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LACRIMOSA: Interview mit Tilo Wolff

01.01.1970 | 01:00

Tilo Wolff und Anne Nurmi, besser bekannt unter dem Namen LACRIMOSA, gehören nun schon seit etlichen Jahren zu den etablierten Größen der deutschen Gothic-Szene. Nachdem man im vergangenen Jahr das 10jährige Bandbestehen feiern konnte, gibt es nun, anno 2001, endlich neue musikalische Ergüsse der Wahlschweizer zu hören: neben der bereits veröffentlichten Single "Der Morgen danach" steht "Fassade" ins Haus, ein Album, welches neben emotionellen Verknüpfungen zum Vorgängeralbum "Elodia" ebenso harsche Kritik an der Oberflächlichkeit der heutigen Gesellschaft beinhaltet.
Mastermind Tilo stand Ende August für ein ausgiebiges Gespräch zur Verfügung, in welchem er äußerst ausführlich Fragen zum neuen Longplayer beantwortete, aber ebenso sehr offen seine Meinungen und Ansichten bezüglich vieler Problempunkte unserer heutigen Gesellschaft darlegte. Nehmt euch also Zeit und lest, was euch mit "Fassade" erwarten wird, welche Kritik Tilo an den heutigen Wertevorstellungen hegt und warum er Mexiko so in sein Herz geschlossen hat...


Kathy:
Mittlerweile ist es ja schon in aller Munde, dass ihr am 1. Oktober euer neues Album "Fassade" rausbringt. Jetzt würde ich dich zum Anfang gern mal bitten, das Album kurz in eigenen Worten zu umreißen, sprich welche Themata darin abgedeckt werden, was es für dich selbst bedeutet und wie du es im Vergleich zu "Elodia" siehst.

Tilo:
Zunächst mal geht es in erster Linie darum, wie wir die moderne Gesellschaft sehen. Was uns auf der einen Seite traurig und auf der anderen Seite auch sehr aggressiv macht, ist zu sehen, wie wahnsinnig oberflächlich diese Gesellschaft sich entwickelt. Das kann man vielleicht an den Medien ganz gut erklären, die Art und Weise, wie uns Informationen entgegengebracht werden: In erster Linie sind die Informationen sehr einseitig, sehr eindimensional und auch fast schon meinungsbildend. Auf der anderen Seite ist es aber auch so eine Flut von Informationen, dass man sich gar nicht mehr richtig darauf konzentrieren kann, was jetzt eigentlich wirklich wichtig ist und was nicht und man auch nicht tiefer nachgreifen kann. Wir wissen z.B. alle mehr oder weniger, was in Hollywood abgeht und was die ganzen sogenannten Stars dort machen, aber wir wissen nicht, was unsere Regierungen tagtäglich machen, weil diese Informationen halt einfach nicht so gut verkauft werden wie diese Sensationsinformationsflut, die da über uns hereinbricht. Genauso ist es, wenn ein Krieg ausbricht: Die ersten Tage sind die Zeitungen voll mit den Schlagzeilen über diesen Krieg, und nach ein paar Wochen, wenn es dann eben nicht mehr so eine Sensation ist, dann liest man irgendwo auf Seite sieben vielleicht noch einen kleinen Bericht, obwohl sich der eigentliche Krieg ja nicht verändert hat. Er ist immer noch wahrscheinlich unsinnig und es werden immer noch Menschen getötet, aber es ist halt nicht mehr so eine Story, die man gut verkaufen kann. Das ist eine gewisse Art von Oberflächlichkeit, die sich mehr und mehr breit macht und auch nicht vor der Musik halt macht. Ich meine, wenn man sich solche Boygroups z.B. ankuckt, die ja eigentlich nur noch eine Art Verpackung sind, da ist eigentlich kein großer Inhalt dahinter. Wenn man die Menschen betrachtet, wie sie versuchen, etwas dazustellen, was sie eigentlich gar nicht sind, nur um in dieser Gesellschaft akzeptiert zu werden, das ist so eine Art von Fassade, die aufgebaut wird - die Verpackung, das Äußere, das wird immer wichtiger und die Inhalte werden immer unwichtiger. Das sind jetzt erstmal die Hauptinhalte, zumindest von der Fassade-Trilogie, von den drei Titelstücken. Nun, im Vergleich zu "Elodia" würde ich sagen, es baut einfach auf diesem Album auf. Es ist die logische Konsequenz zu diesem Album, musikalisch sowieso, aber auch inhaltlich. "Elodia" ist vergleichbar mit einem Spaziergang durch eine fremde Stadt, in der man die ganzen Zusammenhänge nicht sieht, aber man sieht dafür alle Einzelheiten sehr genau, von den Straßen, die man entlangläuft. Dann ist "Fassade" vielleicht der Blick von einem Berg auf diese Stadt, man sieht nicht mehr die Einzelheiten, aber man sieht die Zusammenhänge ein bisschen besser. Es geht ja im Grunde genommen um eine Geschichte, die seit dem Album "Stille" mehr oder weniger sich so ein bisschen entwickelt hat. Und diese "Fassade"-Trilogie, die Betrachtungsweise dieser Gesellschaft, ist im Grunde genommen die Betrachtungsweise vom Berg aus, dass man einen anderen Blickpunkt auf eine Sache bekommt. Und unter diesem Blickpunkt geht dann die Entwicklung dieser Geschichte im Grunde genommen weiter.

