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MAYFAIR: Interview und Gruppentherapie zu "Schlage mein Herz, schlage"

07.04.2014 | 10:01

Rückblick auf ein Jahreshighlight 2013.

MAYFAIRs "Schlage mein Herz, schlage" war für einige in der Redaktion ein Highlight des Jahres. Nun hat das Album schon einen Jahreswechsel auf dem Buckel und belegt einen tollen neunten Platz im Redaktionspoll. Grund genug, noch einmal über dieses Album zu berichten, und zwar in Form einer Gruppentherapie. Darüber hinaus steht auch noch der dritte Teil des großen MAYFAIR-Interviews vom Mai 2013 aus.

Im ersten und zweiten Teil haben wir lange über die erste Phase der Band in den Neunzigern geredet, von den Anfängen bis hin zum schmerzvollen Split. Wie es zur Reunion kam und welche Rolle die beiden neuen Mitglieder in der Band spielen, darum soll es im letzten Teil gehen.





Der Urkeim für die Reunion ging von Réné aus, der nach langer Abstinenz vom Bandleben, ja sogar selbst vom Gitarre spielen, wieder angefangen hat, mit der Klampfe Ideen zu sammeln. Schnell hat er gemerkt, dass dort wieder das alte MAYFAIR-Feeling drin war und spontan schickt er Sänger Mario eine Idee, die altes Herzblut wiedererweckt. Aus dieser Idee ist dann letztendlich 'Island' geworden.


Mario: Wir haben die Erwartungen am Anfang ganz niedrig gehalten, für mich war es einfach brutal gut, sich einmal in der Woche in einer Männerrunde zu treffen und einfach Musik zu machen. Als wir angefangen haben mit 'Tric Trac', und später auch wieder alte Songs gespielt haben, das war vom Gefühl her einfach unglaublich.

Thomas: Wie ist das eigentlich, nach so vielen Jahren diese alten Songs zu spielen? Erinnert ihr euch denn überhaupt noch, wie die gingen?

Réné: Ich hatte ja die Songs zehn Jahre nicht mehr gespielt und auch gar nicht mehr anghört, doch als wir damit wieder angefangen haben, ging das eigentlich sofort wieder.

Mario: Bei mir ähnlich, und die eigenen Texte vergisst man einfach nie wieder.


Zu dieser Männerrunde gehört nun auch Schlagzeuger Jolly und Basser Hannes und nicht mehr die Original-Mitglieder Mötle und Little.

Mario: Der Jolly war schon von Kind auf immer bei uns dabei. Er hat keine Probe, kein Konzert verpasst.

Réné: Und er war es, der die ganzen alten Aufnahmen, die jetzt als Bonus auf der "Behind..."-Neuauflage drauf sind, ausgegraben hat.


Mario: Ich habe eigentlich immer gewusst, dass er Schlagzeug spielt, aber ich habe echt nicht gewusst, dass er SO gut spielt.

Réné: Den Little (Manfred Konzett) haben wir gefragt, aber der macht sein eigenes musikalisches Ding (Produzent in den Little Big Beat-Studios, dazu musikalisch aktiv u.a bei Matt Boroff & THE MIRRORS und EVERYTHING BUT GIANTS) und irgendwie war uns bei der Reunion auch klar, dass wenn, dann eigentlich nur Jolly bei uns hinterm Schlagzeug sitzen kann.

Und was ist mit Mötle geworden? Mit dem habt ihr ja meines Wissens wieder angefangen?

Mario: Wir hätten echt brutal gerne mit Mötle weiter gemacht, es hat auch gut angefangen, aber mit der Zeit kam dann doch immer wieder eine Atmosphäre auf wie zu "Fastest Trip To Cybertown"-Zeiten. Es hat sich Druck aufgebaut und es kam zu Sticheleien...

Wie im zweiten Teil ausführlich beleuchtet, gab es zu dieser Zeit zu großen Zerwürfnissen innerhalb der Band. Die gesteigerten Ambitionen und ein Übermaß an Professionalität hatten das Menschliche innerhalb der Band über Jahre zerstört.

Réné: Unsere Philosophie von MAYFAIR nach der Reunion ist ja, die Dinge übersichtlich und klein zu halten und eine nahe Verbindung zum Underground zu halten. Doch das ging auf die Dauer mit Mötle überhaupt nicht. Der hat auf einmal wieder Lüfte geschnuppert wie zu "Fastest Trip..."-Zeiten.

