dass das Ende bald bevorstehen würde?

Mat: Ja, die Tour war sehr hart. Die Band kam neu zusammen, obwohl wir bereits vorher viel aufgetreten sind. Es gab aber schon ein Bandgefühl. Und dass Linnéa dazugestoßen ist, war ein großer Vorteil für uns, sowohl auf der Bühne als auch im Zwischenmenschlichen. Wir fühlten uns ziemlich stark. Dadurch geriet Johan allerdings etwas ins Hintertreffen. Das war nicht einfach, denn er war Mitbegründer von BEASTMILK. Wenn er nicht mehr dabei wäre, würde das die Existenz der Band in Frage stellen. Wir haben uns darüber ziemlich unsicher gefühlt und wussten, dass alles jeden Moment auseinanderbrechen könnte. Die Tour fühlte sich damals schon so an, als ob es unsere letzte werden würde.

Ich habe deine Aussagen von damals etwas anders interpretiert. Klar war, dass ihr als ganz heißes Eisen gehandelt wurdet und mit eurem zweiten, spätestens dritten Album das nächste große Ding hättet werden können. Die Aussagen erweckten bei mir den Eindruck, sie wären ein wenig Imagepflege. Denn ihr standet für Negativität und Nihilismus. Da passten deine Statements von damals wie Arsch auf Eimer. Wie sieht es denn da mit "Dreamcrash" aus? Liegt den Texten ein Konzept zugrunde, das in eine ähnliche Richtung geht wie bei BEASTMILK damals?

Mat: Ja, natürlich. Das ist das Skelett des Ganzen. Aber die Muskeln, die es bedecken, sind wesentlich persönlicher. Die Stories gehen wirklich tief und sind heftig. Daher sehe ich "Dreamcrash" als ein mutiges Album, denn wir gehen diese Dinge schonungslos an. Viele Bands haben Angst, offen und direkt darüber zu sprechen. Sie sträuben sich dagegen, Melancholie und Nihilismus auf solch persönliche Art und Weise darzustellen. Sie verpacken das dann gerne in Metaphern. Ich denke, dass wir da sehr nahe am Punk sind. Bei uns kommt dieses persönliche Element wesentlich extremer rüber, weil wir es so direkt angehen. Die Idee dahinter ist, dass wenn man sich derart öffnet, dann hat das fast etwas Kathartisches, etwas Kult-haftes. Du findest in gewisser Weise deinen Frieden und dein eigenes Glück. Da scheint also durchaus eine positive Message durch den Nihilismus. Ich bin mir dessen bewusst, dass das nicht unbedingt besonders anziehend wirkt auf all die Goths. Aber ich denke, es ist wichtig, um auch zu lernen, loslassen zu können. Man teilt es in der Dunkelheit. Jeder kann dazustoßen und es feiern. Es ist sozusagen die Zelebration des Nihilismus.

A propos: Geht es in 'Lipstick On Your Tombstone' auch ums Loslassen?

Mat: Das ist unser Rache-Song, voller Power. Die Befreiung, die man erfährt, wenn man etwas gehen lässt. Es benötigt aber auch eine Menge Wut, um diesen Schritt gehen zu können. Darum geht es in dem Song. Um ein aggressives "Fuck you, ich werde glücklich - selbst wenn es mich und dich umbringt" - es geht um dieses Gefühl. Der Song ist sehr persönlich. Mich hat dabei ein Gedicht von Oscar Wilde inspiriert: Er wird eingesperrt wegen homosexueller Verbrechen. Der Kuss eines Mithäftlings berührt ihn - diese unverfälschte Art von Unterstützung und Betroffenheit von Jemandem, den er nicht kennt. Ebenso inspiriert hat mich der Besuch von Jim Morrisons Grab in Père Lachaise, wo man Lippenstift auf dem Grabstein sehen kann von Leuten, die ihn geküsst haben. Das ist für mich ein so kraftvolles Bild. Auch wenn du eine schlimme Beziehung hinter dich bringst, ist dies ein ziemlich passendes Bild, den Grabstein zu küssen, damit beendest du die Sache quasi. Das hat schon etwas Gothic-haftes, Romantisches, Dunkles, aber steht auch für eine Art Seelenreinigung. Liebe und Tod bilden das Konzept der Band, diese widersprüchlichen Dinge. Man erlangt das Verständnis für Liebe erst durch den Tod - auch wieder eine positive Sichtweise.