Kathy:
Auf dem Cover sind Models abgebildet, sollen sie quasi symbolisch für den Titel "Fassade" stehen? Sprich nach außen hin ist alles schön und toll, aber innen herrscht totale Zerrissenheit?

Tilo:
Im Prinzip ja. Zunächst mal ist es ja auch sehr schön anzusehen, schöne Frauen in schönen Klamotten, und vor allem, weil sie ja auch ein bisschen anders sind und sich abheben von der Masse. Aber das kann eben nicht alles sein und im Grunde genommen muss es da noch weitergehen - dass man nicht einfach nur die äußere Schönheit oder die Art und Weise, wie man etwas dastellt betrachtet, dass das eben nicht das Non-Plus-Ultra sein sollte und nicht der Weisheit letzte Schluss, sondern es muss ja eigentlich auch einen Inhalt geben, warum jemand ein bisschen anders aussieht. Wie diese Models z.B. Und ist es jetzt nur, weil es aus ihnen heraus geboren ist, oder ist es vielleicht nur, und deswegen haben wir dieses Bild der Models verwendet, weil es hier einfach nur darum geht, Dinge zu verkaufen. Und wenn diese Models weiterlaufen und am Ende des Catwalks ankommen...

Kathy:
...da ist dann eine Schlucht bzw. ein Abgrund.

Tilo:
Ja, genau. Im Grunde genommen reißt dieser Laufsteg ab und sie fallen in die Tiefe. Das kann man sinnbildlich ein bisschen mit dem Beispiel von diesem Krieg vergleichen: Am Anfang ist diese Sensation sehr heiß begehrt und gefragt und Bilder aus dem Kriegsgebiet werden für unglaubliche Preise an die Zeitschriften verkauft. Aber irgendwann ist kein Geld mehr aus diesem Krieg rauszuholen, weder die Zeitschriften können ihre Auflage deswegen erhöhen noch bringen die geschossenen Bilder großen Profit. Und dann ist dieser Krieg, der eigentlich in unser Kosumwelt zu einer Geldmaschine geworden ist, unwichtig, es wird nicht mehr groß berichtet. Genauso wie bei diesen Models, aus denen im Moment noch Geld rauszuholen ist - sobald man sie nicht mehr braucht, fallen sie eben da runter. Dann kommen andere und bringen eben neue Sachen, um das Publikum zu unterhalten und ihre Konsumgier zu befriedigen.

Kathy:
Das Publikum hat ja Antennen am Kopf, wenn ich das richtig sehe.

Tilo:
Genau, die sind verkabelt miteinander.

Kathy:
Soll das so eine Art Gleichschaltung bedeuten, dass eben alle nur auf das äußere Bild schauen und nicht hinter die 'Fassade' blicken?

Tilo:
Genau. Da brauch ich gar nichts mehr dazu zu sagen (lacht).

