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In der Gruppentherapie: AUDREY HORNE - "Le Fol"

25.03.2008 | 09:44

Wenn ihr von AUDREY HORNE noch nie gehört habt, ist das weder schlimm noch überraschend, immerhin ist "Le Fol" erst das zweite Album der Norweger und sind diese bis dato ein ziemlich unbeschriebenes Blatt in Deutschland. Das wird sich sicher bald ändern. Doch lest selbst!

Die Überraschung des Monats kommt aus Norwegen und nennt sich "Le Fol". Für ihr zweites Album, das in der Heimat bereits vor einem halben Jahr veröffentlicht wurde, haben sich AUDREY HORNE Heavy-Rock-Songs ohne Retro-Muff aus dem Rippen geschwitzt, die vor allem eins haben: Gehalt. Das Pathos und die Oberflächlichkeit der US-Radio-Stammgäste werden mit einfallsreich gestalteten Songgerüsten, inspirierten und tollen Melodien, sinnvoll eingesetzten Keyboards und einer saftigen Lektion in Dynamik gekontert. Das düstere, sich kontinuierlich steigernde und letztlich explodierende 'Bright Lights' oder das sehr stimmungsvolle, brodelnde Epos 'In The End' schließt man zwar erst nach mehreren Anläufen ins Herz, weiß sie dann aber umso mehr zu schätzen. Damit der Weg dorthin ebenfalls erfreulich ist, hat das Quartett zusätzlich äußerst kurzweilige Etappenbeschallung zu bieten. Das DISTURBED-artige 'Jaws', der zügige Opener 'Last Chance For A Serenade', das mit ALICE IN CHAINS-Gesangsharmonien ausgestattete 'Pretty Girls Make Graves', die superben Midtempo-Power-Rocker 'Last Call', 'Hell Hath No Fury' und 'Afterglow', das auf SPIRITUAL BEGGARS-Kurs knatternde 'Threshold' und der Alterna-Metal-Ohrwurm 'I Wish You Hell' machen "Le Fol" zu einer vorzüglichen Platte, der jeder Freund traditionsbewusster zeitgemäßer Rockmusik seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Und dass 'ne gute Ballade nichts mit bematschtem Cinderella-Pomp-Kleister zu tun hat, musste auch längst mal wieder klargestellt werden. Danke für 'Monster', AUDREY HORNE!
[Oliver Schneider]

 

Auf den ersten Hör muss ich bei AUDREY HORNE eher an eine Art Post-Seattle-Grunge-meets-Alternative-Rock denken als an den Rumpel-Pumpel-Sound, für den sich einige Mitglieder dieser norwegischen Formation mit dem an ein drittklassiges Pop-Sternchen erinnernden (aber eigentlich einem Charakter von Twin Peaks entliehenen) Namen einst verantwortlich zeigten. Von ENSLAVED (Ice Dale - g/b) bzw. GORGOROTH (Tieftöner King - auf dem Zweitling allerdings nicht mehr mit von der Partie) zu diesem vergleichsweise massenkompatiblen Rock-/Metal-Sound ist es ein verdammt weiter Weg! Und doch braucht es vielleicht gerade diese derben Wurzeln, um auch ohne Blastbeats und Growls derart arschtretende Songs zu schreiben. Die Basis ist ganz klar harter Rock, dazu kommen hymnische Refrains, die keine Spur Emo klingen ('Last Chance For A Serenade'), hypnotische und doch ganz und gar bodenständige Vocal-Lines mit einem Hauch DISTURBED ('Jaws'), düsterer Sprechgesang gepaart mit starken Gefühlen ('Last Call'), eine Prise TOOL'sche Psychedelic-Vibes, kombiniert mit (doch irgendwie) Viking-Powerriffing ('Threshold'), eine fast radiotaugliche Heavy-Ballade ('Monster'), eine Ahnung von Siebziger-Rock ('Afterglow'), eine Dosis Dark-Pop-Appeal ('In The End'), auch mal gemächliche, tief gestimmte Geradeaus-Akkorde ('Pretty Girls Make Graves'), verträumter Gesang mit (doch irgendwie) melodisch-schwarzmetallischem Keyboard- und Schlagzeug-Mini-Teppich ('Bright Lights'), peacige Gute-Laune-Mitwipp-Stimmung ('Hell Hath No Fury'), jetzt-machen-wir-mal-ein-bisschen-Rock'n'Roll-Geschrammel ('I Wish You Hell'), aggressive Depri-Schwingungen ('So Long, Euphoria') - und noch vieles mehr. Kurz: "Le Fol" - so der kryptische Titel dieses Wunderdings - ist eine Platte, die sowohl harte Jungs als auch zarte Mädels glücklich machen dürfte. Und nach den großen Erfolgen im Land der Fjorde ganz bestimmt auch bei uns bald mächtig abräumen dürfte.
[Elke Huber]

 

 

