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Gruppentherapie: LONG DISTANCE CALLING - Avoid The Light

22.04.2009 | 09:11

Die instrumentalen Postrocker von LONG DISTANCE CALLING haben mit ihrem Debüt "Satellite Bay" ein fettes Ausrufezeichen in der Szene gesetzt. Wir untersuchen, ob das am 24.04. via Superball Music erscheinende Album "Avoid The Light" hier noch einen draufsetzen kann.









Ignoriert man den plumpen Albumtitel, der die überraschungsarme Senkkopftraurigkeit in weiten Teilen des undefinierten Postrock-Felds wunderbar veranschaulicht, ist "Avoid The Light" erwartet geschmackvoll geraten. LONG DISTANCE CALLING möchten immer noch nicht mit dem Strom der Fehlgeleiteten schwimmen, die Instrumentalmusik als Aufnahmeprüfung in selbsternannte Intellektuellentratschrunden missbrauchen. Sie verstehen etwas von Songgestaltung, behalten im Melancholiewald den Überblick und ziehen immer dann an, wenn bei einigen Kollegen die gefürchteten sinnlosen Studentenwohnheim-Esoterik-Klangcollagen eingeschoben werden. "Wer nachdenkt, darf auch aus sich rausgehen und Gläser gegen die Wand schmeißen" mag eine der vermittelten Botschaften lauten. Bei den Riffs in 'Black Paper Planes', 'I Know You, Stanley Milgram!' und 'Apparitions' wackeln die Einrichtungsgegenstände und nicht vor Müdigkeit die Knie. KATATONIAs Jonas Renkse wird dennoch eher das Element der Schwermut zum Mitmachen bewogen haben. Dass der Schwede die Deutschen bei 'The Nearing Grave' gesanglich unterstützt, ist der Zusammenschluss dessen, was sich nur blind verstehen und gemeinsam qualitativ Hochstehendes produzieren kann und anschließend eigentlich nicht wieder getrennt werden sollte. Aber ob mit oder ohne Vocals: LONG DISTANCE CALLING liefern keine hastig ausgeführte Standardreaktion auf den Mainstream, was in diesem Spektrum der Musik längst nicht mehr die Regel ist, sondern einen lebendigen Klangreisebericht, der mehr sein will – und letztlich auch ist.
[Oliver Schneider]

Traditionell bin ich kein großer Freund von Instrumentalplatten. Nicht weil ich sie langweilig finden würde und auch nicht, weil ich sie regelmäßig zu anstrengend finde, sondern vorwiegend deshalb, weil sie mir zumeist nicht im Gedächtnis hängen bleiben. So geht es mir über weite Strecken leider auch mit LONG DISTANCE CALLING. So lange die CD läuft, fesselt sie mich. Die atmosphärischen Arrangements, das spacige Feeling zwischen modernem Rock und psychedelischer Tradition lässt den Hörer wunderbar schweben. Es ist ein Spacetrip, wie ihn auch Arjen Lucassens STAR ONE oder HAWKWIND in ihren instrumentalen Songs und Passagen nicht besser hätten fliegen können. Nimmt die Schwere und Härte zu, dürfen wir auch an TOOL denken, klar. Oder an XIII. Eine gewisse alternative Note hat das Schaffen also auch, keine Frage. Doch wenn die Scheibe vorbei ist, dann erinnere ich mich immer wieder nur an die Stimmung und nicht an die gehörten Melodien und Hooks. Da hilft auch der wirklich schöne Auftritt von Jonas Renkse bei 'The Nearing Grave' nicht allzu viel, obwohl das Stück wirklich als toller Song durchgeht, der auch einige meisterliche Gesangshooklines bereit hält. Doch vielleicht ist es auch die Stimmung, die sich fest verankern soll. Dazu passt auch das herrliche Artwork mit seinem in warmen Farben koloriertem Kupferstich. Tja, was bleibt als Fazit? "Avoid The Light" ist eine wirklich tolle Scheibe, in der man ganz tief versinken kann, die uns weit weg tragen und träumen lassen kann, sie ist aber keine Scheibe, deren Melodien euch verfolgen und noch fünf Jahre nach dem letzten Hören im Kopf rumspuken werden. Ich suche ja in der Regel nach Letzterem, doch zum entspannten Schwelgen lege auch ich LONG DISTANCE CALLING immer wieder gerne auf.
[Rüdiger Stehle]







