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Im Rückspiegel: BLIND GUARDIAN (Teil VI: "A Twist In The Myth" - "At The Edge Of Time")

06.06.2020 | 11:41

Mit einigen Monaten Verspätung geht es hier in die sechste Runde des Rückblicks.

Jakob hatte im letzten Artikel den Einstieg ins neue Jahrtausend skizziert. Dass "A Night At The Opera" auf ein geteiltes Echo stieß, sollte niemanden verwundern. Dass mit "Live" das wahrscheinlich beste Live-Album der Bandgeschichte erschienen ist, möchten manche Tokyo-Fans nicht ganz wahrhaben; mit einer halbwegs objektiven Betrachtung wird man diese Sicht aber kaum abstreiten können. Ich darf euch nun durch die zweite Hälfte des Jahrzehnts führen, und für mich war es die Phase, in der ich BLIND GUARDIAN tatsächlich als veröffentlichende Band wahrnehmen durfte.

 

A Twist In The Myth (2006)

Kaum weniger umstritten als beim Studio-Vorgänger wurde es mit "A Twist In The Myth". Mit Frederik Ehmke war ein neuer Drummer an Board, er ersetzte Thomen Stauch, der unter dem Banner SAVAGE CIRCUS ein early-BLIND GUARDIAN-Album aufgenommen hatte. Die Richtung der Bands hätte kaum unterschiedlicher sein können. "A Twist In The Myth" war nicht mehr ganz so bombastisch wie der Vorgänger, war aber deutlich am modernsten produziert. Auch die Rhythmik machte deutlich, dass die Musiker mittlerweile auch Bands wie TOOL oder SYSTEM OF A DOWN rezipiert hatten. In der damaligen Betrachtung kam das nicht überall gut an, denn kaum eine deutsche Band hatte in den Neunzigern die Fahne des wahren Stahls so hochgehalten wie BLIND GUARDIAN. Aufgenommen wurde das Album natürlich in den Bandeigenen Twilight Halls. Außerdem wechselte man von Virgin zum innermetallischen Branchenriesen Nuclear Blast; diese Liaison hat bis heute Bestand. Das schöne Artwork (ungewöhnlich gut für die Zeit!) stammt von Anthony Clarkson (COMMUNIC, JAG PANZER). Für den Bass baute man Oliver Holzwarth (SIEGES EVEN) mit ein. Dass das zweite DEMONS & WIZARDS-Album "Touched By The Crimson King" mit Jon Schaffer große Wirkung auf dieses Werk gehabt hätte, kann man übrigens nicht behaupten.

Ich finde, dass der Scheibe oft Unrecht getan wird, denn sie ist deutlich hitlastiger als der Vorgänger, vielleicht sogar (Sakrileg?) als beide Vorgänger. Schon der Opener 'This Will Never End' lebt von Hansis großartigen Gesangspassagen, unheimlich treibendem Drumming und einer modernen Melodieführung. Noch moderner wird es mit dem wunderbar produzierten 'Otherland', bei dem auch im Vokalbereich unheimlich viel passiert. Wer auf die medievalen Einflüsse steht, darf sich an 'Turn The Page' erfreuen. Dass es in der Melodieführung auch Verbindungen zu einer Truppe wie SKYCLAD gibt, erfreut das Herz des Musikers.

'Fly' wirkte damals gut abgefahren. Natürlich stieß man damit Leuten vor den Kopf, das war nicht, was man von BLIND GUARDIAN gewohnt war; rhythmisch verschachtelt, mit Taktspielereien, einem sehr fetten Gitarrensound und einem Refrain, der völlig antikommerziell ist - die Krefelder hatten sich sicherlich nicht die Charteinstiegsnummer als Single ausgesucht. Vor allem darf man nicht vergessen, dass 'The Bard's Song (In The Forest)' mittlerweile noch mal ausgekoppelt und zum Singlehit geworden war. Wer der Band kommerzielle Anbiederung vorwirft, hat sich nie ernsthaft mit ihr beschäftigt. Für mich die mutigste Single der Bandgeschichte, und nebenbei ein wirklich großartiger Song.

