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Im Rückspiegel: BLIND GUARDIAN (Teil III: "Tokyo Tales" - "Imaginations From The Other Side")

20.10.2019 | 14:08

Noch immer auf dem Gipfel der Schaffenskraft

Tokyo Tales (1993)

Cover TT

Nach vier sehr starken Alben ist es durchaus mal Zeit für ein Live-Dokument. Das muss sich auch die Krefelder Fantasy-Institution gedacht haben und so wurden im Dezember des Jahres 1992 zwei Konzerte mitgeschnitten. Wohl nicht ganz zufällig fiel die Wahl dabei auf die japanische Hauptstadt Tokio. Die Verbindung zu den deutschen Hardrock-Pionieren von den SCORPIONS, die vierzehn Jahre zuvor in ebenjener Metropole ihre "Tokyo Tapes" aufgezeichnet hatten, war und ist augenfällig (auch wenn die Hannoveraner zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Alben auf dem Buckel hatten, aber diese kleine Ungenauigkeit soll die Referenzkraft nicht trüben). In jedem Fall haben die Tapes fast legendenhaften Klassikerstatus erreicht und sich bis heute über zwei Millionen Mal verkauft. Wie sieht es also mit der Qualität des kleinen Bruders, den "Tokyo Tales" von BLIND GUARDIAN aus? Finden wir es heraus. Vorab: Mir liegt hier die Ur-Version vor, die nicht 'The Lord Of The Rings' enthält, das auf den Re-Releases zu finden ist.

Nach den Klängen von 'Inquisition' (der geneigte Fan bzw. Leser kennt das Intro ja bereits von "Follow The Blind") und den gespannten "GUARDIAN"-Sprechchören der japanischen Fanschar legen die vier Barden ohne Umschweife mit 'Banish From Sanctuary' los. Eine gute Wahl, wie sich an den Publikumsreaktionen zeigt. Das Lied zeigt ja bekanntermaßen die härtere Seite der Band, bietet aber dennoch einen hoch mitsingkompatiblen Refrain, womit man natürlich offene Türen einrennt.

Gönnen wir uns also an dieser Stelle einen kleinen Exkurs, um die Frage zu beantworten, warum dieses Album, ja Live-Alben per se, relevant sein sollten, wenn man die Studioaufnahmen bereits besitzt. Eine der beiden Antworten lautet: des Klanges wegen. Es ist ja nun nicht so, dass die ersten Alben der Band schlecht klängen, aber gerade bei frühen Liedern wie eben 'Banish From Sanctuary' fällt der große Qualitätssprung im Vergleich zur Albumversion auf. Satt, druckvoll und absolut transparent. Man darf getrost bezweifeln, dass hier nicht nachbearbeitet wurde, aber es wurde in Maßen getan, was wiederum dem Ergebnis sehr gut tut. Generell gibt es ja immer wieder Kritiker, die der Band - auch schon auf dem dritten Album - einen gewissen Hang zum Spuren-Overkill nachsagen. Nun, hier kann man BLIND GUARDIAN in aller Rohheit erleben, so basisch und direkt, wie man es sich nur wünschen kann. Und das macht verdammt Spaß.

Zurück nach Nippon und zu 'Journey Through The Dark'. Hier wird ein weiterer Grund geliefert, Konzertalben zu goutieren: die Ansagen. Was auf diesem Gebiet hier geleistet wird, ist schier unglaublich, denn Hansi ist ein begnadeter Sänger, ein genialer Komponist und einfach miserabel, was Publikumsansprachen angeht. So besitzen die warmen Worte an die Fans ein unfassbares Unterhaltungspotential, das seines gleichen sucht. Beispiel gefällig? "Anyway, we came here last Sunday... by Plane and we were... traveling by the night so it was a journey through the dark... you can say so... and that's also the name of the next song..." Kann man mal machen und macht den singenden Bassisten irgendwie sehr symphatisch. Aber wer braucht schon Ansagen, wenn danach so ein Kracher ansteht. Das Lied von "Somewhere Far Beyond" war damals relativ neu (kein halbes Jahr) und schlägt live dennoch massiv ein. Dazu noch sehr tight gespielt und grandios abwechsungsreich gesungen. Was Hansi hier teilweise für einen aggressiven Falsett-Gesang abliefert, ist einfach nur zum Niederknien.

