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LETZTE INSTANZ: Interview mit holly d.

01.01.1970 | 01:00

Ich habe es in meinem Review zum aktuellen Album "Götter auf Abruf" schon zum Ausdruck gebracht: LETZTE INSTANZ machen höllischen Spass, sind leibhaftig super-entertaining und versprühen obendrein auch noch ein paar Funken Intelligenz. Eine seltene Mischung, die eine ausführliche Vorstellung natürlich unumgänglich macht. Die dusseligen Fragen meinerseits zog holly d. aus seinem elektronischen Briefkasten und meisterte sie auch noch mit Bravour. Lediglich bei der Antwort zur Abschlussfrage fiel es dem Autor dieser Zeilen schwer, ruhig zu bleiben ... Aber das war ja zu erwarten gewesen.


Holger:
Eines interessiert mich brennend: Wie schafft ihr es, zwei Stunden fast ununterbrochen auf der Bühne herumzuspringen? Treibt ihr regelmäßig Sport oder nehmt ihr Doping ;o)

holly d.:
Das ist hauptsächlich eine Frage der Gewöhnung, wir machen das einfach schon eine ganze Weile. Mit "Doping" hat das wenig zu tun. Wir nehmen in der Regel keine Drogen. Wir kommen mit den körpereigenen sehr gut aus. Außerdem ist natürlich Musik unsere Droge ;-) Während des normalen Tour-, Proberaum- oder Studiowahnsinns kommen wir leider kaum zum Sport machen. Wenn Zeit ist, sind wir individuell verschieden schon am Ball. Ich persönlich fahre viel Fahrrad oder gehe auch schon mal klettern.

Holger:
Warum gab es die Trennung von Markus G. (dr.) und Rasta F. (bs.) nach der Herbsttour 2002? Es lag doch wohl nicht an Unsportlichkeit?

holly d.:
Vielleicht lag es am Sport, vielleicht an den Drogen - wer weiß. Ich denke, es war die berühmte Chemie und musikalische Differenzen. Es hat in der alten Bandzusammensetzung einfach nicht mehr geklappt und wir mussten etwas tun. Die Operation ist gelungen, die alten Bandmitglieder verstehen sich jetzt besser und die Neuen haben jede Menge frische Energie mitgebracht. Manchmal muss man eben aus seinem alten Trott gerissen werden....

Holger:
Dafür sind jetzt Specki T.D. (dr.)., F.X. (bs.) und das O. (gt.) mit an Bord. Wie seid ihr auf die Drei gestoßen? Wurde F.X. nur für den neueingerichteten Newsletter rekrutiert?

holly d.:
F.X. spielt immer noch primär Bass. Wir haben über Anzeigen gesucht und Leute gefragt. Insgesamt hatten wir ca. 40 Leute im Proberaum. Leider sind wir im Raum Dresden nicht fündig geworden. Das hätte das Ganze organisatorisch vereinfacht. Aber es sollte nicht so sein, also kommen die Herrschaften jetzt aus Landsberg (Specki T.D.), Hof (das O.) und Berlin (F.X.).

Holger:
Im Vergleich zu "Kalter Glanz", ganz zu schweigen vom Vergleich zu "Das Spiel", ist "Götter auf Abruf" wieder einen Zacken härter geworden. Seht ihr das genauso und woran liegt es?

holly d.:
Der Blick auf's Line Up genügt: Wir haben eine zusätzliche E-Gitarre an Bord. Außerdem hat uns schon immer das Spannungsfeld zwischen ruhigen, romantischen, melancholischen, traurigen Momenten und brachialem Sound interessiert. Das haben wir einfach kompromissloser gemacht. So hart find ich die Platte aber nun auch nicht, selbst meinen Eltern gefällt das noch.

Holger:
Habt ihr ganz bewusst so einen brachialen Sound gewählt?

holly d.:
Siehe oben, ja und ja und ja. Ich finde "Götter auf Abruf" ist eine ganz logische Folge aus den beiden Vorgängerplatten und somit an gewissen Stellen noch brachialer.