Mit 'Carry The Blessed Home' folgt ein Titel, der auch gut zur Silmarillions-Scheibe gepasst hätte. Ein wenig plätschert der Track, trotz des aggressiven Gesangs, vor sich hin. Wunderbar finde ich dagegen 'Another Stranger Me' mit seinen absolut zeitgeistigen Gitarren und sphärischen Klängen in den Strophen. Hansi überragt mit kraftvollen Powershouts ebenso wie mit seiner Klarstimme im Pre-Chorus. Ein weiteres absolutes Highlight dieses Scheibleins, das zeigt, wie waghalsig die Band bereits sichere Pfade verließ. 'Straight Through The Mirror' ist dann die Hymne, die auf einem Gardinen-Album nicht fehlen darf. Allerdings gab es das seit 1995 schon etliche Male klar stärker. 'Lionheart' kam dann zwei Jahre nach dem gleichnamigen SAXON-Album (nebenbei: vielleicht die beste SAXON-Scheibe nach 1997!). Und auch der Krefeld-Track kann überzeugen, gewinnt mit vielen feinen Chören und einem sehr einprägsamen, eigenständigen Refrain. 'Skalds And Shadows' ist dann eine relativ belanglose Mittelalter-Akustik-Nummer. Auch das gab es schon mehrfach deutlich interessanter. Aus meiner Sicht hat sich das Konzept weitestgehend abgenutzt.

Dafür erfreue ich mich am kreativ-modern-speedigen 'The Edge', allein was hier produktionstechnisch abgeht, ist wunderbar und muss sich vor einer Band wie NIGHTWISH (die gerade ihr Karrierehighlight "Once" hinter sich hatte) nicht verstecken, ohne in unnötigem Bombast unterzugehen. Auch die verspielten Linien im Refrain, in Verbindung mit den sehr harten Pre-Chorus-Momenten, sind wirklich schön. Mit 'The New Order' endet dann ein wirklich gutes Album, auch wenn der Schlusstrack nur mit dem Refrain wirklich überzeugen kann. Dafür hat es der Bonus-Track 'Dead Sound Of Misery' als 'Fly'-Interpolation in sich. Eine Version ohne diesen Titel ist definitiv schwächer!

Platz 4 der deutschen Albencharts und insgesamt sieben Wochen in den Top 100 waren der verdiente Lohn für ein starkes Album. Ich finde, dass es oft zu schlecht wegkommt. Die Krefelder haben sich das langsame Arbeiten ja ein Stück angewöhnt, und so dauerte es einige Zeit, bis wir wieder etwas von ihnen hören sollten.

 

At The Edge Of Time (2010)

Nach vier Jahren Pause waren sie dann endlich zurück, und schon das farbenfrohe Artwork von Felipe Machado Franco (AXEL RUDI PELL, BRAINSTORM, RHAPSODY OF FIRE) versprach Großartiges, doch ich denke, mit so einem Knaller hatten die wenigsten gerechnet! Meiner bescheidenen Meinung nach haben wir es nämlich mit dem besten Album der Krefelder seit 15 Jahren zu tun. Ja, ohne die Tolkien-Fanbrille schlägt dieses Album "Nightfall In Middle-Earth", da es ohne unnötige Zwischenspiele auskommt.

'Sacred Worlds' ist zum Beispiel ein monumentaler Song, der eigentlich für ein PC-Spiel komponiert wurde, aber jegliche Würfelspieler-Musik locker in die Tasche steckt. Selten wurden Orchesterpassagen im Metal so brillant eingesetzt, und nur bei dieser Band werden sie mit einem der besten Metal-Sänger aller Zeiten kombiniert. Auch der kraftvolle Track 'Tanenlorn (Into The Void)' ist kein billiger "Somewhere Far Beyond"-Abklatsch, sondern ein fetter Hit, der das Niveau des Albums locker hält. Die dissonanten Gitarrenlinien mögen teilweise überraschen, trotzdem ist das Speed-Metal-Flair alter Tage hier wieder präsent. Dass Michael Moorcock textlich eingebaut wird, freut natürlich die Fantasy-Jünger. 'Road Of No Release' könnte wieder eine Akustik-Nummer sein, ist aber ein schleppender Track, der auch gut zu neueren ICED EARTH-Scheiben gepasst hätte. Trotz allem einer der etwas schwächeren Titel des Albums.