Bei 'Traveler In Time' gibt es dann ein kleines Mitsingspielchen, in welchem die Meute vor der Bühne das Intro intonieren darf. Irgendwo zwischen episch und nett, doch das Lied an sich walzt alles nieder. Nochmal deutlich heftiger und schneller als in der Studioversion und - abermals - fantastisch gesungen von Herrn Kürsch. An dieser Stelle sollte man aber auch die gelungenen Background-Gesänge von Marcus Siepen, Andre Ulbrich und Marc Zee (dem Tour-Keyboarder) erwähnen, die für das typische GUARDIAN-Chorfeeling sorgen. Natürlich glänzen die Gitarreros hier auch mit brillanten Soli, die, gerade wenn zweistimmig, nicht selten die Urversionen übertreffen.

Die ruhigen Gitarrenklänge von 'The Quest For Tanelorn' werden mit rhythmischem Klatschen quittiert, dann singt Hansi beeindruckend gefühlvoll die ersten Töne. Zu dem Lied hat Kollege Jhonny ja bereits alles gesagt, hier sei nur angemerkt, dass der getragene Refrain live hervorragend funktioniert. Auch ist hier Hansis Bass sehr präsent, die Doppelbelastung klappt einwandfrei. Es ist mir unbegreiflich, wie er neben der Bedienung des Instruments so eine Gesangsleistung abliefern konnte. Also schnell wieder zu den Ansagen: Nach mehreren "Heys", die das Publikum wenig herausfordern (da hatte das große Vorbild Freddy Mercury unterhaltsamere Methoden), fragt Hansi die Menge, ob sie ein schnelleres Lied will. Weil diese nicht sofort reagiert, wiederholt er die Frage gleich noch einmal. Die Antwort deutet er zurecht als ein "Ja", was uns wiederum zu 'Goodbye My Friend' führt. Zur damaligen Zeit natürlich ein Klassiker, der auch gut ankommt, mir aber auf dem Album am ehesten als verzichtbar erscheint.

Dann das dritte Lied des letzten Albums, der Opener 'Time What Is Time'. Auch hier hat die Live-Version der ursprünglichen wenig voraus, da es sich aber einfach um ein sehr starkes Stück Musik handelt, ist das gut verschmerzbar. Das längere Piano-Outro verschafft den Fans ein wenig Verschnaufzeit und geht relativ nahtlos in das Intro von 'Majesty' über. Und. das. ballert. Die Krefelder Vier kitzeln noch eine riesige Portion Power aus dem Klassiker, dessen ganze Progressivität hier so richtig zum Glänzen kommt. Einfach nur schön. Dementsprechend vermischen sich die Stimmen des Publikums im mächtigen Refrain mit denen der Band zu einer Vollbedienung in Sachen Epik. Da kann man eigentlich nur mit einem noch größeren Klassiker weitermachen, nämlich 'Valhalla'. Hier meint man förmlich die frenetischen Reaktionen zu spüren. Einzig Kai Hansens charismatische Stimme fehlt, wie bei allen Live-Aufnahmen dieses Juwels. Aber das tut der Magie keinen größeren Abruch, Hansi vertritt ihn stilsicher. Hier ist jedenfalls zum ersten Mal ein anderes Ende des Songs auf Tonträger festgehalten, der bei späteren Konzerten einen festen Bestandteil darstellt. Noch ist es der Sänger selbst, der zum Abschluss die Gitarrenmelodie des Refrains mitsingt, doch sollte dies zukünftig von den Fans übernommen werden, die diese Sprechchöre am Ende scheinbar unendlich oft wiederholen.

Das offizielle Ende bildet 'Welcome To Dying', ein absoluter Überhit, der in dieser Version noch etwas heller strahlt. Schneller, dynamischer und mächtiger dröhnt das Meisterwerk des dritten Albums aus den Boxen. Und wenn bei Minute 3:33 Andrés Gitarre von der Lead-Stimme zum Rhythmus wechselt, und dieser fast schon intime Moment dem Hörer auf einmal einen doppelt so fetten, transparenten Gitarrenklang um die Ohren haut, muss man schon ein herzloser Mensch sein, um nicht wenigsten selig zu lächeln. Damit muss ein weiterer Grund angesprochen werden, der Live-Alben essentiell macht, nämlich die Variation zu den Studioaufnahmen. Was das angeht, machen die Tokio-Geschichten alles richtig.

