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Gruppentherapie RAGE - "Seasons Of The Black"

07.08.2017 | 14:52

Über dreißig Jahre hat das deutsche Metal-Urgestein RAGE inzwischen auf dem Buckel, doch Mastermind Peavy und seine neue Mannschaft sind aktuell so kreativ wie vielleicht zuletzt Ende der Achtziger. Dementsprechend steht auch gerade einmal ein Jahr nach dem bärenstarken "The Devil Strikes Again" bereits das zweite Album der aktuellen Besetztung in den Startlöchern und ähnlich wie sein direkter Vorgänger konnte auch "Seasons Of The Black" das Treppchen in unserem Soundcheck erklimmen. Eigentlich also eine recht klare Sache diese Gruppentherapie, könnte man zumindest meinen. Aber lest selbst, was unsere Therapeuten zum neuesten Schwermetall-Silberling aus Herne zu sagen haben.

Der gute Peavy Wagner ist schon ein echtes Arbeitstier, immerhin ist es gerade einmal gut ein Jahr her, dass ich einen Beitrag zur Gruppentherapie zu "The Devil Strikes Again" verfasst habe. War ich damals noch extrem positiv überrascht von der Spielfreude der neuen Besetzung und dem packende Songmaterial, so ist es heute eigentlich schon kein Wunder mehr, dass auch die zweite Scheibe mit Lucky an den Drums und Marcos an der Gitarre wieder ein absoluter Volltreffer geworden ist. Egal ob beim düsteren Titeltrack 'Seasons Of The Black', dem hymnischen Rocker 'Time Will Tell' oder dem bissigen 'Septic Bite', hier sitzt einfach jedes Gitarrenriff und jede Gesangslinie. Da darf man sich auch gerne mal fragen, wie es kommt, dass die halbe Redaktion trotzdem im Soundcheck den Vorgänger deutlich vorne sieht. Ich glaube, dass es daran liegt, dass "Seasons Of The Black" nicht ganz so direkt ins Ohr geht, denn auch ich brauchte erst einmal ein paar Durchläufe bis ich mit dem Material warm geworden bin. Seither rotierte die Scheibe aber praktisch dauerhaft im heimischen CD-Player und insbesondere das famose 'Justify' begleitet mich jetzt schon seit Tagen als Ohrwurm. Dementsprechend kann ich auch nur noch einmal betonen, dass die selbstverordnete Frischzellenkur wohl die beste Idee war, die Peavy in den vergangenen Jahren hatte. Von den eintönigen Alben der späten Smolski-Ära ist RAGE nämlich inzwischen glücklicherweise meilenweit entfernt, stattdessen sprudelt das Trio geradezu vor Spielfreude. Stark!

Note 9,0/10
[Tobias Dahs]

 

So schlecht wie Kollege Tobias die späte Smolski-Ära macht, war sie in meinen Ohren nicht. Vor allem "21" kann einiges und lief mir bei Erscheinung besser rein als "Seasons Of The Black". Vielleicht ist es auch ein bisschen der Gewöhnung geschuldet, dass das neue RAGE-Opus von mir "nur" 7,5 Punkte erhält. Der Hörspaß stimmt definitiv und beim Michael-Romeo-Signature-Riffing im Opener muss ich schmunzeln, aber bisher hat sich der Wachstumseffekt bei mir noch nicht eingestellt. Die Schuld dafür würde ich nicht einmal der Band geben, denn die macht in ihrem Kosmos alles richtig. Aber brauche ich das neue Album einer Band, die sich auf Album 23 nur marginal zur Seite entwickelt? Meine Antwort lautet: nein. Wer das anders sieht, wird mit "Seasons Of The Black" sicherlich mehr Freude haben.

Note: 7,5/10
[Nils Macher]

 