Kathy:
Die Singleauskopplung "Der Morgen danach" schlägt ja die Brücke zwischen "Elodia" und "Fassade". Warum steht der Song dann aber an zweiter Stelle auf der Trackliste? Normalerweise ist es bei LACRIMOSA doch Tradition, dass das letzte Stück des Vorgängeralbums durch das erste des neuen Albums fortgeführt wird.

Tilo:
Weil es mir in dem Zusammenhang wichtiger ist zu zeigen, dass dieses Album "Fassade" für sich sozusagen ein ganz neues Thema bzw. einen anderen Blickwinkel anspricht, dass das Album "Fassade" für sich gesehen eigentlich wichtiger ist als die Verbindung zu dem Album davor. Wenn man als erstes "Der Morgen danach" auf dem Album hätte, dann wär's für mich, als ob die Geschichte noch gar nicht wirklich losgehen würde auf dem Album. Ich möchte aber im ersten Moment ganz klar machen, worum es auf diesem Album geht und auch meinen Ärger und meine Aggressionen über all das, worüber ich singe, zum Ausdruck bringen. Ich möchte dem Hörer keinen leichten, soften Anfang machen.

Kathy:
Wie du vorhin schonmal angesprochen hast, hast du eine Trilogie eingefügt, und zwar diese drei "Fassade"-Sätze. Warum genau diese Unterteilung, soll das als eine Art thematischer Leitfaden des Albums dienen?

Tilo:
Im Prinzip ja. Also als ich den ersten Teil geschrieben habe, habe ich gespürt, dass es da noch viel mehr darüber zu sagen gibt. Ähnlich ging's mir dann auch nach dem zweiten, erst nach dem dritten Teil habe ich das Gefühl gehabt, jetzt habe ich alles in Worten und Musik zum Ausdruck gebracht, was mir hierzu auf der Seele liegt. Der Grund aber, warum die nicht alle hintereinander kommen und über das ganze Album aufgeteilt sind, ist, weil sie einerseits die Schale für alle anderen Songs bieten: Wenn man die anderen Inhalte, die sich ja gar nicht um Gesellschaftskritik drehen, sondern eigentlich diese Geschichte von "Elodia" und die typischen Urmerkmale von LACRIMOSA-Texten zum Ausdruck bringen, wenn man die unter diesem Blickwinkel ankuckt, wird man sie wahrscheinlich auf eine etwas andere Art verstehen können. Der zweite Grund ist, dass ich denke, dass beispielsweise nach "Fassade - 1. Satz" der Hörer ein bisschen Zeit braucht, das zu verarbeiten. Wenn man alle "Fassade"-Sätze jetzt zusammenklatschen würde, dann müsste man eigentlich eine Pause danach machen, und dann wäre das Album eigentlich geteilt in zwei Alben. Das wollte ich halt auch nicht, weil das ja wirklich so im Zusammenhang zu sehen ist.

Kathy:
Im ersten und dritten Satz kehrt als eine Art Rahmen die Textzeile "gibt es nicht genügend Egoismus in der Welt" bzw. "gibt es wirklich so viel Egoismus in der Welt" wieder, dass also jeder nur an sich selbst und seine eigenen Interessen denkt. Kann man daraus schließen, dass du von der heutigen Gesellschaft ziemlich enttäuscht bist?

Tilo:
Absolut, ja.

Kathy:
Gibt es dafür Gründe, neben den schon angesprochenen?

