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Gruppentherapie: OPETH - "Heritage"

20.09.2011 | 06:17

Siebziger Prog verdrängt den Death Metal. Mikael Akerfeldt unterzieht OPETH einer Radikalkur. Heraus kommt ein Album, das für Zwiespalt in der Redaktion sorgt.

Als es hieß, das Mister Mikael Åkerfeldt würde mit seiner OPETH-Bande auf dem kommenden Album komplett ohne Growls den Klängen der 70er-Jahre frönen, wurde ich hellhörig, denn die letzten Werke dieser Ausnahmeband waren mir teilweise etwas zu überladen und kopflastig. Obendrein bin ich von jeher großer Freund der Åkerfeldt'schen Klarstimme, da sie herrlich tief und voluminös klingt. Also lege ich mit extrem hoher Erwartungshaltung "Heritage" auf und finde mich 55 Minuten später im Zustand völliger Glückseligkeit wieder, fassungslos das eben Gehörte in Worte kleiden zu können. Die vage gehegten Zweifel, dieser Stilwechsel könnte zu einer Irrfahrt werden, erscheinen lachhaft, denn diese Herrschaften machen einfach keine halben Sachen. Natürlich ist es einfach, das Album schlecht zu finden und an allen Ecken und Enden Plagiatsvorwürfe auszusprechen. Diese sind in meinen Ohren aber völlig albern, denn eine Verbeugung vor einer längst vergangenen Stilistik kann und soll ja sogar zitieren. Und auf "Heritage" gibt es massenhaft Zitate und Parallelen, die an die alten Großmeister erinnern. So erinnert die einzig flotte Nummer 'Slither' an RAINBOW. Und? So lange es mich so mitreißt, ist mir das doch völlig egal. Und natürlich röhren die Klampfen herrlich altmodisch – wenn sie denn mal röhren. Viel wichtiger ist doch, ob es den Musikanten gelingt, eine emotionale Dichte zu erzeugen. Und genau das gelingt OPETH auf "Heritage" wie aktuell in diesem Jahr bisher nur 40 WATT SUN. Man kann in diesem Gewebe aus transparent zusammengefügten Einzelteilen komplett versinken, sich fallen lassen und schweben. Ohne Zusatzstoffe. Mehr kann man sich nicht wünschen.

Note: 9,5/10
[Holger Andrae]

Mit dem neuen Werk und damit dem runderneuerten stilistischen Kurs der Schweden von OPETH habe ich zugegebenermaßen ziemlich massive Probleme. Das liegt per se nicht an den verarbeiteten Einflüssen, denn generell mag ich die Progsounds der Sechziger und Siebziger sehr gerne. Auch, wenn sich aktuelle Bands von jenen beeinflusst zeigen, ist das für mich eher ein Qualitätsmerkmal als ein negatives Zeichen. Allerdings finde ich "Heritage" einerseits extrem beschaulich und andererseits geht sie mir zu sehr in ihren besagten Einflüssen auf. Reichert eine Band ihr aktuelles Selbst mit solchen Einflüssen an, so gefällt mir das oft sehr gut, aber wenn sie auf mich den Eindruck erweckt, als wolle sie mit Haut und Haaren eine 70er-Band sein, obwohl die Musiker in der Zeit eben erst geboren waren, dann geht das recht oft ins Beinkleid. So schaffen es die Herren von OPETH nicht, bei mir das Feeling zu erzeugen, welches die Originale weckten. Bei jenen ist das 70er-Feeling echt und authentisch, bei OPETH wirkt es zwar auch ehrlich und keineswegs aufgesetzt auf mich, aber doch irgendwie unnatürlich.

Note: 5,5 / 10
[Rüdiger Stehle]


OPETH haben sich in den letzten Jahren immer mehr von einer Krawallband zu einer echten Größe im Progzirkus entwickelt. Auf den letzten Alben wurden die Growls weiter zurückgefahren, so dass selbst ich sie als Stilmittel zu ertragen vermochte. Dass nun "Heritage" völlig ohne Geröchel auskommt, ist für mich alles andere als ein Makel. Der damit logischerweise einhergehende Stilwechsel ist zwar verhältnismäßig drastisch ausgefallen, aber nichtsdestotrotz nachvollziehbar im Lichte der beiden Vorgängeralben. Dabei habe ich aber auch bei den ersten Durchgängen meine Schwierigkeiten gehabt und musste eine gewisse Gewöhnungszeit überstehen, bevor "Heritage" seine Wirkung wirklich entfaltete. Dass der antiquierte Stil, den die Schweden sich nun zu eigen gemacht haben, möglicherweise als unoriginell gebrandmarkt wird, ist mir ziemlich wurscht, da OPETH es auch in dieser Zeit, in der sich zahlreiche Bands aus dem Fundus der Siebziger mehr oder weniger schamlos bedienen, schaffen, alle anderen auf die Plätze zu verweisen. Wie das allerdings live funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen. Ach so, und natürlich nur der Vollständigkeit halber mein Lieblingssong: 'Slither'.

