JACK FROST: Interview mit Robert aka Mournful Morales

20.04.2005 | 23:27

Wenn es um Düsterrock geht, kommt die Sprache früher oder später auch auf die Österreicher JACK FROST, die mehr oder weniger zu unrecht im Schatten der Genregrößen ihr Dasein fristen müssen. Für mich völlig unverständlich, bieten sie doch auch auf ihrem neuen Album erstklassige Ware, der man zwar konzentriert begegnen muss, die dann aber absolut sättigend in der Magengrube liegt. Dass dieser Umstand, wie auch die elegische Schwere der Musik, manchmal dem wahren Leben zu entspringen scheint, weiß Gitarrist Robert aka Mournful Morales zu berichten.

Alex:
Servus nach Österreich! Wie geht's euch?

Morales:
Hi, es geht uns den Umständen entsprechend, würde ich sagen. Wir haben nun seit dem Ende der Aufnahmen zu unserem Album keine Instrumente mehr in Händen gehabt, haben einander auch nur selten gesehen und warten jetzt mal ab, wie die Reaktionen auf das Scheibchen ausfallen.

Alex:
Ach du lieber Himmel, klingt ja nach Weltuntergang! Wie sieht euer derzeitiges Seelenbefinden aus?

Morales:
Das ist immer so eine seltsame Stimmung, wenn eine neue Platte rauskommt und man so überhaupt nicht abschätzen kann, wie sie ankommt. Man hat ja doch wie in unserem Fall fast ein Jahr damit verbracht, an dem Material zu arbeiten. Da fehlt einem schnell mal die Distanz, um beurteilen zu können, ob man auch Gutes vollbracht hat. Insofern ist da immer eine Anspannung mit im Spiel, die ich nicht besonders gerne mag.

Alex:
Die neue Scheibe ist sehr druckvoll und organisch produziert. Wer zeichnet sich dafür verantwortlich?

Morales:
Wir haben dieses Mal wieder mit Claus Prellinger im CCP Studio gearbeitet. Mit dem Vorgängeralbum hatten wir ja zum ersten Mal ein anderes Studio angetestet, und zwar den Boom Room von Boban Milunovic, sind im Nachhinein mit der Kosten/Nutzen-Rechnung nicht ganz glücklich gewesen, wenn ich das mal so sagen darf. Für mich hatte die Rückkehr in "unser" CCP Studio, nach den doch ernsten Auseinandersetzungen mit Claus über die Presse, damals nach unserem Labelwechsel zu Last Episode, schon etwas von einer emotionalen Heimkehr. Die Differenzen wurden vor längerem schon geklärt und wir haben es sehr genossen, wieder dort zu arbeiten. Prellinger kennt uns eben doch schon über zehn Jahre, kennt unsere Musik und, was vielleicht noch wichtiger ist, unsere Charaktere und weiß daher genau, was wir sensible, aber ungestüme und chaotische Menschen so als richtige Dosis an kreativem Freiraum, Autonomie und Führung benötigen. Wir sind ja mit einer Menge halbfertiger Songs ins Studio gegangen, in einer Weise halb fertig, wo uns jeder andere Produzent auf der Stelle wieder nach Hause geschickt hätte. Da braucht es schon ein hohes Maß an gegenseitigem Verständnis und an zielorientiertem Arbeiten, um die zeitlichen Strukturen einhalten zu können. Wir lieben es, wenn ein Album so zu einer Momentaufnahme wird.

Alex:
Was euch seit jeher auszeichnet, ist die immense Melancholie und Intensität, die euren Songs entspringt. Wie schafft ihr es, solch musikalische Schwermut wie etwa 'The Night' oder 'The Wannadie Song' auf der Bühne umzusetzen?

