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INTO ETERNITY: Interview mit Tim Roth

01.01.1970 | 01:00

Es ist verdammt schwer, in dieser Zeit noch musikalisch mit Innovationen und Ideenvielfalt glänzen zu können. Die Kanadier INTO ETERNITY bewiesen im letzten Jahr allerdings eindrucksvoll, dass genau dies nicht unmöglich ist. Mit ihrer eigenwilligen und sehr erfrischenden Mischung aus Death- und Powermetal, verfeinert mit einer gehörigen Portion Progressivität, vereint auf dem Album "Dead Or Dreaming", waren die Jungs meiner Meinung nach eine der grössten, positiven Überraschungen des letzten Jahres.
Gitarrero Tim Roth meldete sich zu Wort:

Rouven:
Was habt ihr denn bisher an Resonanzen auf "Dead Or Dreaming" vernommen, seitens der Fans und natürlich auch von der Presse her?

Tim:
Nunja, die waren beide grösstenteils positiv. Die Shows, die wir im Anschluss an die Veröffentlichung von "Dead Or Dreaming" gespielt haben, waren wirklich klasse. Die Fans lieben das neue Album und wir sind vollkommen überwältigt davon.
Die Kritiker können einem schon ganz schön zusetzen, besonders wenn man, wie wir, versucht, etwas anderes als der Norm im Metal zu entsprechen. Einige sähen es gerne, wenn wir uns auf einen Stil festlegen - aber dann würden wir ja wie irgend eine beliebige andere Band klingen!
Ich würde sagen, ca. 85% der Reviews waren wirklich gut.

Rouven:
Hat euch eigentlich der Gig beim Westfalenfestival in Dortmund gefallen?

Tim:
Westfalen ruled! Das war schon klasse, mit Bands wie ZERO HOUR, WOLVERINE und BRAINSTORM zu spielen - und DESTRUCTION sind natürlich eine Metal-Legende!
Es war uns wirklich eine Ehre, bei einem solchen Billing dabei zu sein. Die ganze Crew war klasse, und auch Backstage wurden wir gut behandelt. Das war eine rundum klasse Zeit.
Ich habe sogar Mille von KREATOR getroffen! Er ist dann mit DESTRUCTION auf die Bühne gesprungen...und ich hab fast ´nen Herzkasper bekommen, immerhin bin ich mit der Musik von KREATOR gross geworden. Der Ganze Tag war einfach unglaublich!

Rouven:
Habt ihr denn vor, Europa tourtechnisch zu beehren? Falls ja, gibt´s schon Details über eventuelle Begleitbands?

Tim:
Momentan sind wir dabei, unsere nächste Europa-Tour zu planen. Unser Label schaut sich um, welche Clubs und/oder Festivals in Frage kommen. Es ist noch etwas früh, um was definitives sagen zu können, aber wir werden wohl so im Juli oder August auftauchen. Hoffentlich können wir wieder mit WOLVERINE zusammen spielen, wir verstehen uns nämlich richtig gut.

Rouven:
Habt ihr denn eine grosse - oder zumindest grössere - Fan-Basis in Europa?

Tim:
Ja, es läuft momentan für uns wirklich bestens in Europa. So wie es mir scheint, sind die Fans dort alle ziemlich open-minded, also verstehen sie wirklich, was wir als Band rüberbringen wollen. Unsere letzte und gleichzeitig auch erste Tour in Europa war das beste und lustigste, was wir bisher erlebt haben, und wir können`s kaum erwarten, wieder zu kommen. Die Fans leben den Metal dort!
Unsere Fan-Basis ist in Europa grösser als beispielsweise in unserem Heimatland Kanada, aber da Europa insgesamt gesehen deutlich mehr Einwohner hat, ist das nur logisch.
Wir haben gerade einen neuen Plattendeal ausgearbeitet, der uns ermöglicht, unsere Alben auch direkt in den USA und in Kanada zu veröffentlichen. Wir wollen schliesslich alle Märkte erschliessen und so viele Leute wie möglich mit unserer Musik erreichen.
In Europa hat man uns aber bisher am besten behandelt, ich denke, es ist unglaublich toll da.