Du und Linnéa scheint während des Songwritings nichts anderes als 70er/80er Punk, Goth Rock, Dark Wave und dergleichen gehört zu haben. Welche Bands haben euch während dieser Zeit am meisten beeindruckt?

Mat: Alles mögliche. Zunächst einmal haben die Songs keinen direkten Bezug zu bestimmten Bands. Aber natürlich gibt es unterbewusste Einflüsse. Wenn mir jemand diese Frage stellt, nenne ich Bands, die ich während des Songwritings gehört habe, aber keinen direkten Einfluss auf die Songs genommen haben. Und andersherum ist es genauso. Ich glaube, es ist wirklich schwierig für einen Künstler, diese Einflüsse zu benennen. Deswegen finde ich es auch wichtig, dass ihr Journalisten eure persönlichen Eindrücke darüber niederschreibt. Mich hat auf jeden Fall Vieles, was in der New Yorker Punk-Szene in den frühen Tagen abgegangen ist, beeindruckt. Eine Band, die für Linnéa und mich wichtig ist, ist RAMONES. Dazu kommen Acts wie VIPERS auf der anderen Seite der USA. Patti Smith hat einen massiven Einfluss auf mich in Bezug auf das Songwriting. Und auf KILLING JOKE aus Großbritannien können wir uns auch verständigen. In den Texten dieser Band findet man auch diesen zynischen Nihilismus, für den auch wir stehen. Bei diesen Tribal-Rhythmen in Songs wie 'No Survival' und 'Crying Wolves' hatte ich eine finnische Punk-Band namens MUSTA PARAATI im Hinterkopf. Die finnische Post-Punk-Szene hat im Allgemeinen ihre Spuren bei mir hinterlassen. Auch NOLLA NOLLA NOLLA ist geil. Linnéa hat natürlich einen Metal-Background. Ihre Lieblingscombo ist BLACK SABBATH. Du wirst aber auch etwas VOIVOD auf dem Album hören. Das fällt den Meisten aber eher weniger auf. Denn das Offensichtliste an "Dreamcrash" ist eben dieser Goth-Rock/Death-Rock-Vibe. Auch das erste CHRISTIAN DEATH-Album ist für mich essenziell.

Du hast ja bereits Patti Smith erwähnt, einen weiteren Smith hast du aber bislang tunlichst vermieden: nämlich Robert, den Frontmann von THE CURE.

Mat: Oh ja, ich liebe Robert Smiths Songwriting. Aber das wäre doch zu offensichtlich. Vorhin habe ich ja über die bewussten und unterbewussten Einflüsse gesprochen. Es gibt Leute, die auf THE CURE oder JOY DIVISION stehen und gleichzeitig so allgewaltig in Bezug auf Musik sind. Hey, nicht jeder ist von diesen Bands beeinflusst. Aber es ist auch so, dass jemand, der eine Gitarre zur Hand nimmt oder zu singen beginnt, beispielsweise von BOB DYLAN beeinflusst ist, selbst wenn er es nicht weiß oder es nicht zugeben möchte. Er steckt einfach in dieser Songwritingmaschinerie mit drin. Für mich ist das einfach etwas zu offensichtlich, wenn man JOY DIVISION in unserem Sound raushört, weil wir etwas Hall auf die Vocals gepackt haben. Patti Smith ist auch dahingehend wichtig, weil sie ihre Songs über die Zeit von Punk zu Popmusik entwickelte. Und ich denke, dass das auch in uns als Band steckt, heavy Musik einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen. Und dabei bekommen wir viel Unterstützung von den Leuten aus dem Metal-Underground. Sie würden es uns gönnen und wollen auch, dass wir es schaffen. Heutzutage gibt es solch einen Durchbruch wesentlich seltener als früher. In den 70ern und 80ern passierte es öfter, dass eine Underground-Band durch die Decke schoss und Mainstream wurde. Meine Freunde aus dem extremen Underground, Black- und Death-Metaller, waren aus dem Häuschen, als ich ihnen erzählt habe, dass wir bei Sony unterzeichnen werden. Sie sagten: "Ihr werdet das schaffen! Tut es für uns!"

