HOLY MARTYR: Interview mit Ivano Spiga

15.11.2008 | 19:56

Geschichtsunterricht und Heavy Metal - passt das zusammen? Auf jeden Fall, zumindest wenn der Lehrer Ivano Spiga von den Epic-Metallern HOLY MARTYR ist.

Mit einem Konzeptalbum über die Spartaner und ihre legendäre Kampfmoral werben die italienischen Epic-Metaller HOLY MARTYR um die Gunst der potenziellen Zuhörer. In Anbetracht der erlesenen Qualität der hymnisch-doomigen Kompositionen auf ihrem Zweitwerk "Hellenic Warrior Spirit" sollte diese sympathische Truppe dabei über gute Erfolgschancen verfügen. Die Zielgruppe zwischen BATTLEROAR und DOOMSWORD sollte sich diesen Leckerbissen jedenfalls nicht entgehen lassen. Findet natürlich auch HOLY MARTYR-Chef Ivano Spiga.

Martin:
Ivano, ihr habt mit "Hellenic Warrior Spirit" soeben euren zweiten Longplayer veröffentlicht. Ich nehme mal an, du bist mit dem Ergebnis zufrieden.

Ivano:
Oh ja, absolut. Ich denke, wir haben uns gegenüber dem Debüt in einigen Punkten verbessert. Die Songs machen immer noch Spaß, sowohl beim Anhören als auch beim Spielen. Es gibt sicher immer das eine oder andere, das nicht 100% perfekt ist. Aber ich kann sagen, wir haben unser Bestes gegeben, die Platte reflektiert hervorragend, wo wir als Band gerade stehen.

Martin:
Das Album besteht ja in gewisser Weise aus zwei Teilen. Kannst du mal die Entstehungsgeschichte etwas genauer erklären?

Ivano:
Die zwei Teile von "Hellenic Warrior Spirit", die du ansprichst, entstanden zu unterschiedlichen Zeiten. Die Songs, die bereits auf unserer selbstproduzierten "Hail To Hellas"-EP drauf waren, stammen aus dem Jahre 2003. Das war eine tolle Zeit damals, über 200 Leute haben uns im Vorfeld Geld gespendet, um die ersten Aufnahmen dieses Materials möglich zu machen. Das war wirklich eine ganz besondere Geschichte, ich habe ehrlich gesagt noch von keiner anderen CD gehört, die auf diese Weise finanziert wurde. Kurz danach durften wir beim Keep It True und auf einem großen Festival in Griechenland spielen. Nach dem Debüt-Album im letzten Jahr haben wir uns dann vorgenommen, diese Konzeptstory mit dem neuen Line-Up weiter auszuarbeiten und in ihrer vollendeten Form als regulären Longplayer zu veröffentlichen. Das war ziemlich stressig, wir haben uns selbst unter Zeitdruck gesetzt, denn das zweite Album sollte unbedingt nicht viel später als ein Jahr nach dem ersten erscheinen.

Martin:
Wer in der Band hat denn was zur Vollendung beigetragen?

Ivano:
Die Songs sind allesamt meine Babies, ich habe die Basics im Alleingang komponiert, aber bei der finalen Umsetzung auch zahlreiche Ideen und Anregung meiner Kollegen aufgegriffen. Wir feilen in der Regel ziemlich lange gemeinsam an den Arrangements herum.

Martin:
Trotzdem verstehe ich noch nicht ganz, wieso ihr das alte Zeug – so gut es ist – unbedingt noch mal aufwärmen wolltet. Die meisten Musiker blicken doch lieber nach vorn als zurück!?

Ivano:
Für mich war das nie altes Zeug. Außerdem sind Alex [Mereu, Vocals - d. Verf.] und ich die einzigen, die vom Line-Up, das die EP eingespielt hat, noch übrig sind. Mir sind die Songs einfach zu wichtig, um sie auf einer Demo-CD, die damals überhaupt nicht ernsthaft vertrieben wurde, unbeachtet schlummern zu lassen. Es war von Anfang an so gedacht, dass wir, wenn wir denn einen Plattenvertrag kriegen, dieses Material für unsere Alben benutzen. So ungewöhnlich ist das doch gar nicht, IRON MAIDEN haben auch alle Songs von den "Soundhouse Tapes" für spätere Alben verwendet.

Martin:
Ich nehme "Hellenic Warrior Spirit" als majestätischer, doomiger, aber auch eingängiger und hymnischer wahr im Vergleich zu eurem Debüt.

Ivano:
Da täuscht deine Wahrnehmung dich ganz bestimmt nicht. Ich finde das neue Album gerade deshalb stärker und reifer. Das Debüt war eine Sammlung verschiedener Songs aus der Vergangenheit, sicherlich insgesamt stürmischer und härter. Wir haben uns eben weiter entwickelt...