Tilo:
Naja, ich denke, es ist eine gefährliche Werteverschiebung. Es ist heutzutage wichtiger, in der Gesellschaft eine gute Machtposition zu haben als z.B. einen schönen Charakter zu haben. Das klingt jetzt sehr profan, aber wenn man sich beispielsweise mal eine Firma ankuckt, eine Firma ist ja so eine Art Mikrokosmos der Gesellschaft, und wie da die Hirachien ablaufen. Jeder prügelt eigentlich auf den nächsten ihm Unterstehenden ein und dieser nächste Unterstehende lästert dann hinterm Rücken über seinen Vorgesetzten, hat aber trotzdem nicht den Mut, sich aufzulehnen. Er tut genau das, was von ihm verlangt wird, funktioniert also, tut Dinge, die er teilweise auch gar nicht unterstreichen kann, die gegen seine eigene Philosophie gehen. Aber es ist ihm halt wichtiger, in dieser Firma, sprich in dieser Gesellschaft, zu funktionieren und nicht dort außen vor zu stehen. Es ist wichtig, beispielsweise seinen Gehaltsscheck mit den anderen Gehaltsschecks zu vergleichen, und wer da eben die bessere Funktion hat und die bessere Stellung. Aber das ist doch eigentlich komplett unwichtig, ob man jetzt auch wirklich die Arbeit erbringt, die eben die Stellung in dieser Firma rechtfertigt. Leute halten Dinge für groß und wichtig, die eigentlich keinen wirklichen Sinn ergeben, weil sie eine rein aufgeblasene menschliche Betrachtungsweise darstellen. Wenn man davon ausgeht, dass das größte Gefühl, das der Mensch entwickeln kann, das Gefühl der Liebe ist, und das dann damit vergleicht, wie wenig sich die Menschen heutzutage darum kümmern, wirklich echte Beziehungen, freundschaftlich oder partnerschaftlich, aufzubauen... . Es geht mehr darum, etwas darzustellen, und sei's jetzt nur, in der Disco cool zu sein, in der Gesellschaft einen guten Job zu haben oder was weiß ich. Das ist eine Verdrehung der Werte, die eigentlich entgegen dem ist, wie der Mensch und seine Bedürfnisse geschaffen sind. Das wird immer extremer, und wenn man dann ankommt und Gefühle zum Ausdruck bringen will, wie es bei LACRIMOSA der Fall ist, muss man feststellen, dass selbst in einer Kunstwelt, sprich in der Welt der Musik, echte Gefühle keinen Platz mehr haben. Da heißt es dann z.B., man kann solche Sachen nicht im Radio laufen lassen, weil die Texte regen ja zum Nachdenken an, O-Ton eines Radioredakteurs. Da kann man echt nur noch denken: Das darf ja wohl nicht wahr sein. Natürlich sollte es auch Musik zum Konsumieren geben, die man so nebenbei hören kann, aber das kann ja nicht alles sein, da muss es noch mehr geben. So wird dann auch die Musik mehr und mehr gleichgeschaltet, es gibt ganz klare Regeln, wie ein Radiosong beispielsweise zu sein hat. Soundso langes Intro, dann muss Gesang kommen, nach soundsovielen Sekunden muss der Chorus einsetzen usw. Wenn man sich die ganzen Radiosongs anhört, dann klingen die tatsächlich alle gleich, weil die natürlich alle nach dem selben Strickmuster gemacht sind. Das ist nicht nur traurig, da könnte ich wirklich...wirklich..., ja, da könnt ich solche Songs schreiben wie "Fassade" (lacht).

Kathy:
Also soll "Fassade", um es jetzt nochmal zusammenzufassen, trotz des hoffnungsvollen "Der Morgen danach", eher eine düstere bzw. nachdenkliche Stimmung vermitteln.

Tilo:
Ja, auf jeden Fall.

Kathy:
Musikalisch gesehen habt ihr wieder sehr viele klassische Elemente verwendet und diesmal eine ganze Latte an Solisten verpflichtet - Flöte, Oboe, Trompete usw., um nur ein paar zu nennen. Gibt es einen besonderen Grund, warum ihr diesmal so auf Soloinstrumente gesetzt habt?

Tilo:
Na gut, das liegt halt daran, wie ich die Songs geschrieben habe. In den Arrangements war es mir wichtig, durch viele Instrumente die jeweiligen Themen und Melodien durchzuführen und dass die Instrumente gegenseitig miteinander kommunizieren.

Kathy:
Soll jedes Instrument somit einen bestimmten Charakter darstellen?

Tilo:
Im Prinzip ja. Es ist eigentlich ein bisschen wie ein Theaterstück zu sehen: jedes Instrument ist ein Charakter und so auch der Chor, der auch eine ganz spezielle Rolle spielt und eigentlich ebenfalls einen ganzen Charakter darstellt und widerspiegelt. Und da diese ganzen einzelnen Soloinstrumente so wichtig sind, haben wir dann teilweise auch nebst den Orchestersolisten, die ja sowieso schon im Orchester sitzen, nochmal Extrasolisten dazugenommen, die dann halt die exponierten Lines gespielt haben, um dann genau diese Stimmung und diese Gefühle rüberbringen zu können, die absolut wichtig für dieses Album sind.