Rouven:
Es ist schon schwierig, den Stil von INTO ETRNIY zu beschreiben. Habt ihr da eine eigene Definition, oder wäre es auch okay, zu sagen "progressiver Death Metal gemixt mit Power Metal und anderen, progressiven Einflüssen"?

Tim:
Haha, gut getroffen! Das ist genau das, was wir machen wollen. All diese Einflüsse in die Band einbringen und daraus eine Einheit zu formen. Wir mögen alle Prog-Metal, aber genauso die rohe Power, die Brutalität des Death Metal. Und der Power Metal-Anteil, nun, das ist dann wohl die Energie der Band. Power Metal ist ja zumeist Musik im Uptempo-Bereich, das ist etwas, was ich persönlich sehr schätze.
INTO ETERNITY sind wirklich egoistisch, weil wir einfach alles in unserer Musik unterbringen wollen. Nun, und unser zweites Album ist auch doppelt so heavy geworden wie das Debut, von daher scheint es sich auszuzahlen, alle möglichen Stile, auf die wir abfahren, zu mixen.

Rouven:
Welche Bands und Musiker würdest du als Haupteinflüsse für INTO ETERNITY bezeichnen?

Tim:
Uh, das ist schwierig, da gibt´s zu viele (lacht). Die ganze Band hat verschiedene musikalische Vorlieben, das reicht von DREAM THEATER über RUSH bis hin zu MEGADETH. Ich persönlich wurde ziemlich von der Thrash-Bewegung beeinflusst, da spielten Bands wie FORBIDDEN, TESTAMENT, ANNIHILATOR oder auch SANCTUARY und Ähnliche eine grosse Rolle. Dann kamen DEATH und ich war total hingerissen von den progressiven Elementen, die Chuck in seine Musik integriert hat. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass die Jungs nichtsdestotrotz verdammt heftig waren. Solange es gute Musik gibt, höre ich mir sie an. NEVERMORE waren auch ein grosser Einfluss für uns, wir konnten sogar drei Gigs zusammen mit ihnen in Kanada spielen. Die sind absolut klasse! Ansonsten gibt es noch so viele Killer-Bands, zu denen ständig neue hinzukommen, also könnte ich hier wohl noch ewig weiter erzählen...

Rouven:
Wenn man sich so die kanadischen Bands anschaut, dann fällt es einem leicht, zu sagen, dass die meisten ihr eigenes Ding durchziehen und sich dabei herzlich wenig um Trends oder den Mainstream scheren. Als Beispiele seien einmal DEVIN TOWNSEND, THE TEA PARTY, KATAKLYSM oder CRYPTOPSY genannt. Ist Kanada so inspirierend für Musiker?
Und wie schaut`s denn überhaupt mit der heimischen Metal-Szene bei euch aus?

Tim:
In Kanada leben insgesamt nur ca. 30 Millionen Menschen. Von daher ist die Szene schon kleiner, als es zum Beispiel in Europa der Fall ist. Sicherlich gibt´s hier auch ´ne Menge Metal-Fans, bloss nicht so offensichtlich und in Grössenordnungen wie in anderen Ländern. Dafür haben sich unsere wenigen Fans aber auch vollkommen der Musik verschrieben und sind richtig verrückt nach Auftritten. DEVIN TOWNSEND, THE TEA PARTY, KATAKLYSM und CRYPTOPSY machen allesamt äusserst interessante und vor allem originelle Mucke. Ich denke, da die Szene hier recht klein ist, lässt man sich auch nicht so einfach vom nächsten grossen Trend beeinflussen. Hier macht ja auch fast jede Band etwas komplett anderes.
CRYPTOPSY finde ich auch echt cool - jedes Mal, wenn ich die Jungs live sehe, fühle ich mich versucht, meine Klampfe in die Ecke zu schmeissen! Ich glaube nicht, dass das noch Menschen sind (lacht).

