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Gruppentherapie: AC/DC "PWR/UP"

04.12.2020 | 15:54

Wenn die größte Hardrock-Band der Welt sich dazu anschickt, es der Welt nochmal zu beweisen.

Fraglos ist AC/DC nach wie vor einer der größten Namen in der Szene, und doch gibt es nicht wenige, die schon seit langer Zeit die Band abgeschrieben haben. Das langsame Auseinanderfallen in den letzten zehn Jahren, die nahezu völlige Ertaubung von Brian Johnson, dann der Tod von Malcolm Young und der Ausstieg von Phil Rudd und Cliff Williams. Viele hätten wohl keinen Pfifferling mehr auf die Band und ein neues Album mehr gegeben. Doch manchmal kommt es anders als man denkt. Die überlebenden Mitglieder haben sich wieder zusammengerauft, Brian Johnson hat seine gesundheitlichen Probleme in den Griff bekommen, und auch wenn sich die Gerüchte seit geraumer Zeit verdichtet hatten, kommt "PWR/UP" doch ein bisschen überraschend, sowohl qualitativ als auch überhaupt, wie schon meine Einzelrezension ausführlich darlegt.

Natürlich wird nicht jeder Kollege mit wehenden Fahnen in meinen Jubel einstimmen, denn dazu ist AC/DC dem einen oder anderen schon viel zu lange viel zu egal, aber wollen wir doch mal sehen, ob dieses Spätwerk aus Down Under nicht doch die PWR hat, beim einen oder anderen Kollegen routinierte, unterkühlte Distanz in heißes Feuer zu verwandeln, oder einfach nur alte Liebe wieder neu zu entfachen.

Jonathan, was meinst du?

[Rüdiger Stehle]

Mit so einem Brett hatte ich nicht gerechnet - "PWR/UP" ist das dritte AC/DC-Album, das ich mir bei Erscheinung gekauft habe, aber der Vorgänger lief doch ziemlich an mir vorbei. Obwohl meine Excel-Tabelle meint, dass sie doch etliche Spins hatte. Nun kommt das neue Album, und es läuft seit drei Tagen nahezu nonstop. Und auch 45 (!) Jahre nach dem ersten Studioalbum der Band ist der Sound doch fast der gleiche wie in den siebziger Jahren. Eine bemerkenswerte Konstanz, die ich nur bewundern kann. Der Sound ist großartig und zeitgemäß, aber nie unnötig modern. Brian Johnson hat mit 73 Jahren noch mal seine berüchtigte Reibeisenstimme ausgepackt, die Riffs sind wunderbar bluesig und groovig. Und bei den meisten Songs ist klar: Nie im Leben werden sie zu den ganz großen Bandhits gehören, aber trotzdem hört man das Album wie eine Greatest Hits, weil viele typische Facetten der Bandgeschichte verwurstet werden. Ständig habe ich gute Laune beim Anhören, meine fünfjährige Tochter wippt am Frühstückstisch fröhlich mit dem Kopf mit, und das Album funktioniert sicher einwandfrei beim Roadtrip, im Bierzelt, im rauchigen Partykeller oder abends mit einem warmen Tee in der Hand, bei dunklen Scheiben alleine in der Pandemie. Mit 'Shot In The Dark', 'Kick You When You're Down' oder 'Demon Fire' gibt es einige veritable Hits. Kein kommender Klassiker, aber nach "Black Ice" das beste AC/DC-Album seit 1990.

Note: 8,5 / 10
[Jonathan Walzer]

 

AC/DC halt.

Note: 7,0 / 10
[Martin van der Laan]

 

Hmmm, unter einem "Brett", wie Jonathan es nennt, verstehe ich doch etwas ganz anderes. Dafür ist mir "PWR/UP" deutlich zu zahm. Ich höre gerade "Powerage" und verglichen damit ist das neue Werk schon eher schaumgebremst. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir die Alben nach "The Razor's Edge" nie wirklich angehört habe und damit auch keine niedrigere Erwartungshaltung durch vergangene Enttäuschungen habe, aber nach den ersten euphorischen Reaktionen bin ich doch etwas verwirrt. Klar, das Album ist ganz unterhaltsam und die Höhepunkte wurden vom Kollegen auch korrekt herausgepickt, aber ein Drang, "PWR/UP" jetzt regelmäßig aufzulegen, entwickelt sich bei mir nicht. Da bleibe ich doch lieber bei den Alben zwischen 1975 und 1981, die die Explosivität und Spritzigkeit von AC/DC so berühmt gemacht haben. Oder um es mit den Worten vom Kollegen van der Laan zu sagen: "AC/DC halt."