Eine eigenständige Band erkennt man oft daran, dass beim Versuch Referenzen zu finden völlig groteske Kombinationen in einen Topf geschmissen werden, um dem Leser eine ungefähre Vorstellung vom Sound der Band zu vermitteln. Genau das könnte ich jetzt bei AUDREY HORNE auch tun, ist aber albern. Stattdessen verweise ich darauf, dass die Twin-Peaks-Fans (Audrey Horne ist ein Charakter aus der Serie und damit weder ein Pornostar, noch die – nicht existente – Sängerin) mit ihrem groovenden, zeitlosen Mix aus Alternative Rock, 70er-Jahre-Sounds und modernen Klängen sich im perfekten Schneidersitz auf allen Stühlen platzieren. Dazu gibt es mit 'Jaws', 'Last Call' und 'Threshold' die Hits gleich im Dreierpack. Wem das zu simpel ist, ist dagegen bei dem episch-dynamischen 'Bright Lights', dem Grower 'Hell Hath No Fury' oder der kitschbefreiten Ballade 'Monster' viel besser aufgehoben. Müsst ihr gehört haben. Zwingend.
[Peter Kubaschk]

 

Eigentlich ist Bergen im schönen Norwegen für seine talentierten Black-Metal-Jünger bekannt, doch wenn diese keine Lust mehr auf böses Schwarzwurzelzüchten haben, dann lässt man auch gerne mal die Rock'n'Roll-Attitüde raushängen! So geschehen bei einigen Gesellen von ENSLAVED und GORGOROTH, die sich mit AUDREY HORNE in alternativ rockende Gefilde wagen. Auf "Le Fol" zelebriert man ungehemmte Rock'n'Roll-Action, groovige Ohrwürmer und ergreifende Melancholie, dezent veredelt durch einige proggige Parts mit TOOL-Anleihen. Diese Mischung setzt sich auch nach spätestens zwei Durchläufen im Ohr fest. Dafür sorgt neben einem wirklich gelungenen Songwriting nicht zuletzt das talentierte Goldkehlchen Toschie. Dass seine Vocals und Gesangslinien an einigen Stellen sehr stark an den verstorbenen ALICE-IN-CHAINS-Sänger Layne Staley erinnern, ist eine angenehme Überraschung und das Feeling der legendären Grunge-Band zieht sich auch sonst gerne durch die einzelnen Stücke. Hier kickt jeder Song mit endlos geilem Groove und teilweise wunderschönen, leidenschaftlichen Passagen und lässt am Ende hoffen, dass AUDREY HORNE sich auch bald einmal für eine Tour in unseren Breitengraden erwärmen können, denn wenn das schon auf Album so dermaßen geil ins Ohr geht, dann sind die Norweger live sicher unschlagbar. "Le Fol" ist auf jeden Fall ein angenehm frisches Album, welches sich zwar altbekannter musikalischer Zutaten bedient, diese aber auf eine wirklich gelungene Art und Weise zu einem ergreifenden Kunstwerk werden lässt.
[Caroline Traitler]

Obwohl der Bandname irritierend klingt und einer ebenso irritierenden TV-Serie entnommen wurde, ist der musikalische Output des Quartetts absolut nicht irritierend. AUDREY HORNE, ein Hauptcharakter der David-Lynch-Kult-Serie "Twin Peaks", beweisen auf ihrem zweiten Album, dass Mitglieder von SAHG und ENSLAVED im Konglomerat völlig anders klingen. So rockt die Truppe ziemlich unbeschwert durch die Landschaft und versteht es alle Nase lang neue Zitate zu produzieren. Da schreddern DISTURBED durch die grandiose Melodiebombe 'Jaws', bei welchem mich die Textzeile "we still kill the old school way" jedes Mal erneut amüsieren kann, während ich rockende Parallelen zu CAROLINE'S SPINE in 'Threshold' zu vernehmen glaube. Daneben gibt es aber mit Breitwand-Balladen in Form des fantastischen 'Monster', sich herrlich steigernden Modern-Prog-Nummern der Marke 'Bright Lights', sowie Rock'n'Roll-Ohrwürmern Deluxe im Stil von 'I Wish You Hell' einige Überraschungen zu entdecken. Da zwischen diesen marmorierten Hitklötzen auch die Füllmasse ohne Risse auskommt, darf man als aufgeschlossener Musikliebhaber dieses Album nicht ungehört an sich vorüber ziehen lassen. Und das aus dem Munde eines Oldschool-Verfechters.