Rouven:
Über was geht´s denn in den Lyrics auf "Dead Or Dreaming"?

Tim:
Die Texte sind zumeist recht düster. Wir sind zwar nicht depressiv veranlagt, aber ich bin der Meinung, dass Metal einfach düstere Texte haben sollte. "Dead Or Dreaming" bietet sich an, um zu zeigen, über was wir uns Gedanken machen: "Cyber Messiah" handelt davon, dass man irgendwann vom Internet abhängig wird und seinen Computer als eine Art Ersatzgott sieht. "Imagination Overdose" beschreibt den Missbrauch von harten Drogen wie Heroin. "Identify" und "Selling God" behandeln hingegen die Religion. Im Grossen und Ganzen würde ich meinen, die Lyrics passen gut zu unserer Art von Musik.

Rouven:
Gibt es etwas bestimmtes, was ihr mit eurer Musik ausdrücken wollt?

Tim:
Nicht direkt, wir schreiben die Songs eben so, wie wir uns fühlen. Wie schon gesagt, wir wollen die unterschiedlichen stilistischen Einflüsse kombinieren und daraus eine neue Einheit formen. Das ist im Prinzip die einzige Message, die wir zum Ausdruck bringen wollen. Immerhin fahren die meisten Fans auf das ab, was wir machen, also denke ich, dass sie verstehen, was wir ausdrücken wollen.

Rouven:
Welches würdest du als deine Alben des Jahres 2001 bezeichnen? Um es etwas zu vereinfachen, sagen wir mal, fünf Stück reichen.

Tim:
Mist, das ist auch schwer (lacht)! Ich kaufe mir fast jede Woche neue CDs, da wird´s schwierig, nur fünf herauszupicken. Aber hier mal die fünf, die mir in letzter Zeit eindeutig am besten gefallen haben:

1. NEVERMORE - "Dead Heart In A Dead World"
2. IN FLAMES - "Clayman"
3. ANNIHILATOR - "Carnival Diablos"
4. EVERGREY - "In Search Of Truth"
5. ICED EARTH - "Horrorshow"

Rouven:
Könntest du die Unterschiede zwischen dem selbstbetitelten Debut und "Dead Or Dreaming" mit deinen eigenen Worten beschreiben?

Tim:
Das Neue Album ist ein riesengrosser Schritt nach vorne. Ich würde sagen, wir klingen wie eine vollkommen andere Band. Wir haben ja auch ein neues Bandmitglied, Danny (Nargang, git.), er hat eine Menge bei den Vocals mitgearbeitet. Er ist ein wirklich guter Sänger und Songwriter. Jetzt können wir auf dreistimmigen Gesangsharmonien aufbauen , zu denen dann noch die Death-Growls kommen. Danny und meine Wenigkeit duellieren sich mittlerweile auch sehr viel auf der Gitarre, das ist etwas, was wir vorher nie gemacht haben. Schliesslich haben wir auch noch zwei Songs, bei denen ein weiblicher Chor mitwirkt. Sowas wollten wir schon immer mal machen, und ich denke, das klingt wirklich gut.
Wir haben wirklich hart an dem neuen Album gearbeitet, und das merkt man auch. Es ist immerhin fast doppelt so lang geworden wie das Debut.

Rouven:
Auch wenn ihr immer noch - wenn nicht sogar mehr - progressiv und teilweise ziemlich vertrackt agiert, so muss man doch feststellen, dass "Dead Or Dreaming" ziemlich catchy geworden ist, ja sogar mitsingkompatibel. Kannst du schon sagen, in welche Richtung ihr auf dem Drittwerk gehen werdet?