Note: 7,0 / 10
[Peter Kubaschk]

 

Peter hat es mit seinem Zitat vom Kollegen van der Laan eigentlich auf den Punkt gebracht: AC/DC ist und bleibt auch anno 2020 AC/DC. Etwas anderes dürfte aber auch niemand erwartet haben, der die Australier bereits länger kennt. Die Truppe um das älteste Schulkind der Welt hat eben bereits in den Siebzigern ihren Sound gefunden und bleibt diesem konsequent treu. Dennoch hat sich gerade in den letzten drei Dekaden ein Muster eingeschlichen, bei dem auf ein gutes Album immer ein schwaches folgt und umgekehrt. So folgte auf das starke "Ballbreaker" das eher mittelmäßige "Stiff Upper Lip" und darauf mit "Black Ice" das beste AC/DC-Album seit "The Razor's Edge". Da nun "Rock Or Bust" nicht unbedingt eine Offenbarung war, muss folgerichtig "PWR/UP" wieder deutlich stärker sein, oder? Der generellen Meinung meiner Kollegen folge ich hier, denn das neue Langeisen rockt fluffig aus den Boxen und hat mit 'Shot In The Dark', 'Realize', 'Rejection' und 'Demon Fire' vier Songs mit echtem Hit-Potential zu bieten, was schon einmal für deutlich mehr Hörspaß sorgt als beim Vorgänger. Daneben findet sich aber auch zu viel Füllmaterial, dem wie von Peter beschrieben die Explosivität und Spritzigkeit abgeht, und das ein bisschen eher nach Resteverwertung klingt als nach frischem Input. Vielleicht liegt das daran, dass Angus Young für die neue Scheibe in den Riff-Archiven der Band gewühlt hat? Trotz dieser Kritik gehört "PWR/UP" sicher in jede AC/DC-Sammlung und wird auch auf der kommenden Tour ein paar nette Farbtupfer für die Setlist liefern, an das überragende Spätwerk "Black Ice" kann die Scheibe allerdings bei Weitem nicht tippen. Und von den Klassikern aus den Siebzigern oder Achtzigern müssen wir hier gar nicht erst anfangen, die sind sowieso außer Reichweite aller später veröffentlichten Platten.

Note: 7.0/10
[Tobias Dahs]

 

Ich war nie der große AC/DC-Fan. Tatsächlich findet sich in meiner CD-Sammlung nicht eine CD der Australier. Natürlich mag ich auch die alten Klassiker, allen voran natürlich 'Highway To Hell' oder auch 'Back In Black' (wobei es in meinen Augen nicht die "größte" Glocke aller Zeiten ist). Aber es gibt auch Songs von AC/DC, die mich schon seit Jahren extrem nerven, weil sie einfach totgespielt werden: 'TNT' und 'Thunderstruck'. Meinem Nicht-Fan-Sein ist es wohl geschuldet, dass ich zwar die Ankündigung eines neuen Albums mitbekommen habe, mir nicht jedoch das Veröffentlichungsdatum gemerkt habe. Umso erstaunter war ich, als ich das Album am 13.11.2020 im CD-Regal eines Elektro-Fachmarktes liegen sah. Und irgendwie wurde ich doch neugierig, wie "PWR/UP" wohl klingt. Und siehe an, Songs wie 'Realize', 'Shot In the Dark' (ist sogar ein ziemlich cooler Ohrwurm), 'Demon Fire' und 'Kick You When You're Down' laufen mir recht gut ins Ohr und wissen zu gefallen. Aber wie schon Peter und Tobias geschrieben haben, ist auf "PWR/UP" durchaus einiges an Füllmaterial dabei, was mich wieder daran erinnert, warum ich kein Album der Band besitze. Es fehlt letztlich das letzte gewisse Etwas, um mich dauerhaft zu begeistern. Vielleicht fehlt mir auch etwas Überraschung, aber die kann man bei dieser Rock-Legende absolut nicht erwarten. Nichtsdestotrotz schafft es "PWR/UP" jetzt schon, öfter von mir gehört zu werden, als die letzten zwei Alben zusammen. Und es macht auch irgendwo Spaß, die Scheibe zu hören. Ob es genug Spaß macht, mir die Scheibe vielleicht doch zu kaufen, werde ich nochmal abwarten. Sollte es jedoch dazu kommen, muss ich wohl oder übel auch noch andere AC/DC-Alben kaufen, damit "PWR/UP" nicht mein einziges Werk von Angus Young und Co. bleibt. Denn diesen Status hätte "PWR/UP" bei allem Spaß am Hören nicht verdient.

