top banner 158
side banner 159

LACRIMOSA: Tilo erleuchtet "Sehnsucht"

19.05.2009 | 14:34

Tilo Wolff führt uns Song für Song durch seine "Sehnsucht" und offenbart uns sein Innerstes. Übergeben wir ihm das Wort.





'Die Sehnsucht in mir'


Enrico:
Es gibt eine Textzeile: "Die Ruhe ist beängstigend". Dies erinnert mich ein wenig an eine Textzeile aus 'Das Schweigen'. Magst du keine Ruhe? Ist Tilo Wolff ein totaler Workaholic?

Tilo:
Gute Frage – von dieser Sicht hab ich es noch gar nicht betrachtet. Aber ja, ich liebe es kreativ zu sein und am Abend zu wissen, dass ich etwas verändert habe. Das treibt mich an. Stille ist für mich immer Resignation. Damit kann ich gar nicht umgehen. Viele denken, dass ich ein total tieftrauriger Mensch wäre. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich bin mir sehr bewusst, was die Facetten der menschlichen Psyche angeht und will diese auch nicht leugnen. Es ist ja alles Energie und die versuche ich zu nutzen. Stille ist daher Stillstand und keine Weiterentwicklung. Sozusagen der Antipol zu mir.

Enrico:
Wie würdest du den Songs einordnen?

Tilo:
'Die Sehnsucht in mir' ist sicherlich einer der Songs, die mich bis zum Ende meines Lebens tief bewegen. Er greift ganz tief in die Grundmauern meines emotionalen Skeletts. Er schafft eine Sensibilisierung für das eigentliche Thema Sehnsucht. Schau: Wenn du ein Problem mit jemandem hast, dann hast du zwei Alternativen. Entweder du schreist ihn an – dann wird er aber zumachen und ihr werdet keine Lösung finden. Oder du nimmst ihn erstmal in die Arm, obwohl du weißt, dass du viel mit ihm besprechen musst – auch Sachen, die euch beiden weh tun werden. Aber erstmal nimmst du ihn in den Arm, um ihm deinen Respekt und die Liebe zu zeigen. Und genau so sehe ich 'Die Sehnsucht in mir'. Es ist dieses "in den Arm nehmen". Dem Publikum zunächst eine Wertschätzung zu zeigen.


'Mandira Nabula'


Enrico:
Der Song klingt nach schrecklichem Fernweh. 

Tilo:
Absolut. Das ist der Wunsch einfach auf das Pferd zu springen und in die Ferne zu reiten – Neues entdecken, Abenteuer erleben. Auch mit dem Bewusstsein, dass man Dinge sieht, die einen tief herunterziehen werden und die niederschmetternd sind. Trotzdem hat man die Hoffnung, dass die Nacht vorbeigeht – das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Es ist kein Fernweh aus Langeweile, sondern weil man getrieben von Hoffnung ist.

Enrico:
Was soll denn der Name bedeuten? Mandira ist ein Frauenname und Nabula hat irgendwas mit dem Weltall zu tun. Oder ist es ein reiner Kunstname?

Tilo:
(lacht laut auf) Großartig. Ich danke dir für diese Frage. Ich hab schon viele Interviews zu dem Album gegeben und es hat sich noch keiner getraut zu fragen. Du bist der erste, der sich traut nach der Bedeutung zu fragen. Ich kann dir sagen, dass der Name ein Code ist. Dir ist vielleicht aufgefallen, dass gewisse Textzeilen immer wieder wiederholt werden – und das hat nicht nur einen musikalischen, sondern auch einen inhaltlichen Grund. Der Name ist quasi ein Code und bezieht sich auf gewisse Worte des Textes. Ich will mich in keinster Weiße mit Johann Sebastian Bach vergleichen - das wäre anmaßend – aber seine Kompositionen sind teilweise sehr mathematisch. Richtige Rechenaufgaben. Das ist dann nicht nur eine Freude für das Ohr, sondern man kann richtig aufschlüsseln, warum er gewisse Dinge so und andere Dinge so komponiert hat. Bei 'Mandira Nabula' ist es im Kleinen auch so. Der Titel ist die Gleichung für gewisse Textzeilen und deren Stellung im Song. Die Bedeutungen, die du herausgefunden hast, sind rein zufällig – aber ein schöner Zufall (lacht).

Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Ferne.




'A.u.S.'


Enrico:
Ich würde ihn als einen traurigen Hilferuf nach Liebe und Geborgenheit beschreiben? 

Tilo: 
Ja, nach Liebe, Geborgenheit und dem Wunsch wahrgenommen zu werden. Es gibt viele Menschen, die leben und beeinflussen die Welt auf ihre Weise. Es gibt aber auch Menschen, die leben, aber ständig übersehen werden. Das Gefühl kenne ich sehr gut. Das ist sicher nicht ungewöhnlich bei Künstlern. Er macht ja gerade etwas Künstlerisches, damit er wahrgenommen wird. Ich hab neulich zu Anne gesagt, als wir das Album hörten, dass dies ein Stück ist, was ich wohl nicht sehr oft in meinem Leben hören und ertragen kann.

Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Aufmerksamkeit.


'Feuer'


Enrico:
Habt ihr den Kinderchor auch fein bezahlt – PINK FLOYD haben dies ja bei "The Wall" nicht gemacht und sahen sich ziemlich bösen Vorwürfen konfrontiert?

Tilo:
(lacht) Das sind alles Kinder aus dem Freundes- und Verwandtenkreis gewesen. Wir haben das mit einem schönen Abendessen und solchen Dingen geregelt.

Enrico:
Passt der gute Christ zum Text "Ich schicke dir das Feuer und dann höre ich dich schreien"?

Tilo:
(lacht laut auf) Es passt zu einem Christ, dass er ehrlich und nicht scheinheilig ist. Daher hab ich auch ab und zu die Sehnsucht nach Rache und wünsche manchen Leuten etwas Böses. Dazu stehe ich auch.

Enrico:
Das Ende des Songs ist ganz schön deftig. Ist dies das Härteste, was du für LACRIMOSA bisher aufgenommen hast? Es rappelt ja ganz schön.

Tilo:
Genau. Ich höre eben auch sehr viel Death Metal, vor allem aus den 90ern, als man noch richtig rabiat an die Sache heran ging. Heute kommt mir das vor, als ob alle ihren Mut für eine glasklare Produktion eintauschen und sich deswegen nix mehr trauen. Ich wollte diese Power auch mal bei mir selber hören und nicht nur bei anderen. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass diese Sehnsucht nach Rache schon so wirken sollte. Daher musste das musikalisch auch so rüberkommen. Das ist auch noch nicht vorbei – es war nämlich einer der letzten Songs, den ich für das Album geschrieben hab. Ich koche immer noch innerlich. Als Christ ist es natürlich eine Aufgabe für mich, darüber hinwegzukommen. Aber jetzt höre ich mir die Nummer genau mit der Intention an, mit der ich sie geschrieben habe.

Enrico:
Gegen wen zielt denn dieser Wunsch nach Rache?

Tilo:
(lacht) Es ist in diesem Fall mal keine Frau.

Enrico:
Ist dein Glas nun halbvoll oder halbleer? Tilo, der Optimist oder der Pessimist...

Tilo:
Bei mir ist es natürlich halbvoll. Ich freu mich, dass etwas in dem Glas drinnen ist – und dass ich noch nachgießen kann. Aber in dem Song heißt es ja dann weiter: "Du hast nur diesen Wasserrand, auf dem dein Glas zuvor mal stand". Es gibt dieses Glas gar nicht mehr. Hier wäre halbleer daher sogar absolut positiv. Es gibt echt nur noch diesen besch**** Wasserrand – also eigentlich nix. Das wollte ich mit der angesprochenen Person eben gleichstellen.

Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Rache.