Gibt es denn keine Eifersüchteleien?

Mat: Nein. Finnland hat im Allgemeinen eine sehr unterstützende Szene. Es gibt eine Menge unterschiedlicher Bands, die miteinander spielen oder Musiker, die zusammenarbeiten. Da gibt es keine strenge Abtrennung nach Genres - alles ist durcheinander gemischt. Die Szene ist sehr aktiv.

Kommen wir nochmal kurz zu den Einflüssen auf "Dreamcrash": Mich überrascht es wenig, dass du für die etwas "älteren", unmetallischen Vibes verantwortlich bist, wohingegen Linnéa für die metallischeren Riffs zuständig ist. Sie ist ja ein wenig jünger als du.

Mat: Ich steh schon auch sehr auf Metal. Und Linnéa mag auch Nicht-Metallisches. Das Gute an der Zusammenarbeit mit anderen Musikern ist, dass der Output nichts anderes als eine Reaktion verschiedener Meinungen ist. Es ist oftmals ein Kampf, es entsteht eine Art kreative Reibung zwischen ihr und mir und zwischen uns Beiden und Uno. Wir haben Ideen, die durchaus in Konflikt zueinander stehen. Aber das ist zugleich wie Schwarzpulver für unsere Ideen. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, Linnéas Zugang zu Metal und Rock ist ein anderer als meiner, was natürlich am Altersunterschied liegt. Ich bin in den 80ern aufgewachsen, daher ist die Musik dieser Zeit quasi in mir, in meiner DNS, wie THE CURE, DURAN DURAN und solche Bands. Eine weitere wichtige Band aus dieser Zeit ist THE SOUND, insbesondere deren Album "Jeopardy". Linnéa wird wiederum andere Scheiben bevorzugen. Das macht es aber nicht weniger relevant. Und diese verschiedenen Einflüsse prallen eben aufeinander. Auch der unterschiedliche kulturelle Background mit Linnéa und Uno aus Schweden und mir, einem Engländer, der in Finnland lebt, trägt dazu bei.

Wir haben ja bereits über Johan und die Gründe für die Trennung von ihm gesprochen. Habt ihr noch Kontakt?

Mat: Nein, ich denke auch, es ist besser so. Es gab eine Menge verschiedener Dinge, bei denen wir uns uneinig waren. Wir gaben unser Bestes, um Johan zufrieden zu stellen und ihn in der Band zu behalten. Wenn man aber an diesem Punkt ankommt, wo einfach nichts mehr funktioniert, dann wird es schwierig. Ich denke, er wollte, dass sich die Band einfach auflöst und verschwindet. Wir hingegen wollten weitermachen. Der Namenswechsel lag auf der Hand und alles andere wäre unfair gewesen. Wir wollten nicht darum kämpfen. Heutzutage streiten ja nicht gerade wenige Bands vor Gericht um die Namensrechte. Da hatten wir absolut kein Interesse daran. Wir sagten uns einfach: "Lasst uns weitermachen, lasst uns weiter Musik machen." Wir haben den Namen gewechselt und als Band im Grunde genommen von Null angefangen. Es ist zwar schade, einen Namen, der bereits in den Köpfen der Leute drin war, aufzugeben, weil wir so hart dafür gearbeitet hatten. Auf der anderen Seite: Es ist nur ein Name. Die Leute geilen sich heutzutage zu sehr an einem Bandnamen auf, als sei er eine Art Markenname, ein Unternehmen. Da ist die Gewichtung falsch. Die Bands versteifen sich so sehr auf den finanziellen Part des Business. Wir wollten hingegen einfach gute Musik machen und haben Spaß, gemeinsam abzuhängen. Unglücklicherweise wollte Johan nicht mehr ein Teil davon sein. Das ist traurig, aber auch gleichzeitig das Beste, was uns hätte passieren können. Für diejenigen, die BEASTMILK mögen, uns aber nicht, bleibt unser Vermächtnis mit einem Album ja unberührt. Ohne Johan wollten wir keine weitere CD unter dem Namen rausbringen, das den Fans möglicherweise nicht gefallen hätte. Selbst wenn der Nachfolger genauso klingt wie die Platte davor, wird es immer Leute geben, die sich beschweren: "Oh nein, es ist nicht dasselbe, weil dieser und jener Typ nicht mehr dabei ist." Du kannst nicht jeden zufrieden stellen. Wir machen das, was wir tun. Uns wenn uns die Leute dabei folgen, freuen wir uns riesig.