Die Zugabe muss da natürlich mithalten, was sie auch kann. Dazu müssen die Krefelder gleich nochmal ihr drittes Opus bemühen, was dessen Klasse deutlich unterstreicht: 'Lost In The Twilight Hall' reißt die verbliebenen Wände der Koseinenkin-Halle ein und hinterlässt absolut keine Gefangenen. So wild und gigantisch hat man diese Band bis dahin nicht erlebt. Dazu dieser Gänsehaut-Refrain und alles ist auf einmal gut. Dabei hätte man es belassen können, hat man aber nicht. 'Barbara Ann', auf dem Album noch irgendwie recht unterhaltsam, wirkt hier seltsam deplaziert. Noch dazu, weil Hansi immer nur den Refrain wiederholt und man nicht - wie auf der Studioaufnahme - zu 'Long Tall Sally' wechselt. Dabei haben die SCORPIONS doch genau dieses Lied auf ihren "Tokyo Tapes" gespielt! Da hätte man in der Kontinuitätsabteilung aber besser aufpassen können!

Nun, das alles ändert nichts an der Tatsache, dass "Tokyo Tales" ein wahnsinnig gutes Album ist. Und als Abschluss liefere ich auch den letzten Grund, der für ein Live-Album spricht: die Songauswahl. Das Gute hier ist, dass die Qualität der Lieder enorm hoch ist, obwohl man erst vier Alben herausgebracht hatte. Und das Geniale ist, dass zu diesem Zeitpunkt noch kaum etwas Essentielles fehlt. Ein Gefühl, das auf späteren Live-Dokumenten der Band immer präsent ist. Hier mangelt es aber an nichts und wir bekommen Live-Versionen von Stücken, die man als zu spät Geborener sonst nicht oder nur sehr selten zu hören kriegt. Wer die Scheibe noch nicht sein Eigen nennt, sollte daher nicht zögern und sich diese etwas rohere Seite einer Band, die heutzutage völlig anders klingt, ins Regal stellen.

 

Imaginations From The Other Side (1995)

Cover Imaginations

Ohne Umschweife: Beim 1995 erschienenen "Imaginations From The Other Side" handelt es sich meiner Meinung nach schlicht und ergreifend um das beste Album der Welt. Demzufolge liegt für mich natürlich auch der Höhepunkt der GUARDIAN-Diskographie bei Album Nummer fünf. Der Vorgänger und der Nachfolger sind zwar annähernd genial, aber eben nicht ganz so makellos. In eine solche Bewertung spielen natürlich immer auch subjektive Aspekte hinein, wie etwa die Tatsache, dass es sich dabei um meine erste Begegnung mit der Band gehandelt hat. Oder dass ich damals aus Mangel an allzu vielen anderen Platten "Imaginations From The Other Side" in Dauerschleife rotieren ließ. Ich denke aber, dass auch viele eher objektive Gesichtspunkte für die außergewöhnliche Qualität sprechen, was ich im Folgenden darzulegen versuche. Ich bitte schon im Vorfeld um Verzeihung, sollte ich dabei zu sehr ins Schwärmen geraten.

Wir betreten die "andere Seite" durch ein magisches Tor, nämlich das titelgebende Stück selbst. Es zeugt schon von einer gewissen Portion Selbstgewissheit, diesen unbestreitbaren Höhepunkt des Albums gleich an den Anfang zu packen, aber es funktioniert. Und ergibt symbolisch natürlich absolut Sinn: Inhaltlich bildet das Lied einerseits den Auftakt einer Trilogie (dazu später mehr), deren Nachfolger später mit "Beyond The Red Mirror" fortgesetzt werden sollte. Andererseits beschäftigt es sich mit der Frage, warum diese für Kinder sehr reale "andere" Welt, die der Geschichten und der Fantasie, die einst so viel Bedeutung besessen hat, irgendwann ihre Pforten verschließt. Der kindliche Wunsch des (erwachsenen) Protagonisten nach einer Rückkehr in diese Welt manifestiert sich dann in den folgenden Stücken, die also als Reise durch die menschliche Fantasie begriffen werden können. Und auch musikalisch ist der Opener hochgradig abwechslungsreich: Der atmosphärische Beginn mit den charakteristischen Glockenschlägen und dem ungewöhnlichen, das ganze Stück prägende Drumming, der von Hansis Frage nach den "silent faces" abgelöst wird. Nach einigen Takten steigert sich das Tempo und die Gitarren erschaffen in Verbindung mit dem thrashigen Rhythmus eine getriebene Stimmung. Hansi singt zunächst harsch, später fast schon lieblich, aber immer elegisch und melancholisch, bis hin zur Verzweiflung. Dennoch lässt das Stück, inhaltlich analog zu den kurzen Einblicken in die verlorene Welt, immer wieder absolut positive, beinahe epische Momente zu. Ein Meisterwerk wie dieses lässt sich aber nicht nur durch grandiose Gesangleistung erreichen: Was Thomen Stauch hier am Schlagzeug abzieht, steht über jeder Beschreibung. So eigen klang er weder später, noch je zuvor, so viele Wirbel, Fills und Details gibt es hier zu entdecken, so eine Energie fließt durch jeden einzelnen Schlag. Ähnliches lässt sich über die Gitarrenarbeit sagen, die ausgehend von einem relativ simplen Riff (gut hörbar im Outro) spektakuläre Harmonien und Klangteppiche hervorbringt. Wenn das Stück nach über sieben Minuten zuende geht, ist man, wo immer man sich gerade auch noch befunden haben mag, tief versunken in jenen besungenen Sphären.

