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Gruppentherapie BLACKFINGER - "Blackfinger"

31.01.2014 | 01:23

Die neue Band des Ex-TROUBLE-Sängers Eric Wagner wird mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Perfekt also für eine kontroverse Gruppentherapie.

Eric Wagner war von 1979-2008 fast durchgehend Sänger bei TROUBLE, einer Band, die vor allem in den Achtzigern und Neunzigern einige Ausrufezeichen in Sachen Doom Metal (früher) und Psychedelic Rock (später) setzte. Ein Album wie "Manic Frustration" wäre sicher anno 2014, wo viele Bands mit dem Sound der alten Siebzigerrocker enorme Erfolge feiern, ein Highlight, doch leider ist es bis heute "nur" ein Undergroundtip. Nun versucht Eric Wagner mit seiner eigenen Band BLACKFINGER ein neues Glück. Kollege Paebst bescheinigt dem Schwarzfinger in seinem Review, eine "sehr interessante Angelegenheit für alle Fans von TROUBLE und klassischem US Doom insgesamt" zu sein. Manche in der Soundcheckredaktion werden hier aber auch von Sekundenschlafattacken geplagt, was sich auch im Soundcheckergebnis niederschlägt (Platz 10 mit Noten zwischen 4,5 und 9,5 Punkten). Vier Therapeuten versuchen hier noch einmal, der Wirkungsweise von "Blackfinger" auf den Grund zu gehen.





Ich war natürlich aus dem Häuschen, als ich vernahm, dass Eric Wagner wieder ein Scheibchen einsingen würde. Nun liegt es also vor, und es ist einerseits geworden wir erwartet, nämlich mit Erics markanter Stimme und einigen rifforientierten TROUBLE-Doom-Anleihen wie in 'Yellowood'. Anderseits aber auch wieder ganz unerwartet, und das beginnt schon mit dem Opener 'I Am Jon'. Denn auf "Blackfinger" singt Eric viel zurückhaltender, fast schon entspannt, und auch die Musik darf vielfältiger ausfallen. Dabei geht es aber nicht in Richtung Psychedelic, sondern in Richtung Rock und Country. Richtige Überraschungen gibt es dabei auch, und zwar über das ganze Album verteilt. Dadurch ist "Blackfinger" alles andere als einfach nur das Debüt einer TROUBLE-Cover-Kapelle. Das ist sehr lobenswert, andererseits finde ich ein paar Songs dann doch etwas zu entspannt, beispielsweise 'As Long As I'm With You' und 'Keep Fallin' Down'. Wagner variiert geschickt zwischen seiner alten hohen Stimme und der angenehmen späteren Art zu singen, die bei seiner alten Stammband nur gelegentlich durchkam. Das Resultat ist ein tolles Album, bei dem ich als Fanboy sicher etwas durch die rosafarbene Brille sehe, aber das einfach ein starkes Rockalbum geworden ist. Und eines, mit dem er sich nachhaltig emanzipiert. No Trouble in Paradise.

Note:8,5/10
[Frank Jaeger]


Von der Vorfreude einiger Kollegen angesteckt, war ich sehr gespannt auf "Blackfinger" - und wurde schnell enttäuscht. Die Songs sind so spannungsarm, dass es mir schwer fällt, einen Track ohne zu skippen auszuhalten. Die Riffs sind deutlich von der Iommi-Schule beeinflusst, tönen aber extrem ausgenudelt. Zudem klingt Eric Wagner in seinen quakenden Momenten nach einer schlechten Ozzy-Kopie. Wagners ruhige Gesangsstimme ist zwar ansatzweise emotional, leider kann die lahmende Instrumenten-Fraktion da nicht mithalten. Hinzu kommt ein selten uninspiriertes Drumming, sodass ich leider tief in die Notenkiste greifen muss.

Note: 4,5/10
[Jakob Ehmke]





Die Wagners und die Musike. Erst der olle Richard, dem sie sogar einen ganzen Berg gewidmet haben, dann ein Kurt, der Lieder von LAMBCHOP intelligent behaucht und jetzt auch noch Eric Wagner. Was heißt jetzt: Der hat ja auch schon mit TROUBLE ein paar Jahrzehntchen auf der Hüfte. Seit 1979 zwischen den Kabeln. Nun BLACKFINGER. Soundtechnisch geht das schon mal in eine gute Richtung. Die Gitarrenbrüderschaft ist gut aufeinander eingestellt, schraubt und windet sich, wird nie zu flippig. Wagners altherrlicher Gesang konzentriert sich aufs Tempo. Schlagwerker im Hintergrund, der versucht, der ganzen Platte noch mehr an Schwung einzuhelfen. Es gab auch schon flotteren Jungmannendoom, aber auch bereits drögeren faltigeren Hardrock, der dann selbstverliebt vor sich hindudelt. Größere Aufmerksamkeit erhält der BLACKFINGER, wenn er in Richtung Ballade trottet: 'On Tuesday Morning', 'As Long As I'm with You' oder 'For One More Day'. Da klingt er weich, aber spannend. Den Retro-Rock-Rummel mischen die mit ihren "Rockern" nämlich nicht mehr auf.