Holger:
Woher kommt die Idee zu dem Albumtitel ?

holly d.:
Götter auf Abruf- passt doch bestens zu unserer Zeit, oder? Das ist auf jeden Fall in Verbindung zum Cover-Artwork und den Texten der Platte zu sehen. Zum einen geht es darum, dass sich die Menschheit, wir alle, die Ausübung göttlicher Macht anmaßen. Wir wollen gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen daran erinnern, dass es Grenzen gibt, die man besser nicht überschreitet, dass Dinge schneller enden als man denkt und wir die verdammte Pflicht haben, weiter zu denken, aanstatt andere das für uns tun zu lassen. Zum anderen ist es aber auch eine Metapher für die gesamte Musikbranche. Die Zeiten der utopischen Gewinne mit in der Herstellung spottbilligen CDs sind vorbei. Die Plattenfirmen erwachen und schlagen Alarm, nun merken einige, dass sie in den letzten Jahre die Entwicklungen komplett verpennt haben. Wozu denn auch an ansprechenden Veröffentlichungen mit guten Inhalten arbeiten und langfristig Acts aufbauen, wenn man mit billigen Wochenramsch jede Menge Kohle machen kann? Die Luft für Luftschlösser wird zum Glück enger. Davon können Live-Bands wie die INSTANZ nur profitieren. Wer hoch steigt, der fällt auch tief. Siehe CD-Cover: wir haben uns vorsorglich schon mal in den Dreck gelegt ;-)

Holger:
Was bedeutet denn das Frontcover?

holly d.:
So wenig Fantasie? Michelangelo- Vatikan - Gott - die Menschheit... Die Frage: Wenn die Geschichte mit Gott stimmt, haben wir Menschen dann was falsch verstanden?

Holger:
Was bedeuten die Schriftzeichen auf dem Backcover? Götter auf Abruf in hebräisch?

holly d.:
Die Frage geht prompt zurück- was bedeuten Zeichen überhaupt? Es spielt doch nur ein Rolle, wenn die Symbole uns etwas sagen. Vielleicht sprechen sie uns durch Formen an oder rufen Erinnerungen oder vielleicht sogar Ängste wach. Die Frage muss sich schon jeder selbst beantworten.
Hebräisch jedenfalls sieht ganz anders aus ;-)

Holger:
'Jeden Morgen' stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens. Was glaubt ihr, welcher Sinn hinter eurem Leben steht?

holly d.:
Wenn wir den Sinn des Lebens gefunden hätten, dann würden wir in unseren Texten nicht so viele Fragen stellen, sondern Weisheiten verbreiten. (deswegen die Frage nach dem "glauben" – der Red.) Wir sind aber genauso auf der Suche, wie unsere Fans und alle anderen denkenden Menschen. Der Weg ist das Ziel.

Holger:
Da icht nicht dumm sterben und die 'Himmelfahrt' mitmachen möchte, erlaubt mir die Frage: Und, schert's euch einen Dreck? Bekommt ihr manchmal Angst vor zu viel Fanverehrung, was man in den Song ja hinein interpretieren könnte?

holly d.:
Nein, eigentlich nicht. Das ist auch wieder mit dem zwinkernden Auge gemeint. Wir haben eigentlich sehr viel Publikumskontakt (und nicht nur zu Mädchen ;-)). (nicht??? – der Red.) Wenn mal einer seine Ruhe will, dann bleibt er einfach nach dem Gig im Backstage-Bereich. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Zurück zu 'Himmelfahrt'. Fragt euch, ob ihr bereit für diese Reise seit. Wir wollen, dass unser Publikum bewusst und nicht blind folgt, dass es hinterfragt, was wir oder auch andere tun. Bemüht euren Kopf und wenn ihr euch wiederfindet, dann lasst euch einfach fallen.

Holger:
Wird man beim Hören der LETZTEN INSTANZ erleuchtet?

holly d.:
Mit der Erleuchtung ist das so eine Sache. Alles eine Frage der Einstellung. Ich würde mal eher sagen, man wird ein Stück auf dem Weg begleitet.

