METAL CHURCH: Interview mit Ronny Munroe

18.10.2008 | 19:57

Dass die Seattle-Legende METAL CHURCH noch lange nicht zum alten Eisen gehört, bewiesen in den letzten Jahren exzellente Alben wie "Weight Of The World" und "A Light In The Dark". Die Truppe um Mastermind Kurdt Vanderhoof wird allerdings wohl auf ewig die Bürde der Genialität ihrer eigenen Frühphase mit sich herum schleppen. Der tragische Unfalltod von Ur-Sänger David Wayne rief bei vielen von uns noch einmal Erinnerungen wach an jene großen Tage, als wir zum ersten Mal zu Über-Klassikern wie 'Beyond The Black', 'Gods Of Wrath' oder 'Ton Of Bricks' das damals noch volle Haupthaar schwangen. Es folgte die wohl kompositorisch anspruchsvollste Phase der Band-Geschichte mit Mike Howe am Mikro. Nach dem durchwachsenen Comeback-Versuch in Original-Besetzung mit 'Masterpeace' und einer dringend notwendigen künstlerischen Pause, fanden METAL CHURCH in ROTTWEILER-Röhre Ronny Munroe den idealen neuen Frontmann, um noch einmal so richtig durchzustarten. Eben der unterhielt sich mit dem POWERMETAL.de-Abgesandten über das bärenstarke aktuelle Werk "This Present Wasteland".

Martin:
Ronny, mit "This Present Wasteland" habt ihr wieder einmal ganze Arbeit abgeliefert, ein äußerst edles Stück US-Stahl. Wie fühlt man sich mit so einer Hammer-Platte im Gepäck?

Ronny:
Wir sind alle sehr stolz auf das neue Album, es fühlt sich einfach nur gut an. Es macht großen Spaß, die neuen Stücke zu spielen. Sie geben mit ihrer Mischung aus musikalischer Energie und textlicher Nachdenklichkeit unsere Sicht auf die Welt von heute wieder.

Martin:
Eigentlich müsste es für euch doch inzwischen Routine sein, ein neues Album fertig zu stellen, so viele wie ihr schon gemacht habt!?

Ronny:
Oh nein! Wir sind Musiker. Musiker sind Künstler. Alles, was wir machen, kommt tief auch unserem Innern, das sind Reflexionen unseres kreativen Selbst. Wenn das zur Routine verkommen würde, wären der Zauber und die Einzigartigkeit dieses schöpferischen Prozesses zerstört. Wenn wir diese magischen Momente nicht mehr erleben würden beim Entstehen unserer Platten, sollten wir uns wohl besser ein anderes Betätigungsfeld suchen, das uns mehr fasziniert.

Martin:
Was ist für dich das Besondere, das Einzigartige an "This Present Wasteland", das die Scheibe von ihren Vorgängern abhebt?

Ronny:
"This Present Wasteland" verströmt für mich ein starkes "Back-To-The-Roots"-Feeling. Das mag komisch klingen, wenn ich das sage, wo ich doch noch gar nicht so lange dabei bin. Trotzdem kann ich mich in den ursprünglichen Spirit der Musik von METAL CHURCH sehr gut einfühlen. "This Present Wasteland" klingt wieder deutlich nach den früheren Alben, nur mit mehr Reife und Lebenserfahrung.

Martin:
Gibt es da einen Song, der dir besonders am Herzen liegt?

Ronny:
Mein Lieblingssong auf dem neuen Album ist 'Breathe Again'. Jeder einzelne in der Band hat in der letzten Zeit einen schweren persönlichen Verlust erleiden müssen. Geliebte Menschen sind von uns gegangen, und wir haben versucht, uns selbst zu überzeugen, dass es ihnen dort gut geht, wo sie hin sind, und sie wollen, dass wir unseren Weg auch ohne sie weiter gehen. Um die Befreiung aus diesen emotionalen Ketten geht es in dem Stück.

