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IM RÜCKSPIEGEL: DREAM THEATER (Teil 1 - "When Dream And Day Unite - "Awake")

22.01.2019 | 23:40

Die perfekte Phase zum Karriereeinstieg.

Einen Teil verpasst?
Teil 1 ("When Dream And Day Unite" - "Awake")
Teil 2 ("A Change Of Seasons" - "Metropolis Pt.2: Scenes From A Memory")
Teil 3 ("Six Degrees Of Inner Turbulence" -"Octavarium")
Teil 4 ("Systematic Chaos" - "A Dramatic Turn Of Events")
Teil 5 ("Dream Theater" - "The Astonishing")
Bonus (Die Official Bootlegs und die interessantesten Live-DVDs)

Am 22.02.2019 erscheint "Distance Over Time", das vierzehnte Studio-Album von DREAM THEATER. Die Amerikaner dürften relativ unbestritten die bedeutsamste Progressive-Metal-Kombo der Welt sein. Hermann Wunner und ich haben uns vorgenommen, einen Gesamtüberblick über die Diskographie vorzustellen. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich die dreizehn Studioalben und die EP "A Change Of Seasons", aber Hermann wird auch noch mal ausführlich auf die zahlreichen Live-Veröffentlichungen eingehen.

Wir starten in den späten achtziger Jahren bei einer Band, die mit den ersten drei Alben ja quasi eine makellose Bilanz vorlegen konnte. Kaum eine Band konnte am Anfang gleich drei astreine Klassiker veröffentlichen - natürlich gilt das für IRON MAIDEN, BLACK SABBATH oder METALLICA, aber es zeigt auch, in welchen Qualitätssphären sich DREAM THEATER bewegt. Anfangs musizierten die Jungs noch unter dem Namen MAJESTY, doch mit dem Einstieg von Charlie Dominici hatte man ein Line-up gefunden, mit dem sich ein erstes Album veröffentlichen ließ.

WHEN DREAM AND DAY UNITE (1989)

Charlie Dominici ist leider nur auf diesem Album zu hören (unter dem Namen DOMINICI hat er deutlich später noch drei Alben aufgenommen). Er ist ein klassischer, sehr melodischer US-Metal-Sänger. Insgesamt denke ich beim DREAM THEATER-Debüt auch nicht an typische Prog-Metal-Bands, sondern an Truppen wie SAGE MERIDIEN, FATAL MORGANA, STEEL ANGEL oder alte FATES WARNING, das heißt: Der Sound ist, auch produktionstechnisch, knietief im US Metal verwurzelt. Natürlich ist das Songwriting schon ausgefallen, aber die ganze Produktion schreit nach den Demo-Sounds der späten Achtziger und frühen Neunziger. Das liegt auch am noch etwas dumpfen Drumsound (Mike Portnoy spielt auch bei weitem noch nicht so abwechslungsreich wie später), an den dünnen Keyboards (Kevin Moore verpasst der Scheibe einen völlig mystischen Sound) und dem eher unaufälligen Basssound. Die Gitarrensoli und Leads von John Petrucci dominieren diese Scheibe gemeinsam mit dem hohen Dominici-Gesang. Für mich gehören die unheimlich warmen Keyboards aber auch zu den Highlights. Bei den Songs bevorzuge ich 'Status Seeker' und 'Light Fuse And Get Away', aber das ist natürlich eine Auswahl zwischen acht absoluten Perlen.

Auffällig ist, dass DREAM THEATER schon 1989 fesselnde Instrumentalpassagen komponiert und arrangiert hat. Mit diesem Sound gibt es einen klaren Ausblick auf die neunziger Jahre, und auch wenn die Scheibe noch klar im Heavy Metal verwurzelt ist, gibt es einen eindeutigen Hinweis darauf, was im Progressive Metal möglich werden wird. Anders als FATES WARNING, QUEENSRYCHE, WATCHTOWER oder CULPRIT wird hier nicht nur Heavy oder Thrash Metal in anspruchsvollerer Form gespielt; DREAM THEATER nimmt Elemente von RUSH und den Siebziger-Prog-Heroen auf, mischt sie aber mit einem damals durchaus modernen Sound. Dass bereits das Debüt bei einem Sublabel des Majors MCA erschien, war sicher ein Grund, der den Jungs half, zur erfolgreichsten progressiven Metal-Band der Welt zu werden.