Weiter geht's mit 'I'm Alive', dem Schwachpunkt des Albums und gleichzeitig einem verdammt guten Lied, das beweist, wie unwahrscheinlich exquisit der Rest ist. Textlich geht es um den Fantasy-Zyklus "The Death Gate Cycle" und musikalisch wechseln sich schnelle Strophen mit einer zurückgenommenen Bridge ab, die die bandtypischen akustischen Gitarren enthält. Der Refrain knallt dann wieder ordentlich und versprüht abermals eine thrashige Grundnote. Erwähnenwert ist hier die ungewöhnliche Lead-Gitarrenarbeit im Chorus, die dem Instrument weinende Klagelaute entlockt.

Meisterlich inszeniert folgt nun ein ruhiges Stück und es wäre das ruhige Stück, gäbe es nicht 'The Bard's Song: In The Forest'. Doch 'A Past And Future Secret' muss sich nicht vor der Überballade verstecken, zeigt es doch nochmal eine ganz andere Nuance der Krefelder, die hier von Jacob Moth an der Stahlsaitengitarre ergänzt wurden. Der keltisch-sanfte Beginn des Liedes wiegt einen in falscher Sicherheit, denn nach und nach ändert sich die Stimmung: Zunächst mutiger in der zweiten Strophe, dann ertönen im folgenden Refrain schon leise Hansis Schreie im Hintergrund. Schließlich scheint sich der aggressive Gesang durchzusetzen, dennoch bleibt der stetige Wechsel von klagender Zerbrechlichkeit und verzweifelter Härte - analog zum gesamten Album - immer bestehen. Nach nichtmal dreieinhalb Minuten ist die Reise in T.H. Whites Roman "The Once and Future King", der sich lose mit der Arthus-Sage auseinandersetzt, schon beendet.

'The Script For My Requiem' hielt ich lange Zeit für den zweiten Höhepunkt. Die bizarr lässige erste Strophe, der geschickte Einsatz der Chöre (bestehend unter anderem aus Ronnie Atkins von PRETTY MAIDS und Piet Sielck von IRON SAVIOR) und dieser mächtige Refrain haben auch heute nichts von ihrer enormen Faszination verloren. Wunderbar auch, wie sich die einzelnen wiederkehrenden Teile des Liedes in kleinen Details unterscheiden, wodurch sich immer wieder die Stimmungslage ändert. Richtig gänsehautig wird es dann nochmal gegen Ende, wenn nach einem gefühlvoll gespielten Soloteil eine reumütige Passage folgt, in der der Protagonist über seine Verstrickung in die Kreuzzüge reflektiert.

'Mordred's Song' fängt wieder eher ruhig an und entwickelt dann recht bald eine Art Groove, der sich wiederum zu einem hypnotischen Refrain mausert. Wieder geht es um die Arthus-Geschichte, diesmal aus der Perspektive seines illegitimen Sohnes, nach dem das Lied ja auch benannt ist. Dessen Gemütszustand zwischen Wut und Resignation wird trefflich musikalisch umgesetzt und auch die keltisch angehauchte Gitarrenarbeit passt natürlich super zur Thematik. Mir gefällt auch das Ende des Stücks, in dem die akustischen Saitenklänge des Anfangs mit schweren Akkorden konkurrieren und schließlich von ihnen vertrieben werden. Dem wilden Interpretationswahn sind hier keine Grenzen gesetzt...