Note: 7,5 / 10
[Mario Dahl]

 

"AC/DC halt" schreibt Kollege Thunderlaan und damit hat er natürlich recht, im Guten wie im Schlechten, Fans und Verächter können sich immer darauf einigen, dass die australischen Schotten ihr Ding konsequent durchziehen und ziehen dann ihren jeweiligen Schluss draus. Doch warum schlägt "PWR/UP" heuer allenthalben (außer hier) so viel Begeisterung entgegen? Zwei Gründe fallen mir dazu ein, da ist einerseits die Überraschung, dass es überhaupt nochmal ein Album in dieser Besetzung gibt und andererseits, dass AC/DC in einem absolut chaotischen Jahr in einer unbeirrten Altbackenheit Halt bieten, den viele von uns grad nötig haben. Dazu kommt dann, dass die Produktion echt toll geworden ist und Brian erstaunlich kraftvoll singt, und fertig ist eine gelungene Dosis beruhigende Nostalgie in Zeiten des Untergangs. Wer das grade braucht, kann gern ein oder zwei Punkte draufzählen, für mich bleibt Martins Aussage und Note unter dem Strich stehen.

Note: 7,0 / 10
[Raphael Päbst]

 

Ist AC/DC nicht diese australische Band, die ganze Biergärten, Dorffeste und Ü40-Parties mit Tracks wie 'TNT', 'Highway To Hell' und ähnlichen Schunkelsongs zum Ausrasten bringt? Ist AC/DC nicht diese Band, auf deren Stadiongigs sich 3000 Rockfans neben 40000 Eventtouristen samt albernen, blinkenden Hörnchen auf dem Schädel etwas verloren vorkommen? Ist AC/DC nicht auch die Band, aus deren besten Songs man eine Best-of auf eine Seite einer 90-Minuten-Kassette (auf der anderen ist bereits Motörhead mit einer Best-of vertreten, inklusive komplettem "1916"-Album) packen kann? Und zugegebenermaßen befinden sich auf besagter Best-of mit 'For Those About To Rock', 'Whole Lotta Rosie', 'Heatseeker' und 'Money Talks' tatsächlich Songs, die mir ein Fußwippen entlocken, mit ganzen Alben der Band konnte man mich aber bisher immer halbnackt nach Sibirien jagen.

Als dann vor einiger Zeit ein neues Album angekündigt wurde und sich jeder ein zweites Loch in den Anus freute, war meine Euphorie erwartungsgemäß nicht gerade stark ausgeprägt. In einem gewissen Forum wurden die Vorabsongs seziert und sehr wohlwollend aufgenommen, und auch ich ließ mich (unterbewusst) irgendwie von dieser Manie anstecken. Dies gipfelte darin, dass ich mir "PWR/UP" eines Morgens für die Autofahrt auf die Playlist packte, mit der Intention, die Scheibe nach fünf Kilometern eh zu wechseln. Aus Letzerem wurde allerdings nichts, denn die Scheibe lief an diesem Tag fünf Mal komplett durch und ließ mich geplättet zurück. Ich weiß nicht, was passiert ist, und auch nicht wie, aber das Fieber hatte mich gepackt. Ein Sound, der in seiner Großartigkeit einen Großteil anderer Rockalben ganz alt aussehen lässt, der jedem Instrument den nötigen Freiraum einräumt, und dazu einfach grandiose Songs, die augenblicklich gute Laune verbreiten, immer nach vorne rocken und dabei den ganzen Schunkelquatsch außen vor lassen. Man spürt bei den alten Herren eine Spielfreude, die man einer Band, die dermaßen lange dabei ist, nicht unbedingt zutraut. Fans mögen nun sagen, dass dies doch immer schon der Fall war, meine Meinung allerdings... nun ja, siehe oben.

