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Gruppentherapie: BETWEEN THE BURIED AND ME - "Coma Ecliptic"

20.07.2015 | 17:12

Mit dieser Band bleibt es spannend. Auf der einen Seite Soundchecksieger im Juni, auf der anderen das Kundtun kleinerer Enttäuschungen in der Gruppentherapie. BETWEEN THE BURIED AND ME spaltet die Redaktion zwar nicht, denn immerhin gibt es neun Punkte von Hauptrezensent Jakob und selbst von unserem Traditionsmetaller Raphael derer sieben - die Band muss also einiges verdammt richtig gemacht haben. Warum dieses gute Gesamtergebnis von "Coma Ecliptic" nicht gänzlich überrascht, könnt ihr in unserer Gruppentherapie nachlesen, in der es allerdings auch ein paar gänzlich andere Töne zu hören bzw. lesen gibt.

Das von mir schon im Kurzkommentar des Soundchecks verwendete Zitat Loriots bringt meine Meinung zu "Coma Ecliptic" auch nach ein paar weiteren Durchgängen noch immer perfekt auf den Punkt: "Früher war mehr Lametta!" Mehr Lametta heißt nicht zwingend, dass der Baum schöner aussieht, aber auffallen tut es einem halt doch, wenn man an Heiligabend das Wohnzimmer betritt. Nun aber mal weg von Weihnachten im Hochsommer: Mit BETWEEN THE BURIED AND ME hatte ich lange Zeit meine Probleme, habe sie aber mit ihren Veröffentlichungen der letzten Jahre wirklich lieben gelernt. Dieses große, scheinbar chaotische Monster birgt so viel Großartigkeit, darauf muss man erst einmal klarkommen. Aufgrund dieser doch recht kurzen Zeit, die ich die Amerikaner überhaupt verfolge, will ich daher jetzt auch gar keinen auf "Früher war alles besser!" machen, aber auf "Coma Ecliptic" läuft für mich persönlich alles in etwas zu geraden Bahnen. Weniger Growls, mehr clean. Weniger Schiefes, mehr Eingängiges. Weniger Knoten im Hirn, mehr zum Mitdenken. Alles nicht verkehrt, denn BETWEEN THE BURIED AND ME, das ist und bleibt oberste Liga, egal wie Akzente nun im Detail gesetzt sind. 2015 ist halt bloß alles gefühlt etwas konventioneller als zuvor. Von BETWEEN THE BURIED AND ME hatte ich mehr Kirmes, Achter- sowie Geisterbahn und Zirkus erwartet - und bin wohl deshalb minimal enttäuscht. Ein richtig tolles Album für alle Prog-Fans (die DREAM THEATER-Hörerschaft samt weiten Kreisen drumherum sollte sich die Band nun jedenfalls endgültig erspielt haben) und generell Musik-Liebhaber ist "Coma Ecliptic" dennoch geworden. Warum? Das dürfen euch nun die Kollegen mit anderen Voraussetzungen bzw. Erwartungshaltungen verraten.

Note: 8,0/10
[Oliver Paßgang]

 

Oliver nimmt mir in seinem Beitrag bereits eine Menge Worte vom Zettel. Auch ich finde, dass "Coma Ecliptic" ein bisschen den sicheren Weg geht. Alles ist klarer, strukturierter, ja, offensichtlicher. Das ist ein bisschen schade, denn der Mut zum Risiko ist es ja, was BETWEEN THE BURIED AND ME eigentlich ausmacht. Dass ich beim Übergang vom eröffnenden 'Node' zu 'The Coma Machine' an die von mir hochverehrten DREAM THEATER denken muss, ist eben auch irgendwie falsch. Wenn ich DREAM THEATER hören möchte, höre ich eben DREAM THEATER. Im weiteren Verlauf legen sich die Parallelen zwar, aber ich bin eben auch nur beeindruckt von den technischen Fähigkeiten, aber so richtig berührt werde ich nicht. Das liegt auch am vermehrt eingesetzten Cleangesang von Tommy Rogers. Er ist einfach kein besonders außergewöhnlicher Vokalist, der die komplexen Songs mit seinen Gesangsmelodien tragen könnte. Und so ist "Coma Ecliptic" unter dem Strich schon eine kleine Enttäuschung geworden. Das nach den beiden "The Parallax"-Teilen von mir erhoffte Wunderwerk ist hier ausgeblieben. Klar, das ist Meckern auf extrem hohem Niveau, aber an große Könner muss man auch hohe Erwartungen haben dürfen. Bayern München darf ja schließlich auch nicht Zweiter werden.