Kathy:
Wie war denn, nach der Zusammenarbeit mit dem berühmten London Symphony Orchestra auf "Elodia", die Arbeit mit dem Babelsberger Filmorchester? Empfandest du das als eine Art Rückschritt?

Tilo:
Also das ist immer unterschiedlich. Ich hab schon mit Musikern gearbeitet, die waren sozusagen Koryphäen, konnten aber nicht annähernd das rüberbringen, was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte, weil sie von sich selbst überzeugt waren. Und andere Musiker, die ihr Licht immer nur untern Scheffel gestellt haben und nicht so einen großen Namen hatten, denen ging das viel leichter von der Hand. So war's jetzt zwar nicht beim London Symphony Orchestra, ganz im Gegenteil, dem Name, den das Orchester hat, sind sie auch absolut gerecht geworden. Aber jeder hat halt so seine Art und Weise zu arbeiten und jeder hat so seine Vor- und Nachteile. Die Zusammenarbeit mit dem Filmorchester Babelsberg hatte dadurch gewissermaßen auch seine Vorteile, nicht nur, weil die Sprachbarriere weggefallen ist. Nachteile hat es aber auch gehabt - es ist immer schwierig, wenn man mit Musikern zusammenarbeitet, die eigentlich mit der Art von Musik wenig am Hut haben. Zunächst die Art und Weise, wie man versucht, sie zu motivieren und zu sensibilisieren, das kann manchmal schon sehr kräfteraubend sein. Ziel ist natürlich immer, dass man genau das hinterher auf Band hört, was man, bevor man die Aufnahmen in Angriff genommen hat, im Kopf gehört und im Ohr gehabt hat. Die Musiker dann jeweils dorthin zu bringen, ist manchmal nicht einfach, und da ist es oftmals gar nicht so wichtig, ob das jetzt bekannte oder speziell gute Musiker sind oder ob sie eher ein bisschen unbekannter sind.

Kathy:
Aufgefallen ist mir, dass ihr bei dem Stück "Senses" vermehrt so warme und weiche Sounds bzw. Soundcollagen verwendet habt - das hat mich beim ersten Hören sehr an "Vankina" auf eurer Singleauskopplung erinnert. Wollt ihr euch in Zukunft vielleicht etwas mehr vom Orchestralen wegbewegen und öfters mit Synthesizern arbeiten?

Tilo:
Hmm, ich weiß es noch nicht genau, wie wir in Zukunft klingen werden, aber ich könnte es mir im Moment sehr gut vorstellen, weil es mich im Moment sehr interessiert.

Kathy:
"Elodia" schaffte seinerzeit einen hohen Einstieg in die Charts, glaubst du, dass ihr das mit "Fassade" wiederholen könnt?

Tilo:
Um ehrlich zu sein glaube ich das nicht, denn dazu ist "Fassade" zu kompliziert und zu düster, teilweise vielleicht auch ein bisschen zu hart.

Kathy:
Du denkst also, "Elodia" war dementsprechend massenkompatibler und für die Leute leichter zugänglich?

Tilo:
Ja, ich denke, die Tendenz ist eher in die Richtung. Also, ich würd sagen, "Fassade" ist sogar eins der, wie soll ich sagen, schwersten zugänglichen Alben, die wir jemals gemacht haben.

Kathy:
Aber trotzdem besteht ja grade ein ziemlicher Run auf LACRIMOSA, woran, glaubst du, liegt das? Weil die Leute sich gut mit eurer Musik identifizieren können oder weil ihr den Nerv der Zeit trefft?