Holger:
Woher kommen bei so einer gut gelaunten Band wie der INSTANZ solch negative bzw. melancholische Texte?

holly d.:
Wir sind Kinder unserer Zeit. Melancholisch ja, manchmal auch schwermütig, keinesfalls negativ. Es ist immer ein Funken Hoffnung da und wenn nicht im Text, dann in den Streicherlinien, den Chören oder der Akustikgitarre. Es sollte erwähnt werden, dass die Platte parallel zu den Vorbereitungen zum (hoffentlich) letzten Irakkrieg entstand und während der anglo-amerikanischen Bombenangriffe eingespielt wurde. Vielleicht hat das inzwischen der eine oder andere schon wieder vergessen - sollte man aber nicht. Die Geschehnisse haben schon eine Rolle gespielt. Du kannst im Studio nicht sagen: "Ich geh jetzt da rein und alles hier draußen bleibt zurück." Das wäre nicht ehrlich. Wir machen uns Sorgen, wie jeder andere auch. Nicht nur über Krieg, auch über Einsamkeit, falsche Freunde, emotionale Kälte, den Sinn des Lebens und vieles mehr... Man kann (und meiner Meinung nach sollte man) nachdenklich sein und trotzdem Spaß am Leben haben. Könnte man fast als unser Credo verstehen.

Holger:
Wie komponiert ihr eigentlich ? Bei der Vielzahl der Instrumente, die auch noch alle gleich bedeutend wichtig klingen, erscheint es uns recht schwierig, die richtigen Arrangements zu finden.

holly d.:
Zuerst ist die Idee. In einer Demokratie kann jeder Ideen anbringen, da die Demokratie aber parlamentarisch ist, entscheidet die Mehrheit über die Qualität der Idee. Finden also mehr als vier Leute die Idee gut, wird sie im Proberaum oder in Grüppchen zu Hause ausgearbeitet. Wo dann welches Instrument seinen Platz hat, ergibt sich oftmals oder sollte sich zumindest bei einem guten Song ergeben. Manchmal muss man mit der Brechstange nachhelfen, das geht dann aber zum Glück als Kunst durch. Wenn der Song dann steht, kommt Robin. Er schreibt einen Text und singt den drauf, dann wird wieder gestritten und abgestimmt. Irgendwann ist die Platte dann fertig und wird eingespielt. Dann kommt der Produzent, macht alles anders und dann klingt es doch wieder wie vorher. Im Endeffekt gilt immer eins: An einem guten und erfolgreichen Song oder Album haben alle mitgewirkt - an einem schlechten Song oder Album ist nur der Komponist schuld. Zum Glück sind nur gute Songs auf "Götter auf Abruf" ;-) (in der Tat! – der Red.)

Holger:
Ist die Stilrichtung eines Songs von vornherein festgelegt oder ergibt es sich aus der Stimmung beim Komponieren?

holly d.:
Wenn die Grundidee für einen Song da ist, dann tut jeder seinen Teil dazu, bei acht Leuten kommt da schon was zusammen. Die eigentliche Stimmung oder manchmal auch die Stilrichtung ergibt sich gelegentlich erst mit dem Text. Ich staune manchmal, wenn ich alte Proberaumbänder sichte, wie sich so mancher Song verändert hat, bis er dann ein richtiger INSTANZ-Song ist und mal auf Platte landet. Vielleicht sollte man für's nächste Album mal alle Proberaumaufnahmen aufheben und hinterher für einen Song die Entstehung dokumentieren. Zumindest für andere Musiker wäre das sicher interessant. (Wohl auch für die Fans – der Red.)

Holger:
Wie seht ihr die Tatsache, dass ihr keiner Szene so richtig zuzuordnen seid?
In welchem musikalischen Genre seht ihr euch selber und fühlt ihr euch wohl?

holly d.:
Eher als positiv, ich glaube die Zeiten steifer Eitelkeiten gehen langsam zu Ende. Und das ist gut so. Keiner sollte nur immer dieselbe Musik hören, das ist einfach ungesund. Wir haben Spaß daran, zwischen den Szenen zu wandeln. Allerdings möchte ich auf jeden Fall unsere Freunde im dunklen Milieu hervorheben. Ohne die Treue der "Grufties" wären wir nie da, wo wir sind. Das werden wir nie vergessen. Ehrenwort!

Holger:
Würdet ihr alte Songs neu aufnehmen wollen? Welche Songs wären das dann und was würdet ihr verändern?

holly d.:
Nein, würden wir nicht. Es geht schneller, einen neuen Song zu schreiben, als einen alten neu zu gestalten. Wir schauen gern vorwärts.