Interessant. Als Aussenstehender reimt man sich da ja ganz andere Szenarien zusammen. Man sieht, Mötle sitzt im Rollstuhl, vielleicht hat er es ja gesundheitlich nicht gepackt.

Réné: Nein, nein, der war so motiviert, der ist sogar schon wieder gelaufen, mit dem Rollstuhl auf dem Buckel, hahaha...


Und dann kam Hannes (Johannes Leierer) ins Spiel. Hannes ist auch schon lang in der lokalen Szene bekannt, spielte u.a. bei den Power Metallern ART OF FEAR und später bei den Djent/Deathern DIVINE TEMPTATION. Man hat auch schon von der gemeinsamen Zeit Konzerte miteinander gespielt.


Réné: Wir haben echt nicht so genau gewusst, was wir tun sollten, es war zwei Monate vor dem ersten Konzert und wir standen ohne Basser da.

Mario: Und ich war so deppert, denn Hannes war ja ein Facebook-Freund von mir und da war immer der Bass auf seinen Bildern, aber meinst Du, ich wäre auf die Idee kommen, wir könnten ihn mal fragen? Das hat denn Réné gemacht.

Hannes: Für mich kam der Anruf aus heiterem Himmel, war ja früher MAYFAIR immer auch eine Art Konkurrenz.

Aber am Ende entpuppte sich der Anruf dann als ein Glückstreffer für beide Seiten. Hannes strahlt eine große Ruhe und Stetigkeit aus, bringt diese auch in die Band ein. Er sagt, es  habe früher anders Musik gemacht, geplanter und konstruierter, und musste laut Mario immer wieder mit dem Kopf schütteln ob der musikalischen Obskuritäten, die die MAYFAIR-Jungs in ihrem blinden Verständnis so abwerfen.

Hannes: Ich hab in dem Jahr, das ich jetzt hier spiele, gelernt, die Jungs einfach mal machen zu lassen, mir alles in Ruhe anzuhören und dann dazuzustoßen.

Réné: Hannes bringt in MAYFAIR eine Art Professionalität ein, die uns, denke ich, ganz gut tut. Denn Hannes weiß, was wir da alles so spielen, aus uns kommt das alles nämlich einfach so heraus, aber aufschreiben könnten wir das nie...
Mit Jolly und Hannes klingt MAYFAIR auf jeden Fall erfrischend anders und dennoch zu 100 % nach MAYFAIR. Man ist eingängiger, grooviger und spontaner geworden, was natürlich Türen und Tore für tolle Liveshows öffnet.





Was es alles zu sagen gibt zu "Schlage mein Herz, schlage", lest ihr in der folgenden Gruppentherapie, zu der wir sogar einen unserer Leser rekrutieren konnten.



2013 geht zu Ende und aus Österreich kommt eines der außergewöhnlichsten Alben des Jahres und bringt uns intelligente Rockmusik mit teils englischen, teils deutschen Texten, die herrlich unkitschig sind und einen äußerst geringen Fremdschämfaktor aufweisen. Dabei ist "Schlage Mein Herz, Schlage" verspielt und abwechslungsreich, allerdings nicht proggig-verspielt, sondern eher in der Hinsicht, dass MAYFAIR sich nicht um Genregrenzen kümmert oder bewusst versucht, sich einer Zielgruppe anzubiedern, stattdessen einfach ungezwungen losmusiziert und sich irgendwo zwischen den Poprock eines Joachim Witt, der mir bei 'Du Allein' einfällt, und der Emotionalität einer Kate Bush wie in 'Tric Trac' setzt, in 'Island' ein wenig nach ANATHEMA mit deutschen Texten klingt oder wie in 'Der Abschied' Weltmusikanleihen verarbeitet, aber vor allem in der ersten Hälfte des Albums auch ordentlich rockt wie im Titelsong oder 'Drei Jahre Zurück'. Aber das was unser Thomas in seinem Review nicht so genau zu definieren wusste, fällt mir ungleich leichter einzuordnen, denn ich klebe einfach das Label "Rock mit Köpfchen" auf die Schublade und lege MAYFAIR rein. Fertig. War gar nicht so schwer, aber dafür ist es weiterhin ein Genuss.