Die Konstellation in GRAVE PLEASURES ist meines Erachtens eh stärker als das Line-up von BEASTMILK, bevor Linnéa dazu gekommen ist. Und jetzt habt ihr noch mit Uno einen Drummer mit einem unglaublichen Groove und technischen Skills. BEASTMILK war ja vergangenes Jahr mit IN SOLITUDE auf Tour und ihr scheint auch sonst ein recht freundschaftliches Verhältnis gepflegt zu haben. Weißt du etwas über ihren Split?

Mat: IN SOLITUDE war eine coole Band und es lief für sie ziemlich gut. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sie sich nach dieser Tour trennen würde. Was ich aber sagen kann, ist, dass die Jungs zusammen waren, seit sie 16 Jahre alt gewesen sind. Sie haben wirklich hart an der Band gearbeitet. Diese Tour, die du angesprochen hast, war eine von vielen, die sie abgerissen haben. Es scheint so, als ob sie ihren eingeschlagenen Kurs verlassen mussten. Ich sage das jetzt ohne Gewähr, aber ich vermute, sie wollten etwas anderes ausprobieren, sind erwachsen geworden. Junge Leute müssen da raus gehen und Unterschiedliches probieren. Ich denke nicht, dass man die Splits der beiden Bands miteinander vergleichen kann. Sie sind ja noch Freunde. Uno war dann wirklich verzweifelt, wieder eine Band zu finden, mit der er zusammenarbeiten kann. Er ist aktiver Berufsmusiker und ein sehr energischer Mensch. Wir kamen da anscheinend einfach zum rechten Zeitpunkt an. Wenn wir nicht auf ihn zugekommen wären, hätte es wohl jemand anderes getan. Wir mussten die Gelegenheit am Schopfe packen, weil er einfach so ein hervorragender Schlagzeuger ist. Uno war letztlich das fehlende Glied. Als er bei uns einstieg, wussten wir: "Ja, jetzt steht die Band!" Wir kamen auf besagter Tour mit ihm hervorragend zurecht, sie hat uns zusammengeschweißt. Es fühlt sich so an, als ob die Partycrew aus dem Bus jetzt in einer neuen Band weitermacht. Bei uns vereint sich sozusagen das Beste aus den verschiedenen Welten: THE OATH fand ein vorzeitiges Ende. Das Vermächtnis von "The Oath" [Debüt und einziges Full Length der Band - HD], IN SOLITUDEs "Sister" und unserem "Climax"-Album wird nun auf "Dreamcrash" weiter geführt. Wenn man das aus dieser Perspektive betrachtet, versteht man auch, wieso unser Debüt so klingt wie es klingt.

Die kreativen Kräfte von drei Bands kommen sozusagen in einer geballt zusammen.

Mat: Naja, die IN SOLITUDE-Mucker waren schon alle zusammen genommen unglaublich. Aber deren Drummer an Bord zu haben, ist schon etwas Besonderes. Ich erinnere mich, als ich Uno zum ersten Mal live gesehen habe. Das war in Finnland und ist jetzt schon einige Jahre her. Er war noch ein Jungspund und hat mich mit seinem Spiel komplett weggeblasen. Ich dachte mir: "Das ist der beste Drummer seiner Altersgruppe." Es gibt keinen Besseren. Er hat so viele unterschiedliche Stile drauf. Das ist auch im Allgemeinen das Großartige an GRAVE PLEASURES: Nach oben sind uns keine Grenzen gesetzt. Wir haben uns keiner bestimmten Spielart verschrieben. Bei unserer Musik müssen wir keine Kompromisse eingehen. "Oh nein, wir sind eine Heavy-Metal-Band. Was passiert jetzt, wenn wir eine leichte Kurskorrektur vornehmen?" So etwas gibt es bei uns nicht. Ich denke, es muss für IN SOLITUDE hart gewesen sein, Metalblade mit "Sister" zu repräsentieren, weil das Label wohl eine Heavy-Metal-Band unter Vertrag genommen hat. Für uns ist es da schon etwas einfacher, insbesondere durch den Namenswechsel. Wir als Musiker sind frei zu tun, was immer wir möchten und können unseren Instinkten folgen.