Tim:
Vielen Dank, dass du das sagst. Wir haben wirklich hart gearbeitet, um eine Menge Hooks einzubauen, welche das Album leichter zugänglich machen. Wir werden definitiv in dieser Richtung weiter arbeiten. Bis jetzt haben wir zwei neue Songs geschrieben, die uns wirklich gut gefallen. Klingt etwas technischer als "Dead Or Dreaming", aber es ist noch zu früh, um zu sagen, ob das auf dem gesamten neuen Album auch so sein wird.
Danny wird mehr singen und ist auch deutlich aktiver in Sachen Songwriting, alleine schon aus diesem Grund wird das neue Teil schon zumindest etwas anders klingen.

Rouven:
Stell dir einmal vor, es gäbe kein New Metal, sprich man hätte für Combos wie KORN oder LIMP BIZKIT eine andere - und auch zutreffendere - Bezeichnung gefunden. Wäre es dir dann recht, wenn man die Musik von INTO ETERNITY als "New Metal" bezeichnete? Denn ich denke, das ist genau das, was ihr macht: Neuen Metal.

Tim:
Haha, danke! Ich weiss was du meinst. Und das ist auch genau das, was wir versuchen, hinzubekommen. Es ist wirklich schwierig, noch originell zu sein, insbesondere, wenn jede Band bei einer anderen kopiert. Aber den Trends und damit ausgelatschten Pfaden folgen, das ist etwas, was INTO ETERNITY niemals tun werden!
Das ist wirklich ein tolles Kompliment, muss ich mir merken (lacht).

Rouven:
Ich schätze mal, dass du vom Tod von Chuck Schuldiner weisst. Was hat er und seine Musik dir bedeutet?

Tim:
Es ist schwierig, darüber zu reden. Egal, wie ich es in Worte fassen würde, wie sehr er und seine Musik INTO ETERNITY als Band oder auch mich beeinflusst hat, das würde ihm nie gerecht werden. Die Welt hat einen wahren Pionier verloren, ein musikalisches Genie. Bei DEATH war einfach alles dabei: Grossartige Gitarrenriffs und unglaubliche Soli, versiertes Drumming und tolle Bassläufe, und natürlich unnachahmliche Vocals. Immerhin haben eine Menge Leute versucht, Chuck zu kopieren. Er war - und ist! - eine wahre Metal-Legende. Ich habe immer gehofft, ihn ein Mal treffen zu können. Chuck war für mich der massgebliche Grund, weshalb ich die Gitarre in die Hand nahm. Ich wollte solche Riffs spielen, und vor allem diese Soli! Chuck ist ein Gott, und Chuck ist Metal! Die ganze Band liebt die Sachen von DEATH und CONTROL DENIED...was könnte ich noch dazu sagen? Wir werden Chuck alle schmerzlich vermissen...

Rouven:
Was würdest du als deine grössten Wünsche für 2002 bezeichnen? Musikalisch oder im Allgemeinen...

Tim:
Hm, abgesehen davon, dass ich mir wünsche, dass die gesamte Welt endlich mal die Differenzen beilegt und die Leute aufhören, sich gegenseitig umzubringen? Ich glaube ja nicht, dass das jemals geschehen wird.
Ansonsten erhoffe ich mir irgendwann einmal eine Tour um die ganze Welt um dabei so viele Leute wie möglich kennenzulernen. Ich würde wirklich gerne auf eine endlose Tour gehen und niemals wieder damit aufhören. Wäre schön, wenn wir einige Festival-Gigs in Amerika und besonders in Europa spielen könnten. Und eine Tour mit NEVERMORE wäre ein Traum, vielleicht wird der eines Tages wahr.

Rouven:
So, das war´s dann von meiner Seite aus. Gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Tim:
Yeah...ich möchte allen euren Lesern dafür danken, dass sie den Metal unterstützen. Wir müssen alle zusammenhalten und die Szene stark machen. Schliesslich hat man als Masse eine gewisse Macht! Ausserdem möchte ich mich bei dir für das Interview bedanken, Leute wie ihr lasst den Metal aufleben!
Keep it Metal!

Redakteur:
Rouven Dorn

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