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Gruppentherapie: DREAM THEATER - "The Astonishing"

27.01.2016 | 22:23

Das Mammut-Album von DREAM THEATER im Einzelcheck.

DREAM THEATER bewegt immer die Gemüter. Die halbe Musikwelt befindet sich in Vorfreude. Diesmal verspricht die neue DREAM THEATER jedoch etwas ganz Besonderes zu werden. Die Ankündigung eines Konzept-Albums mit futuristischer Story und einhundertdreißig Minuten Musik lassen die Spannungskurve höher steigen als jemals zuvor. Wie Kollege Kubaschk (zum Review) haben wir uns vorab für Euch durch dieses Mammut-Werk geackert und berichten nun von unserer Arbeit.




Soundtrack oder Konzeptalbum? Musical oder Metal? Was ist denn "The Astonishing" von DREAM THEATER eigentlich nun? Egal, wie man die Platte musikalisch charakterisiert, sie ist in jedem Fall ein verdammt mutiger Schritt der Amerikaner. Eigentlich könnten sich Petrucci und seine Kollegen ja locker auf ihren Lorbeeren ausruhen und bis ans Ende ihrer Tage mit einem Greatest-Hits-Programm durch Arenen auf der ganzen Welt touren, stattdessen veröffentlichen sie dieses Monument von einem Album. 34 Songs, zwei CDs und eine gewagte futuristische Story, das sind eigentlich nicht gerade die Zutaten aus denen die Träume eines Plattenlabels gemacht sind. Dafür muss man den Amerikanern auf jeden Fall Respekt zollen, doch leider geht die Rechnung nicht ganz auf. Technisch und musikalisch ist die Platte natürlich das Maß aller Dinge, was man beim Traumtheater aber auch durchaus erwarten kann, emotional berühren mich das Konzept und die Musik aber einfach überhaupt nicht. Wo ich bei "Metropolis Pt. 2: Scenes From A Memory" noch Stunden vor dem CD-Player verbracht habe und komplett in der Musik versinken konnte, zieht das neue Doppelalbum einfach vorbei, ohne einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Vielleicht liegt es daran, dass die Amerikaner trotz aufwändigem Konzept in den einzelnen Tracks eher auf Nummer sicher spielen. Songs wie 'The Gift Of Music' oder 'Ravenskill' sind irgendwie DREAM THEATER-Stangenware und funktionieren für sich betrachtet ganz gut, bringen aber das Konzept nicht so richtig weiter. Schade eigentlich, denn mit dem groß angelegten textlichen Hintergrund der Scheibe wäre hier deutlich mehr drin gewesen. So bleibt auch nach mehreren Hör-Durchläufen von "The Astonishing" alles in allem ein Gefühl der Enttäuschung zurück, denn nach dem großen Hype, der im Vorfeld um den Longplayer veranstaltet wurde, habe ich mir davon einfach mehr versprochen. Am Ende ist die Platte aber nur ein eher durchwachsenes Konzeptalbum, das für mich den deutlichen Aufwärtstrend des Vorgängers "Dream Theater" nicht fortsetzen kann. Schade.

Note: 7,5/10
[Tobias Dahs]



Gewagt, gewagt, Kollege Dahs! Dabei bescheren uns die Prog-Veteranen ein Mammut-Opus, dessen Ausrichtung nun mal so rein gar nichts mit Stangenware zu tun hat, wie sie hier teilweise attestiert wird. Nach den ersten zwei bis drei Durchläufen machte sich auch Enttäuschung in mir breit, aber je mehr ich mich auf die Musik eingelassen habe, desto beständiger hakte sie sich im Innenohr fest. Denn im Gegensatz zu den letzten beiden Platten, die tatsächlich bewusst im Fahrwasser des monströsen Backkataloges fuhren, gibt es auf "The Astonishing" das gesamte Spektrum musikalischer Möglichkeiten der Herren Petrucci und Rudess zu hören. In Komponistenrolle natürlich, denn aktiv leisten alle Musiker ihren hervorragenden Beitrag. So mausert sich dieses Werk tatsächlich zu einem progressiven Album, im Wortsinn progressiv. Jeder Track verlangt nach anderen Stilmitteln, die hier mit Nonchalance durch Band und Orchester dargeboten werden. Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann der von Kollege Kubaschk angesprochene fehlende Spannungsbogen (zum Haupt-Review), der aus "Scenes From A Memory" ein Über-Album macht. Auch die verschiedenen Charaktere, die allesamt von James gesungen werden, hätten von anderen Stimmen profitieren können. Dieses Album hat viele Stärken, aber unter fünf oder sechs Runden voller Konzentration geht hier nichts. Und jetzt husch, husch: aufs Treppchen!

