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Gruppentherapie ACCEPT - "The Rise Of Chaos"

21.08.2017 | 12:23

Das vierte Album nach der Reunion und gleichzeitig der vierte Volltreffer in Serie? Ganz so einfach scheint es diesmal für die deutsche Heavy-Metal-Instutitution ACCEPT nicht gewesen zu sein, denn der aktuelle Silberling erreichte nur den siebten Platz in unserem August-Soundcheck. Grund genug für uns, der Scheibe in einer Gruppentherapie nochmal ordentlich auf den Zahn zu fühlen und siehe da, der Fünfer hat trotz traditioneller Ausrichtung das Zeug dazu, zu polarisieren. Aber lest selbst.

Solingen regiert die Heavy-Metal-Welt! Naja fast, denn eigentlich ist ACCEPT-Mastermind Wolf Hoffmann ja inzwischen nach Amerika ausgewandert und leitet von dort aus den Triumphzug, den die Metal-Urgsteine seit dem Comeback mit "Blood Of The Nations" hinlegen. Nach drei bärenstarken Alben in Serie kann man es da natürlich verstehen, dass viele Kritiker schon im Vorfeld daran zweifelten, ob der neueste Silberling "The Rise Of Chaos" das hohe Niveau würde halten können. Doch sie alle werden von den ingesamt zehn Tracks eines Besseren belehrt, denn die Herrschaften um Hoffmann rocken auch anno 2017 wieder kräftig und schütteln mit Tracks wie 'Koolaid', 'Worlds Colliding' oder 'What's Done Is Done' wieder jede Menge Hymnen aus dem Ärmel. Mein persönliches Highlight bleibt aber das mit einem Augenzwinkern zu verstehende 'Analog Man', bei dem allein die Textzeile "Now there's flat screens in 3D, my cellphone is smarter than me" schon einen ordentlichen Lacher und einen Bonuspunkt in der Endabrechnung wert ist. An das Überalbum "Blood Of The Nations" kann die Scheibe dabei natürlich nicht tippen, doch so ein Meisterwerk schreiben eben auch alte Hasen wie ACCEPT nicht jeden Tag. Trotzdem ist "The Rise Of Chaos" ein wirklich starkes Album, das nicht nur nahtlos an die Vorgänger "Stalingrad" und "Blind Rage" anknüpft, sondern auch die Position des Quintetts als Schwermetall-Klassenprimus festigt.

Note: 9,0/10
[Tobias Dahs]

 

Puh, ich verstehe, dass Tobias sich hier noch begeistern lassen kann. Bei mir gelingt das irgendwie nicht mehr. Nachdem mich "Blood Of The Nations" und "Stalingrad" ziemlich mitgerissen hatten, bemerkte ich schon, dass mir die "Blind Rage" nur noch ein fröhliches Nicken statt ein Dauer-Moshen bescherte. Und bei "The Rise Of Chaos" verhält es sich leider ähnlich. Dabei ist hier eigentlich vieles ordentlich gemacht: Der Sound ist passend und brät fein, Tornillo singt besser als Udo, die Gitarren sägen herrlich - aber die Hits fehlen. Wenn ich bei einer Band wie ACCEPT auch nach dem dritten Durchgang keinen Song im Ohr habe, dann stimmt irgendwas nicht. Vielleicht braucht es ja noch 5-10 Durchläufe? Die Frage ist: Wenn so viel Qualität veröffentlicht wird, kriegen die Solinger überhaupt so viele Spins? Im Moment schaut es eher nicht danach aus. Klar können die Fans der letzten Scheiben hier zugreifen - es gibt solide Hausmannskost. Aber ich hätte mehr erwartet.

Note: 6,0/10
[Jonathan Walzer]

Auch auf seinem vierten ACCEPT-Album brilliert Sänger Mark Tornillo mit seiner kraftvollen Stimme und ist damit ganz nebenbei auch Garant für den ein oder anderen Dirkschneider-Gedächtnis-Moment. Dennoch ist der Referenzrahmen sicher eher die jüngere Vergangenheit, es stellt sich also die Frage, wie sich Album Nummer fünfzehn im Kontext der Tornillo-Phase schlägt. Die Grundzutaten eines soliden Solinger Stahlrezepts sind vorhanden: Kosakenchöre, stampfiger, mal etwas langsamerer, mal etwas schnellerer Schwermetall und die bereits erwähnte Halbgötterstimme Tornillos, die vor allem in den hohen Lagen eine Gänsehautgarantie besitzt. Nur: Mir fehlt bei alledem ein wenig die Abwechslung. Klar, 'Carry The Weight' drückt auf's Gas und 'Koolaid' dezent auf die Bremse, die Vorgänger hatten diesbezüglich aber mehr zu bieten, waren in diesem Sinne extremer. Ähnlich empfinde ich die Melodien des Albums. Bei Liedern wie 'Worlds Colliding' zeigen die fünf Herren, was sie können, doch bei zu vielen anderen Stücken ist das, was mir aus den Boxen entgegenschallt, nur durchschnittlich, gerade wenn man bedenkt, was für großartige Hooklines der ACCEPTschen Feder schon entsprungen sind. Alles in allem also nicht wirklich ein "Rise of Chaos", sondern eher ein zwar druckvoll produziertes, aber insgesamt doch "nur" ordentliches, etwas zu gleichförmiges Album, dass meiner bescheidenen Meinung nach merklich hinter seinen starken Vorgängern zurückbleibt.

Note: 6,5/10
[Jakob Schnapp]

 

Ach was, ACCEPT kann tatsächlich noch polarisieren? Ich meine, mal ehrlich, es gibt doch kaum eine andere Band, bei der man vorher bereits so genau weiß, was man bekommen wird. Die Solinger Stahlschmiede haben ein Rezept gefunden - ja, man darf sagen, für die Teutonen sogar erfunden - das aus sicherlich einfachen, direkten, aber auch schwermetallisch höchst effektiven Hymnen und Brechern besteht. Besonders in der Nach-Dirkschneider-Ära mit Herrn Tornillo am Mikrophon hat die Band es geschafft, vier großartige Alben abzuliefern, die auf fast gleichbleibendem Niveau krachen. Dass einige Kollegen da Abnutzungserscheinungen zeigen, ist mir ziemlich unverständlich. Vielleicht sollten die mal mehr Prog zum Ausgleich hören, dann zündet auch eine Rakete wie "The Rise Of Chaos" wieder, Jungs! Denn 'Koolaid', der Titelsong, das typische 'No Regrets', der Opener 'Die By The Sword' und die weit hinten auf dem Silberling platzierten 'Carry The Weight und 'Worlds Colliding' sind absolute Top-Ware. Wenn ich schwächere Songs nennen müsste, wären das bei mir 'Hole In The Head' und 'Analog Man'. Ansonsten ist alles im grünen Bereich, allerdings empfinde ich die Hitdichte etwas geringer und die Refrains teilweise etwas weniger zwingend als auf den drei Vorgängern. Aber "The Rise Of Chaos" brauchte auch tatsächlich ein, zwei Durchgänge mehr als "Blind Rage", bis ich so hocherfreut war über die Scheibe. Daher bleibe ich bei der gleichen Note, die ich auch dem Vorgänger gegeben habe. Hier weiß man, was man kriegt, und das gefällt mir.

Note: 8,5/10
[Frank Jaeger]

Redakteur:
Tobias Dahs

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