'A Prayer For Your Heart'


Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Erlösung - sich freikämpfen. Wenn du dir die Nummer von Anne anhörst, wirst du feststellen, dass es sich an einem bestimmten Punkt nach einem Neuanfang anhört. Wenn du dir den Text dazu anschaust, wirst du sehen, dass sich hier die Position von ihr verändert. Am Anfang singt sie aus der Perspektive desjenigen heraus, der auf der Suche nach Erlösung ist. Ab dem musikalischen Wechsel singt sie in der Ich-Form und versucht der Person zu helfen ihre Erlösung zu finden.


'I Lost My Star In Krasnodar'


Enrico:
Wer oder was ist mit dem Stern gemeint, der wo immer er sei, leuchten soll?

Tilo: 
Mit dem Stern sind drei Dinge gemeint. Einerseits eine konkrete Person. Andererseits eine Betrachtungsweise einer Situation, sowie die Art und Weise wie Menschen in dieser Situation betrachtet wurden. Es ist gleichzeitig ein vielschichtiger wie auch sehr simpler Song. Ich glaube, der Mensch ist unglaublich kompliziert, jeder für sich. Aber die Basis ist bei allen Menschen gleich und sehr simpel. Nur ein paar Basispunkte unterscheiden sich bei jedem Menschen anders, so dass jeder für sich betrachtet, als sehr kompliziert erscheint. Ähnlich ist es mit dem Titel. Der Song ist eigentlich wirklich simpel. Aber die Entwicklung der simplen Basispunkte führen zu einer sehr komplexen Verworrenheit der Protagonisten.

Enrico:
Der Promotext geht auf eine Selbstcharakterisierung im Text ein. Kannst du uns einen Tipp geben?

Tilo:
Es befindet sich in der zweiten Strophe. Viel mehr möchte ich da gar nicht sagen. Eigentlich ist es ein sehr einfacher Satz, über den man schnell hinweghört. Wenn man aber weiß, welche Bedeutung es hat, kann man doch einiges daraus lesen und einige Dinge verstehen, warum und wieso ich manche Texte so schreibe wie ich sie schreibe. Oder warum LACRIMOSA überhaupt manchmal so radikal klingen. Das ist wieder genau der Punkt von eben. Der Ausgangspunkt ist total simpel. So simpel, dass man es übersieht (lacht).

Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Sehnsucht danach, etwas besser gemacht zu haben, als man es gemacht hat.


'Die Taube'


Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Heimat, Geborgenheit, Liebe. Das Bewusstsein, Liebe geben und Liebe empfangen zu können. Sich bewusst zu machen was Liebe bedeutet und alle menschlichen Eitelkeiten, die einem bei der Betrachtung von Liebe im Wege stehen, beseitigen zu können. Bei 'Die Sehnsucht in mir' ist es ja das "in den Arm nehmen" um eine Basis zu schaffen. Wenn das "in den Arm nehmen" passiert wäre, wäre der schreckliche Inhalt von 'Die Taube' nicht nötig. Man sieht hier, was passiert, wenn man diese Basis nicht findet.


'Call Me With The Voice Of Love'


Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Liebe. Hier geht es um die ganz oberflächliche Betrachtung von Sehnsucht. Man denkt ja zumeist an Zwischenmenschliches. Und hier geht es genau um die zwischenmenschliche Ebene und um Liebe. Wobei, Liebe ist vielschichtig. Ich möchte es ein wenig eingrenzen, denn es geht hier um die partnerschaftliche Liebe. Das ist für mich nicht das Gleiche wie Liebe im Allgemeinen, die der Mensch zum Überleben braucht.


'Der tote Winkel' 


Enrico:
Es klingt für mich wie ein Hilferuf. Aber er ist gar nicht so verzweifelt – es steckt noch viel Leben drin.