Weiche dem Licht aus – na, so düster ist das Ganze dann aber auch nicht. Trotzdem entweicht der Kehle wohl kein "Juchhu" angesichts der repititiven, hypnotischen, fragilen Strukturen, die instrumental und eindringlich über den Hörer hereinbrechen. Musik zum Laut hören, Augen schließen und sich der Achterbahn der Töne und Gefühle hingeben. Erinnert mich der lange Opener 'Apparitions' noch an ANATHEMA, die mit der gleichen Klarheit und Zerbrechlichkeit Emotionen erzeugen, zeigen LONG DISTANCE CALLING im Folgenden, dass sie sich nicht auf eine Spielart oder Grundemotion reduzieren lassen wollen. TOOLig gibt es uns 'Black Paper Planes', und bereits jetzt dürfte der Hörer dem Album verfallen sein. Weitere kleine Reminiszenzen gibt es später an MARILLION (die neueren Sachen) oder PORCUPINE TREE, ohne allerdings jemals in irgendeiner Weise blind abzukupfern. Diese Vergleiche dienen nur der Einordnung, und diesen Zweck erfüllen sie ausgezeichnet, denn so überzeugend die Mischung der jungen Deutschen ist, so ist sie dennoch nichts wirklich Neues. Neu ist höchstes, dass ein fast gänzlich instrumentales Album derartig gut unterhalten kann. Übrigens zu dem "fast gänzlich": Wir auch schon auf dem Vorgänger gibt es einen Song mit Stimme, diesmal geliehen von Jona Renkse (KATATONIA) für 'The Nearing Grave'. Durch den direkten Vergleich glaube ich, mit Gesang gefiele mir das Alles noch besser, aber auch so wird diese Scheibe häufiger durch den Äther treiben dürfen. Überraschend gut!
[Frank Jaeger]

Welch Leichtigkeit, oh ja, welch großartige Klangästhetik, welche auf schnöde Silberscheiben gepresste filigrane Schönheit. Doch reicht Schönheit, um längerfristig begeistern zu können? Wenn ich mir das Coverartwork ansehe, so ist das möglicherweise auch die falsche Frage. Denn hier geht es um Reisen. Und Reisen sind ein Phänomen, das einer genauen Prüfung sowieso nicht standhalten würde. Denn wer das Interesse an einer fremden Kultur hat, der wird einen Kulturuninteressierten genauso wenig in seiner Ignoranz verstehen wie jener die unglaublichen Mühen, die ein Reisender auf sich nimmt, nur um irgendwohinzu fahren, wo es im Prinzip auch nicht viel anders ist als dort, wo besagte Person herkommt. Worum es geht: Emotionalität. Entweder dieses Klangexperiment berührt einen, und man ist in der Stimmung für schlüssige, langsam aufgebaute Arrangements, oder man steht sowieso nicht darauf, was das Ganze in die Belanglosigkeit verlieren lassen würde. Tatsache ist aber, dass LONG DISTANCE CALLING das, was sie tun, auf verdammt hohem Niveau vorlegen. Mir persönlich hätte das ein oder andere schnellere Solo zwar auch gut gefallen, doch möglicherweise steckt genau in diesem praktizierten Minimalismus – zumindest was Gitarrengefiedel angeht – das Geheimnis dieser rätselhaften und mysthischen Klangreise.
[Julian Rohrer]