Note: 7,5/10
[Peter Kubaschk]

Entweder hat sich mein Musikempfinden in den letzten Jahren deutlich gewandelt oder ich höre andere Musik als meine Vorredner. Aber Schritt für Schritt. Ich habe dem Vorgänger damals 7,5 Punkte im Soundcheck gegeben mit dem Kommentar "gelungene Achterbahnfahrt". Nun schreiben die Kollegen hier von einem deutlich gradlinigeren Album und von einem erhöhten Einsatz des Klargesanges. Das ist seltsam, denn ich empfinde viele Passagen auf dem Album extrem anstrengend, was unter anderem auch am Gebrülle des Sängers liegt. Wir bewegen uns wieder im "Anschrei"-Modus. Darauf reagiere ich aktuell offenbar allergisch. Der Klargesang hingegen kann mich dann auch nicht abholen, denn hier fehlt dem Mann am Mikro einfach die emotionale Tiefe und das Gespür für große Melodie-Momente. Dies alles wäre für mich noch nicht so schlimm, wenn ich während der musikalischen Achterbahnfahrt ausreichend Spielwitz und Widerhaken serviert bekommen würde. Aber auch nach dem x-ten Durchlauf bleibt gar nichts haften und der Versuch auf die "Skip"-Taste Druck auszuüben, kann bei manchen Passagen nur mühsam unterbunden werden. Ein spritziger Dosenöffner wie 'Broom', bei welchem ich sofort abgeholt worden bin, ist auf der aktuellen Scheibe nicht zu finden. Alles klingt durchdachter, was sicherlich auch am textlichen Korsett liegen wird, auf welches Jakob in seiner Hauptrezension ja bereits recht ausführlich eingegangen ist. Klar, mit dem langen 'Famine Wolf' hat man wieder einen Song an Bord, der Laune macht und auch das anschließende 'King Redeem, Queen Serene' lässt mit einer netten Melodie und versetzter Rhythmik kurz aufhorchen, aber schon in dieser Nummer nervt mich das immer wieder eingestreute gutturale Gebrülle massiv. In anderen Nummern, wie dem rhythmisch quer gezwirbelten 'The Ectopic Scroll' ärgert mich diese Art des Gesanges so dermaßen, dass ich jedes Mal komplett weghöre. Ärgerlich. Sicherlich ist es ein Anliegen der Band gegen den Mainstream zu schwimmen und eventuell geht dieser Anspruch sogar soweit ganz bewusst Musik zu schreiben, die mancher Hörer als extrem und anstrengend empfindet. In meinem Fall erreicht die Band diesen Zustand mehrfach, was den Rückschluss zulässt, dass ich nicht ganz zur Zielgruppe dieser Musikart gehöre. So kann ich der Gruppe lediglich attestieren, rhythmisch einige Leckereien hingelegt zu haben, mehr aber leider auch nicht.

Note: 5,5/10
[Holger Andrae]

 

So langsam wird es doch etwas zwischen BETWEEN THE BURIED AND ME und mir. Wie meine Kollegen schon passend formulierten, waren die Vorgänger sehr gut mit einer Achterbahnfahrt zu vergleichen: verrückt, leicht abgedreht und nicht von dieser Welt. Um es kurz zu machen: Mir wird von Achterbahnfahrten schlecht! Drum gingen objektiv vielleicht gute Alben wie "Colors" oder "The Great Misdirect" spurlos an mir vorbei und juckten mich nicht die Bohne. Doch "Coma Ecliptic" ist anders, ein wenig zahmer, nicht komplett von der Rolle, sondern, man möchte schon fast sagen: bodenständig. Es wuchtet zwar immer noch an allen Ecken und Enden, ein ums andere Mal haut die Truppe aus Charlotte und Winston-Salem auch noch einmal auf die progressive Metalcore-Kacke. Und trotzdem habe ich meinen Spaß! 'The Coma Machine', 'Famine Wolf' und 'Turn On The Darkness' sind einfach bärenstarke Songs, die in die Magengegend schlagen. Auch wenn ich nie der größte BETWEEN THE BURIED AND ME-Fan im Sonnensystem werde, erkenne ich doch zum einen das immense Potential in den Songs, die vor Energie und Kraft nur so strotzen, und zweitens die positive Entwicklung, die Frontwüterich Tommy Rogers und Co. gemacht haben. Ein zarter Hauch mehr Eingängigkeit, ein Tick weniger Chaos und Sound-Anarchy. Na also - geht doch!

Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]

 

Mehr zu "Coma Ecliptic":

Hauptreview von Jakob Ehmke

Soundcheck Juni 2015

Redakteur:
Oliver Paßgang

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