top banner 95
side banner 91

GWYDION: Interview mit Dani, Abreu, Ruben

10.02.2008 | 18:35

Bei einem Besuch auf Myspace, dieser Abhängigkeit erzeugenden Daddelplattform im Worldwideweb treffe ich auf GWYDION, jene portugiesische Viking-Metal-Band, deren Album gerade zum Review auf meinem Tisch liegt. Wie praktisch! Da kann ich doch gleich mal fragen, wieso Portugiesen sich bemüßigt fühlen, nordische Mythologien zu vertonen. Ich erhalte überraschende Antworten und treffe auf sehr auskunftsfreudige Herren, die meinen Fragen mit erfreulich differenzierten Antworten begegnen. Ich will doch schwer hoffen, dass beim Voting fürs METALCAMP nach der Lektüre dieses Interviews genügend Stimmen zusammen kommen, die den engagierten Idealisten eine Chance für einen Festivalgig verschaffen.

Erika:
Zunächst einmal muss ich meiner Überraschung darüber Ausdruck verleihen, dass eine portugiesische Band Viking Metal macht. Diese Stilrichtung scheint doch eher für skandinavische Künstler reserviert zu sein, aber ihr macht euer Ding ganz gegen den Trend. Wie habt ihr das Viking-Genre entdeckt? Was fasziniert euch an dieser Musik?

Ruben:
Tja, das ist ein bisschen sonderbar, aber es hat damit zu tun, dass Portugal so ein kleines Land ist, das meist ignoriert wird. Aber es gibt einige sehr gute Bands hier. Dass sich Folk- und Vikingeinflüsse in unserem Klang wieder gefunden haben, war ein ganz natürlicher Prozess. Diese Genres sind in der zweiten Hälfte der 90er aufgetaucht und gerade in dieser Dekade sind sie etwas bekannter geworden. Vom ersten Moment an, als wir das gehört haben, haben wir eine große Affinität zu dieser ganzen Idee bei uns festgestellt, so dass wir es mit unserem Melodic Black Metal vermischt haben, den wir immer gespielt haben.

Abreu:
Die Historie ist ziemlich überraschend. Die Vorfahren der Portugiesen sind ein Gemisch aus Kelten, Schweden und den Eltern der meisten Wikinger, nämlich den Westgoten. Die Westgoten verblieben auf den Iberischen Halbinseln und führten in dieser Zeit dort die nordischen Religionen (Ásatrú) noch vor der Christianisierung ein. Historische Quellen belegen, dass die Wikinger sich etwa im 9. Jahrhundert im Zuge ihrer Ausdehnungen in iberischen Städten niedergelassen haben. Wir halten die Wikinger für ein großes Volk mit einem starken Glauben. Sie glaubten an Mut, Wahrhaftigkeit und Ehre. Sie waren auch großartige Handwerker. Die Faszination liegt in der auf der ganzen Welt verbreiteten nordischen Mythologie, dem Sagenreichtum und natürlich der Magie und den Runen, die heute immer noch verwendet werden.

Erika:
Wie reagieren die Leute in eurem Heimatland auf diese Thematik? Identifizieren sie sich ebenfalls mit den Wikingern wie manche Metalfans in Nordeuropa es tun oder glaubt ihr, dass die Songtexte für eure Fans nicht von Bedeutung sind?

Dani:
In unserem Land werden andere Arten des Metals bevorzugt, besondern Death, Grindcore und Thrash Metal, aber es gibt auch ein paar Fans, die Viking Metal hören. Für mich sind die Texte immer wichtig und ich hoffe, die Fans lesen und verstehen sie auch, weil es unsere Art ist auszudrücken, was wir fühlen.

Abreu:
Ein paar Leute in Portugal identifizieren sich schon mit den Wikingern. Wir, Portugiesen oder Iberer waren auch Seeleute und haben uns über die ganze Welt ausgebreitet. Wir hatten auch Götter und Göttinnen, manche von ihnen verwandt mit denen der Kelten. Manche von ihnen können wir benennen wie Endovélia (Gott der Heilung), Atégina (die Muttergöttin), Trebaruna (Kriegsgott und Gott des Schutzes) und viele andere. Aber die Musik, die wir hören mögen und selbst spielen, bezieht sich stark auf die Wikinger, die mit einer komplexen Kultur verbunden sind. Wir sehen einen psychologischen Effekt der Wikinger in unserer heutigen Welt und – noch wichtiger – im musikalischen Kontext. Die Texte befassen sich mit großen Schlachten, Magie, dem Kult der Ahnen und natürlich mit Festgelagen und Bier.

Ruben:
Die Wichtigkeit der Texte hängt ja letztlich immer von dem ab, der sie liest, aber ich glaube für einen ernsthaften Zuhörer spielen Texte immer eine Rolle, weil sie dazu beitragen, dass der Song sich besser entfalten kann hin zu der ihm eigenen Atmosphäre.

Erika:
Im Bandinfo eures Labels TROLLZORN war zu lesen, dass sich euer Stil früher eher am Black Metal orientiert hat. "Ynis Mön" wird als Wendepunkt bezeichnet. Wie erklärt sich diese Entwicklung?