Die Erwartungshaltungen vom Label und seitens der Fans können schon mal Überhand nehmen.

Mat: Weißt du, ich war zuversichtlich bezüglich der neuen Songs, egal, ob sie als BEASTMILK oder wie auch immer erscheinen würden. Für dich oder mich war es vielleicht keine Überraschung, dass es klappen würde. Wenn du als Künstler an etwas Neuem arbeitest, dann weißt du einfach, ob das dein bisher bestes Werk ist oder nicht. Wäre das Letztgenannte der Fall gewesen, hätte ich es einfach sein lassen.

Du bist ja jetzt auch nicht erst seit gestern Musiker. Da hättest du sicherlich auch etwas anderes finden können.

Mat: Eben. Wenn wir wegen des Namens vor Gericht gezogen wären und ich darauf beharrt hätte, dann hätten die Leute vielleicht gedacht, dass ich das des Geldes wegen mache. Aber das ist bei uns eben nicht der Fall. Das hat nichts mit ENTOMBED A.D. oder dergleichen zu tun.

Lustig, dass du gerade die Schweden erwähnst. Das Herz des Line-ups auf den ersten drei ENTOMBED-Alben, und damit das Herz der perfekten Death-Metal-Besetzung, ist für mich neben den beiden Klampfern Uffe Cederlund/Alex Hellid Drummer Nicke Andersson - eines DER Genies der neueren Rockgeschichte.

Mat: Ja, er hat diesen unverkennbaren Schlagzeugstil erfunden, der Death Metal für mich ausmacht. Aber wie du schon gesagt hast, waren auch für mich Uffe und Alex die wichtigsten Bestandteile der Band. Und nachdem sie nicht mehr dabei sind, interessiert mich ENTOMBED (A.D.) nicht mehr. Und klar, es gibt wie in diesem Fall Elemente, die eine Band ausmachen, ihre Einzigartigkeit definieren. Aber bei uns war das so, dass Johan dachte, er sei der einzig wichtige Part von BEASTMILK. Ich glaube, es ist eine gute Lektion für ihn, zu sehen, dass das eben nicht der Fall war. Eine Band ist mehr als nur eine Person.

"Dreamcrash" ist ja eine gute dreiviertel Stunde lang. Für eine Headliner-Tour ist das recht wenig Material. Kann man damit rechnen, dass ihr auch BEASTMILK-Songs im Set haben werdet?

Mat: Ja, wir spielen auch BEASTMILK-Songs, seit wir in der Konstellation live auftreten. Es hängt eben auch viel von der gesamten Spielzeit ab, ob es Zugaben gibt und so weiter. Und natürlich auch, wo wir spielen. Wir haben zum Beispiel gerade erst in Finnland gespielt. Die Fans dort haben uns im Sommer auf den Festivals gesehen. Sie wollten auf den letzten Gigs eben nur das neue Album hören. Da haben sich die Fans beschwert, dass sie zu viele BEASTMILK-Songs zu hören bekommen haben. Das war für uns etwas verwirrend, weil wir eigentlich genau das Gegenteil erwartet hatten. Aber es ist schön für uns, dass die Leute unser neues Material so sehr genießen. Wir nehmen es einfach, wie es kommt. Natürlich spielen wir die BEASTMILK-Songs auch gern, vor allem mit diesem Gitarristen-Duo mit Juho Vanhanen von ORANSSI PAZUZU, der uns live unterstützt. Die alten Songs klingen so besser als jemals zuvor.