Note: 8,0/10
[Frank Jaeger]





"Schwer verdaulich", "finde keinen Zugang", "unhörbar". Diese drei Kommentare stammen aus dem letzten Soundcheck und beziehen sich auf die aktuelle Scheibe von MAYFAIR. Und ich kann keinen einzigen davon nachvollziehen, nicht mal ansatzweise! An dieser Stelle auch gleich eine Warnung: Wer beim Begriff "Progressive Metal" an hochkomplexe, überlange Songs und instrumentale Abfahrten mit reichlich Gefrickel denkt, der ist bei den Österreichern ganz, ganz falsch. Die Songs sind allesamt kompakt gehalten, komplex ist da gar nix und instrumentales Gewichse sucht man hier ebenfalls vergeblich. Nein, diese Art Musik spielt MAYFAIR nicht. Dafür ist man aber progressiv im ursprünglichem Sinne des Wortes. Die Band schert sich 'nen Dreck um Genregrenzen, kennt keine Berührungsängste und fischt auch gerne mal in (genre)fremden Gewässern. Diese Einflüsse (ganz toll z.B. die FALCO-Remineszenz in "Drei Jahre zurück") sind aber keineswegs unpassend sondern werden so geschickt in den eigenen Sound integriert, dass das Ergebnis einfach nur rund und stimmig wirkt. Die Songs sind extrem eingängig, ja fast schon poppig im positiven Sinne des Wortes. Die transportierten Stimmungen reichen von eher fröhlich (z.B. der Titeltrack oder "Abendp_rno") über nachdenklich ("Firestorm", "wwwrong", etc.) bis hin zu traurig ("Island"), eine gewisse Melancholie schwingt aber eigentlich fast immer mit. Das Schöne an der Platte ist, dass die Musik aufgrund der tollen Melodien und Mitsingparts sowohl für den schnellen Konsum geeignet ist (ich könnte mir den einen oder anderen Song z.B. gut nachmittags im Radio vorstellen), andererseits aber auch durch musikalische Details und vor allem durch die Lyrics genug Substanz für eine tiefergehende Beschäftigung vorhanden ist. Oder anders gesagt: Dieses Album sollte eigentlich viele verschiedene Leute ansprechen und glücklich machen können. Leider, leider wird die Band aber wohl auch weiterhin nur ein Geheimtipp bleiben. Für mich jedenfalls die Entdeckung des Jahres, ich krieg derzeit kaum genug von der Scheibe! Das Ding funktioniert in jeder Stimmung und macht einfach süchtig. Ich kann jedem Leser, der halbwegs open minded ist und ohne Scheuklappen durch sein musikalisches Leben geht, nur dringend empfehlen, diese Scheibe zumindest mal anzutesten.

Note: 9,0/10
[Leser Erwin]

Lieber Erwin, wenn du schon einen kurzen Soundcheck-Kommentar zitierst, dann doch bitte vollständig. Denn "unhörbar" stehen die beiden Worte "eigenwillig" und "interessant" voran. Darauf poche ich nun nicht, weil ich ein Pedant des hundertprozentig korrekten Zitierens bin, sondern weil eben nur dieses Dreieck wirklich genau beschreibt, wie "Schlage Mein Herz Schlage" auf mich wirkt. "Eigenwillig" beschreibt die von den Kollegen schon gut herausgestellte Ignoranz der Band, sich um irgendwelche Grenzen zu scheren. MAYFAIR bringt hier einen sehr eigenen Sound hervor, der bisher so noch nicht zu meinen Ohren durchgedrungen ist. Das rechne ich der Band hoch an, wenngleich daraus (zumindest für mich) eine kleine Eingewöhnungsphase resultiert. Das bringt mich dann direkt zum nächsten Aspekt: "Interessant" ist die Platte dadurch nämlich ebenfalls. Das ist wohl durchdachte Musik, die einen wirklich mal hinhorchen lässt - und kein weiterer Soundcheck-Kandidat, der zwischen Tagesschau und Wetterkarte links hinein, rechts hinaus läuft. Gesang (mit den Unterpunkten Stil, Sprache, Text), Instrumentarium und Klang im Allgemeinen variieren genau wie das Songwriting teilweise sehr deutlich, so dass Langeweile im Prinzip nie aufkommt. Nun folgt das von vielen sicher schon sehnlichst erwartete Aber: "Unhörbar" ist und bleibt die Platte für mich trotz allem. Es fällt mir schwer zu beschreiben, wie ich zu dieser Einschätzung komme, jedoch ist "Schlage Mein Herz Schlage" trotz all der entspannten Momente irgendwie unangenehm zu hören. Vor meinem Auge geht ein grauer Schleier herunter, der mich die Welt irgendwie aus einer Perspektive sehen lässt, die ich nicht mag. MAYFAIR hat eine Platte geschrieben, die weder über noch unter, sondern stattdessen neben den Dingen steht. Und so gerne ich ansonsten auch Ausflüge in fremde Gefilde unternehme: Hier kann ich einfach nicht wirklich folgen.
Bisher hat es nicht "Klick!" gemacht, und ich habe so meine Zweifel, ob das noch passieren wird. Nie habe ich mich bisher mit einer Note schwerer getan als bei diesem Album, denn von von zwei bis zu neun Zählern wäre alles irgendwie zu rechtfertigen gewesen. Wenn ich nach unseren Notendefinitionen gehe, glaube ich jedoch, dass sechs Punkte am nächsten an der vermeintlichen Wahrheit sind. Der Wahrheit über ein Album, dass in mir den Drang auslöst, es aufzulegen, nur um festzustellen, dass ich es doch nicht mag. Gute Nacht.

