INGRIMM: Interview mit Fenris

03.01.2009 | 17:08

Die Regensburger Mittelalter-Rocker INGRIMM legen ein Jahr nach ihrem Debütalbum mit "Todgeweiht" ihre zweite Scheibe vor und bezeugen damit ein beachtliches Arbeitstempo und große künstlerische Inspirationskraft. Sänger, Texter und Bandgründer Stephan 'Fenris' Zandt gibt im folgenden Interview Einblick in die Motivation für diese erfolgreiche Arbeit, aber auch zu den Hintergründen seiner Songtexte.

So will Fenris mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch auch zur Auseinandersetzung mit kritischen Themen einladen. Die unter Metallern ja immer wieder gerne als Angriffsziel dienende Kirche ist dabei ebenso ein Beispiel wie das Borderline-Syndrom oder Gewalt gegen Kinder. Ob allerdings die eigene emotionale Betroffenheit gerade bei letzterer Thematik immer der richtige Ratgeber ist, erlaube ich mir zu bezweifeln. Ein Text, der lediglich auf der Ebene der Anklage bleibt und am Ende nach der gerechten Strafe für die Täter fragt, scheint mir wenig hilfreich, ja, bleibt mir zu dicht am Rachegedanken verhaftet. Aber hier die letztlich interessante Auseinandersetzung mit der Frage, wie die zivilisierte Gesellschaft, die ja die Bestrafung an objektive Organe der Justiz abgegeben hat, mit solchen Tätern angemessen umgeht, zu erwarten, wäre wahrscheinlich eine Überforderung.
Was das Borderline-Syndrom angeht, ist die Auffassung Fenris hierzu unbedingt zu teilen. Ich wundere mich nur, dass es in der Metalszene immer die psychischen Krankheiten sind, die zur textlichen Auseinandersetzung einladen. Über Darmkrebs oder Multiple Sklerose singt man eher weniger. Oder wundere ich mich doch nicht?


Erika:
Nachdem Stephan im Winter 2004/05 begonnen hat, INGRIMM zu gründen, habt ihr bereits Mitte 2006 eine Promo-CD veröffentlicht und konntet im Herbst 2007 eure erste richtige CD herausgeben. Gerade mal ein Jahr später kommt jetzt mit "Todgeweiht" schon das zweite Langeisen auf den Markt. Ihr legt also ein ziemliches Tempo vor. Wie kommt es zu diesen exzessiven Aktivitäten? Geht ihr bewusst zielgerichtet vor, um euch einen Namen in der Mittelalter-Metalszene zu machen oder ist es einfach Zufall, dass sich die Geschicke bei euch gut entwickeln?

Fenris:
Zufall hat damit nichts zu tun. Bei INGRIMM haben sich fünf Musiker gefunden, die ihr ganzes Herzblut in die Band und die Musik stecken. Natürlich war es uns wichtig, möglichst bald einen Nachfolger zu "Ihr sollt brennen" nachzulegen. Aber unser primärer Antrieb zur zweiten Scheibe war nicht, unseren Namen weiter bekannt zu machen. Es waren einfach genug Lieder vorhanden, von denen wir die besten aufgenommen haben. Die kreative Energie geht uns wohl nicht so bald verloren.

Erika:
Hattet ihr derartige Erwartungen, als ihr vor knapp vier Jahren miteinander begonnen habt zu arbeiten?

Fenris:
Nein! Als ich die Band ins Leben rief, sagte ich zu meinen Bandkumpels, dass es keine Garantie für den Erfolg dieser Idee gibt. Gerade in den Anfangstagen gab es viele Rückschläge und Verzögerungen der verschiedensten Art. Es war nicht leicht, überhaupt die passenden Musiker zu finden, die vom Können wie auch von der Einstellung her in die Band passten. Das kostete zwar Zeit und Nerven, aber unser Ziel war klar. Wir wollten einen Plattendeal und raus auf die Bühnen. Dass wir aber mit unserem ersten Album dermaßen einschlagen und sofort auf großen Festivals spielen würden, hatte unsere Erwartungen weit übertroffen.