Tilo:
Hm, heute in einem Interview hat jemand gesagt, was er bei LACRIMOSA faszinierend fände ist, dass LACRIMOSA allen anderen Bands immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Er glaubt, das liegt daran, dass wir uns nach keinen Trends richten. Dahingehend hat er sicherlich recht, dass wir eben nie geschaut haben, was gerade hip und in ist, weil wir nie aus der Intention heraus Musik gemacht haben, um die beste Band der Welt zu werden oder die bekannteste oder sonstirgendwas. Uns ging es halt immer darum, unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen, und so ist ja auch LACRIMOSA entstanden. Bevor ich Musik gemacht habe, habe ich Texte geschrieben, und irgendwann habe ich das Gefühl gehabt, dass ich diesen Texten gerne weitere Dimensionen verleihen würde - und habe dann dieses Projekt LACRIMOSA ins Leben gerufen, was sich dann auch so auf die Art und Weise entwickelt hat. Aber wenn man das eben so betrachtet, dann wird man feststellen, dass es nie darum ging, Trends zu kreieren oder ihnen hinterherzurennen, sondern dass es mir immer darum ging, meine Gefühle auf bestmöglichste Weise zum Ausdruck zu bringen. Ich glaube, das ist sicherlich Grund dafür, warum so viele Menschen aus verschiedenen Bereichen musikalischer Natur oder verschiedenen Gesellschaftsschichten LACRIMOSA hören - sie bekommen echte Gefühle und kriegen etwas geboten, haben teil an Emotionen, wie man das vielleicht sonst nicht ganz so kennt. Auf der anderen Seite ist das wohl auch der Grund, warum es so viele Leute gibt, die LACRIMOSA hassen, es sind ja wirklich so zwei Lager, und dazwischen ist so gut wie gar nichts (lacht). Ich denke, die fühlen sich gewissermaßen auf den Schlips getreten, weil sie sich irgendwo erkannt fühlen in der Musik, weil die Musik ihnen auf eine Art und Weise nahegeht, die sich nicht verarbeiten oder vertragen können. Denn wenn dem so nicht wäre, dann würden sie es ja nicht hassen, dann wäre ihnen die Band einfach egal. Aber so einen richtigen Hass für etwas zu bekommen, das geht einem dann ja nicht am Arsch vorbei.

Kathy:
Wo wir schon beim Thema sind: Wie gehst du denn damit um, wenn dann so Sprüche kommen wie "Lackier mich rosa" usw.? Tangiert dich das überhaupt noch, ärgerst du dich darüber?

Tilo:
Nö. Am Anfang hat man vielleicht gedacht: Wenn da wenigstens ein Witz dahinter wär...(schmunzelt). Aber heutzutage ist es mir eigentlich ziemlich egal. Ich meine, es ist ja auch ganz logisch, sobald du in der Öffentlichkeit stehst, wird es immer Leute geben, die was dagegen haben, und vor allem, wenn man nicht versucht, alle glücklich zu machen. Das versuchen wir ja nicht, und von demher ist es ganz klar, dass es da einen Haufen gibt, die das nicht gut finden. Warum sie es dann gleich hassen müssen, sagt eigentlich dann auch wieder sehr viel über diese Menschen im Speziellen aus. In der Öffentlichkeit wird man logischerweise aber immer im Kreuzfeuer der Kritik stehen.

Kathy:
Wie gehst du denn mit dem Vorwurf der Kommerzialisierung um? Es gibt ja Leute, die haben deine Musik früher gehört, als alles noch waviger und düsterer war, und die sagen heute: Jetzt hören alle LACRIMOSA, das ist nur noch totaler Kommerz.

