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HEAR 'EM ALL - ein Lexikon zum Leiten und Streiten

07.03.2019 | 23:06

Der Mainzer Ventil Verlag hat eine Sammlung der 150 wichtigsten und besten Alben des Metal aufgestellt und in einem wunderbaren Buch zusammengefasst. Bestens geeignet zum Entdecken, Kuttenkrempeln und Wiederhören.

Dieses freche Buch ist ein Riesenvergnügen. "Hear 'Em All" vereinigt rein subjektiv verfasste Albenbesprechungen von etwa 80 Autoren, um dann und immer wieder konsequent zu behaupten, dass es DIE wichtigsten, einflussreichsten, anstrengendsten und gelungensten Alben der Rock- und vor allem Metal-Geschichte vereint. Ha, hier wird folgend konsequent nicht gespoilert, welche Werke hier süßlich-genüsslich bis angefressen-abgestoßen zu einem Meilenstein der Gitarrenmusikgeschichte erklärt oder verklärt werden.

Die Idee ist so einfach wie auch treffend-aufregend, schon hört man die Szenepolizei aufstöhnen und die Diskussionskanonade eröffnen. Das wäre in meinen Augen und Ohren wirklich eine wunderbare Nachbearbeitung für diese großmäulige Sammlung. So unterschiedlich hier die Stilistiken und Genres vereinigt werden, Untergrundperlen mit finanziell erfolgreichen Obermackern vereinigt werden, sind auch die Schreibstile und Heranführungsweisen an die Lieblinge der Autorenschaft. Diese allein sind schon so bunt gemixt wie das ein solches Buch erst braucht, um spannend zu sein.

Und poetisch: "Wir waren die kleinen Schwestern, die heimlich die Kassetten der großen Brüder hörten. Wir wollten so sein wie sie, die langen Haare hatten wir ja schon. Und in den ausgeleierten Metal-Shirts, die wir von den wirklich harten Jungs ergattert hatten, waren wir niedlich wie kleine Katzen." (vgl. Kahlo, S.171)

Und in der derselben Besprechung über das selbe Album einer schwedischen Bandinstitution von 1992:

"Aus dieser Traumwelt wurde unsere Wirklichkeit geboren. Der Soundtrack der Wendekinder klang dumpf wie ein RFT-Kassettenrekorder. Gebellter Gesang, geprügelte Drums. Aus jeder Garage quoll dieser Sound. Wie eine Flüssigkeit hat er sich in unsere Ohren gelegt. Die Unterscheidung zwischen Schlagzeug und eigenem Herzschlag fiel schwer. Schritte in die Stadt, dem Beat im Ohr angepasst." (vgl. ebenda).

Wir alle kennen Musikkritiken, die zwischen gelangweiltem Zusammenfassen der einzelnen Instrumentierungen über musikdiskursive Verwissenschaftlichungen eines jeden Schrägtons bis hin zur gefühligen Selbstoffenbarung des Hörerschreibers gelingen oder versagen. Die Kompetenzen der Rezensenten scheinen zumeist durch die Zeilen, nicht selten landet man aber auch auf einer glatten Bahn von Querverweisen, tiefstem Fachwissen und dadurch seltsam blutleerem Geschwurbel. In diesem im November 2018 erschienenen Blut-Rot auf Sägen-Schwarz-Buch ist Kurzweil, Nachdenklichkeit, Aggressivität, Selbstbehauptung, Beschimpfung und Fassungslosigkeit in vielerlei Hinsicht vereint. Mal kunstvoll geschliffen, mal auch im Gefühlsstrom versunken, tasten sich die so unterschiedlichen Autorinnen und Autoren an ihre Schönheiten, Biester und Aufreger heran, drehen sie in den Händen, hören sie wieder und wieder, streicheln darüber oder schütteln verstörende Jugenderinnerungen heraus. Die Liste der Alben beginnt 1968 und endet 2018, die neben der ewigen "Was ist Metal?"-Diskussion also auch eine gewisse Aktualität beherbergt.

Kann man zudem noch in einer solchen analogen, stark duftenden Buchform vor- und zurückblättern, vor- und zurückspringen, mit ein paar Daumenbewegungen zwischen den behaupteten Meilensteinen hin- und herfliegen, ist das schon ein besonderes Gefühl. So schnellebig wie die Musikbranche doch reitet!