Erika:
Auf eurer Homepage gebt ihr eine Art rechtfertigende Erklärung darüber ab, dass ihr ohne spezifische Kenntnisse mittelalterlichen Musikguts und lateinischer Sprache gleichwohl Mittelalter-Metal macht. Dies scheint euch ja nach Veröffentlichung eurer ersten Scheibe zum Vorwurf gemacht worden zu sein. Wie sind nun die Reaktionen auf das neue Album? Ist das immer noch Thema?

Fenris:
Dass uns Vergleiche zu anderen Bands mit mittelalterlichen Instrumenten ereilen würden, war uns klar. Dicht darauf folgte selbstverständlich der allseits beliebte Plagiatsvorwurf von den Kritikern, die sich ihre Sache sehr einfach machten. Ich denke, mit "Todgeweiht" haben wir ein für allemal klargestellt, dass man uns nicht in den gleichen Topf zu den anderen Mittelalterrockern werfen kann. Die Rezensionen zum neuen Album sind insgesamt sehr positiv ausgefallen. Vergleiche werden zwar von einigen Verfassern nach wie vor gezogen, aber so richtig wollen wir wohl in keine Schublade passen.

Erika:
Was unterscheidet euch nach eurer eigenen Auffassung von Genregrößen wie IN EXTREMO oder SCHANDMAUL?

Fenris:
Unsere Musik hat mit den Genannten nur eines gemein: Wir verwenden ähnliches Instrumentarium, sonst sind wir grundverschieden. INGRIMM steht für aggressiven, harten Metal. Wir verwenden Sackpfeife und Drehleier wie eine Leadgitarre. Es gibt auf der neuen Scheibe Melodien und Soli, die zum Teil zweistimmig von Gitarre und Dudelsack, beziehungsweise Drehleier gespielt werden. Wir orientieren uns nicht an überliefertem Liedgut und als romantisch kann man uns wohl beim besten Willen nicht bezeichnen.

Erika:
Wie erklärt ihr euch, dass die musikalische Mischung aus mittelalterlichen Elementen und Metal zurzeit so erfolgreich ist?

Fenris:
Das Mittelalter fasziniert seit einigen Jahren mehr denn je. Jedes Dorf, in dem irgendwann mal eine halbwegs adelige Gestalt auf Durchreise 'ne Pinkelpause eingelegt hat, macht mittlerweile seine historische Veranstaltung. Dadurch hat die Musik mit Sackpfeifen eine Renaissance erlebt, weil sie einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wurde. Bei der Urgewalt, die von diesen Instrumenten ausgeht, war es der nächste logische Schritt, sie mit der Power von Rock und Metal zu verbinden. Diese Musik schafft eine besondere, geheimnisvolle Atmosphäre, die die Menschen aus der tristen Realität entführt.

Erika:
Ich möchte ein bisschen eure Texte auf "Todgeweiht" beleuchten. Ihr habt einige Songs, die sich auf den ersten Blick mit Themen von gestern befassen, wollt aber eigentlich auch Aussagen über die heutige Lebenswelt treffen. Laut Textinfo zur neue CD habt ihr euch im Zusammenhang mit der Entstehung des Titels 'Krieger' mit Werten wie Mut, Aufrichtigkeit und Treue auseinandergesetzt, die ihr in unserer Gegenwartsgesellschaft manchmal als zu kurz kommend seht. Wo fehlt euch das? Woran macht ihr fest, dass es uns an diesen Eigenschaften fehlt? Glaubt ihr, dass es heute mehr angepasste Opportunisten gibt als in früheren Gesellschaften?