Tilo:
Ich find das eigentlich ziemlich kurzsichtig. Es hat ja zunächst einmal mit der Musik nichts zu tun, wenn viele Leute das hören. Ich hab z.B., als die "Elodia" rauskam, solche Sprüche gehört wie: Boah, das beste Album! Und dann, als es in die Charts eingestiegen ist, hieß es: Jetzt ist LACRIMOSA kommerziell. Obwohl es das selbe Album war. Jetzt z.B., wie vorhin schon gesagt, haben wir unser wohl düsterstes und unkommerziellstes Album gemacht, aber natürlich wird's immer Leute geben, die sagen, jeder hört jetzt LACRIMOSA, egal was für Musik die machen - die kümmern sich da wahrscheinlich gar nicht mehr drum - das ist jetzt einfach Kommerz. Was ich nicht verstehe, weil, sie sollten doch eigentlich dankbar dafür sein, dass diese Szene größer und größer wird und dass es ein paar Bands gibt, die auch mal die Aufmerksamkeit von Leuten bekommen, die sonst eigentlich denken, es gäbe nichts anderes als diesen Mainstream. Nein, je größer die Szene wird und je mehr diese Art von Musik eine gewisse Präsenz hat, desto weniger Präsenz wird logischerweise der restliche Müll haben. Von demher ist es doch eigentlich viel besser, wenn diese Szene einen gewissen Stellenwert im öffentlichen Auge bekommen würde, anstatt immer nur mit den immer gleichen Vorurteilen konfrontiert zu werden, wie eben jetzt grad erst wieder nach dem Mord in Witten. Weil, dann stellt sich die Szene hin und sagt: Nee, nee, wir sind gar nicht so, lasst uns mal erklären! Aber sobald mal jemand aus der Szene heraus "erklärt", sozusagen, und ein bisschen bekannter wird, dann ist es dann auch wieder nicht recht. Da werden Bands wie THE SISTERS OF MERCY nur noch heimlich gehört und THE CURE darf man ja auch nicht mehr hören, weil das ist ja auch alles nur noch Kommerz. Wobei es eigentlich niemanden mehr interessiert, was für Musik jetzt z.B. THE CURE macht, und kaum einen interessiert es, dass die gar nicht mehr so kommerziell sind wie beispielsweise in den 80ern. Aber es ist halt Kommerz, weil die Band so bekannt ist, und das verstehe ich nicht, das begreife ich wirklich nicht.

Kathy:
Im Herbst kommt die Tour zum neuen Album, bei der auch mehrere Auslandstermine wie beispielsweise in Spanien, Portugal, Italien, Polen usw. geplant sind. Euer Stern scheint also auch außerhalb von Deutschland immer heller zu strahlen, wie fühlt man sich denn dabei?

Tilo.
Also, die Tourdaten, von denen du jetzt wahrscheinlich weißt, sind die, die im Moment im Internet veröffentlicht sind, wobei das jetzt nur die Europa-Tournee ist...

Kathy:
... geht ihr also auch wieder nach Mexiko bzw. Südamerika?

Tilo:
Genau, und das ist halt das, was ich wahnsinnig faszinierend finde, weil wir haben z.B. in Mexiko und in Argentinien neben Deutschland unsere größte Fanbase. Das ist vor allem für eine Band wie LACRIMOSA, die hauptsächlich auf deutsch singt, natürlich sehr sehr schön. Ich finde, das hat schon fast was Magisches, und ich will eigentlich auch gar nicht wissen, was die Gründe dafür sind, dass wir in solchen Ländern so große Fanbases haben, weil das würde das ganze für mich ein bisschen entmystifizieren. Auf der anderen Seite kann man da grad eigentlich anknüpfen zu der Frage, die du davor zum Thema der Kommerzialisierung hattest, da müsste man ja jetzt theoretisch auch sagen: Wenn eine Band wie LACRIMOSA in Mexiko gehört wird, dann ist die Band absolut kommerziell, weil sie dann ja noch viel mehr Leute anspricht. Wenn man sich aber das Publikum in Mexiko ankuckt, dann merkt man, was für ein wahnsinnig dem Underground verschriebenes Publikum das ist, die aber eben diese ganzen Scheuklappen nicht haben. Da sieht man auch Leute auf einem Konzert, die sind eher gestylt wie so Gruftis, haben aber ein HAMMERFALL-T-Shirt an. Diese Trennung gibt's dort einfach nicht so extrem wie bei uns. Bei uns ist halt alles so mit Scheuklappen, eine Band darf nur das und darf nur das, da ist keine Toleranz da. Eigentlich muss eine Band erstmal ein Regelwerk erfüllen, um überhaupt Band sein zu dürfen, weil einfach so viele Dinge inzwischen verboten sind, das ist fast schon wie eine Diktatur. Es ist total krank. Und wenn man sich das dann in Mexiko ankuckt, wie open-minded die Leute da sind und sich einfach auf die Musik einlassen, dann sind das wirklich zwei Welten. Das genieße ich dann natürlich auch sehr, weil denen ist es egal, ganz im Gegenteil: Je mehr sowas im Radio läuft, desto mehr freuen die sich, weil das ist die Musik, die sie hören wollen, und sie wollen eben auch das Radio anschalten. Nicht wie bei uns, wo sich alle darüber beklagen, dass man das Radio nicht einschalten kann, aber kaum läuft eine Gothic-Band im Radio, dann ist diese Band sofort abgeschrieben, weil sie lief ja im Radio (lacht).