Ich bin grundsätzlich kein Freund von instrumentaler Musik, außer sie ist derartig rasant, hektisch und verdreht, dass andere genervt abschalten würden. Elegische Stimmungserzeuger funktionieren in meiner akustischen Wahrnehmungswelt halt in erster Linie über die Stimme und die Worte. Insofern müsste ich um LONG DISTANCE CALLING einen riesengroßen Bogen machen, bietet die Band doch annähernd das genaue Gegenteil von der oben beschriebenen Instrumentalvariante. Lange Songs, die sich langsam steigern, ohne dabei hektisch zu werden, bestimmen auf "Avoid The Light" das Geschehen. Und dass man mit 'Apparitions' obendrein auch noch den längsten Happen an den Anfang der musikalischen Reise gestellt hat, vereinfacht den Einstieg für mich nicht gerade. Aber selbst bei dieser Nummer, die über zwölf Minuten lang hauchdünne Saitenschichten übereinander legt, schlägt mein Adrenalinegel in eine angenehme Richtung aus. Und diese Euphorie verstärkt sich mit zunehmender Spielzeit des Rundlings. Spätestens, wenn bei 'I Know You, Stanley Milgram!' dann sogar im zackigen Uptempo im Zick-Zack gerockt wird. Von ähnlichem Kaliber ist der Rausschmeißer 'Sundown Higway', der mit seinen griffigen Riffs und seiner wuchtigen Rhythmik – die übrigens auf dem gesamten Album extrem abwechslungsreich klingt – das Bild eines breit bereiften Pick-Up-Trucks im Abgang auf eine Wüstenstrasse gegen den knallroten Sonnenuntergang herauf beschwört. Da vermisst das verwöhnte Ohr gar keine Stimme. Wobei der Gastauftritt von KATATONIA-Fronter Jonas Renkse in 'The Nearing Grave' auch seine Reize hat, für mich aber nicht das Highlight des Albums darstellt. Da habe ich mich selbst überrascht.
[Holger Andrae]







Schon das Debüt “Satellite Bay” konnte voll und ganz überzeugen, doch was LONG DISTANCE CALLING auf dem Nachfolger “Avoid The Light” abliefern, ist noch einen Tacken besser. Ähnlich vielschichtig wie der Albumtitel gestalten sich die Songs. Schon der zwölf Minuten lange Opener 'Apparitions' legt die Messlatte an die restlichen Songs sehr hoch. Da werden DREDG- und OCEANSIZE-Anleihen mit einer Grundstimmung versehen, um, einem Wellenbrecher gleich, alle Höhen und Tiefen mitzunehmen. Hier vermisst man zu keiner Sekunde den Gesang, der in vielen Fällen auch schlichtweg nur stören würde. Lediglich 'The Nearing Grave' bricht mit dem Stil und kann mit Gastvocals des KATATONIA-Shouters Jonas Renkse aufwarten, welches die melancholische Grundstimmung sehr gut einfängt. Für aufgeschlossen Musikfreunde mit einem Hang zu OCEANSIZE, DREDG und chilligem Trance stellt “Avoid The Light” eine Wundertüte sondersgleichen dar, die mit jedem weiteren Durchlauf wächst.
[Tolga Karabagli]

Rockender Post Rock: Was zunächst widersprüchlich erscheint, wird von LONG DISTANCE CALLING unter einen Hut gebracht; "Avoid The Light" zeichnet sich nämlich sowohl durch endlose Motivwiederholung und rockferne Strukturen, als auch durch eindeutig 'felsige' Rifflandschaften aus. Und auch wenn ein Stück einmal lichte, glöckchenhelle Momente verbaut, wird dies durch dessen Titel 'I Know You, Stanley Milgram!' gleich wieder konterkariert. Es ist ein steiniger Weg, den der Satan aus Gustave Dorés "Paradise Lost"-Illustration vom Albumcover da vor sich hat. Schroffes, beschwerliches Gelände - nicht unbedingt durch einzelne unwegsame Hürden, sondern eher durch Einsamkeit und die enormen Distanzen auf unbewachsenem Terrain. Ausgeliefert Wind und Wetter. Allein. Wer sich auf Eintönigkeit einlassen kann, und auch im wolkenverhangenen Tal gerne zwischen den Amplituden wandert, solange nur der Weg das Ziel ist, der mag sich hiermit begnügen. Meidet das Licht, begebt euch auf nächliche Wanderungen durch Stoppelfelder, und lasst euch dabei tragen vom schroffen Rauschen und langsamen Wogen der unerbittlich nagenden Zeit. Auf dass ihr euch dabei nicht dem tragischen Konflikt zwischen Stolz und Gewissen stellen müsst, der John Miltons Satan schließlich voll höllisch brennender Verzweiflung zu seinem Entschluss brachte, to "Avoid The Light". --- Ein langer Weg, ein hartes Brot. Aber auch karge, unerschlossene Großartigkeit am Horizont. Für geduldige, offene Ohren zweifellos beeindruckend.
[Eike Schmitz]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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