Selbige sprengt hingegen 'Born In A Mourning Hall', denn hier wird sich entgegen aller Gewohnheit mit der realen Welt beschäftigt. Das auf "Imaginations From The Other Side" häufig genutzte (und von mir wohl auch schon des Öfteren erwähnte) Stilmittel des Aufeinandertreffenlassens von süßlichen auf harsche Passagen wird hier in Perfektion zelebriert: "Hypnotized by the TV snake, obey and work hard, and feel no anger, just sympathy for the higher class". Dieses besungene Einlullen der Gesellschaft wird musikalisch so genial umgesetzt, dass man es besser eigentlich gar nicht machen kann. Und wieder - fast wie eine Art inhaltliches Leitmotiv des Albums - regiert das Gefühl von Wut, das von Verzweiflung und Resignation abgelöst wird.

Genauso nämlich auch beim folgenden 'Bright Eyes', das mit Artus-Anleihen die Trilogie des einsamen Protagonisten aus dem Titellied weiterspinnt. Abermals wird eher im mittleren Tempo gegroovt, was dem teilweise sogar balladesken Stück eine eigentümliche Atmosphäre verleiht. Daher und dank einer wahnsinnig eingängigen Melodie ebenfalls ein absolutes Juwel.

Dafür wird bei 'Antother Holy War' wieder ordentlich gethrasht und gerifft. Wir befinden uns wieder im "heiligen Land" zur Zeit der Kreuzzüge und das beschert uns eines der heftigsten Lieder des Albums, das von ausschweifenden Instrumentalpassagen und treibendem Schlagzeugspiel geprägt wird. Ein interessanter Kontrast ist dabei die Bremse im Refrain, die für die gewisse Portion Epik sorgt.

Weil das Album mit "nur" 48 Minuten natürlich viel zu kurz ist, kommen wir nun schon zum Abschluss. Der hat es aber zugegebenermaßen in sich: Der Abschluss des Dreiteilers ist das "Doom-Stück" der Scheibe und wartet mit feinen Chorpassagen auf. Einfach jenseits von Gut und Böse ist die Stelle ab Minute zwei, wenn Andrés Leadgitarre zur Bridge überleitet. Eine eindringlichere Melodie, eine packendere Passage, ein berührenderes Stück Musik muss erst noch geschrieben werden. Fast schon profan es nicht direkt danach enden zu lassen. Aber auch irgendwie gut, denn dann kommt der Hörer noch in den Genuss von Akustik-Gitarrenpassagen, Soli und Gesangsexperimenten, die ebenfalls nicht von dieser Welt sind. Und so endet dieses makellose Werk mit 'And The Story Ends' und lässt einen verzaubert zurück.

Das 1995 erscheinende Album markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Band. Zum letzten Mal spielt Hansi den (hier eher unaufdringlichen) Bass, da ihm der Stil dafür zu kompliziert wurde und er sich auf den Gesang konzentrieren wollte. Zum ersten Mal hingegen produziert nicht Kalle Trapp, sondern Flemming Rasmussen, der hinsichtlich der Härte deutliche Spuren hinterlässt, die dem Ergebnis sehr gut getan haben. Auch Kai Hansen ist (das Debüt mal ausgenommen, dort ist er als Vorbild ja ohnehin überall spürbar) erstmalig nicht beteiligt. BLIND GUARDIAN emanzipiert sich also in gewisser Hinsicht, entwickelt den bereits auf dem letzten Album hörbaren eigenen Stil deutlich weiter und es wird angedeutet, wohin die Reise gehen wird. Mein persönliches Highlight ist in diesem Zusammenhang Hansis Gesang, der hier die absolute Perfektion erreicht. Mit Worten kann man kaum beschreiben, was diese direkte und ehrliche Stimme, so voller Emotionen, in einem auslöst. Sie füllt auf jeden Fall perfekt den Geist des Albums, jenes beschriebene Gefühl zwischen Wut und Verzweiflung, zwischen Sozialkritik und Weltflucht, und zwischen Sehnsucht und Resignation mit Leben und Bedeutung. Der große Verdienst dieses Albums hingegen ist es, diese emotionale Achterbahnfahrt in die Abgründe menschlicher Fantasie dennoch immer wieder so positiv klingen zu lassen, dass sich alle negativen Gedanken auflösen. Katharsis in Vollendung. Man leidet mit den Protagonisten, aber man wird geheilt. So bleibt am Schluss keine Verbitterung, nur Nostalgie und Hoffnung. Oder anders gesagt: "I'm lost but still I know, there is another world".

Redakteur:
Jakob Schnapp

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