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In der Gruppentherapie: EVERGREY - Torn

19.09.2008 | 10:33

Die Schweden EVERGREY verbinden spätestens seit ihrem Zweitwerk "Solitude Dominance Tragedy" Power und Progressive Metal mit düsteren Emotionen auf hohem Niveau. Nach dem zerbrechlichen Konzeptwerk "The Inner Circle" und dem modernen "Monday Morning Apocalypse" steht mit "Torn" nun das siebte Album der Immergrauen in den Startlöchern. Wir nahmen es für euch unter die Lupe.



"Monday Morning Apocalypse" war ein modernes, mutiges Album, das einige der besten Tracks in der Bandgeschichte von EVERGREY enthielt, dabei aber auch mit der ein oder anderen nur guten Nummer auskommen musste. Diese Qualitätsunterschiede innerhalb eines Albums gab es auch auf "The Inner Circle", wo dies durch das grandiose, düsteratmosphärische Konzept nicht so stark zum Tragen kam, und auf "Recreation Day". Klar, das ist Jammern auf extrem hohem Niveau, macht aber den Hauptunterschied zu "Torn" sehr deutlich, denn nie zuvor war die Qualitätsdichte so hoch. War ich beim ersten Durchlauf noch irritiert, dass es auf "Torn" keinen offensichtlichen Hit gibt, ist nach einem Dutzend Spins klar, dass es nur Hits gibt. Angefangen beim bärenstarken Opener 'Broken Wings' über das verzweifelte 'In Confidence' bis hin zum krönenden Abschluss 'These Scars' bieten EVERGREY ausschließlich allerhöchstes Niveau an. Im Zusammenspiel mit den bewegenden Texten ist den Schweden so ein absoluter Edelstein gelungen. Fans der Band werden so oder so begeistert sein, wer auf eine perfekte Mischung aus Power, Düsternis und Progressivität steht, sollte langsam mal anfangen EVERGREY zu lieben.
[Peter Kubaschk]

Mit ihrem siebten Studio-Album "Torn" gehen EVERGREY stilistisch gesehen ein paar Schritte zurück: Als "moderne Mischung zwischen 'In Search Of Truth' und 'Recreation Day'" beschreibt Mastermind Tom S. Englund die elf "gitarrenlastigen und sehr atmosphärischen" Titel. "Das ist genau der Sound, den die Fans von uns erwarten", sagt er weiter. Und das ist genau der Grund, warum "Torn" etwas enttäuschend ist, sage ich. Denn ich mochte die überraschend gradlinige, rockige Tendenz von "Monday Morning Apocalypse" sehr gerne, bewies sie doch, dass EVERGREY nicht auf der Stelle treten. Klar haben die Schweden seit ihrem Debüt "The Dark Discovery" stets gutklassige Alben abgeliefert, aber richtig spannend fand ich neben "Monday Morning Apocalypse" eigentlich nur das düstere "The Inner Circle", denn in diesen beiden Extremen - hart oder dunkel - zeigt die Formation für mich ihre größten Stärken. Der auf "Torn" eingelegte Rückwärtsgang führt natürlich nicht völlig in die Sackgasse. 'Broken Wings' ist so was die EVERGREY-Quintessenz, denn die Mischung aus harten Gitarren, Englunds nachtschwarzen Gesangslinien und dem hypermelodischen, mehrstimmigen Refrain macht den fünf Herren so schnell keiner nach. 'Fear' oder 'Numb' haben ordentlich Drive und coole Gitarren-Soli. 'When Kingdoms Fall' und 'Fail' sind angenehm düstere Epen. So weit, so schön, nur eben bis auf kleine Details wie der zwischen Bombast und Lagerfeuer changierende 6/8-Takt des Titeltracks oder der mit Samples unterlegte Mitsing-Refrain von 'Nothing Is Erased' kaum überraschend. Bei 'In Confidence" frag ich mich sogar, bei welchem ihrer eigenen Songs EVERGREY da geklaut haben, und natürlich ist auch Frau Englund bei einem Stück ("These Scars") wieder mit einem kleinen Gastauftritt vertreten. Doch bevor mich hier jemand missversteht: "Torn" ist bei weitem kein schlechtes Album. Aber halt mehr auf Nummer sicher, was ich nach dem leicht experimentellen Vorgänger nicht erwartet hätte.
[Elke Huber]