Note: keine Note
[Nils Macher]

Vielleicht hast du dich mit deiner Enttäuschung ja ein wenig zu früh abgefunden, lieber Tobias. Denn, wie bereits erwähnt wurde, ist "The Astonishing" für den Hörer erstmal nur eins: ein Riesenpacken Musik. Noch dazu Musik, die sich nur ganz langsam und gemächlich durch das Flussbett eines aufwändigen Konzepts bewegt, bevor sie in den Ozean der Synapsen mündet, der dem Hörer eine Reaktion gibt, die schließlich (hoffentlich) in Gefallen mündet.

Wie Kollege Macher schon andeutet, dauert auf "The Astonishing" einfach alles länger. Die unmittelbare Aufmerksamkeit durch kraftvolle Hooks oder atemberaubende Instrumental-Passagen wird auf diesem Album nicht erregt, zumal man sich seit "Images & Words" sowieso an so etwas gewöhnt, vielleicht sogar satt gehört haben mag. So setzt DREAM THEATER nun vor allem auf die Ausdauer des Hörers. Seine Zeit. Seine Liebe zur Musik. Es gibt kein 'Pull Me Under', und die Zeiten des baren Show-Offs sind auch passé. Das hat mich anfangs irritiert und stellenweise ratlos gemacht, doch so langsam - ganz langsam, setzt der Verstehens-Prozess ein. Das Album wächst. Es erzeugt Gefühle. Die sind bei mir wohlig. Feierlich. Harmonisch. Eigentlich gar nicht so dramatisch, wie die Story, die Peter in seinem Review kurz beschrieben hat, vermuten lässt. Das höre ich alles sehr ähnlich wie unser Chef.

Schon in der letzten Gruppentherapie zum Vorgänger "Dream Theater" habe ich das Erfassen einer neuen Scheibe der Prog-Götter mit der langen, erlebnisreichen und bisweilen mühsamen Besteigung eines hohen Berg-Gipfels beschrieben. Dies gilt für "The Astonishing" mehr denn je. Ich kann euch aber schonmal sagen, wo ich auf diesem Pfad den Fotoapparat raushole. Als Pathos-Freund natürlich zuallererst bei 'Brother Can You Hear Me'. Davor schon beim Musical-mäßigen 'Lord Nafaryus'. Später beim auch spielerisch spektakulären 'A New Beginning'.

Ja, es wird, es wird. Als "Stangenware" - wie Tobi es bezeichnet - hat die Musik bei den ersten Hör-Durchläufen auch auf mich tatsächlich gewirkt. Wie Nils aber schon meinte, ist sie dies aber nicht. Dran bleiben lohnt. Vor allem für mich und alle anderen bekennenden Anhänger cinematischer, orchestraler Musik könnte "The Astonishing" in naher Zukunft sogar ein Segen sein. So sei die Note hier nur ein Platzhalter dafür, was mir "The Astonishing" schon heute mindestens wert ist. Ich freue mich auf das fertige Produkt mit Cover, Texten und allem. Es ist schließlich DREAM THEATER!

Note: 8,0/10
[Thomas Becker]





Vieles wurde bereits von meinen Kollegen, auch nach meinem Empfinden, richtig gehört. Vor allem teile ich den Eindruck, dass "The Astonishing" nach den ersten Durchläufen enttäuscht. Hier mangelt es ganz erheblich an einem Spannungsbogen und, insbesondere ohne Booklet, an einer Abgrenzung der Charaktere. Wo "Scenes From A Memory" auch wunderbar ohne Konzept funktioniert, muss man hier unbedingt mit dem Text arbeiten. Einzelne Songs lassen sich nämlich gar nicht hervorheben, da es sich in dem Sinne nicht um "normale" Songs handelt, sondern der Fokus liegt, ganz untypisch für DREAM THEATER, auf der Story. Die erinnert mich übrigens an eine Mischung aus "Asterix und Obelix" und dem "Atlantis"-Mysterium. Ja, man erkennt eindeutig, welche Musiker hier spielen und singen und ich fühle auch mich in gewisser Weise, auch ohne große Instrumental-Parts, "zu Hause". Wobei mir mit jedem Album der Post-Portnoy-Ära eins immer deutlicher wird: Mangini ist nicht der richtige Schlagzeuger für DREAM THEATER. Sein Spiel und Sound ist so perfekt wie leblos. "The Astonishing" ist ein Album, das man sich erarbeiten und wofür man viele Stunden und Geduld mitbringen muss. Dann lassen sich immer mehr Highlights ausmachen und das große Puzzle wächst zusammen - es fängt an, Spaß zu machen. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Leistung, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich andere DREAM THEATER-Alben stets vorziehen werde.


Note: 6.0-8.0
[Jakob Ehmke]

Redakteur:
Thomas Becker

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