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IMPALED NAZARENE: Interview mit Mika Luttinen

31.03.2006 | 14:49

Wodka für das Vaterland?

Die finnischen Extrem-Metaller von IMPALED NAZARENE und ihr Frontmann Mika Luttinen (Foto Mitte) sind ja durchaus als kontroverse Zeitgenossen bekannt, und nicht jeder ist von ihrer provokanten Art angetan. Ihre Relevanz und mittlerweile auch ihre musikalische Klasse wird jedoch selten bestritten. Dies untermauert das neue Werk auch sehr eindrucksvoll. Es war also an der Zeit mal wieder bei Mika anzuklopfen und ihn zur aktuellen Lage an der finnischen Front zu befragen. Dabei nahm er sich viel Zeit für uns und gab bereitwillig Auskunft...

Rüdiger:
Hallo Mika!
Das letzte Powermetal.de-Interview mit IMPALED NAZARENE liegt schon eine ganze Weile zurück. Das war im Jahre 2001 anlässlich der Veröffentlichung von "The Absence Of War Does Not Mean Peace". Seither habt ihr "All That You Fear" sowie ein Livealbum veröffentlicht, und nun liegt uns euer neuntes Studioalbum "Pro Patria Finlandia" vor. Wie würdest du das neue Album im Vergleich zu den beiden Vorgängern beschreiben?

Mika:
Es ist schneller, brutaler und aggressiver, besser produziert und besser gespielt als die beiden letzten Studioalben. Und sogar wenn es in vollem Tempo zur Sache geht, hat es eine gute Dynamik und Hooks.

Rüdiger:
Ihr habt das Livealbum im Dezember 2004 in Helsinki aufgenommen. Erzähl uns ein bisschen was über die Show, bei der es mitgeschnitten wurde! Ihr hattet ja schon oft vergeblich versucht, ein Livealbum aufzunehmen...

Mika:
Mit dem Livealbum hatten wir [im Vorfeld - Anm. d. Verf.] viel Pech. Die ganze Story könnt ihr in der Biographie auf http://www.impnaz.com nachlesen. Das war letztendlich im Tavastia Club, einer tollen Location hier in Helsinki. Es war sozusagen eine "jetzt oder nie"-Situation. Wir hatten beschlossen, dass wir, wenn auch diese Show daneben ginge, die ganze Live-CD-Idee vergessen würden. Das gab uns vermutlich den extra Schub, würde ich meinen. Wie man auf der CD hören kann, war die Show großartig. Es waren zwar nur ca. 200 Leute da, doch das störte nicht.

Rüdiger:
Das letzte Mal habe ich euch 1995 auf der Tour mit KRABATHOR live gesehen. Das war ein cooler und sehr unterhaltsamer Gig, allerdings ein "wenig" chaotisch... in einer alten Kegelbahn in einem 1000-Seelen-Ort hier auf der Schwäbischen Alb. Was hat sich denn in eurem Live-Auftreten seither geändert?

Mika:
Oh fuck, diese Show! Ich war in meinem ganzen Leben niemals so betrunken wie damals. Wir haben an dem Tag ein paar der Jungs von GWAR getroffen und haben es wohl ziemlich übertrieben. Ich hab das Video dieser Show von den BLOOD-Jungs bekommen und meine Güte, ich meine: Ich musste das nach circa einer Minute ausschalten. Wie du auf der Live-CD hören kannst, sind wir heute eine ganz andere Band. Viel professioneller und so. Bessere Musiker. Bessere Entertainer.

Rüdiger:
Dann glaube ich, dass es für mich mal wieder Zeit wäre, euch live zu sehen. Werden wir in Deutschland dieses Jahr die Gelegenheit dazu haben?

Mika:
Ja. Ganz gleich, was du gehört haben könntest, keiner unserer Deutschland-Auftritte wurde verboten. Wir werden in den kommenden zehn Wochen dreizehn Shows in Deutschland spielen. Die Tourdaten findet ihr auf unserer Webseite oder bei www.bruchstein-tours.de, wo auch die genauen Städte und Klubs stehen. Das wird eine große Europatour. 62 Konzerte in 22 verschiedenen Ländern. Das wird verdammt genial werden.

Rüdiger:
Zurück zum neuen Album "Pro Patria Finlandia". Ich hab keine Texte, deshalb die Frage, welche Art von "Patriotismus" die Scheibe symbolisiert. Doch sicher eine andere als beispielsweise die von ICED EARTH, oder? Was sind so deine persönlichen Gefühle zum Thema Finnland als Vaterland und wie äußern die sich in den Texten?