Martin:
Aber ehrlich gesagt hat mir das Dynamische, Druckvolle, Aggressive und Riff-Orientierte des Debüts gerade extrem gut gefallen. Ich würde "Still At War" sogar im Zweifel knapp den Vorzug geben, wobei betont sei, dass ich die aktuelle Scheibe auch ziemlich klasse finde. Ich vermisse auf "Hellenic Warrior Spirit" halt nur manchmal ein bisschen den Zug zum Tor, die furiosen Gitarren-Attacken und die Uptempo-Eruptionen.

Ivano:
"Hellenic Warrior Spirit" ist nun mal ein Konzeptalbum. Da wird eine Geschichte erzählt mit unterschiedlichen Passagen und die Musik muss halt auch zur Handlung passen. Der Teil über die Schlacht bei den Thermopylen ist zum Beispiel sehr traurig und tragisch. Da können wir nicht einfach wild drauf los ballern, das muss auch melancholisch und schwer klingen. Hey, es geht um eine äußerst bittere Niederlage auf dem Schlachtfeld, die gesamte spartanische Truppe fand den Tod dabei. Da hätte das musikalische Fine-Tuning von "Still At War" nicht gepasst.

Martin:
Eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Alben ist der Stil des Artworks. Werden diese, nennen wir es mal spartanischen Schlachten-Zeichnungen, so etwas wie euer Markenzeichen?

Ivano:
So sieht es wohl aus. Ich finde die Bilder von Simona Ercole einfach super, wir werden wohl weiter mit ihr zusammen arbeiten ... das heißt, wenn sie will natürlich.

Martin:
Es gibt da einen Song namens 'Defenders In The Name Of Hellas', der mich mächtig an die frühen Alben von MANOWAR erinnert. Ich nehme an, dass ihr diese Band prinzipiell sehr schätzt. Aber was haltet ihr von der Entwicklung der letzten Jahre, mit all den Live-DVDs, dem Merchandise-Overkill und dem Übermaß an Leerlauf auf der letzten Platte?

Ivano:
Ich kann nicht sagen, dass MANOWAR ganz besonders wichtig für mich waren oder sind. Ich mag auf jeden Fall Sachen wie "Into Glory Ride", aber von den klassischen Metal-Band bevorzuge ich eher IRON MAIDEN. Ansonsten habe ich schon immer viel Doom gehört: CANDLEMASS, SOLSTICE, SOLITUDE AETURNUS und vieles mehr. Zu den aktuellen Entwicklungen habe ich ehrlich gesagt keine Meinung. Ich interessiere mich nicht dafür. MANOWAR haben Großes geleistet in der Vergangenheit, das ist, was für mich zählt.

Martin:
Und doch haben MANOWAR dieses typische Epic-Warrior-Metal-Feeling mit erfunden und entscheidend geprägt. Mir hilft das magische, erhabene Element in dieser Musik über beschissene Zeiten im Leben hinweg.

Ivano:
Ja, das Gefühl kenne ich gut. Ich muss auch wie jeder andere Tag für Tag zur Arbeit gehen und mein Geld verdienen. Das ist nicht immer leicht, im Alltag passiert öfters mal was Mieses. Mir hilft das Heavy-Metal-Gefühl diese Schwierigkeiten zu meistern, es macht mich stark und widerstandsfähig.

Martin:
Was fasziniert dich an den Spartanern und dieser Thermopylen-Schlacht eigentlich so sehr?

Ivano:
Na ja, da stand an diesem strategisch so wichtigen Engpass zwischen Gebirge und Meer ein sehr tapferes Häuflein aufrechter Spartaner einem riesigen Heer der Perser gegenüber und hat den Durchgang drei Tage lang im wahrsten Sinne des Wortes bis zum letzten Mann verteidigt und dadurch den griechischen Truppen wertvolle Zeit verschafft. Wenn das kein Heldentum ist, weiß ich's auch nicht mehr! Diese Männer haben wie Löwenmütter um ihre Jungen gekämpft, und das in einer eigentlich hoffungslosen Lage. Sie haben gekämpft bis in den Tod für ihr Land und die Freiheit. Die Geschichte von der Schlacht bei den Thermopylen gehört für mich zum Allerheiligsten der westlichen Zivilisation.

Martin:
Jetzt muss ich aber doch mal etwas Wasser in den Wein gießen. Selbst wenn die heroisierende Beschreibung dieser Ereignisse so in etwa stimmen mag, bleibt anzumerken, dass das Gemeinwesen der Spartaner – um es mal freundlich auszudrücken – etwas seltsam organisiert war. Der ganze Staat funktionierte wie ein riesiges Militärlager, da wurde nur mit Drill, Härte und Druck gearbeitet, da war kein Platz für Freiheit und Individualität.

