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Gruppentherapie: WOLF - "Devil Seed"

26.08.2014 | 11:07

Ein WOLF erbeutet mit raubtierhaftem Heavy Metal den Soundchecksieg im August. Unter den Opfern sind auch ein paar Gruppentherapeuten. Nur wenige können entkommen, unverletzt bleibt aber keiner.

Der Soundchecksieg steht ein wenig im Kontrast zum in Teilen recht kritischen Review von Holger Andrae. Dieser redet von ein paar zu zahmen Nummern und die Produktion ist ihm insgesamt zu kantenlos. Hier gibt es natürlich Gegenstimmen, lustigerweise gerade bei Leuten, die sonst den traditionellen Metal nicht so feiern wie unser geschätzter Holger. Muss man nun als Fan dieser Musik etwa vorsichtig vor dem Wolf sein?



Ich finde Metal-Bands mit Wolfsnamen cool. Da gibt es natürlich POWERWOLF, die bei mir alle Uhrzeiger auf "Metal" stellen. Ich erinnere mich auch an die coolen Teutonen-Rocker WOLFEN, die bald wieder mit 'ner Platte rüberkommen. Und die Schweden WOLF waren mir auch schon auch dunkel ein Begriff, aber heidenei, dass die sooo gut sind, das hätte ich nicht gedacht.
Und schon die 'Overture in C Shark' macht klar: Man bekommt Metal mit Zähnen so scharf wie ein Hai! Angriffslustig schießt das Tier auf seine Opfer zu ('Shark Attack') und skeletonisiert sie ('Skeleton Woman'). Power Metal der alten Schule ist das, er erinnert an die Granden der Szene METAL CHURCH oder VICIOUS RUMORS, die Stimme ist melodisch und trotzdem scharf, aber auch sehr kräftig in den Höhen, was so vielen Kollegen aus dem Stil abgeht. Man höre nur SUNLESS SKY aus dem August-Soundcheck. Auch der Sound (Nils Bogren) ist absolut klar und kräftig, wie er für diese Musikart gehört. Hier kann man getrost laut aufdrehen und den Tennisschläger zur Luftgitarre machen, rechter Fuß auf die Couch.
Das Wichtigste auf "Devil Seed" ist aber: Jeder Song ist gut! Das passiert mir beim traditionellen Metal ja eher selten. Tagelang schon trage ich Ohrwürmer wie 'My Demon' oder 'I'm In Pain' mit mir rum. Auch wichtig bei aller der Power ist, dass hier Melodien allüberall sind. Feine Soli und immer wieder ein paar Ausbrüche aus dem klassisch-metallischen Songwriting-Schema sind das Schokoplättchen auf dieser Sahnetorte. Und so kommt es, dass ich mal eine Metalscheibe mit der höchsten Teamnote zum Sieger mache.

Note: 9,0/10

[Thomas Becker]

Wenn bei Kollege Becker schon die kostümierten Recken von POWERWOLF die Uhren auf "Metal" stehen, was passiert dann bloß erst bei richtigem Metal? Wie man sieht, gibt es dann neun Punkte für den Soundchecksieger mit einem ziemlich durchschnittlichen Album. Aus meiner Sicht jedenfalls, denn Alleinstellungsmerkmale oder Innovation gibt es hier nicht zu finden. "Devil Seed" ist gut eingespielt, liefert auf den Punkt, was die Fans hören wollen und ist ähnlich magenreizend wie Zwieback. Hier scheint auch mein Problem mit der Scheibe zu liegen, denn ich bin durchaus anfällig für solide Genrekost. 'Surgeons of Lobotomy', 'Shark Attack' und so weiter erfüllen den metallernen Bildungsauftrag auch ganz prächtig, bloß hat jeder von uns vermutlich einige Dutzend Scheiben im Regal, die "Devil Seed" ziemlich ähnlich klingen. Produziert ist das Ding auch ziemlich sauber, der Rebellenfaktor taugt so gerade noch für eine Metal-Doku im Öffentlich-Rechtlichen, tritt darüber hinaus aber gar keinen Arsch. Sieben Punkte gibt es für die guten Anlagen der Platte, spannend waren diesen Monat aber andere.