Morales:
Nun, technisch ist das erst mal ja kein Problem. Unsere Songs zeichnen sich in der Regel nicht durch ein Übermaß an Gefrickel aus. Auch sind sie im Studio nicht gerade überarrangiert, das heißt, sie sind ziemlich identisch auch live zu spielen. Das wirst du jetzt aber wohl nicht gemeint haben. Auf der Bühne geht es mir immer so, dass vom ersten Akkord an die Stimmung, in der der Song entstanden ist, voll da ist und man da wieder richtig reinfällt. Das hat aber nichts mit Schwermut zu tun, sondern eher mit dem Gefühl und dem intensiven Ausdruck von fast schon aggressivem Leiden. So etwas setzt massiv Glückshormone frei, womit uns allen auch schon wieder geholfen ist, hahaha. Dazu muss ich aber bekennen, dass das völlig nüchtern nicht so gut funktioniert. Deshalb sind wir auch auf der Bühne immer leicht illuminiert...

Alex:
Im Zusammenhang mit den Vocals spreche ich in meiner Rezi von der intonierten Tristesse des Alltags. Gib doch mal einen genaueren Einblick in die Lyrics von JACK FROST.

Morales:
Mit den Lyrics ist das bei uns so eine Sache. Da haben wir noch nie ein bestimmtes Konzept verfolgt oder inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Insofern waren wir selbst hinterher überrascht, dass die Songs des Album praktisch ohne Ausnahme inhaltlich damit zu tun haben, Hand an sich selbst zu legen. Ein großer Teil der Texte ist ja erst im Studio entstanden, scheinbar hat uns die Musik beim Schreiben bereits stark beeinflusst, das meinte ich vorhin auch, als ich von einer Momentaufnahme sprach. Nun ist es aber nicht so, dass man einfach von Selbstmord-Songs sprechen könnte, das ist nicht das Thema und das wäre sogar uns etwas zu wenig subtil. Es geht für mich in den Texten um eine Grundhaltung, fast schon eine Lebensphilosophie, die davon ausgeht, dass man sein Leben jederzeit beenden kann, wenn man keine Lust mehr darauf hat, jeden Morgen aufzustehen. Es gibt ja im Grunde auch täglich mehrere gute Gründe, einen Abgang zu machen. Wir reden von zerbrochener Liebe, von Abhängigkeit und Selbstzerstörung, von Wunden aus der Kindheit, die man mit sich ein Leben lang herumträgt und davon, wie man jeden Tag aufs Neue die Entscheidung trifft, zu leben oder es sein zu lassen.

Alex:
Wie schreibt ihr eure Songs? Entstehen die Tracks als Gemeinschaftsarbeit oder habt ihr einen waschechten Songwriter?

Morales:
Die meisten Ideen entstehen ausgehend von Gitarrenriffs, wir schreiben und arrangieren die Songs jedoch in der Session mit allen Bandmitgliedern. Da das Feeling bei der Entstehung eines Songs und auch die Lebensgeschichten und Charaktere von jedem von uns sehr wichtig für unsere Musik und die gesamte Aura – wenn man so will - die uns ausmacht, ist, würde die Band mit einem Songwriter nicht funktionieren. Niemand ist im Grunde bei der Geburt eines neuen Stücks wegzudenken.

Alex:
Gerade der Titelsong zeichnet sich durch eine Intensität aus, die abseits JACK FROSTs nur selten zu finden ist. Was beeinflusst euch, wenn ihr an so einen monolithisches Monstrum geht?

Morales:
Was solche monotonen, düsteren Hymnen betrifft, bin ich sehr stark vom frühen Gothic- und Wave-Acts beeinflusst. Die haben solche Stücke zwar nicht so heavy instrumentiert, aber vom Feeling und von den unorthodoxen Songstrukturen her sind wir ganz nah bei denen. Ich denke da an Bands wie BAUHAUS, JOY DIVISION, CHRISTIAN DEATH, aber auch alte CURE – das hat mich doch sehr geprägt. Aber es gibt auch einige spätere Combos, wie MINISTRY oder GODFLESH, die ähnlich monolithisch zu Werke gehen. Zu Industrial-Metal-angehauchten Band fühlen wir uns auch sehr hingezogen.