Ivano:
Ich will ja auch nicht bei uns spartanische Verhältnisse einführen. Aber das Faszinierende an den Spartanern ist nun mal ihre ganz besondere Denk- und Lebensweise. Und das spartanische Gemeinwesen hat nun mal die besten, perfektesten Krieger hervor gebracht, die sich bedingungslos mit Leib und Leben in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt haben. Unsere Texte über den Stolz, die charakterliche Größe und den Mut dieser Männer passen hervorragend zum Heavy Metal, weil die Botschaft ist: Steh auf und kämpfe! Gib niemals auf! Wir nehmen uns daher die Freiheit, die problematischen Aspekte dieser Lebensweise einfach mal beiseite zu lassen. Grundsätzlich halte ich es aber für falsch, eine antike Zivilisation mit den Maßstäben unserer postmodernen Gesellschaft zu messen. Es waren harte Zeiten damals, das verlangte nach radikalen Maßnahmen. Kaum ein Mensch aus unserer Epoche würde unter den damaligen Umständen auch nur ein paar Wochen überleben.

Martin:
Kannst du uns den Inhalt der einzelnen Songs denn mal etwas näher bringen?

Ivano:
'Spartan Phalanx' handelt von eben dieser legendären Kampfformation, eine Wand aus Schildern und Speeren. 'Lakedaimon' ist die Bezeichnung der Spartaner für sich selbst, das Wort stammt ab von dem Namen der Region Laconia, in der die Stadt lag. Es geht in dem Song um das harte, aber ehrenhafte Leben dieser Menschen. 'H'Tan H'Epi Tas' ist griechisch und bedeutet soviel wie: "Komm zurück mit deinem Schild in der Hand oder darauf liegend!" Das ist ein typischer Ausspruch, mit dem sich die Krieger vor einer Schlacht in Stimmung gebracht haben. 'Hellenic Valour' ist den Menschen gewidmet, die niemals aufgeben und das Haupt nicht beugen vor dem Feind. 'Kamari Andreia Polemos' heißt übersetzt "Stolz, Mut, Krieg". 'Molon Labe' bedeutet: "Komm und hol sie dir!" Das soll der Sage nach Leonidas, der Führer der Spartaner, dem gegnerischen Feldherrn zugerufen haben, als der ihm in Anbetracht der zahlenmäßigen Überlegenheit der Perser vorschlug, doch lieber kampflos die Waffen zu übergeben. 'Defenders In The Name Of Hellas' ist ein trauriger Song, der beschreibt, wie die tapferen Krieger in der Schlacht ihr Leben lassen müssen. 'The Lion Of Sparta' ist eine Hommage an Leonidas, den König, der an der Seite seiner Männer gestorben ist. 'To Kalesma Sta Opla' ist griechisch für 'The Call To Arms', eine Akustikversion desselben Songs.

Martin:
Was kommt denn nach den Spartanern, ihr habt doch bestimmt schon das nächste große Projekt im Kopf. Bleiben HOLY MARTYR eine "Historical Metal"-Band? Wie wäre es mit einem Album über Alexander, den Großen? Oder die Geschichte mit Karthago und Rom?

Ivano:
Hahaha, du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dir das jetzt verrate, oder!? Dazu ist es noch viel zu früh. Wir wollen auf jeden Fall ein Thema wählen, dass noch nicht bereits von vielen anderen verwurstet wurde. Es wird aber tatsächlich wohl wieder etwas Historisches sein.

Martin:
Interessanterweise ist Vittorio Ballerio von ADRAMELCH als Gast auf "Hellenic Warrior Spirit" zu hören. Wie kam es denn dazu? By the way, gibt es was Neues aus dem Hause ADRAMELCH?

Ivano:
Na ja, ich habe ihn halt gefragt, ob er nicht Lust hätte, bei einem Song auf dem Album mitzusingen. Er war begeistert und voller Engagement bei der Sache, hat wirklich Spaß gemacht. Es ist mir eine ausgesprochene Ehre, einen Beitrag von ihm auf dem Album zu haben, weil ich ein riesiger ADRAMELCH-Fan bin. Da ich auch in Mailand lebe, treffe ich die Jungs von ADRAMELCH ab und zu mal und bin auch immer dabei, wenn sie irgendwo spielen. Ich habe schon eine Menge neuer Songs von ihnen gehört, und ich finde sie wirklich großartig. Es wird wohl bald ein neues Album geben, das den bisherigen Meisterwerken in nichts nachstehen wird.

Martin:
Verrätst du mir am Ende des Interviews noch deine anderen Lieblingsbands aus dem Metal-Underground?

Ivano:
Oh, wo fängt bei dir Underground an? Zählen nur Demo-Bands? Oder auch unterbewertete Acts im allgemeinen? Zu letzteren würde ich definitiv Formationen wie MANILLA ROAD, CIRITH UNGOL, OMEN und WARLORD zählen. Mein Geheimtipp wäre das Debüt-Album von SATAN'S HOST, das liebe ich sehr.

Redakteur:
Martin van der Laan

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