Note: 7,0/10
[Nils Macher]





Die ersten Takte des Albums tönen noch recht generisch, doch ich denke mir sofort: "Jau, so muss eine Metalproduktion klingen". Schnurrig, druckvoll, röhrend, dabei jedoch nicht ständig am Volumenanschlag. Gerade heutzutage ist eine gute, alte Hochdynamikproduktion wie seinerzeit in den Siebzigern seltener zu finden als der heilige Gral im Vorbeilaufen.

Jenseits der Tontechnik erinnert mich Niklas "Stålvind" Olsons Gesang zudem stark an Mike "METAL CHURCH" Howe zu "The Human Factor"-Zeiten, was bei mir noch zusätzlich punktet. Auch SAVATGE oder JOHN OLIVA'S PAIN kann man ausmachen, nicht jedoch - wie vom All Music Guide unterstellt - IRON MAIDEN. Die vor auch mal klar gespielten, klassischen Heavy-Metal-Solos nicht zurückschreckenden Bratgitarren legen ein schön grooviges Rhythmusgeflecht drunter, ohne dass es je allzu simpel wird, und wie sich beispielsweise in der Bridge einer Halbballade wie 'Skeleton Woman' dann noch die Akustikgitarre dazwischen stiehlt (wohlgemerkt im noch nicht balladesken Part), das hat schon was: Klasse nämlich! Nach dem vollständigen Genuss der Platte finde ich jedoch nicht unbedingt alle Songs zwingend. Laut aufdrehen wie Thomas muss ich das auch nicht, denn da würde die auf Dauer doch etwas zu druckvolle Produktion eventuell zu Kopfschmerzen führen. So ganz ist man vor dem "Loudness War" eben doch nicht gefeit. Im Weiteren muss ich Nils auch beipflichten, dass spannend auf Dauer einfach anders geht. Alles in allem höre ich eine solide Middle-of-the-Road-Scheibe zwischen Heavy und Power Metal, die einen ganz großen Namen gar nicht nötig hat, sich songwriterisch keinerlei Blößen gibt, also nirgends wirklich enttäuscht, dabei aber vielleicht etwas zu sehr in der Wohlfühlzone der Musiker verharrt.

Da das gebotene Material angenehm altmodisch tönt, hat es durchaus meine Sympathie, allerdings hätte ich der Scheibe eine noch angestaubtere, weniger wuchtige, feingliedrigere Produktion, und trotz vieler guter Ansätze noch etwas mehr Mut zur Abwechslung gewünscht.

Note:7,0/10
[Eike Schmitz]



Die einen nennen es ein "solides Teil ohne Innovation und Alleinstellungsmerkmalen", die anderen sagen gar nichts zu "Devil Seed", weil sie zu beschäftigt damit sind, dieses Album abzufeiern und die Köpfe fröhlich im Takt zu schütteln. Ich zähle mich doch zur zweiten Gruppe, liefert WOLF doch ein rundum gelungenes Metal-Album ab. Rasiermesserscharfer, kitschfreier Power Metal der alten Schule, der genau das abliefert, was die Fans hören wollen, auch wenn die wölfische Bandüberschwemmung in den letzten Jahren doch deutlich zugenommen hat. Ich bin also der gleichen Meinung wie u.a. Kollege Becker, den ich trotz der kilometerweiten Entfernung mitgrölen höre. Leute, Songs wie 'Surgeons of Lobotomy', 'Skeleton Woman', 'Killing Floor' oder auch 'The Dark Passenger' gehören einfach zum Besten, was ich in den letzten Wochen gehört habe. In einer Zeit, in der Power Metal ohne Klischees, Drachen und Einhörnern vom Aussterben bedroht ist, tut "Devil Seed" einfach von der ersten bis zur letzten Sekunde gut. Die Platte gibt mir ein über weite Strecken tolles Gefühl, meinen inneren Schweinehund mal von der Leine und draußen im Garten herumwildern zu lassen. Die Produktion ist makellos und druckvoll, viele (allerdings nicht alle) Songs zünden nicht erst nach dem x-ten oder y-ten Mal und bringen zumindest stellenweise das auf den Punkt, wonach meine musikalische Seele im August 2014 schreit: Metal!

Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]

Dass ich eine traditionelle Metalplatte abfeiere, passiert selten - WOLF hat es aber wieder mal geschafft! Da wäre zunächst einmal der von ein paar Kollegen angesprochene Sound, der ordentlich knackt, aber nicht zu glattgeschliffen ist. Als nächstes fällt der Gesang Niklas Stålvinds ins Ohr, der zwar hoch, aber nie schmerzvoll oder gar schief (kam auch schon alles bei Genrekollegen vor), sondern kraftvoll und melodiös ist. Man höre nur 'Shark Attack' oder 'My Demon'. Auch auf instrumentaler Ebene gefällt mir "Devil Seed". Die Riffs sind echte Kracher, zudem überzeugt das Gitarrenspiel durch ein Gespür für Dynamik und feine Soli. 'I Am Pain' ist ein Ohrwurm sondergleichen.
WOLF klingt nicht wie der drölfte Maiden- oder Sabbath-Abklatsch (auch schon alles da gewesen), sondern eigenständig, frisch und hat Biss - wie es sich für einen Wolf gehört.

Note: 8.0/10
[Jakob Ehmke]





Manchmal wird man die Folgen einer Jugendsünde nie wieder richtig los. Wenn ich zum Beispiel den Namen WOLF höre, denke ich bis heute unwillkürlich zuerst an das ultrapeinliche und grottenhässliche Cover des musikalisch doch ganz ansehnlichen Debüts dieser Band vor immerhin fünfzehn Jahren. Mit exzellenten Alben wie "Evil Star" (2004) und ganz besonders "The Black Flame" (2006) hat sich die Truppe dann in meiner Wahrnehmung zu einer der besten aktiven Heavy/Power Metal Kapellen Europas gemausert. Drei wesentliche Argumente sprachen damals und sprechen zumindest in großen Teilen auch noch heute für WOLF: Erstens versteht es kaum einer der Mitbewerber so mitreißende, eingängige und mit raffinierten Details veredelte Songs mit ebenso einfachen wie genialen Killer-Hooks zu schreiben. Zweitens gehört Sänger Niklas mit seiner eindringlichen, klaren, kraftvollen und unter die Haut gehenden Stimme zu den ganz Großen seines Fachs. Drittens knallt einem kaum eine andere Band die Edelstahl-Hymnen so intensiv und leidenschaftlich vor den Latz wie dieser adrenalinsüchtige Schweden-WOLF. Allerdings muss ich einschränken, dass diese Vorzüge auf den letzten beiden Scheiben nicht mehr ganz so eindrucksvoll erkennbar waren; mag auch daran liegen, dass ein gewisser Abnutzungseffekt bei mir einsetzte. Schließlich wich diese Band bisher und weicht auch auf "Devil Seed" keinen Millimeter von dem einmal eingeschlagenen stilistischen Weg ab. Allerdings fesseln mich die Songs auf dem aktuellen Album wieder deutlich mehr als zuletzt; auch die Intensität und Energie der Band scheint mir wieder auf dem Level von vor zehn Jahren zu sein. Messerscharfe Nackenbrecher wie 'Shark Attack' oder kraftvolle Midtempo-Hymnen wie 'Surgeons Of Lobotomy' und 'The Dark Passenger' sind jedenfalls alles andere als solide Genre-Durchschnittskost, Kollege Macher! Ich finde "Devil Seed" jedenfalls um Klassen besser als den aktuellen Pupser aus dem Hause JUDAS PRIEST. Eikes zwischen den Zeilen mitschwingenden Eindruck, dass WOLF zu noch mehr im Stande sein müsste, teile ich aber auch. Spätestens im letzten Drittel der Scheibe würde ich mir noch mal ein, zwei echte Ausrufezeichen wünschen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass "Devil Seed" eines der spannendsten Trad Metal-Alben des bisherigen Jahres ist und auf den hartmetallischen Einkaufszettel gehört.

Note: 8,5/10

[Martin van der Laan]

 

Mehr zu diesem Album:

Review von Holger Andrae

Soundcheck 08/2014

 

Redakteur:
Thomas Becker

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