Alex:
Wenn du dich in der Welt umsiehst, was würdest du sagen beeinflusst den Stil JACK FROSTs sowohl positiv als auch negativ?

Morales:
Wir sind so sehr mit unseren eigenen Leben beschäftigt. Was in der Welt passiert, beeinflusst uns nur marginal.

Alex:
Du hast ja bereits Bands aufgeführt, die euren Sound beeinflusst haben beziehungsweise beeinflussen. Doch wo denkst du, liegen die Wurzeln von JACK FROST?

Morales:
Ja, also diese frühen Einflüsse waren meine erste Erfahrung von Musik abseits der staatlichen Radioprogramme, und so etwas ist natürlich schon dementsprechend prägend. Was mich an den alten Gothic- und Wave-Bands immer schon fasziniert hat, war diese fast schon kitschige, klischeehafte Düsterkeit, die das Flair alter Horrorfilme hatte und diese ganz spezielle Atmosphäre. Das halte nichts von dem teilweise schlagermusikähnlichen Emo-Gedudel einiger aktueller Gruftbands. Ich bin erst über ST. VITUS und dann in den 90ern über den erstarkenden Death Metal zu dieser Art von härteren Sounds gestoßen. Wir wollten immer düstere, kalte Atmosphäre mit schwerem Rock- bzw. Metalsound umsetzen. Wir sind aber auch in nicht geringem Maße von Bands wie MOTÖRHEAD, RAMONES, THE CULT, SOUNDGARDEN, DANZIG, ALICE IN CHAINS oder auch den MELVINS beeindruckt, sag ich mal. Inwieweit sie uns auch hörbar beeinflusst haben, kann ich nicht beurteilen.

Alex:
Ihr seid nach langer Label-Odyssey bei Massacre Records gelandet. Zufrieden?

Morales:
Ja, wir haben nach dem Flop unserer letzten beiden Labels eigentlich nicht damit gerechnet, so schnell wieder in einer Firma unterzukommen, schon gar nicht bei einer in der Größe von Massacre. Wir werden das Beste tun, um der Firma gute Platten abzuliefern und ich geh davon aus, dass auch die Firma einen guten Job macht.

Alex:
Wie werdet ihr euer neues Album pushen? Ist tourtechnisch was spruchreif?

Morales:
Noch nicht. Wir wollen erst mal abwarten, wie die Reaktionen auf die Platte ausfallen und werden sehen, wie die Verkäufe anlaufen. Wir sind ja keine Band in einer Größenordnung, die man automatisch mit jedem Release auf Tour schickt. Keine Frage, dass es natürlich gut wäre, noch in diesem Jahr live präsent zu sein.

Alex:
Was treibt ihr als Privatpersonen?

Morales:
Wir machen alle mehr oder weniger sinnstiftende Jobs, allerdings niemand von uns einen klassischen 9 to 5 Job. Mit irgend etwas muss man ja sein Leben finanzieren.

Alex:
Wie sieht deine Lebenseinstellung aus? Was leitet dich durch den Alltag?

Morales:
Leben und leben lassen. Mir ist relativ egal, womit andere ihre knappe Lebenszeit vergeuden, auch wenn mir der Anblick der Bourgeoisie doch ein ziemliches Gräuel ist. Ich seh zu, dass ich genieße, was es zu genießen gibt, und lebe mit dem Gefühl, dass wenn es mal nichts mehr zu holen gibt, ich mich ja verabschieden kann.

Alex:
Vielen Dank für dieses Interview. Grüß mir den Rest. Hast du noch etwas, was du unseren Lesern mit auf den Weg geben willst?

Morales:
Ähm, ich denke, es ist alles gesagt.

Alex:
Tschau und auf bald...

Morales:
Ave.

Redakteur:
Alex Straka

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