Holger:
Welches Märchen nehmt ihr als nächstes ins Programm und wonach sucht ihr die Märchen aus?

holly d.:
"Des Kaisers neue Kleider" hätte textlich besser auf "Kalter Glanz" gepasst. Nun ist der Song auf dem neuen Album. Das Märchen passt einfach zu uns. Die Geschichte ist irgendwie ein bisschen gemein - regelrecht hinterhältig. Diese Art von Humor mögen wir. Die Eitlen und Machtgierigen können gar nicht genug an der Nase herum geführt werden. Das ist sozusagen eine Art moderne Gauklerei. Wir suchen Märchen aber nicht gezielt aus, so was ergibt sich. In dem Fall hatte Robin die Idee.

Holger:
Warum möchte Robin mit dem Papst zusammen spielen und welche Rolle soll der Geistliche Vater dabei übernehmen?

holly d.:
Keine Ahnung warum, vielleicht die heilige Inquisition nachstellen- als Erstes könnte man Berlusconi verbrennen. Vielleicht will er auch nur mal den Heiligen Stuhl sehen. Robin hat immer so lustige Ideen.

Holger:
Woher nehmt ihr die Zeit, euer überlaufendes Gästebuch auf der HP zu betreuen?

holly d.:
Das machen Andraj - unser Grafiker und Lichtmann, F.X. und ich. Irgendwie findet sich die Zeit immer und wenn es früh um vier Uhr ist. Obwohl ich mir manchmal schon wünschte, der wäre vier oder fünf Stunden länger, dann käme ich mal vor 12 Uhr ins Bett..

Holger:
Wann und mit wem dürfen wir das nächste Mal mit euch hüpfen?

holly d.:
Die Frage verstehe ich jetzt nicht wirklich. Also zumindest ist Hüpfen auf den reichlich 20 Konzerten im Herbst nicht direkt verboten, also tut euch keinen Zwang an. Und mit wem? Am besten, ihr bringt alle eure Freunde mit: Ist der Saal voll- freut sich die Band ;-) (gemeint war die anstehende Tour und die Vorband, aber ihr könnt hollys Worten dennoch Folge leisten – der Red.)

Holger:
Wo seht ihr die LETZTE INSTANZ in genau 10 Jahren?

holly d.:
Hoffentlich in der Sonne- vielleicht Südfrankreich? Vielleicht stehen wir auch bei VW am Fliessband oder in der Schlange beim Arbeitsamt, wer weiß das schon so genau.

Holger:
Die typische Metal-Frage: Was sind eure fünf Lieblingsmetalplatten?

holly d.:
Ups, auf dem falschen Fuß erwischt. Mal anders herum, bei meinen 10 Lieblingsplatten ist leider nur ein Metalalbum dabei (WALTARI "Death Metal Symphony"). Ich könnte die Frage jetzt an einen meiner Bandkollegen weiterleiten, doch die sind alle im Urlaub - ich halte hier sozusagen die Stellung. (oh, armer holly! – der Red.) Deshalb schaue ich jetzt noch mal genauer in meinen Plattenschrank und suche nach versteckten Metalscheiben.

1. WALTARI "Death Metal Symphony" natürlich in Deep C
2. alles von METALLICA (für Specki T.D. und Benni Cellini)
3. THINK ABOUT MUTATION alles, aber besonders "Housebastards"
4. KORN "Follow The Leader" und "Untouchables"
5. SYSTEM OF A DOWN "Toxicity"
6. STATIC X "Machine"
7. THE URGE "Master Of Styles"
8. CLAWFINGER "Use Your Brain"
9. RAMMSTEIN "Mutter"
10. TOOL die letzte

Ja, mehr kommt jetzt hier nicht. In der zweiten Reihe beherbergt mein Plattenschrank noch HELLOWEEN, GAMMA RAY, IRON MAIDEN, RUNNING WILD, U.D.O., MANOWAR und JUDAS PRIEST. Die haben aber allesamt wenig Chancen noch mal den Weg in meinen CD-Player zu finden. Sorry für die Dinosaurier, aber ihr seit lange tot. Wie du siehst: Fehlanzeige, ich bin eher ein Weichei ;-)

Wie eingangs erwähnt, erntet die abschließende Auflistung nicht meine Zustimmung, aber was der "einsame Ritter" da so in zweiter Reihe alles finden konnte, hat zumindest bei mir für einige Erheiterung gesorgt. Und mit der Einschätzung "Weichei" müsste ich mich dann ebenfalls abgeben, da auch ich gerade mal zwei der genannten Kapellen heute noch (gelegentlich) auflege. Insofern, alles wird gut !


Redakteur:
Holger Andrae

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