Note: 6,0/10

[Oliver Paßgang]

Lange habe ich überlegt, womit ich diesen Beitrag beginnen soll. Im Endeffekt habe ich mich für einem generellen Überblick zum Thema "Emotionen und Musik", den wie ich finde angemessensten Beginn, entschieden. Für mich ist gute bis sehr gute Musik gleichbedeutend mit den Emotionen und Gefühlen, die mich beim Hören überkommen. Gute Musik muss mich bewegen, muss mich fesseln, aus der Reserve locken und die verschiedensten Gefühlsregungen in mir veranlassen. Sobald eine Handvoll von Songs dies nicht schafft, ist dies subjektiv gesehen keine geeignete Musik für mich. MAYFAIR lässt mit "Schlage mein Herz, schlage" zwar Prog-Herzen höher schlagen, meins jedoch bleibt gänzlich unberührt, was sich auch in der Benotung wiederspiegelt. Ich erkenne durchaus, dass der MAYFAIR-Prog nicht mit dem Gefrickel-Einheitsbrei Hand in Hand geht, für die Eigenständigkeit gebührt ihm Respekt, den die Platte auch von mir bekommt. Doch jeder empfindet Musik anders, sodass ich die Euphoriewellen, die die Österreicher entfachen, nur bedingt nachvollziehen kann. Objektiv gute Stücke wie der Rocker 'Firestorm', 'Island' oder 'Drei Jahre zurück' lösen bei dem Großteil unserer Redaktion Begeisterungsstürme aus, mich jedenfalls lassen sie beinahe kalt, obwohl MAYFAIR ihr Möglichstes geben, dies zu ändern. Nett anzuhören ist das Album alle Male, doch neben meiner Ignoranz trägt auch die schwer zu erkennende, gerade Linie einen Großteil dazu bei, das Album im Notenmittelfeld zu platzieren. Die Berg- und Talfahrt, die "Schlage mein Herz, schlage" hier fabriziert, ist für mich zuviel des Guten. Man mag mich steinigen, mich nach meinem Verstand fragen, doch fragt man mein Herz, was der Albumtitel von alleine macht, werdet ihr mir zustimmen, dass es anderer Musik besser und direkter gelingt, meine Emotionen zu wecken.

Note: 5,5/10
[Marcel Rapp]