Mika:
Zuerst möchte ich betonen, dass keiner der Texte was mit dem Albumtitel zu tun hat. Der Titel ist nur ein Titel und hat keinerlei Bezug zum Inhalt. Ich wollte einfach einen lateinischen Titel haben und habe deswegen ein Wörterbuch durchgeblättert. Dort habe ich "Pro Patria" gefunden. Da habe ich dann gedacht, dass ich "Finlandia" dranhängen könnte... Aber ich habe eigentlich gar nicht an Finnland gedacht, sondern an den Finlandia-Wodka. Außerdem heißt das Hauptwerk unseres berühmtesten Komponisten Sibelius auch "Finlandia". Es geht also um Wodka und klassische Musik.

Was meinen Patriotismus angeht: Nun, sicher, ich mag Finnland. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber in Japan leben. Finnland hat - wie jedes Land - seine Licht- und Schattenseiten.

Rüdiger:
Das Cover des neuen Albums gefällt mir auch sehr gut. Wer hat es gemalt, warum liegt die Flagge blutbeschmiert auf dem Boden, und hat es einen Bezug zum Winterkrieg von 1939/40?

Mika:
Nun, sieht mir zu sehr nach Sommer aus, um mit dem Winterkrieg zu tun zu haben, oder nicht? Das Cover hat unser Künstler "Ritual" gemacht, der auch das Livealbum, "All That You Fear" und viele T-Shirts designt hat. Man könnte wohl sagen, dass unter der Flagge ein toter finnischer Soldat liegt, der bei der Verteidigung des Landes gefallen ist.

Rüdiger:
Du hast mal Finnland verlassen und bist nach Belgien gezogen. Nun bist du wieder zurück. Warum?

Mika:
Ich habe mich scheiden lassen.

Rüdiger:
Hast du es mal bereut, Finnland verlassen zu haben oder gar die Rückkehr?

Mika:
Ich bin verdammt glücklich, wieder in Finnland zu sein. Ich bin schon 2000 zurück gekehrt. Ich denke lieber nicht an die ganze Vergangenheit zurück. Die Zukunft ist der Schlüssel!

Rüdiger:
Wenn man sich die limitierten Auflagen eurer alten Scheiben und die Bonustracks so anschaut, scheint ihr mir eine Vorliebe für schmucke Vinyl-Ausgaben zu haben. Was fasziniert euch an dem Format?

Mika:
Ganz einfach. Wir sind mit der alten Szene aufgewachsen, und damals gab es keine CDs. Ich hör mir das Zeug immer noch lieber auf Vinyl an als auf CD. Wir sind stolz darauf, dass alle unsere Alben (außer die Compilation "Decade Of Decadence") auf Vinyl erhältlich sind. Es gibt immer noch Sammler, die Vinyl mögen.

Rüdiger:
Es wird also von "Pro Patria Finlandia" sicher auch eine Vinylauflage geben. Mit oder ohne Bonustracks?

Mika:
Die auf 800 Stück limitierte Vinylauflage mit sehr schönem Klappcover ist nun erhältlich. Bonustracks gibt's keine, denn wer braucht die schon auf einem perfekten Album, stimmt's? Wenn die Auflage schnell ausverkauft sein sollte, haben uns die Leute von Osmose versprochen, dass sie noch 200 limitierte Stück als Picture-Disc pressen lassen, was toll wäre, weil das Cover so schön ist.

Rüdiger:
Tun euch die jüngeren Fans nicht leid, die keinen Plattenspieler haben und so ggf. auf die Vinyl-Bonustracks verzichten müssen?

Mika:
Wir hatten ja nur einmal zwei Vinyl-Bonustracks und zwar auf "Rapture". Die waren dann aber auch auf der "Decade Of Decadence"-Compilation-CD enthalten. Man kann nicht immer gewinnen, weißt du?

Rüdiger:
Euer Debüt, "Ugra-Karma" und "Suomi Finland Perkele" wurden ja inzwischen neu aufgelegt. Sind eigentlich momentan alle eure Scheiben über Osmose erhältlich, falls heute einer IMPALED NAZARENE erst entdeckt und gerne das Backprogramm erkunden will?