Jedenfalls hat mir gleich der Opener 'Realize' dermaßen die nicht vorhandenen Haare geföhnt, dass meine anfängliche Skepsis von einem manischen Grinsen abgelöst wurde und das Autoradio die Lautstärke fast von selbst nach oben korrigierte. Nun gut, Opener schreiben konnten die alten Herren (man denke nur an das abgenudelte 'Thunderstruck', das quasi das 'Raining Blood' des Rock darstellt) schon immer, also warten wir mal den Rest ab. Aber auch die folgenden beiden Tracks 'Rejection' und das vorab ausgekoppelte 'Shot In The Dark' (letzteres mit dem noch zwingenderen Refrain und einem geilen Solo) schlagen in die selbe Kerbe und dürften ganze Stadien zum Beben bringen. Den Vogel aber schießt das auf den ersten Blick zurückhaltende 'Through The Mists Of Time' ab; eine absolute Übergranate, die vom Songwriting her unfassbar simpel erscheint, aber für Tage das Ohr nicht mehr verlassen will. Hier zeigt sich tatsächlich (sogar für mich), was die Band aus einfachsten Mitteln zu erschaffen vermag. Das nachfolgende 'Kick You When You're Down' fällt dann leider etwas ab und schafft es nach dem Viererpack nicht so ganz zu... ähem... kicken. Sehen wir es als Verschnaufspause, denn die nächsten Überhits folgen gleich auf dem Fuße: Ich rate dazu, den Lautstärkeregler komplett hochzudrehen und sich vom Bass von 'Witch's Spell' ans andere Ende des Raumes fegen zu lassen. Als Metal-Fan steht man ja auf ordentlich Verzerrung im Gitarrensound, auf den Bass achtet man dagegen nicht ganz so oft. Hier ist es genau umgekehrt: Die Gitarren sind nur leicht angezerrt, machen aber gerade in Verbindung mit diesem unfassbaren Bass einen Druck, der einer Explosion gleicht. Ich vermag es nicht besser auszudrücken, der Hörer wird aber verstehen, was ich meine. War dieser Song schon eine Offenbarung, folgt mit 'Demon Fire' gleich mein absoluter Favorit, dessen Refrain für eine komplette Wohnungsverwüstung sorgt. Und spätestens jetzt frage ich mich, wieso wir hier nicht das Debütalbum einer unbekannten Band besprechen. Wie zur Hölle kann eine Band, die ich vorher nicht mal mit der Kneifzange angefasst habe, ein solches Brett rausbringen? Ja, lacht ihr alle nur, mir egal! Es interessiert mich auch nicht, dass ihr "PWR/UP" mit euren geliebten (Schunkel-)Klassikern vergleicht und somit dieser Platte hier eher weniger abgewinnen könnt. Ich zumindest wurde für eine Platte zum Fan, habe die Scheibe seit einiger Zeit in Dauerrotation und kann außer der Tatsache, dass zwei Songs weniger ('Kick You When You're Down' und 'Code Red') nicht geschadet hätten, keinen Makel finden. Daher kann ich die unten stehenden 9,5 Punkte mehr als gut vertreten und höre mir gleich mal im Anschluss "Ballbreaker" und "The Razor's Edge' an.

Note: 9,5/10
[Michael Meyer]


Live-Photos:
(c) Frank Hameister, Archiv

Redakteur:
Rüdiger Stehle
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