Der große Erfolg war der Band noch nicht vergolten. Als einziges Album der Band erreichte es nicht die Billboard Top 200 Alben-Charts in den USA. Auch außerhalb der Underground-Metalszene fristet das einzige Album ohne LaBrie als Sänger ein gewisses Schattendasein. Zu Unrecht, denn "When Dream And Day Unite" ist eines der drei stärksten Alben dieser Band. Der Sound von Terry Brown, der acht der stärksten RUSH-Alben produzierte, hat einen gehörigen Anteil daran. Zudem ist der Ohrwurm-Faktor enorm hoch. Selbst das Instrumental 'The Ytsé Jam' geht mir nicht aus dem Sinn und hat ein Niveau, von dem die meisten Metal-Bands beim Instrumental-Komponieren nur träumen können. Hätten sich die Jungs, die sich schon nach wenigen Liveshows von Dominici trennten, danach nicht auf einen neuen Sänger einigen können, würden wir heute wahrscheinlich Reunion-Shows beim "Keep It True"-Festival sehen. Die Suche nach einem neuen Sänger dauerte fast zwei Jahre, unter den getesteten potenziellen Nachfolgern befand sich zum Beispiel auch John Arch (ex-FATES WARNING). Mit Steve Stone wurde sogar eine Show durchgeführt, aber erst 1991 fand man einen geeigneten Nachfolger.

IMAGES AND WORDS (1992)

James LaBrie war nie unumstritten bei den DREAM THEATER-Fans. Dass er zu diesem Zweitwerk, das übrigens mit einem schönen Artwork ausgestattet wurde, hervorragend passte, kann aber eigentlich niemand bezweifeln. 1992 gelang der absolute Durchbruch, DREAM THEATER ist seitdem eine der größten Metal-Bands der Welt. Ausgerechnet der über acht Minuten lange Track 'Pull Me Under' wurde ein US-Rock-Top-10-Hit, lief auf MTV rauf und runter und machte die Band einem breiten Publikum bekannt. Von einer kommerziellen Hitnummer kann dabei keine Rede sein. Platz 61 in den US-Alben-Charts ist durchaus ein großer Erfolg für die damalige (völlig unmetallische) Zeit, und auch den "Test Of Time" hat das Album bestanden. Auf Besten-Listen der Metal-Historie wird das Album regelmäßig geführt, zum Beispiel auf Platz 55 unserer Essentials.

Für mich persönlich ist es das zweitbeste Metal-Album aller Zeiten und ein absolut zentrales Werk für meine Metal-Sozialisation; gekauft habe ich es übrigens nach der Lektüre dieser Rezension. Der Sound ist deutlich moderner ausgefallen als auf dem Debüt, die drei Jahre zeitlicher Abstand sind sofort hörbar. Trotzdem verliert die Scheibe kein bisschen Qualität. Das US-Metal-Flair ist komplett verschwunden, dafür definiert der Fünfer einen Sound, der fortan als Progressive Metal bekannt wird. Mit 'Learning To Live' knackt die Band erstmals die zehn-Minuten-Marke, der Longtrack wird stilprägend für DREAM THEATER. Kevin Moores betörende Keyboard-Sounds sind weiterhin ein mystifizierendes Qualitätsmerkmal der ersten DREAM THEATER-Alben. Der deutlich prägnantere Bass von John Myung dominiert den Grundsound klar, gemeinsam mit dem präzisen und abwechslungsreichen Drumming von Mike Portnoy. Viele Taktwechsel, experimentelle Soundspielereien (Samples, Saxofon, Latino-Einlagen) und die aggressivere Stimme von LaBrie heben das Album vom Debüt ab. Für mich ist das wohl beste Songmaterial einer DREAM THEATER-Scheibe der Grund, weshalb dieses Album im Frühwerk primus inter pares ist. Sowohl die Longtracks wie 'Metropolis - Part 1 "The Miracle And The Sleeper"' oder 'Learning To Live' als auch kurze Balladen  ('Another Day', 'Surrounded', 'Wait For Sleep') begeistern in jedem Ton, und mit 'Learning To Live' gibt es einen weiteren echten Klassiker. Dass mit 'Pull Me Under' einer der beiden leicht schwächeren Tracks zum großen Hit wurde, darf schon überraschen.