Fenris:
Es ist in heutiger Zeit wahrlich eine Seltenheit, dass ein gegebenes Versprechen auch eingehalten wird. Beispiele dafür gibt es genug. Ich möchte nicht behaupten, dass es in früheren Gesellschaften besser oder ehrlicher zugegangen wäre. Nur waren die Folgen eines Wortbruchs wesentlich fataler und konnten in bestimmten Fällen über Leben und Tod entscheiden. Heute begegnet einem Lug und Trug an jeder Ecke, sei es in der Wirtschaft, Politik bis hin zum privaten Bereich. Das Ehrenwort hat seine Bedeutung im Wortsinne verloren. Aufrichtigkeit, Mut und Treue sind moralische Werte, die einen Teil des Selbstwertgefühls eines Menschen ausmachen sollten. Etwas, das ich als die persönliche Ehre bezeichne. Deswegen habe ich den Krieger als Person gewählt. Ein Krieger musste sich auf das Wort seiner Freunde oder Verbündeten unbedingt verlassen können so wie auch sein Wort bindend war, gerade in Zeiten, wo die Kommunikation über längere Distanzen nur schwer und mit Verzögerung möglich war. Meine Vorstellung in diesem Lied ist es, den Krieger in sich selbst zu wecken. Das bedeutet auch, sich mit den eigenen Wurzeln zu beschäftigen. Damit meine ich nicht die unrühmliche jüngere Vergangenheit Deutschlands, wo unsere Geschichte von der Propagandamaschinerie der Nazis aufs Übelste verfälscht wurde. Unsere Wurzeln reichen viel tiefer und Tugenden wie Mut, Wahrheit, Treue, Selbstdisziplin und Gastfreundschaft hätte die heutige Zeit wirklich bitter nötig.

Erika:
Im 'Narrentraum' setzt ihr euch mit den Kreuzzügen und ihren Verbrechen gegen Andersgläubige auseinander. Ein viel beklagtes und zweifelsohne dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche, aber nicht gerade ein aktuelles Thema. Habt ihr auch eine Position zur Gegenwartskirche?

Fenris:
Dass wir mit der Kirche auf Kriegsfuß stehen, ist schon seit unserer ersten Scheibe kein Geheimnis. Ich konnte es zwar nicht verhindern, dass mich meine Erzeuger im Alter von wenigen Monaten im Zeichen des Kreuzes taufen ließen, aber meine erste Amtshandlung als vollmündiger Bürger war es, dieser Institution den Rücken zu kehren. Diese Entscheidung kam nicht von ungefähr. Als die ersten Pickel sprossen, begann ich aus eigenem Antrieb, mich mit der Geschichte der Kirche auseinanderzusetzen. Je mehr ich darüber lernte, desto mehr wuchs mein Widerstand bis ich mich schließlich schämte, ein Mitglied dieses Heuchlerhaufens zu sein. Die Gründe dafür lagen jedoch nicht allein in den Verbrechen der Vergangenheit. Die moderne Zeit verlangt ein modernes Denken, in dem der unersättliche Machtanspruch und die verstaubte Dogmatik der Kirche keinen Platz mehr haben. Sie mischt sich in Dinge ein, in denen sie nichts verloren hat. Sie will in den Schulen und Universitäten die Lehrpläne "christlich" gestalten, also auf deutsch gesagt den hellen Köpfen unserer Zeit ihren Maulkorb verpassen so wie schon in der Vergangenheit, weil sich ihre Dogmen mit der Realität einfach nicht vereinbaren lassen. Sie lässt vorbestrafte pädophile Pfaffen auf unbedarfte Dorfkinder los, die natürlich auch noch rückfällig werden. Von den Kirchenoberen werden sie auch noch gedeckt. Der Standpunkt der ach so modernen Kirche zur Verhütung, ihre Frauenfeindlichkeit, ihre Ignoranz, ihre Selbstherrlichkeit, ihre Verlogenheit, ihre Heuchlerei ... ich könnte endlos so weitermachen. Ich habe meine Entscheidung mit gutem Gewissen getroffen und werde jeden Tag nur weiter darin bestätigt. 'Der Sturm' und 'Narrentraum' werden nicht die einzigen Lieder gegen die Scheinheiligkeit bleiben.