Da wollen einiger meiner lieben Kollegen die Hörer aber mächtig in die Irre führen, in dem sie die Ausnahmeband MAYFAIR mit dem abschreckenden Begriff "progressiv" ausstatten. Dabei ist das sehnlich erwartete Neustart-Album "Schlage Mein Herz, Schlage!" nicht einmal im Bandkontext progressiv. Vielmehr geht das sympathische Quartett musikalisch zurück zu seinen Wurzeln und lässt die elektronischen Spielereien wie Samples und Loops, die uns auf dem Vorgänger anfänglich schwer zu schaffen machten, komplett weg und konzentriert sich auf handgemachte, extrem emotionale Musik, die vom ersten Hören an nur ein Ziel verfolgt: Geradeaus ins Herzen des Zuhörers. Ich kann verstehen, dass man als Freund des reinen Heavy Metal eventuell schwer Zugang zu den bisweilen nachdenklich intonierten Kompositionen von MAYFAIR finden wird, denn die Musik der Österreicher agiert weit am äußersten Rand dieses Musikgenres und kommt gänzlich ohne stereotypische Klischees aus. Völlig ohne Barrieren musizieren die vier Herren aus dem Bauch heraus und lassen dabei Songs entstehen, die trotz aller textlichen Tiefe immer auch irgendwie leicht klingen. Das ist die Kunst, die nur wenige Bands beherrschen: Ich habe beim Anhören des Albums oftmals den Eindruck, die Musiker würden im Proberaum jammen und dabei diese kaum erklärbare emotionale Parallelwelt erschaffen, in der sie mit verbundenen Augen und verstopften Ohren genau spüren, was die anderen Beteiligten gerade denken und empfinden. Es entsteht ein völlig natürlicher Fluss, bei dem es dann überhaupt keine Rolle spielt, ob man seine Gedanken in Deutsch oder in Englisch artikuliert. Dabei entstehen dann so mitreißende Nummern wie das an WARRIOR SOUL erinnernde, eröffnende Titelstück, dessen Kraft den Zuhörer sofort erfasst und den Einstieg ins Album unglaublich leicht macht. Die wundervolle Mischung aus treibenden, leicht psychedelischen Rhythmen, frei schwebenden Gitarren und einer Stimme, die in jedem Song für Entenpelle sorgt, fasziniert, fesselt und erzeugt beim Anhören nur einen einzigen Wunsch: Noch einmal anhören! Ein Album für alle Freunde emotionaler Musik zwischen ANATHEMA, ELEMENT OF CRIME, LAST CRACK und WARRIOR SOUL.

Note: 9,5/10
[Holger Andrae]


Und wieder ist eine Gruppentherapie geprägt von Grundsatzdebatten um "progressive" Musik und man könnte beinahe meinen, wir hätten es da mit einem Schimpfwort zu tun. Im Vergleich zur sonstigen Rock/Metal-Landschaft muss man "Schlage Mein Herz, Schlage" aber doch als progressiv bezeichnen, denn die völlige Ignoranz von Hörererwartungen, Genre-Klischees oder sonstigen Sackgassen hat uns ein Album gebracht, das nicht nur in diesem Jahr seinesgleichen sucht. Wenn ich dann Bewertungen wie bei den Kollegen Rapp und Paßgang sehe, muss ich kräftig mit dem Kopf schütteln. Jeden Monat hauen wir uns hier die Reissbrett-Metal-Platten mit deutliche höheren Bewertungen rein, jede generische Thrash-Scheibe bekommt seine Wohlfühl-Durchschnitts-Sieben-Punkte. Seien wir doch mal ehrlich: Von der Mittelmaß-Ware haben wir alle mindestens dutzende Alben im Regal, auch der drölfzigste Bay-Area-Klon erntet mit handzahmen Gebolze Zustimmung. Und dann kommt hier eine Band wie MAYFAIR, die etwas zu sagen hat. Die bereit ist, ein Album aufzunehmen, dessen Ecken und Kanten offenbar so rau und teilweise unansehnlich geraten sind, dass selbst ausgewiesene Alleshörer die Segel streichen. Doch haben die Österreicher auch bei solchen Zuhörern mehr erreicht, als man auf den ersten Blick denken mag. Musik, also Kunst, darf gerne aus dem Betrieb der Kulturindustrie ausbrechen. Darf den Zeitgeist verprellen, Konventionen den Kampf ansagen und sich der sonst üblichen Vergleiche entbehren. Solch ein Unikat ist das vierte Album MAYFAIRs, und wenn ich die bisherigen Beiträge so lese, ist die Mission tatsächlich erfüllt. Kein Song klingt wie der nächste, Schubladen oder sonstige Limitierungen findet man hier schlichtweg nicht. Zugegeben: Man kann "Schlage mein Herz, schlage" nicht in jeder Gemütsverfassung hören. Manchmal tut es weh. Manchmal ist es zum Weinen schön. Aber niemals lässt es einen kalt. Wenn ich doch dieses Kompliment nur öfter verteilen könnte.

Note: 9,0/10
[Nils Macher]

Für die Fotos geht großer Dank an Frank Zurheide!


Mehr zu diesem Artikel:

Soundcheck 11/2013
Review zu "Schlage mein Herz, schlage"
Review zu "Behind..."
Arikel: Weggefährten MAYFAIR - "Behind..." (Interview Teil 1)
Artikel: Interview mit Mario und René (Interview Teil 2)

Redakteur:
Thomas Becker

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