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Gruppentherapie: PROTEST THE HERO - "Volition"

26.11.2013 | 11:27

Noten hobeln und dazu mitjodeln? Geht das? Antworten in der Gruppentherapie zum Soundcheck-Vize im November.

"Volition" ist das vierte Album einer modernen Progband aus Kanada, die wahrlich einen Signature-Sound hat. Schon mit dem Debut "Kezia" fabrizierte PROTEST THE HERO einen unverkennbaren Klang, den man nach zehn Sekunden erkennt. So etwas ist selten heutzutage, wird aber in unserer Redaktion hoch geschätzt. So schafft es "Volition" auf das Stockerl eines gut besetzten November-Soundchecks und verdient somit eine Intensivbehandlung in unserer Gruppentherapie. Hier werden Noten gehobelt, es wird herumgeschwurbelt und wir wuseln durch südamerikanische Großstädte. Doch am Ende bleibt die Frage: Eingängig oder doch zu sperrig? Ordnung oder Chaos?





Beeindruckend ist das schon, was PROTEST THE HERO auf "Volition" abliefert. Auch wenn für Nicht-Proggies der Zugriff ein wenig sperrig ist, lohnt sich die Mühe, die man schließlich auf sich nimmt. "Volition" überzeugt in puncto Komplexität und progressiver Vielfalt, und schafft es sogar, seinem Vorgänger "Scurillous" das Wasser zu reichen. Fans dürften sich nun also zurücklehnen und diese pralle Songauswahl auf sich herabprasseln lassen. Melodie, Ruhe, Dynamik und Härte halten elegant das Gleichgewicht und bilden die Grundsubstanz dieses Albums. 'Mist', 'A Life Embosed', 'Without Prejudice', 'Clarity' und 'Skies' demonstrieren das vertrackt-geniale Können der Musiker in seiner gesamten furiosen Vielfalt, auch wenn Freunde der simplen Eingängigkeit durchaus ihre Probleme bekommen werden. Doch für die mühsam erarbeitete Anhängergemeinde entpuppt sich "Volition" als extrem schmackhaftes Referenzwerk in Sachen Progressive-Metal. Das müssen selbst Prog-Moserköppe wie ich neidlos anerkennen.

Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]

Ach, ein Referenzwerk des Progressive Metals ist das also, was die Protesthelden uns hier servieren? Gut, dass du es sagst, Marcel, denn sonst wäre mir das glatt nicht aufgefallen. Denn leider höre ich da weder Metall noch Fortschritt, sondern vor allem höllisch anstrengende, hektische, an den Nerven zerrende Notenwasserfälle hier und seltene seichte Schmachtmomente mit Taschenelfe dort. Dazu ein sehr dominanter, schräger, jammernder, unangenehm klingender Schreihals, der mir in vielen klar gesungenen Momenten eine Gänsehaut nach der anderen verschafft - allerdings keine der ergriffenen, wohligen Art, sondern eher eine solche, wie man sie hat, wenn der Lehrer mit den Fingernägeln an der Tafel kratzt. Was man den Jungs auf der anderen Seite unbenommen lassen muss: Sie können schreddern und Noten hobeln, sie können auch komplexe Rhythmen zocken, und sie können den Hammer ordentlich kreisen lassen. An einer Stelle erinnert mich ein Solo- oder Leadpart gar an RIOT. Das sei der Band zu Gute gehalten, ebenso wie das hübsche Artwork und ein gelegentliches MAIDEN-Gedächtnis-Ohoho. Aber das macht die Musik über weite Strecken des Albums bedauerlicherweise für mich nicht viel genießbarer, so dass ich diesen Meilenstein des Schwurbelcore nun mit sechs sehr wohlwollenden Pünktchen im Rucksack denjenigen überlassen möchte, die damit etwas mehr anfangen können.