Vorab muss ich sagen, dass ich eigentlich mit jeder der vielen RAGE-Phasen bisher etwas anfangen konnte. Trotzdem löste die Rückbesinnung auf alte Tugenden bei mir eine lang vermisste Spannung aus. Das letzte Album "The Devil Strikes Again" ist ein cooles Album mit einigen guten Songs, aber die brutale Produktion schmälerte den Hörgenuss bei mir auf lange Strecke. Jetzt haben Peavy und Konsorten den Dreh anscheinend raus, denn die Stücke von "Seasons Of The Black" sind zwar erneut fast durchweg flott und geradlinig, doch im Gegensatz zum Vorgängeralbum geht es das Trio dieses Mal gefühlt etwas entspannter an und gönnt den Songs gelegentlich mehr Freiraum. Gerade so fantastische Schädelspalter wie 'Serpents In Disguise', 'Blackened Karma', 'Justify', 'All We Know Is Not' und das Titelstück sind auf einem enorm hohen Niveau und fügen sich grandios in die Historie der Herner ein. Eventuell benötigten die elf Songs ein paar Durchläufe, aber dann knallt es. Wo genau sich das Scheibchen letztendlich in der jeweils subjektiven Rangliste einordnen wird, bleibt zwar logischerweise abzuwarten; RAGE-Fans, egal welcher Bandphase, dürften aber mit dem neuen Werk definitiv auf ihre Kosten kommen.

Note: 8,5/10
[Chris Staubach]

 

Puh, anders als Kollege Macher kann ich der Smolski-Ära nicht allzu viel abgewinnen, aber: Wirklich mies waren die Alben ja doch nie. Eine gewisse Grundqualität war bei RAGE immer gegeben. Mit "The Devil Strikes Again" wurde ich insgesamt dann doch weggeblasen, aber aus meiner Sicht hatte die Scheibe einen Makel: Die Produktion war zu "fett", zu "druckvoll" für einen so altbackenen Metal. Dieser Fehler wurde auf "Seasons Of The Black" hörbar behoben. Die Produktion klingt lebendiger, mitreißender, luftiger. Dafür ist das Songmaterial nicht ganz so überragend wie auf dem Vorgänger. Nach den ersten Hördurchläufen fehlt mir jedenfalls noch der ein oder andere Hit, der die Scheibe auch zum Anwärter für die Jahresbestenlisten macht. Vielleicht wächst das Material ja noch, bisher würde ich sagen: Die Smolski-Ära wird fast ausnahmslos übertroffen, der Vorgänger aber nur beim Sound. Sollten ein paar Spätstarter im Material zu finden sein, ist mittelfristig ein Punkt mehr drin.
PS: Unbedingt die Doppel-CD kaufen, die Neueinspielung der uralten AVENGER-Songs passt stilistisch gut zum Album und macht Laune, auch wenn sie nicht essenziell ist.

Note: 7,5/10
[Jonathan Walzer]

Wie immer, wenn ich mich in diese unsere Therapien einschleiche, hat das den Hintergrund, mich kurzzeitig mit Bands und deren Musik beschäftigen zu können, die mich entweder bisher nicht interessierten oder die einen so großen Namen mit sich herumtragen, dass ich da mal kurz unverbindlich am Lack herumkratzen kann. Der Name RAGE zum Beispiel begleitet mich, seit ich Metalkassetten kaufen konnte. Aber da waren andere interessanter. Schon früher. Dass die Band schon 23 Alben in irgendwasinden-Dreißiger-Jahren Bandgeschichte veröffentlicht hat und sich seit dem letzten Album neu erfunden haben soll, dass der Hauptkopf des Zorns gerade nun besonders zufrieden mit dem Gefüge der Band ist, das mag der Marktoffensive geschuldet sein. Rein musikalisch erwartet mich hier ein gutes, beherztes und auch erfrischendes Riffing, wie zum Beispiel in 'Blackened Karma', oder 'Septic Bite', immer und überall gute olle Soli der Marke "Gewusst wie und wann!", die ein und andere überraschende Kante: 'Walk Among The Dead' und 'Bloodshed In Paradise'. Ich habe die anderen Beiträge der Kollegen bisher nicht bemüht, um mich nicht als womöglicher Stinker vom Dienst im Vorfeld fühlen zu müssen. Denn es geht ja schon um eine der deutschen Metal-Institutionen. Aber auch bei RAGE fängt mich das Album nicht so ab, dass ich nun tägliche Dosis benötige. Ich habe Respekt vor den Zusammenspielen der Musiker, der Kraft und der Soundvielfalt solcher Bands, ich erlebe zumeist Ermüdung, wenn die Refrains einsetzen und die Singstimme sich durch die Stücke rollt. Ich finde die Gitarrenarbeit an sich so stark, dass hier die Hälfte an Gesang durchaus ausgereicht hätte. Aber so kommt dieses Paket eben an, dass ich zwar gern direkt annehme, aber nicht vor lauter Freude gleich an der Türe aufreiße.

Note: 6,0/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Tobias Dahs

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