Was mir bei der Show in München damals nicht gefallen hat, war, dass ihr so verdammt viel Hall auf die Gitarren gepackt habt. Dadurch hatte ich den Eindruck, dass der Gesamtsound etwas matschig aus der P.A. kam. Das wird sich bei GRAVE PLEASURES sicherlich ändern. Allein auf "Dreamcrash" sind die Gitarren bei weitem nicht überladen mit Reverb, sie klingen viel natürlicher.

Mat: Der Hintergrund ist, dass Johan ein sehr unsicherer Musiker war, er hatte wenig Selbstvertrauen in sein Spiel. Er war aber gleichzeitig auch nicht gewillt, das bisschen Extra zu leisten, um besser zu werden. Das hat uns als Band etwas desillusioniert, als wir live unterwegs gewesen sind. Bei uns stellte sich leider nicht ein, dass wir uns von Mal zu Mal verbessern. Wir stagnierten einfach. Wir haben auch ein paar richtig schlechte Shows abgerissen, wie zum Beispiel auf dem Roadburn Festival, wo wir sehr untight waren und ziemlich schlampig performt haben. Mit Linnéa und Juho haben wir nun zwei echte Gitarristen in der Band, die eine richtiggehende Beziehung zu ihrem Instrument haben. Sie wollen als Musiker irgendwo hervorstechen. Und ich denke, das ist wirklich wichtig. Wenn du wirklich damit zu kämpfen hast, dein Instrument zu bedienen, dann wird das ab einem Zeitpunkt einfach nicht mehr funktionieren. Johan hat dann eben einfach alles mit Reverb zugekleistert. Das war aber auch der Sound von "Climax". Wir haben das gemacht, um zu verbergen, dass er sein Zeug nicht sonderlich gut spielen konnte. Aber ich muss auch dazu sagen, dass er in Bezug auf das Songwriting an sich ein wirklich guter Musiker ist.

Dieses Bild vom Musiker, der eine Beziehung zu seinem Instrument hat, klasse! Ich finde insbesondere, wie Linnéa auf der Bühne performt, bringt das ziemlich gut rüber. Sie tritt nicht gekünstelt auf, bewegt sich lasziv und wirkt dabei im Zusammenspiel mit den Klängen, die sie produziert, auch sexy, ohne es vermutlich sein zu wollen.

Mat: Linnéa hat ihren eigenen Stil auf der Bühne. Die Art und Weise, wie sie performt und wie sie spielt, ist sehr persönlich. Das finde ich klasse. Und ich denke, dass das auch andere Frauen inspiriert, die vorbeikommen, um uns spielen zu sehen. Und auch für junge Leute, die bei einer Show merken: "Oh, sie ist eine Frau, aber sie benimmt sich auf der Bühne nicht wie eine." Sie ist eben einfach in der Band und wir machen da keine Sache daraus. Sie wird auch nicht auf den Covern der Mode- und Frauenmagazine zu sehen sein. Ich mag es nicht, dass eine Frau heutzutage nur wegen ihrer Brüste in einer Band sein kann. So etwas ist wirklich traurig, so nach dem Motto: "Wenn du große Brüste hast, dann kannst du bei uns einsteigen und wir packen dich auf die Titelseiten der großen Magazine."

Du nutzt als Avatar auf Skype das Filmplakat zu "They Live" von John Carpenter - hat dich auch seine Mucke inspiriert?

Mat: Ja, absolut. Ich liebe es. Ich liebe seine Filme, den Farbton und die Atmosphäre, die er in seinen Filmen schafft, ist fantastisch. "They Live" mag ich besonders. Da gibt es auch eine Verbindung zu unseren Texten und der Story des Films. Ich steh auch total auf die Sachen von Andrei Tarkowski wie "Stalker", David Lynch und so weiter. Filme sind auch eine Inspirationsquelle für mich.

Okay Mat, jetzt sind über 40 Minuten vergangen - ich schätze mal, du hast noch einiges zu tun. Ich zumindest bin mit meinen Fragen durch und bedanke mich für dieses großartige Gespräch.

Mat: Vielen Dank auch an dich. Wir sehen uns dann auf der Tour.

Redakteur:
Haris Durakovic

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