Note: 6,0/10
[Rüdiger Stehle]





PROTEST THE HERO ist eine technisch extrem starke Band, daran gibt es nicht den leisesten Zweifel, aber: Nein, lieber Marcel und ja, lieber Rüdiger, "Volition" ist zumindest in meiner Welt des Progressive Metal kein Referenzwerk. Dann eher die im letzten Monat erschienene MEMENTO WALTZ. Wo mich auf dieser das permanente hektische Gewusel fasziniert und tief beeindruckt, macht mich selbiges bei PROTEST THE HERO extrem nervös. Ich rege mich ja immer über die Leute auf, die Prog doof finden, weil dort immerzu gefrickelt wird, bei PROTEST THE HERO schlage ich mich aber bisweilen doch auf deren Seite. Ich leide hier unter einem Informations-Overflow. Alles passiert gleichzeitig, fieselige Gitarrensoli, fiese Rhythmus- und Tempiwechsel, fünftausend unterschiedliche Gesangsstile, es bleibt gar keine Zeit, mal eine Passage wirken zu lassen, die Band wirkt rastlos, die Musik wie südamerikanische Großstadthektik, alles wuselt durcheinander, der Sänger jodelt, kreischt, trällert und grunzt, und das wechelt er alle fünf Sekunden.
Ich versuche, den Rat von Peter zu befolgen und über den Gesang in die Musik finden: keine Chance. Dafür gefällt mir der Gesang zu wenig und drumherum passiert einfach zuviel auf einmal. Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich mal so etwas schreiben müsste.
Warum ich dennoch auf 7,5 komme? Egogefrickel ist immer noch besser als so manche andere Schnarchmetaller im aktuellen Soundcheck...und die Hoffnung, dass ich noch irgendwann mal verstehe, wo diese Musik 'eingängig' sein soll, gebe ich so schnell dann doch nicht auf. Und technisch sind sie halt schon völlig geil!

Note: 7,5/10
[Thomas Becker]


Von einer sperrigen Angelegenheit ist hier überhaupt keine Rede. Was reitet euch Kollegen nur immer bei diesem Wort? Oder ist das Thrasher-Köpfchen schon bei den leisesten Anflügen von Palm Muting oder Sweeping überfordert? Für meine Begriffe ist "Volition" jedenfalls total eingängig und gerade deshalb so angenehm zu hören. Wir haben tollen mitsingbaren Gesang, interessante Gitarrenmelodien (mit gelegentlichen Tributzahlungen an die Helden der Metalwelt) und auch ansonsten nichts, was diese Musik verschlossen oder verkopft wirken lassen könnte. Rhythmuswechsel gibt es hier nämlich gar nicht so viele, wie einige Kollegen den Burschen hier attestieren. Taktwechsel ja, aber im Prinzip ballern die meisten Songs in einer unnachgiebigen Art und Weise durch das Programm, ohne dass hier gleich die Musikerpolizei anrücken müsste. Referenzwerk nein, aber trotzdem ein Aushängeschild des modernen Prog. In dieser Sparte ist PROTEST THE HERO für meine Begriffe derzeit unschlagbar.

Note: 9,0/10
[Nils Macher]





Natürlich Thomas, hier passiert eine Menge, vielleicht sogar alles auf einmal und mit deiner Metapher der südamerikanischen Großstadthektik triffst du voll ins Schwarze: Denn so chaotisch das für jemanden erst einmal wirken kann, der diese Umstände nicht gewohnt ist, so sehr muss man nach einiger Eingewöhnungszeit doch anerkennen, dass es funktioniert. Und das sogar verdammt gut. Ansonsten bin ich ganz bei Nils: "Volition" könnte, müsste vielleicht sogar anstrengend sein - ist es aber nicht. PROTEST THE HERO verliert bei den Notenorgien niemals den Blick für den roten Faden. Klar wird dieser oft umspielt, jedoch ist man sich immer bewusst, wo er ist; und genau das ist wohl der Punkt, an dem sich diese Band von so vielen anderen "stressigen" abhebt: Quasi die poppige Variante des Mathcore. Abschließend gibt es noch ein Sonderlob für Rody Walker, denn den scheint teilweise überhaupt nicht zu interessieren, was für einen (scheinbaren) Hirnfick seine Hintermannschaft gerade abzieht. Er macht einfach sein Ding und durchsetzt diese wuseligen Kompositionen mit ergreifenden sowie eingängigen (und das heißt mitsingbaren!) Gesangslinien. Dass die Symbiose von Instrumenten und Stimme am Ende schlichtweg genial ist, dürfte man spätestens meiner Note entnehmen können. Referenzwerk? Keine Ahnung, mir egal. Eins der besten und spannendsten Alben des Jahres? Mit Sicherheit.