Was nicht unerwähnt bleiben sollte: Kaum ein Metal-Album klingt in fast jeder Facette so dermaßen positiv wie "Images And Words". Gute-Laune-Musik kann so wunderbar sein. Bei kaum einer Nummer hatte ich so oft Freudentränen in den Augen wie bei 'Surrounded', die Longtracks geben mir auch nach über 50 Spins noch eine absolute Gänsehaut. Und bei jedem Mitsingen im Teeniezimmer gingen die Emotionen mit mir durch, wenn ich (vergeblich) versuchte, James LaBrie zu imitieren. Ein Album für die Ewigkeit, vielleicht das beste Metal-Album der neunziger Jahre, und hoffentlich ein wichtiger Bestandteil eurer Sammlung.

AWAKE (1994)

Nachdem man sich mit LaBrie live eingegroovt hatte, ging es wieder ins Studio. 1994 erschien mit "Awake" der dritte Longplayer der Band, und auch diesmal hatte man wieder einen echten Augenschmaus als Coverartwork dabei. Schon während den Aufnahmen ließ Kevin Moore verlauten, dass dieses Scheibchen seinen Ausstand bedeuten würde. Ein herber Verlust, aber erst einmal genießen wir die letzten Takte mit ihm. Das Label setzte hohe Erwartungen in das Scheibchen und hoffte auf weitere Hits, gleichzeitig sollte der Sound im Schatten des PANTERA-Erfolgs noch metallischer werden. Platz 32 in den US-Alben-Charts ist dann aller Ehren wert, aber die Erwartungen waren wohl noch höher. Es sollten 13 Jahre vergehen, bis DREAM THEATER diese Chartplatzierung übertreffen sollte, doch das konnte damals niemand ahnen. 75 Minuten Spielzeit bedeuten klar das längste Album zu diesem Zeitpunkt der Diskographie.

Ohne Zweifel ist John Petruccis Riffing auf diesem Album metallischer. Leichte PANTERA-Einflüsse sind nicht zu überhören, schaden dem Sound aber nie. Auch wenn die Perfektion der ersten beiden Werke nicht ganz erreicht wird, handelt es sich klar um eines der Top-5-Alben der Bandhistorie. LaBrie singt eine Ecke aggressiver, aber insgesamt ist das Album soundmäßig schon deutlich am Vorgänger orientiert - größere Veränderungen standen erst später wieder an. Behauptungen, dass die Band sich deutlich an Truppen wie PANTERA orientiert hätte, sind, außer leichten Gitarren-Einflüssen, unsinnig. Im Großen und Ganzen wird das Erfolgsrezept des Vorgängers erfolgreich fortgesetzt. Zu den Highlights zählen die entspannte Piano-Nummer 'Space-Dye Vest', das Instrumental 'Erotomania', das sehr emotionale 'Lifting Shadows Of A Dream' und die Melodiebombe 'Innocence Faded'.

Persönlich hat mir das Album sofort gut gefallen, konnte aber naturgemäß nie an den Vorgänger herankommen. Erst über die Jahre ist mir aufgefallen, dass die Band hier eine Qualität erreicht, der sie danach meist nur noch hinterhergehechelt sind (wenn auch auf sehr hohem Niveau). Rein von der Ausstrahlung in die Szene hinein konnte die Band nur noch mit dem "Scenes From A Memory"-Album das Niveau der ersten drei Alben erreichen. Auch wenn es danach noch etliche gute bis sehr gute Werke gab, ging die wahrlich prägende Rolle im progressiven Metal-Zirkus auf andere über.

Artikel 1 ist jetzt abgeschlossen, Hermann wird in seinem Rückblick dann die nächsten drei Alben beleuchten. Derek Sherinian wird bei mir also keine Rolle spielen, da ich erst im neuen Jahrtausend wieder dran bin. Ich hoffe, ihr hattet schon Freude beim Mitlesen und habt die Scheiben mal wieder ausgepackt und aufgelegt - oder vielleicht die Einkaufsliste neu priorisiert. Ich freue mich jedenfalls, wenn ihr auch bei den nächsten Runden als Leser dabei bleibt.

Redakteur:
Jonathan Walzer
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