Mika:
Nein. "Latex Cult" ist schon lange ausverkauft und "Rapture" genauso. Wir werden aber dieses Jahr neue Auflagen machen. Ich hätte das schon 2003 machen sollen, aber ich bin faul. Beide Alben werden remastert und komplett neue Cover und Layouts bekommen. Sie werden also komplett überarbeitet. Es wird Zeit, dass sie wieder in die Läden kommen, weil die Leute dauernd danach fragen. Wir werden auch die Promovideos beifügen, so dass beide CDs wenigstens einen kleinen Bonus enthalten.

Rüdiger:
Wenn wir gerade bei Osmose sind: Ihr seid ja eine der wenigen großen alten Bands aus ihrem Roaster, die noch immer - seit 1993 - bei den Franzosen unter Vertrag stehen. Wie zufrieden seid ihr und wie seht ihr eure gemeinsame Zukunft?

Mika:
Wir schließen immer nur Verträge für zwei Alben. Wenn also was schief gehen sollte, können wir schnell frei werden. Aber Fakt ist, dass wir sehr gute Freunde sind. Das ist nicht nur eine Geschäftsbeziehung. Osmose hat immer hinter uns gestanden. Sie haben uns 100% künstlerische Freiheit zugesichert, was für eine Band wie uns wirklich wichtig ist. Sie sagen nie "das Studio ist zu teuer" oder "ihr müsst das Album bis dahin fertig haben". Wir würden ihnen aber auch sagen, dass sie sich verpissen sollen, wenn sie das täten. Wir sind eine Band, die tut, was sie will, wo sie will und wann sie will!

Rüdiger:
Ihr habt ja schon etliche coole Videos gemacht. Zum Beispiel für "Karmageddon Warriors" und "Armageddon Death Squad". Wird es auch für "Pro Patria Finlandia" einen Clip geben? Unterstützt euch das Label bei den Promoclips genügend?

Mika:
In der Tat haben wir auch ein Budget für einen Videoclip für "P.P.F." eingeräumt bekommen, aber wir haben gesagt, dass es uns lieber ist, wenn das Label ein paar Anzeigen in Magazinen schalten, die Interviews mit uns verweigern, anstatt das Geld für ein Video zu verschwenden. Unsere Videos werden vielleicht ein oder zwei mal um drei Uhr nachts im Lokalfernsehen gezeigt. Was soll das bringen? Wenn wir eine Hitsingle hätten, dann würde ein Video Sinn machen, aber die haben wir nicht, also warum sollten wir ein teures Video machen, nur um es als avi-Datei auf unsere Homepage zu stellen?

Rüdiger:
Da hast du auch wieder Recht!
Doch eine andere Frage: Was antwortest du mir, wenn ich dir sage, dass mich die Atmosphäre der ersten zwanzig Sekunden von 'Weapons To Tame A Land' unheimlich an MANOWAR erinnert? Du magst ja viele alte Metalbands, auch MANOWAR?

Mika:
Das Anfangsriff (und der Titel) ist im Grunde von IRON MAIDEN inspiriert, so dass du mit deinem Kommentar eigentlich nicht so falsch liegst. Ich mag MANOWAR, aber ihr letztes Album mit diesem absolut obszönen Elvis-Cover (wie auch immer es hieß, ich musste fast kotzen, als der "Glory, glory, hallelujah"-Scheiß losging) war dann doch zu viel für mich. Ich besitze alle anderen MANOWAR-Alben, außer dieses. Sie sind eine coole Band und eine gute Liveband, wenn man mal von all dem Gelaber absieht. Mehr Musik, weniger Gerede!

Rüdiger:
Eine politische Frage: In dem Interview, das du unserem Kollegen Oliver gegeben hast, ging es auch um die Anschläge vom 11. September 2001. Wie siehst du heute die Rolle der USA und von George W. Bush im Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt?

Mika:
Nun, sie haben dort ihr zweites Vietnam. Wie soll man gegen einen Feind gewinnen oder auch nur kämpfen, der bereit ist, sich selbst in die Luft zu jagen? Da kann man einen Scheiß dagegen tun, man weiß immer, dass man verloren hat. Ich beneide die Soldaten nicht, die dort sind. Alle, und auch ihre Mütter wissen, dass Bush einfach ein religiöser Fanatiker ist, und dass es nicht mal er ist, der die Show organisiert. Da sind Mächte dahinter am Werk, die das alles lenken.

Rüdiger:
So, das war's für heute. Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast. Wenn du noch was auf dem Herzen hast, schieß los!

Mika:
Wir sehen uns irgendwo unterwegs auf Tour! Trinkt Wodka und seid frei!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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