'Ride Into Obsession' ist dann eine der härtesten Nummern, bei der Hansi zeigt, dass er auch als aggressiver Sänger ein Qualitätsgarant ist. Mit 'Curse My Name' folgt dann doch die mittelalterliche Akustik-Ballade. Durch den wunderbaren Refrain handelt es sich um die wohl beste Nummer dieser Art nach Ende der Neunziger. Der mit Flöten und Hi-Hat-Geklöppel einsetzende Bridge-Part ist zudem eine Lehrstunde in Sachen Folk Rock. Dass die Chöre brillant sind, überrascht sicher niemanden.

Mit 'Valkyries' folgt ein eher bedacht beginnender Track, der sich zu einem Monstrum entwickelt, mit königlichem Chorus und Goosebumps all over! Nur wenige Bands schaffen es, so viele Gänsehautmomente in ihre Musik einzubauen wie die Krefelder. Das liegt natürlich schon ganz stark an Hansis Vocals, aber auch an der brillanten Melodieführung, denn, sind wir mal ehrlich: Bei DEMONS & WIZARDS stellt sich diese Gänsehaut-Geschichte so eigentlich kaum ein. Das Songwriting ist einfach phänomenal.

Neben dem dritten Song ('Road Of No Release') gibt es mit 'Control The Divine' noch einen zweiten Track, der das hohe Gesamtniveau nicht ganz halten kann. Sicher ist der Song wieder klasse gesungen, aber insgesamt bleibt er halt nicht sonderlich dauerhaft im Ohr hängen - am besten finde ich die nur spärlich instrumental ausgestattete Passage direkt vor dem Refrain. Weit vor dem HOB-Serienhit gab es hier mit 'War Of The Thrones' schon George R. R. Martin-Texte in erfolgreicher Form. Das im 6/8-Takt gehaltene Stück überzeugt mit einem wunderbaren Chorus und vielen instrumentalen Momenten, die auch stark zu "Nightfall In Middle-Earth" gepasst hätten.

Die Vorabsingle 'A Voice In The Dark' ist klassischer Speed Metal im Stile der frühen Alben der Band. Natürlich nicht so räudig produziert, das kriegen die Jungs so nicht mehr hin, aber von der musikalischen Grundausrichtung her im selben Fahrwasser angesiedelt. Der Chorus dürfte Altfans dennoch zu bombastisch ausgefallen sein; die Chöre sind jedenfalls superprägnant. Aber natürlich ist das alles auch enorm hochklassig gemacht.

Mit 'Wheel Of Time' gibt es dann noch mal ein Opus zum Abschluss, das viele Bands so niemals komponieren, geschweige denn einspielen könnten. Basierend auf der Romanreihe "The Wheel Of Time" von Robert Jordan wird ein fast neunminütiger Metal-Orchester-Bastard geboren, der mit vielen wunderbaren Soundcollagen, einem perfekten Refrain und einer unfassbar guten, transparenten und gleichzeitig druckvollen Produktion gewinnt. Der Song klingt dabei, anders als bei vergleichbaren Versuchen, nie überladen, nein - alles macht Sinn. Auch die Tribal-Parts oder das Gitarrensolo sind absolute Volltreffer. Für mich definitiv einer der zehn besten BLIND GUARDIAN-Songs, und das mag bei dieser Diskographie schon was heißen!

Übrigens stark auf der Bonus-CD: Ein Cover von JOHN FARNHAM's 'The Voice', einem der schönsten AOR-Hits der Achtziger. Bei Covers haben die Krefelder ja schon immer Geschmack bewiesen (DEMON, SATAN...) - so auch hier. Natürlich kommt das Cover nicht an das brillante Original heran, aber trotzdem ist es wirklich hörenswert.

Platz 2 in den deutschen Albencharts ist nachvollziehbar. Man muss aber auch dazu erwähnen, dass Metalalben in diesen Zeiten deutlich höher charteten als früher, vor allem weil Metalfans eben weiter ihre Alben kauften, häufig direkt bei der Veröffentlichung. Das soll den Charterfolg hier natürlich nicht kleinreden, muss aber mitbedacht werden, wenn man die Platzierung in Relation zu den Alben der Neunziger setzt. Platz 108 in den USA darf für eine deutsche Metalband durchaus auch als Erfolg gesehen werden. Bis heute ist Platz 2 jedenfalls die höchste deutsche Chartplatzierung für BLIND GUARDIAN.

Jakob wird euch dann bald die letzte Reihe bieten. Ich bin gespannt, wie er das aktuellste Studio- und Live-Album bewertet.

Redakteur:
Jonathan Walzer

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