Dani:
Wir mochten schon immer die Mittelalterszene und als wir anfingen, Folk Metal zu hören, begeisterte uns das und wir haben aus Spaß angefangen, selbst Songs mit diesen Elementen zu machen. Irgendwie haben wir einen Level erreicht, auf dem das kein Joke mehr war und damit haben wir begonnen, die Sache ernster zu nehmen und Viking-Folk-Metal-Songs zu komponieren. Wir mixen total gerne Black Metal mit Folk Metal. Ich finde, es passt einfach.

Abreu:
Also, durch all die Jahre musste die Band einige Besetzungswechsel hinnehmen. Jede Phase hatte ihre eigenen musikalischen Einflüsse. Heutzutage sind unsere musikalischen Einflüsse ähnlich und wir haben eine gemeinsame Richtung. Wir wissen, dass unsere Musik in der Vergangenheit sehr rau und grob war, aber im Laufe der Zeit wurden unsere Riffs musikalischer, unsere Erfahrungen sind gewachsen und ansprechende epische Melodien konnten sich entfalten.

Erika:
Welches lyrische Konzept verfolgt ihr mit euren Kompositionen? Geht es darum, historische Authentizität herzustellen, was man vermuten könnte, da verschiedene Charaktere aus der Götterwelt wie zum Beispiel Gwydion oder die Göttin Freya vorkommen oder geht es eher darum, den Hörer emotional anzusprechen indem bestimmte Assoziationen geweckt werden?

Ruben:
Zunächst muss man wissen, dass die Texte immer nur während oder nach der Komposition des eigentlichen Songs entstehen. Meine Inspiration kommt dann von den Gefühlen, die die Melodie vorgibt und aus den Projektionen dieser Gefühle in die Wikinger- und Keltenkultur. So gibt es in der Regel schon eine Art historische Basis in den Texten. Das ist allerdings nicht mehr als eine Grundlage. Ich meine, abgesehen von der initialen Idee lasse ich meiner Vorstellungskraft freien Lauf, die manchmal von den historischen Fakten abweicht.

Abreu:
Wir mögen die nordische und keltische Mythologie, aber wir verstehen uns selbst nicht als religiös. Wir sind eher spirituelle Menschen und das ist ein großer Unterschied. Wir leben in dieser Welt, um zu lernen und Erfahrungen zu gewinnen. Warum sollten wir uns mit den Dogmen und Gedanken begrenzen, nach denen andere gelebt haben? So haben wir also unsere eigenen Interpretationen zur Sache, aber einige der Texte basieren auf realen historischen Ereignissen. Wir befassen uns auch mit der Natur, Energie und der Zukunft der Menschheit.

Erika:
Ach übrigens, warum habt ihr euch ausgerechnet für Gwydion als Namensgeber eurer Band entschieden?

Abreu:
Gwydion ist der große Druide des gälischen Volkes. Er ist Barde und Druide. Er bestimmt die Illusionen, die Magie und die Veränderungen. Der Name ist kraftvoll. Musik hat für uns etwas Magisches, sie ist voller Illusionen und Träume. Musik kann uns auf eine spirituelle Reise mitnehmen, die zu Veränderungen in unserem eigenen Leben führen kann, mit einem größeren Bewusstsein dafür wer wir sind.

Ruben:
Es war kein Zufall, dass wir unsere Band nach einer keltischen Gottheit benannt haben. Von Anfang an hatten wir eine starke Affinität zur keltischen Kultur und Mythologie, insbesondere zu dem Kult, dem die Druiden vor Jahrtausenden gefolgt sind. Unser Interesse hat uns dazu gebracht, Traditionen und Rituale zu erforschen, zum Beispiel auch den Umstand, dass das Christentum heidnische Symbole adaptiert hat, um von der Masse besser akzeptiert zu werden. So war die Wahl des Namens keine besonders schwierige Entscheidung. Das muss allerdings nicht unbedingt heißen, dass wir mythologisch betrachtet Gwydion von allen Göttern am meisten bevorzugen.

Erika:
Lasst uns einen Blick in die Vergangenheit werfen: GWYDION wurde 1995 gegründet. Fast dreizehn Jahre später veröffentlicht ihr euren ersten Longplayer. Wie würdet ihr eure Entwicklung bis hin zu diesem Punkt beschreiben,

Abreu:
Wir sind als Individuen und auch als Band gewachsen. Wir haben ja schon angemerkt, dass die Band darunter zu leiden hatte, dass es viele Veränderungen gab, die uns Schwierigkeiten und Traurigkeit bereitet haben. Aber wir haben als Musiker und auch als Menschen viel gelernt. Dieses Album war eine schwierige Geburt, aber wir haben das gebraucht, weil wir wissen müssen, ob unsere Fähigkeiten etwas haben, für das es sich zu kämpfen lohnt. Lass die Fans entscheiden, ob wir einfach irgendeine weitere Band sind oder ob wir ihnen etwas Besonderes geben können.

Erika:
Wie waren die Reaktionen auf eure frühen Demos und selbstfinanzierten Alben?