Tilo:
Gott sei Dank ist es so. Es erinnert mich ein wenig an 'Schakal': Ich will leben. Edgar Allen Poe hatte immer die Angst lebendig begraben zu werden. So ist es zwar hier nicht, aber ich weiß, da oben ist etwas. Da scheint die Sonne. Ich weiß nicht, wie lange ich noch graben muss, aber ich komme hier raus - mit aller Kraft. Und diese Kraft ist noch da und nimmt mir niemand. Aber ich mach hier auch keinen Hehl drum, dass ich noch graben muss und dass das Ziel noch nicht erreicht ist. Diesen Zustand beschreibt 'Der tote Winkel'. Ich weiß, der tote Winkel ist ganz klein und außerhalb dieses Winkels ist die ganze Welt. Ich weiß sie ist da – es gibt also nicht nur schwarz.

Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Der Kraft aus dem toten Winkel heraus zu kommen. In dem Moment, wo ich schrei "Hilf mir", tritt meine Stimme schon aus dem toten Winkel hervor. Mein Wunsch wird dadurch schon zum Teil der Realität. Es ist die Sehnsucht Unmögliches möglich zu machen.


'Koma'


Enrico:
Ich finde, es klingt nach Freiheit. Eine seltsame Mischung aus teils düsterem Text und fröhlicher Musik.

Tilo:
Genau – es ist diese Ambivalenz, die bei mir sehr oft vorkommt. Oft prallen Dinge aufeinander, die oberflächlich gesehen nicht zusammenpassen. Als ich angefangen habe mit Orchestern zu arbeiten, kamen Stimmen, die meinten, dass sie die Hände über den Kopf zusammengeschlagen haben. Sie meinten, dass ihre Eltern so was hören würden. Doch heute ist das fast schon normal, dass Künstler mit Orchestern arbeiten. Das war damals noch nicht so. Ich bin da, das kann ich ruhig ja mal sagen, schon etwas stolz drauf, dass ich einer der Begründer dieser Bewegung war. Ich wollte einfach Dinge zusammenführen, genau wie bei Gothic und Metal, die eigentlich nicht zusammengehören. Ich habe 1996 diese Dark-Winter-Nights-Festivals organisiert, bei der ich Metal- und Gohtic-Bands zusammen auftreten ließ. Da kann ich mich noch an Schlägereien zwischen Metallern und Gothics erinnern. Das war unmöglich, dass die in einem Raum zusammen stehen. Ich wollte die aber zusammenführen, weil ich mir in einem Gothic-Club GUNS N' ROSES und in einem Metal-Club SISTERS OF MERCY gewünscht hab. Dieses Zusammenführen von nicht zusammengehörenden Dingen finde ich immer sehr spannend.

Enrico:
Genau wie bei 'Koma'.

Tilo:
Ja, musikalisch ist der Patient wach. Er ist voll da und springt fast schon aus dem Bett heraus. Aber er hat es noch nicht begriffen. Es ist im Prinzip die Fortführung von 'Der tote Winkel'. Das Stück endet musikalisch sehr resignierend. Es wird immer langsamer, die Stimme immer ruhiger und leiser. Es mündet dann ins Koma. Es ist dieses "nicht wahr haben wollen". Der Körper springt schon wieder aus dem Bett, aber man selbst glaubt, man liege noch im Koma. Man schreit sich dann förmlich aus dem Koma heraus. Manchmal ist der Geist eben langsamer als...

Enrico:
Der Körper?

Tilo:
Nicht ganz. Ich habe gestern in der Kirche was ganz Spannendes von Sigmund Freud gehört. Er hat wohl mal gesagt, dass das Bewusstsein eine Nussschale ist, die auf dem Meer des Unterbewusstseins schwimmt. Das ist genau der Punkt. Wie oft sind wir Menschen doch gefangen in unseren Vorurteilen und haben noch gar nicht begriffen, dass wir theoretisch schon weiter wären, wenn wir nur endlich über unseren Schatten springen könnten.

Enrico:
Sehnsucht nach...

Tilo:
Wachsamkeit.

Redakteur:
Enrico Ahlig

Login

Neu registrieren