Note: 8,5/10
[Frank Jaeger]

Nun muss ich die Katze schon vorab aus dem Sack lassen: Ich finde OPETH tierisch langweilig. Sowohl live als auch auf Platte entlocken mir die Herren aus Stockholm einige Gähner und konnten mich bisher mit keiner Veröffentlichung so richtig überzeugen. Die Chancen hierfür erhielten speziell "Blackwater Park" und "Watershed" zu Genüge. An dieser leider etwas strengen Haltung wird auch "Heritage" nichts ändern können, obwohl sich Mikael Åkerfeldt und Konsorten hörbar bemühen, zumindest meine Meinung zu revidieren. Diesmal ohne Growls und gänzlich neuen Ideen und Ansätzen, verbinden OPETH jedoch nach wie vor das, was ich an progressiven Klängen oftmals anprangere: Die Songs wollen und wollen nicht auf den Punkt kommen und sich für mich undurchdringlich. Immer wieder treten Steigerungen und kompliziertere Strukturen als die vorangegangenen auf, ohne dass man es bei dem bisher Geschaffenen belässt. "Heritage" bildet da trotz der neuen Schlagseite leider keine Ausnahme, obwohl sich Fans der Truppe über ein zwar gewöhnungsbedürftiges, aber doch interessantes Werk erfreuen dürfen. So sind OPETH nach wie vor eine der abwechslungsreichsten Truppen in ihrem Gebiet und können sich objektiv über einen guten, sechsten Platz bei uns erfreuen. Dennoch verstehe ich jene Leute, die sich bei dem Bandnamen umdrehen und das Weite suchen. Somit scheiden sich an OPETH auch anno 2011 nach wie vor die Geister. Und das, obwohl man dem Death Metal den Rücken gekehrt und sich dem Sound der 70er gewidmet hat. Entweder man mag den Sound, das Dramatische und teils Experimentelle, oder man geht dem ganzen Unterfangen ein wenig aus dem Wege.

Note: 6,0/10
[Marcel Rapp]


Als die ersten Ankündigungen durchdrangen, daß sich Mikael Akerfeldt gerade intensiv mit den 70ern befasst und das neue OPETH-Album "Heritage" stark davon beeinflusst sein wird, war die Freude groß. Man durfte sich fragen, wo die Reise bei all seinem Musikverständnis hingehen wird. Treffen wir DEEP PURPLE, THE DOORS oder eher ELP und KING CRIMSON. Nach dem kurzem instrumentalen Titeltrack (könnte eine Passage aus einem Score-Soundtrack sein) erklingt das schon vorab im Internet zu hörende 'The Devil´s Orchard' mit seinen fetten Hammond-Sounds und leicht angezerrten Gitarren. Der Gesang ist klar und der Song selbst doch recht progressiv mit großem Hang zu den Seventies. Diese Nummer schon als recht gut eingestuft, kann man kaum in Worte fassen, was uns die folgenden acht Songs noch bringen sollen: Siebziger-Prog in seiner schönsten und beeindruckendsten Form, zwar nicht immer sehr eingängig, dafür aber umso schöner. Jeder einzelne Track ist bis ins kleinste Detail durchdacht, alles hat Hand und Fuß und es wird nichts dem Zufall überlassen. Das mit Flamenco-Gitarren beginnende 'I Feel The Dark', welches unter dem Kopfhörer noch viel intensiver klingt und man erst hier seine ganze Schönheit richtig verstehen kann. Es folgt das straight rockende 'Slither' welches den Vergleich mit DEEP PURPLE oder auch RAINBOW nicht scheuen braucht. Wenn man unbedingt nach Highlights auf dieser Offenbarung suchen will, solle man sich das unbeschreibliche 'Häxprocess' mal intensivst vornehmen, denn die Instrumentierung (wunderbar folkige Gitarren), mit all seiner atmosphärischen Enspanntheit ist obergenial. Das Ganze aber wird in seiner kompletten Pracht noch von 'Folklore' übertrumpft. Was Mikael hier komponiert hat, ist zum heulen schön. Die achtminütige Nummer mit den spacigen Vocals verfügt, trotz vieler leiser Töne, über extrem viel Intensivität und liebliche Gitarrenmelodien. Dazu die immer wieder auftauchende Flöte und die coolen Orgelklänge. Man horche der Stille nach knapp fünf Minuten, der wunderbaren Akustikgitarre und den dann dazukommenden Keys als Teppich für die treibenden Gitarren. Das abschließende Soli inmitten dieses intensiven Sounds lässt den Song mehr als beeindruckend ausklingen – unglaublich, wie das komplette Album.

Note: 10/10
[Thomas Schmahl]

Langweiler oder Meisterwerk, das ist hier die Frage. Und die Antwort findet sich so oft in der Mitte wieder. Dass Akerfeldt ein großer Freund des Progressive Rock der Siebziger ist, war bekannt und dass "Heritage" nun genau dieses Erbe antritt, ist daher nicht allzu verwunderlich. Und doch war es immer die Stärke der Band, dass man trotz oftmals überlanger Songs den roten Faden fest im Griff hatte. Dies kann man von "Heritage" eben nicht behaupten. Von der RAINBOW-Verneigung 'Slither' abgesehen, bleibt auch nach einem Dutzend Durchläufen so gut wie nichts hängen. Das ist alles toll gespielt und es gibt den ein oder anderen großen Moment wie das Finale von 'Folklore', sowie die Möglichkeit mit jedem Spin ein wenig mehr in dieses Dickicht einzudringen. Doch dafür braucht man auch die nötige Geduld. Ob die Fans diese aufbringen werden, bleibt abzuwarten.

Note: 7,5/10
[Peter Kubaschk]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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