Alles neu, macht der Mai! So oder ähnlich könnte man den aktuellen Werdegang des schwedischen Quintetts EVERGREY betiteln. Ein Labelwechsel von InsideOut zu SteamhammerSPV und ein neuer Bassist in Gestalt von ex-STRATOVARIUS-Tieftöner Jari Kanulainen mussten verkraftet werden. Ob diese Umstände Grund für den Titel des Albums sind, vermag ich nicht zu sagen, möglich wäre es aber sicherlich. Bevor ich mich weiter wirren Spekulationen hingebe, serviere ich nun mal Fakten: Mit "Torn" bewegen sich EVERGREY weg vom modernen Soundgewand des Vorgängers "Monday Morning Apokalypse" und hin zu weitaus wärmeren Klängen, die eher an "Recreation Day" erinnern. Ein Umstand, der sicherlich nicht nur mich sehr erfreuen wird. Allerdings sticht auf 'Torn' keine Nummer sofort derart hervor, wie es dies zum Beispiel 'Recreation Day' oder  'Words Mean Nothing' noch taten. Dafür servieren uns Tom Englund  & Co. mit dem großartigen Öffner 'Broken Wings' (bei der gesprochenen Passage bekomme ich jedes Mal Gänsehaut), dem majestätischen 'When Kingdoms Fall' (wann zerbricht diese Stimme?), dem getragenen Titelsong (zum Heulen schön!), dem treibenden 'Nothing Is Erased' (Riffs!!!), dem hypnotisch-progressiven Headbanger 'Still Walk Alone', sowie dem Rausschmeißer 'These Scars' (endlich wieder die Frauenstimme) etliche Doublebulls, die zusammen mit  den verbleibenden Bulls-Eyes ein exzellentes Trefferbild ergeben.  Alles richtig gemacht!
[Holger Andrae]

"Torn" ist beileibe keine Scheibe geworden, die leichtfüßig in die Muscheln flaniert! "Torn" ist an vielen Stellen mutig, vielleicht könnte man sogar das Schimpfwort "modern" gebrauchen, was mir teilweise sehr gut gefällt, aber manchmal absolut nicht in mein EVERGREY-Bild passen will. Songs wie 'When Kingdoms Fall' oder 'These Scars' sind ergreifende, tief emotionale, teils dramatisch, fast theatralisch gefärbte Meilensteine der Bandgeschichte, die jedem bereits erschienen EVERGREY-Opus gut zu Gesicht stehen würden. Auf der anderen Seite passt mir die Klampfenarbeit nicht immer, die nicht gerade selten total nervös und hektisch im Extremdehnen von Axtsaiten mündet. Ist nix für meine Ohren, tut mir leid. Mir fehlt bei diesen Parts der Kern, das Riff, der rote Faden. Dennoch ist "Torn" selbstredend eine starke Dark Metal-Scheibe, wie es anders auch nicht zu erwarten war. EVERGREY ist ein Markenname in der metallischen Landschaft, was an der Fähigkeit liegt, düstere Songs zu schreiben, die dennoch zu jeder Zeit etwas leuchtendes und hoffnungsvolles ausstrahlen, und die mit den durch und durch einzigartigen Vibes von Shouter Tom die vielleicht ausdruckstärkste Stimme ihres Genres in ihren Reihen wissen. Die Produktion ist sehr stark und das geniale Artwork transportiert die Stimmung der Songs in ein Gebilde, was treffender nicht sein könnte: Ein Engel, dessen Flügel gebrochen sind.
[Alex Straka]

Dass "Monday Morning Apocalypse" musikalisch gesehen für EVERGREY keine Offenbarung war, ist unbestritten. Jedoch gab es textlich zum ersten Mal dermaßen persönliche, unter die Haut gehende Lyrics, die mich derart begeisterten, dass ich das Album nicht als Ausfall in der Diskografie werten kann und will. Jetzt liegt mit "Torn" das mittlerweile siebte Studioalbum vor, und wenn hier nicht sofort sämtliche Kritiker verstummen, dann läuft irgend etwas verdammt falsch. EVERGREY haben sich in jeglicher Hinsicht nicht nur verbessert, sondern ganz klar selbst übertroffen: Nie gab es eine dermaßen fette Produktion, rhythmisch und technisch ist das neue Werk locker das anspruchsvollste der Bandgeschichte und in Sachen lyrische Ergüsse stellt es gar das Nonplusultra dar. Hinzu kommen famose Solo-Spots, kleine, feine Spielereien, die erst beim zehnten Durchlauf auffallen und ein Songwriting, wie es die Band in ihrer mittlerweile zehn Jahre andauernden Karriere noch nicht an den Tag gelegt hat. Dabei springen dann Tracks wie der beste Opener der Bandgeschichte heraus, aber auch Überflieger wie 'Fail' (toller Aufbau!) oder das von traumhaften Gesangslinien getragene 'Numb'. Wenn EVERGREY dann mit 'Still Walk Alone' und 'These Scars' zum finale grandioso einläuten, ist spätestens klar: "Torn" ist nicht nur eines der besten Alben des Jahres, sondern mit weitem Abstand auch das beste der Band!
[Rouven Dorn]