Dani:
Die Reaktionen waren wie erwartet, zu dieser Zeit hatten wir nicht die Möglichkeiten von heute wie Myspace und all die neuen Technologien, die uns helfen, uns zu promoten und eine maximale Anzahl Metalfans zu erreichen. Aber diejenigen, die unsere Demos gehört haben, fanden sie gut und haben uns motiviert, weiterzumachen.

Erika:
Was habt ihr in all den Jahren über das Musikbusiness gelernt?

Abreu:
Hier in Portugal ist Metal in manchen Studios verboten. Wir haben hier gute Musiker und Techniker, aber sie müssen ins Ausland gehen, um mehr Erfahrung zu sammeln und professionell erfolgreich zu sein. Es ist schwierig, hier große Konzerte und Festivals zu spielen.

Erika:
Erzählt mal etwas zu euren musikalischen Wurzeln. War jemand von euch auf einem Konservatorium?

Abreu:
Es gab Leute in unserer Band, die Musikunterricht hatten. Wir sind keine professionellen Musiker, aber wir glauben an das, was wir tun. Wir haben Jobs, Mieten zu zahlen und einige von uns haben Kinder, die sie versorgen müssen. Die Musik sorgt für gute Kameradschaft unter Freunden.

Dani:
Eigentlich war nur Abreu auf einer Musikschule, haha. Der Rest hat sich selbst durch jahrelange Übung beigebracht, ein Instrument zu spielen und wir versuchen, unsere Fähigkeiten ständig zu verbessern.

Erika:
Seit wann spielt ihr in einer Band? Ist GWYDION euer erstes Projekt oder gab es schon andere Bands?

Dani:
Ruben, Vitor und ich sind von Beginn an bei GWYDION, Morg kam 2000 dazu. Wir vier haben bisher nur hier gespielt. Kaveira kam 1998 zu GWYDION und hat vorher schon in anderen Bands gespielt. Unser Drummer Abreu hat mehrere Projekte, kam 2004 zu GWYDION und hat gerade jetzt wieder ein Sideprojekt.

Erika:
Wie steht es mit klassischer Musik? Habt ihr eine Beziehung dazu und darüber hinaus zu Bands wie THERION, die Metal und Klassik kombinieren?

Dani:
Klassische Musik spielt beim Metal eine große Rolle, die Hauptmelodien sind von der Klassik und traditionellem Folk beeinflusst. So sind wir, auch wenn wir es nicht direkt bezwecken, von der Klassik beeinflusst, auch wenn wir es kaum wahrnehmen.

Abreu:
Wir mögen alle Genres von Musik, ähm ... die meisten. In unserer Band sind Leute, die alle Arten von Musik mögen und deren Einflüsse einbringen. Einige von uns hören Jazz, Blues, Rock und Ethnomusik aus der ganzen Welt.

Erika:
Was erwartet ihr von der Veröffentlichung des Albums?

Dani:
Wir haben große Erwartungen an "Ynis Mön", es hat sechs Jahre Vorbereitung gekostet und es ist das erste Mal, dass wir die Chance haben, unsere vergangene Arbeit in Europa zu präsentieren und nicht nur in Portugal. So hoffen wir, dass wir unsere Messlatte dieses Mal erhöhen können!

Erika:
Gibt es Pläne für eine Tour oder ein paar Festivals im Sommer?

Dani:
Wir würden das begrüßen. Wir müssen abwarten, ob wir eingeladen werden irgendwo außerhalb von Portugal zu spielen. Wir wollen unsere Arbeit in Europa vorstellen, so dass jede Einladung herzlich willkommen ist. Aber wir versuchen auf jeden Fall, ein paar Konzerte zu geben, was auch immer möglich ist!

Abreu:
Einige Gigs sind in Portugal bestätigt. Im Ausland ist noch nichts festgemacht.

Erika:
Eine letzte Bemerkung von euch für unsere Leser auf POWERMETAL.de?

Dani:
Wir bedanken uns für dieses Interview und wünschen viel Glück für euer Magazin. Wir bedanken uns für dieses Interview. Es ist eine Möglichkeit für uns, unsere Beharrlichkeit und unseren guten Willen bezüglich dieses Musikgenres zu demonstrieren. Wir möchten allen Freunden, Familien und Fans danken, die nicht aufhören, uns zu unterstützen.
Wer interessiert ist an Folk-Viking-Metal, der möge unser Album "Ynis Mön" kaufen, das am 08. Februar erscheint!
Eins noch: Votet für GWYDION, damit wir auf dem Metalcamp spielen können!
http://www.metalcamp.com/nav.php?id=44&lang=en&subid=0

Abreu:
Hail the Aesir, hail the Vanir!!!

Erika:
Danke für eure Bereitschaft zu diesem Interview und vor allem für die unkomplizierte Weise, auf die es zustande kommen konnte.

Redakteur:
Erika Becker

Login

Neu registrieren

Wir verwenden Cookies, um unsere Website besser gestalten und verbessern zu können. Diese nutzen wir unter anderem für die Reichweitenmessung und zu Marketing- und Optimierungszwecken. Durch die weitere Nutzung der Website stimmst Du der Verwendung von Cookies zu (weitere Informationen gibt es hier).