Note: 9,0/10
[Oliver Paßgang]


Interessante Ansichten hier. Dann will ich mal die Wahrheit schreiben: "Volition" ist ein abwechslungsreiches Album, wie es zu erwarten war, und ähnelt in der Tat "Scurrilous", hat gelegentlich eingängige Melodien, benötigt aber ansonsten ein bisschen Stehvermögen, um die Kompositionen zu durchdringen. Aber das war ja zu erwarten von PROTEST THE HERO. So sind sie eben, und Rüdigers Ausdruck "Schwurbelcore" passt wie die berühmte Faust auf das Auge. Nur meine ich das im Sinne von "komplex, mit viel Gitarre und Core-Einflüssen". Also wie in dem Wort "toll". Die gewollte Hektik erfreut mich und lässt mich dieses Albun der Band gerne auflegen, sogar momentan vor allen anderen, weil ich meine, dass es die Melodien von "Kezia" mit der Wildheit von "Scurilous" verbindet. Die Kanadier sind seit einiger Zeit mein legitimer Nachfolger für die vermissten THE FALL OF TROY (hört mal 'Underbite'). Doch mittlerweile ist aus ihnen noch viel mehr geworden!

Note: 8,0/10
[Frank Jaeger]




Auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, was sich hinter "Palm Muting" und "Sweeping" verbergen könnte, gebe ich Nils darin Recht, dass es sich bei der Musik auf "Volition" um recht eingängige Klänge handelt. Aufgrund der mir sehr entgegen kommenden rhythmischen Hektik, die aber auch schon auf früheren Alben der Band so wunderbar ansteckend klang und in meinen Ohren an einen säbelzahntanzenden Bienenschwarm im Honigrausch erinnert, ist diese Eingängigkeit allerdings nicht vordergründig und plakativ, sondern beinahe hinterhältig, denn ich ertappe mich immer wieder ganze Passagen aus Songs vor mich her zu summen. Da ich das allerdings auch mit WATCHTOWER-Songs mache, bin ich eventuell kein Maßstab für Eingängigkeit. Dafür habe ich aber so ein Thrash-Köpfchen und stehe somit unter dem Verdacht aufgrund der zu oft gehörten generischen Hausmannskost, mit nonkonformen Musikstilen überfordert zu sein. Das mag bei Jazz oder Klassik sogar zutreffen, aber nicht, wenn es um Rockmusik geht. Nichts anderes bietet PROTEST THE HERO: Rockmusik, die schnell ins Blut geht und dessen Druck kontinuierlich ansteigen lässt. Zappelphilippmusik. Progressiven Metal höre ich hier auch nirgendwo, denn mit Heavy Metal hat die Musik nicht sehr viel gemeinsam. Über das Attribut vorweg kann man diskutieren. Ich fand die irgendwo aufgeschnappte Formulierung: "Die spielen alle die ganze Zeit Soli" ziemlich großartig. Manchmal glaube ich, Parallelen zu den ebenso tollen Band THREE zu vernehmen. Aber das kann eine weitere Sinnestäuschung im Zappelfieber sein. Schnuppe mit Wurst: Ich protestiere gern mit den Helden.

Note: 8,5/10
[Holger Andrae]

Mehr zu diesem Album:
Soundcheck 11/2013
Review von Peter Kubaschk

Redakteur:
Thomas Becker

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