Anwendbar auch für diejenigen, nicht unbedingt nur Heranwachsenden, die sich an den Metal, Hard Rock und deren Spielarten herantasten möchten, dann übernimmt das Buch die Funktion eines Wissensspeichers und einer Empfehlungsliste. Hartgesottene, streitbar-informierte Kutten, schüttere Haarprachtlinge, Weltkaputtwünscher werden die Sammlung verfluchen, zerreißen, mit Blut bespucken oder als Kopfkissen benutzen. Ähnlich wie auch die Bibel nur ein Versuch von abertausenden sein kann, sein Leben zu strukturieren, kann dieses kleinfeine provokante Werk trotzdem dabei helfen, im Wust einer interessanten und ständig bewegten Musikkultur einen Weg für sich zu finden. Es ist ja alles schon da.

Buchcover Hear 'Em All

Frank Schäfer, der sich als Herausgeber um diese Sammlung gekümmert hat, schreibt in seiner Vorrede: "Ich glaube, zumindest hoffe ich es, dass sich in diesen weit über 150 Texten ein halbwegs repräsentativer Querschnitt der aktuellen Metalkultur offenbart."(vgl. S.11) Darauf zu antworten, ist einfach: Ja, eine Offenbarung ist es schon, sich in seiner Auswahl zu positionieren: "[...] selbstredend macht es enormen Spaß, eine solche Anthologie herauszugeben, weil sie quasi von allein entsteht." (vgl. ebenda), wie Schäfer weiter grinst.

Ganz von allein wächst nun auch das persönliche Bestreben, sich das ein oder andere Werk, sich viele der noch ungehörten, verhassten oder noch unreifen Alben zu beschaffen, sie mit den eigenen hochroten Ohren nachzuhören, den Kopf zu schütteln oder feurige Augen zu bekommen. "Ein Portal hatte sich aufgetan, zu einer Parallelwelt, die finsterer und verrückter war als so ziemlich alles, was mir bis dahin im Metal begegnet war." (vgl. Kirps, S. 137) sagt einer der Autoren, als er 1989 vor seiner Kinderzimmeranlage sitzt.

Der Mainzer Ventil Verlag, der eine ganze Reihe außergewöhnlicher und thematisch kesser Bücher in seinem Portfolio führt, ist wahrscheinlich in dieser Idee mit aufgeblüht, haben die Macher doch auch schon den "Damaged Goods" ein Buch gewidmet, in dem sich 150 wegweisende Traktate des Punks befinden. "Hear 'Em All – Heavy Metal für die Eiserne Insel" ist zu lesen wie eine Aufsatzsammlung der Subjektivitäten, ein Lexikon geballten Gitarrenmusik-Wissens, als humoristisch schillernde Ansage für ein überspannt-entspanntes Genre - das beste der Musikwelt! Da sind wir uns doch aber hoffentlich einig!

Und weil der Metal auch immer irgendwie das Gefühl hat, um Anerkennung kämpfen zu müssen, kämpft er erst mal mit sich selbst: "Auf die Frage nach dem besten Heavy-Metal-Album aller Zeiten gibt es verschiedene Antworten. Es gibt falsche Antworten ("Number Of The Beast"), dumme Antworten ("Painkiller") und es gibt die wahre Antwort: "Don't Break The Oath"." (vgl. Endhardt S.84). Habe ich gelacht.

Wer wissen möchte, wie man mit seinem Idol Brötchen raucht oder welcher Sänger sich mit absolut kaputten Stimmbändern durch seine Texte als ausgewiesener Psychopath mäandert, warum es Mitte der achtziger Jahre für gestrandete Metalkids in Los Angeles ein Muss war, bei Dawn Crosby zu pennen oder was der Vorteil im Genre Metal ist, "einfache Sprache" zu benutzen, der schaffe sich - damned noch mal - dieses verfluchte Werk an! In diesem Sinne, Horns Up! Und Schwerter raus!

 

"Hear 'Em All - Heavy Metal für die eiserne Insel" ist erschienen im Ventil Verlag Mainz, ist 300 Seiten stark, kostet 20 Euro und kann hier geordert werden.

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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