Note:6,0/10
[Mathias Freiesleben]


Eric Wagner singt. Das allein reicht im Normalfall schon für eine verhältnismäßig hohe Benotung aus, denn immer wenn der ehemalige Frontmann der kultigen Räucherdoomer TROUBLE seine Weisheiten in ein Mikrophon haucht, kann man die Seele baumeln lassen. Im Fall von BLACKFINGER geht dieses Baumeln allerdings so weit, dass ein ungeübter Baumler auch mal entnervt mit dem Finger trippelt. Die Kompositionen auf "Blackfinger" sind nämlich noch entspannter als die seiner vormaligen Stammband. Das macht aber absolut nichts, denn vor meinem geistigen Auge sehe ich Eric, lässig mit einer Kippe in der Hand, die eine Hand lasziv auf dem Mikroständer gelehnt, völlig weggeschwebt, singen. Dabei scheint er so weit in der Musik zu versinken, dass man als Zuhörer unweigerlich mit in diese Klangwelten gesogen wird. Hypnotisch schmiegen sich die angenehm verräucherten Nummern um meine Lauscher und tröpfeln psychedelische Tonfolgen in eben diese. Das sich dabei einstellende Wohlfühl-Gefühl ist so wohltuend, man möchte gar nicht wieder heraus aus dieser Klangwelt. Die dabei gebotene Vielseitigkeit, die BLACKFINGER mal schlürfig metallisch doomend, mal verträumt akustisch verzaubernd erscheinen lässt, mischt obendrein auch noch die notwendigen Spannungsmomente in dieses herbstliche Notenspiel. Auf einzelne Songs kann und will ich hier gar nicht weiter eingehen, denn dieser Rundling funktioniert am besten in seiner Gesamtheit. Müsste ich persönliche Highlights nennen, wäre es das herzzerreißende 'As Long As I'm With You', das durch seine Schlichtheit faszinierende 'For One More Day', in welchem vor allem Eric all' seine Emotionen hinein legt, sowie das brettharte 'Yellowwood'.

Note: 8,5/10
[Holger Andrae]




Da tränt mir doch glatt das Auge, ob dessen, was in diese Gruppentherapie schon so alles hinein geschrieben wurde. Von ausgenudelten Riffs, schlechten Ozzy-Kopien und uninspiriertem Drumming ist da die Rede; oder sogar von der Unfähigkeit, den Retro-Rock-Rummel aufzumischen. Herr im Himmel, was für eine Scheibe haben die euch denn eingepackt, Kameraden, und vor allem: Welche Erwartungen habt ihr an Eric Wagner & Co.? Als ob es jemals die Zielsetzung dieser Scheibe sein könnte oder auch nur sollte, die reichlich lästige Retro-Rock-Posse aufzumischen, oder dem geneigten Hörer mit vertrackten Klöppeleien und Kopfschmerz-Rhythmen auf den Zeiger zu gehen. Nein, die Band liefert hier genau das, was zu erwarten war, und sogar noch deutlich mehr, denn das ist schlicht und ergreifend wunderbar entspannte, anrührende Musik mit irrsinnigem Tiefgang in Lyrik und Stimme, die ohne jede Effekthascherei und ohne jedes Klischee auf nahezu perfekte Weise melancholische Singer/Songwriter-Stücke mit einer deutlichen Americana-Schlagseite und dem einzigartigen TROUBLE-Doom verbindet. Damit ist dieses Album tatsächlich viel mehr als einfach nur Erics Antwort auf das aktuelle Album seiner ehemaligen Kollegen. Auf dem Debüt seiner neuen Truppe findet der Großmeister des beschwörenden, hintergründigen, durchaus bekifften und dabei stets magischen Dooms mit seinem unvergleichlichen Gesang nämlich direkt den Weg zur Seele und zum Herzen, indem er die stilistischen Ketten sprengt. Wo sich beispielsweise das traumhaft schöne Piano- und Streicher-Stück 'As Long As I'm With You' oder das nicht minder starke 'Keep Falling Down' mit sanften Tönen auf schwelgerische Art mit angenehm zurückhaltender, komplett entspannter Instrumentierung präsentieren und damit durchaus auch Fans des späten Johnny Cash ansprechen werden, da kommen mit 'Here Comes The Rain' oder 'My Many Colored Days' auch die schwermütigen, doomigen, naturgemäß deutlich an TROUBLE erinnernden Elemente mit wuchtigen Riffs und flammenden, melodischen Leads zu ihrem Recht. Im Überflieger 'For One More Day' findet die Scheibe schließlich ihren Höhepunkt, der durch seine akustischen Arrangements und die Leadgitarre gar an einige der schönsten Balladen aus dem Hause SAVATAGE gemahnt. All dies ergibt eine ziemlich einzigartige Mischung, die durch ihre berührende Texte, die spürbare Hingabe des Sängers, und vor allem eben durch Erics Götterstimme erste bemerkenswerte Maßstäbe für das Musikjahr 2014 setzt.


Note: 9,5/10

[Rüdiger Stehle]

Mehr zu diesem Album:

Soundcheck 01/2014
Review von Raphael Päbst

Redakteur:
Thomas Becker

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