Kathy:
Du wünscht dir also, dass die Zustände in Deutschland ein bisschen mehr so werden wie in Mexiko, was?

Tilo:
Auf jeden Fall.

Kathy:
Mal was anderes: Vor ein paar Monaten habt ihr bei Hall Of Sermon (Tilos Plattenlabel - Anm. d. Verf.) ziemlich aufgeräumt, ihr habt euch von mehreren Bands getrennt zugunsten der Arbeit am neuen LACRIMOSA-Album. Wenn die Tour vorbei ist, werdet ihr dann wieder ein paar Bands unter Vertrag nehmen?

Tilo:
Nee, das wird jetzt erstmal so bleiben. Es war die ganzen Jahre ein ganz schöner Kampf, weil wir so gut wie keine Zeit mehr gefunden haben für LACRIMOSA. LACRIMOSA hat eigentlich nur noch nachts stattgefunden, wenn wir eigentlich hätten schlafen sollen (lacht). Das ist natürlich eine Sache, die man auf Dauer nicht durchziehen kann, da leidet die Band auch drunter. Außerdem würde ich gerne öfter Platten rausbringen oder überhaupt die Möglichkeit haben, viel mehr zu komponieren, würde mich gerne viel mehr um die Webseite kümmern, die bei uns im Moment sehr leidet, würde gern die Möglichkeit haben, eventuell öfters live zu spielen usw. - es gibt so viele Sachen, die wir eigentlich tun könnten, wo aber im Moment die Zeit fehlt, wie z.B. ein Video für die neue Single zu drehen. Das ist eigentlich ein Wahnsinn, dass man auf das Video verzichten musste, nur weil keine Zeit mehr da war. Und solche Dinge dürfen in Zukunft einfach nicht mehr passieren, wir werden uns jetzt eine ganze Zeit erstmal nur um LACRIMOSA kümmern.

Kathy:
Wenn ihr das Video noch drehen würdet, wo würde es dann erscheinen? Ich denke mal, VIVA und MTV werden es kaum ins Programm aufnehmen.

Tilo:
Nun, wir werden jetzt zu der Single auch kein Video mehr drehen, aber für die nächste Single besteht dann vielleicht wieder die Möglichkeit, eins zu drehen. Gut, traurig aber wahr ist es wirklich, dass VIVA und MTV tatsächlich bei LACRIMOSA immer noch diesen Gothic-Stempel sehen und das nicht spielen wollen, aber das ist dann halt Schicksal.

Kathy:
Meine letzte Frage an dich dreht sich um das Buch, das ihr anfang des Jahres herausbringen wolltet und welches die Geschichte von LACRIMOSA beinhalten sollte. Die Veröffentlichung hat bekanntlich nicht hingehauen und wurde ad acta gelegt. Wird das Release irgendwann nachgeholt, oder ist die ganze Sache passé?

Tilo:
Nee, da kommt jetzt nichts mehr, weil ich wollte das zum 10. Jubiläum machen, und dann war wieder keine Zeit, weil das Video viel früher hätte fertig sein sollen ("Lacrimosa - The Live History", Video zum 10. Bandjubiläum, VÖ: 11.12.2000 - Anm. d. Verf.). Dann wäre nämlich noch Zeit für das Buch gewesen, aber da wir nie zum Schneiden des Videos gekommen sind, ist das zeitlich dann da reingefallen, als das Buch angestanden hätte. Und hätten wir dann das Buch gemacht, hätten wir die Platte nach hinten verschieben müssen usw. Das wollte ich alles nicht, dementsprechend haben wir das Buch jetzt ganz gecancelt, weil wenn es nicht zum Zehnjährigen rauskommt, dann machts auch keinen Sinn. Außerdem bin ich jetzt schon wieder am Komponieren und will mich eigentlich konzentriert aufs nächste Album freuen und nicht schon wieder in die Vergangenheit zurückschauen... .

Redakteur:
Kathy Schütte

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