EVERGREY gehören zu den wenigen Bands, die nicht nur hervorragende Songs schreiben,  exzellente technische Fähigkeiten besitzen und einen großartigen Sänger haben, sondern deren Musik einen wirklich tief in der Seele berührt. Wie so viele hat auch mich das wunderbare vierte Album "Recreation Day" ganz besonders beeindruckt. Hier ging die Rechnung bestehend aus bedeutungsschwangerem Power Metal, Melancholie und Progressivität perfekt auf. Der Nachfolger "The Inner Circle" wirkte bei aller Klasse irgendwie zerrissen, manche Songs klangen seltsam wütend. Nicht warm geworden bin ich dann mit "Monday Morning Apocalypse". Noch mal moderner, härter und kürzer angebunden, das klang immer weniger nach den eigentlich unverwechselbaren EVERGREY. Nun also der Wechsel von InsideOut zu Steamhammer und ein neues Album namens "Torn", erneut von einem ästhetisch wertvollen Cover geschmückt. Der Begriff Kehrtwende klingt so rückwärts gewandt, gar nicht zu einer innovativen Band wie dieser passend. Dabei ist "Torn" doch endlich wieder ein Album, in dem man willenlos versinken kann – hochgradig emotional und von intensiver, erhabener Atmosphäre erfüllt, nachdenklich ohne Depressionen, gefühlvoll ohne Gesäusel, majestätisch ohne Wichtigtuerei. Die künstliche Härte ist gewichen, die Melodien fließen wieder mit federleicht erscheinender Schwere dahin, die Produktion klingt warm, voll und den Geist umhüllend vertraut. Alle elf Kompositionen sind von erlesenster Qualität, das Album ist einfach rund und wunderschön geworden. Die kreative Doppelspitze Englund/Danhage hat gelernt, Überladungen der Songs zu vermeiden und beweist mit kontrollierter Offensive und ebenso ernsthafter wie entspannter Eleganz wahre Klasse und Größe.  "Torn" ist Musik für Kopf, Bauch und Seele zugleich, das beste EVERGREY-Album seit "Recreation Day".
[Martin van der Laan]

Haben EVERGREY eigentlich jemals ein wirklich durchgehend schlechtes Album herausgebracht? Diese Frage kann zumindest ich mit einem klaren "Nein" beantworten und so reiht sich auch "Torn" in die Tradition der talentierten Schweden ein und präsentiert gewohnt eingängige Songs mit großen Emotionen und Ohrwurmmelodien und dazu die über allem thronende Schmeichelstimme von Tom S. Englund. "Torn" ist genau das, was man von EVERGREY erwartet, auch wenn die Band dieses Mal auf zu viel Bombast verzichtet und sich dafür mehr auf straighte Riffs und starke Melodien konzentriert. Und auch wenn das Album eigentlich keinen Fehler aufweist und musikalisch einfach eine runde Sache ist, so fehlt mir an manchen Stellen doch das Gänsehaut-Feeling, was ich von früheren EVERGREY-Werken gewohnt bin. Ob es daran liegt, dass der erste wow-Effekt spätestens nach dem grandiosen Meisterwerk "Recreation Day" verflogen war oder einfach an der Tatsache, dass EVERGREY etwas zu wenig Überraschungs-Elemente in ihre Musik einbauen, kann ich nicht genau sagen, vermutlich aber ist es eine Mischung aus beidem. Wer die Musik der Schweden zu schätzen weiß, der wird auch bei "Torn" blind zugreifen können, denn EVEGREY wagen keine zu großen Experimente, auch wenn man ihnen gegen Ende des Albums eine leichte Affinität zu Frickel-Nummern attestieren kann. Wunderschöne Hymnen wie 'Soaked', eher schnellere und progressive Songs wie 'Numb' oder das am meisten überraschende Stück des Albums 'Still Walk Alone' machen "Torn" auf jeden Fall zu einem gelungenen Werk, von dem man zwar nicht wirklich was Neues erwarten kann, aber das muss man bei EVERGREY auch nicht, denn das was sie machen, machen sie einfach gut!
[Caroline Traitler]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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