Erika:
Mit den Stücken 'Der Stern' und 'Rot' setzt ihr euch zu guter Letzt mit zwei kritischen Themen auseinander, die in unserer Gegenwartsgesellschaft relevant sind. Ich habe auf beide Stücke beim ersten Hören jedoch negativ reagiert. Das Thema Gewalt gegen Kinder – wenn auch konkret in Bezug auf sexuellen Missbrauch - wird bereits bei SUBWAY TO SALLY, DIE TOTEN HOSEN und RAMMSTEIN thematisiert und auch mit der Borderline-Störung setzen sich SUBWAY TO SALLY bereits auf ihrem Album "Engelskrieger" auseinander.
Ich hatte also zunächst den Gedanken: ach, schon wieder! Die Lyrics zu 'Der Stern' kommen mir darüber hinaus auch sehr plakativ vor. Insbesondere die Schlusszeilen "...sag welche Straf ist dem bestimmt, der einem Stern sein Lachen nimmt" finde ich ziemlich moralinsauer.
Daher die Frage: Was wollt ihr mit diesen beiden Nummern erreichen? Warum drängt ihr den Hörern diese ausgelutschte Betroffenheitskiste auf?

Fenris:
Sorry, ich wusste nicht, dass die oben genannten Bands auf diese Themen das Monopol haben. Wer hat da wohl von wem abgeschrieben? Wenn man uns zum Vorwurf machen will, dass auch wir uns mit diesen Themen auseinander gesetzt haben, dann kann ich mich darüber nur wundern. Es gibt kein Thema, dass nicht schon lyrisch umgesetzt und es gibt keinen Ton, der nicht schon gespielt wurde. Du müsstest also Musik und Lyrik allgemein verbieten, wenn jedes Thema nur von einem einzelnem behandelt werden darf.
Diese beiden Texte bedeuten mir sehr viel. Das Borderline-Syndrom ist eine ernstzunehmende Erkrankung, an der auch ein Freund von mir leidet und es mir erst vor kurzer Zeit offenbart hat. Wir hatten danach lange miteinander darüber gesprochen. An einem Abend ist dann der Text zu 'Rot' entstanden.
Die Gewalt gegen Kinder kann nicht oft genug angeprangert werden. Jedes Mal, wenn wieder ein gequältes oder sogar getötetes Kind aufgefunden wird, dann geht ein Aufschrei durchs Volk. Kurz darauf ist es aber auch schon wieder vergessen. Ich nehme mich von dieser allgemeinen Vergesslichkeit nicht aus, nur als sich in unmittelbarer Nähe meines Wohnortes ein solcher Fall ereignete, machte mich als zweifachen Vater das sehr betroffen. Für mich gibt es kein abscheulicheres Verbrechen, als die körperliche Überlegenheit gegenüber den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft so feige zu missbrauchen. Der von dir zitierte Satz drückt es aus: Ich kann mit keine Strafe vorstellen, die dafür gerecht wäre.

Erika:
Nach der geballten Analyse einer Reihe eurer Songs will ich noch mal zur erfreulichen Praxis kommen. Was haben denn eure Fans 2009 von euch in punkto Live-Performance zu erwarten? 2008 konntet ihr ja bereits einige szenerelevante Festivals bereichern.

Fenris:
Wir werden auch im neuen Jahr viele Bühnen entern. Im Frühjahr starten wir mit einer Clubtour, die uns durch Deutschland und Tschechien führen wird. Auch für einige Festivals, z.B. das Rockharz Open Air sind wir schon fest gebucht. Weitere Gigs sind in Planung.

Erika:
Zum Schluss könnt ihr noch etwas loswerden, was die POWERMETAL.de-Leser über euch wissen sollten. Hier ist Gelegenheit dazu:

Fenris:
An dieser Stelle möchte ich all unseren Freunden da draußen danken, die den Weg bisher mit uns gegangen sind und hoffentlich auch weiterhin gehen werden. Bleibt wer ihr seid, bewahrt euch die Wut im Bauch und INGRIMM im Herzen. Wir seh'n uns! ROCK ON!

Erika:
Danke für deine Zeit und die Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung.
Ich wünsche euch mit dem neuen Album im Gepäck weiterhin viel Erfolg!

Fenris:
Auch dir vielen Dank für das Interview

Redakteur:
Erika Becker

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