[Holger Andrae]

 

Obwohl ich an sich kein Fan des Namedroppings und der Bandverweise in den Promo-Informationen der Plattenfirmen bin, ist es in vorliegendem Falle eben dieses Namedropping, das mich überhaupt dazu gebracht hat, mich an dieser Gruppentherapie zu beteiligen. Denn wenn sich der passionierte Anhänger des norwegischen Schwarzmetalls mit Namen wie Arve Isdal (I, ENSLAVED) oder Tom Cato Visnes (I, GORGOROTH) konfrontiert sieht, dann ist das Interesse in jedem Fall geweckt, obschon der Rezensent natürlich wusste, dass die Musik von AUDREY HORNE nicht viel mit den anderen Baustellen der Protagonisten zu tun haben würde, zumal Visnes ja auch schon wieder nicht mehr mit dabei ist. Aber egal, denn der leicht spacig angehauchte Hardrock der vier Nordmänner hat mit seiner rockigen Attitüde, seiner subtilen Emotionalität, dem intensiven Gesang von Toschie und der omnipräsenten Gratwanderung zwischen Lässigkeit, punkigen Ausbrüchen, abgedrehten Keyboard-Sounds, verträumten Akustik-Einschüben und melancholisch-depressiven Grunge-Verneigungen (wie dem sehr an ALICE IN CHAINS erinnernden 'Pretty Girls Make Graves') so viele Trümpfe im Ärmel, dass man sich fragt, warum auf dem Cover Tarot gelegt und nicht Poker gespielt wird. Am besten gefallen mir hierbei Stücke wie das explosiv-melodische 'Jaws', das vielschichtige und emotional sehr intensiv arrangierte 'Monster' und das rhythmisch toll durchwirkte 'Afterglow'. Aber auch in progressiven Momenten ('In The End') kann die Band voll überzeugen. So bleibt als Fazit, dass "Le Fol" Narren aus mehrerlei Stilrichtungen gleichermaßen ansprechen dürfte, aber für Leute, die ihr Zelt im Dreieck zwischen der Ketten-Alice, TOOL und DISTURBED aufgeschlagen haben, für ganz besonderem Interesse sein dürften. Denn Songmaterial und Umsetzung sind absolut super geworden. Ob angesichts der stilistischen Ausrichtung der Band die Nominierung für den Spellemannsprisen ausgerechnet in der Kategorie "Metal" aber wirklich treffend ist, bleibt im Dunkeln. Juckt aber auch nicht wirklich.
[Rüdiger Stehle]

 

Stilistisch irgendwo im Viereck zwischen THE DISTILLERS ("Coral Fang"), MASTODON ("Blood Mountain"), PETER PAN SPEEDROCK ("Pursuit Until Capture") und SEND NØ FLOWERS ("Juice") anzusiedeln, liefern AUDREY HORNE mit "Le Fol" abgefuckt hymnischen, wuchtig aufgetürmten, aggressiv rotzigen, heavy angegrungeten Rock derbster Machart ab. »We still kill the oldschool way« heißt es im Ohrbohrer 'Jaws', wobei sich AUDREY HORNE damit wohl in erster Linie auf die frühen Neunziger beziehen werden. Ihr Sound klingt durchaus zeitgemäß, rau und fett zugleich, wohlwissend um die Grenzerweiterungen durch Grunge, Hardcore, Crossover, Nu Metal, Metalcore und wie sie alle hießen, die gehypeten Stilblüten der letzten beiden Jahrzehnte. Als Einflüsse sind sie wohl nicht gänzlich spurlos an den Musikern vorbeigegangen, aber anbiedern tun sie sich dort deswegen noch lange nicht. "Le Fol" ist zunächst einmal R-O-C-K, freilich auch R.O.C.K. und schlussendlich RraAWwkK - in all seinen härter gespielten Schattierungen. 'Threshold' etwa ist ein träger und darum um so wuchtigerer Genickbrecher Marke SCISSORFIGHT, 'Monster' eine gut abgehangene Grungerock-Ballade und bei allem durchlebt-und-durchlittenen Pathos doch von einer Rauhbeinigkeit wie sie sich die Genreheroen BUSH nur wünschen können, und im Grande Finale 'So Long, Euphoria' fahren die Norweger gar MONSTER MAGNETische Bratgitarrenwände auf. Einzige Mankos der Scheibe: Da hier nahezu lückenlos bei voll aufgerissenem Verzerrer rifflastig durchgerockt wird, klingt "Le Fol" - trotz der gebotenen Abwechslung im Detail, wie etwa durch das GLUECIFER-Solo in 'I Wish You Hell', - insgesamt fast schon ein wenig zu gleichförmig. Außerdem macht der stark aufgerauhte Schmirgelsound, der einem beim Hören kaum Ruhepausen gönnt, die Dauerbeschallung auf Albumlänge doch arg anstrengend - zumal, allem Anschein nach, dazu auch noch die Abmischung konsequent am Limit gefahren wurde. Alles in allem macht das eine durchweg solide, überwiegend interessante, immerzu schweißtreibende Skandinavienrockveröffentlichung, die stellenweise allerdings noch etwas mehr Abwechslung und, so wie zumindest in 'Bright Lights' stellenweise gegeben, Luft zum Atmen hätte brauchen können. Gegnern des Loudness War wird diese Scheibe mit Sicherheit Kopfschmerzen verursachen.
[Eike Schmitz]

 

Redakteur:
Peter Kubaschk

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