Martin:
Das bemerkenswerteste, weil für euch wohl ungewöhnlichste Stück ist für mich 'Deeds Of A Dead Soul', eine waschechte Doom-Nummer. Da haben doch BLACK SABBATH Pate gestanden, oder!?

Ronny:
'Deeds Of A Dead Soul' ist nicht direkt von irgend einer anderen Band inspiriert. Aber ich kann wohl kaum bestreiten, dass BLACK SABBATH insgesamt zusammen mit anderen alten Helden wie IRON MAIDEN und LED ZEPPELIN zu unseren absoluten Lieblingsbands und musikalischen Einflüssen gehören. Somit fühle ich mich schon ein bisschen geschmeichelt, wenn dich der Song an BLACK SABBATH erinnert. Obwohl ich hier der Form halber natürlich darauf bestehen muss, dass wir selbstverständlich unseren ganz eigenen Sound haben, hahaha!

Martin:
Als ob das jemand ernsthaft bestreiten könnte... Ihr selbst seid natürlich auch Vorbilder für die nachfolgende Generation von Metal-Bands gewesen. Gerade die Seattle-Szene war kurz vor der Grunge-Explosion äußerst fruchtbar und kreativ. Mir kommt es so vor, als seien klassische Speed-Metal-Nummern wie 'Meet Your Maker' oder 'Mass Hysteria' ein Tribut an diese Zeiten.

Ronny:
Martin, mein Freund, das ist doch das Schöne an Musik! Ein guter Song kann für jeden Hörer eine andere Bedeutung haben, und jede Bedeutung ist genauso richtig oder falsch wie jede andere. Wenn du das aus diesen Stücken für dich heraus ziehst, finde ich das super, mir sind diese Assoziationen sympatisch. Ich denke, unsere Songs sind eigentlich immer vieldeutig. Der Text von 'Mass Hysteria' handelt übrigens von dem enormen Einfluss der Medien, die in den modernen Gesellschaften die Massen kontrollieren und lenken. Die Menschen dürfen niemals aufhören, sich selbst zu informieren und selbst Fragen zu stellen, statt alles so zu akzeptieren, wie es einem vorgesetzt wird.
'Meet Your Maker' hat für mich ebenfalls eine sehr starke Botschaft. Der Song sagt mir, dass jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben trägt. Wenn dir dein Leben nicht gefällt, so wie es ist, dann krieg den Arsch hoch und ändere was daran! Kein anderer wird das für dich tun. Je nachdem, was man selbst glaubt, könnte man den Text aber wohl auch anders interpretieren. Ein christlicher Mensch könnte vielleicht die Frage heraus lesen, ob man denn wohl vor dem Jüngsten Gericht bestehen würde...

Martin:
Man erkennt unschwer, dass du die Text schreibst. Woher nimmst du deine Anregungen? Bist du überzeugt, dass ein guter Song auch notwendigerweise einen aussagekräftigen Text braucht, um eine grandioser Song zu werden?

Ronny:
In der Tat schreibe ich die Texte, wie hast du das nur heraus gefunden, hahaha! Kurdt schreibt die Musik, ich die Lyrics. Nee, stimmt nicht ganz, einen Text hat Kurdt auch geschrieben, den zu 'Monster'. Natürlich braucht ein wirklich großartiger Song auch einen vernünftigen Text. Der muss gar nicht intellektuell sein, sondern einfach zur Musik passen, die Atmosphäre der Musik adäquat wieder geben. Für mich gibt es da schon einige klassische, wichtige Themen, zum Beispiel die Kontrolle über das eigene Leben zurück zu gewinnen oder die Dinge, so wie sie sind, zu hinterfragen. Manchmal geht es aber auch einfach nur um den positiven Abbau von Aggressionen.

Martin:
Verrätst du mir dann auch noch, worum es in 'Monster' eigentlich geht?

Ronny:
Der Text beschreibt all die schönen, wertvollen Dinge, die wir auf dem Weg ins Computer-Zeitalter verloren haben. Alles Persönliche und Unmittelbare gerät unter die Räder. Kannst du dir vorstellen, dass da draußen eine Generation heran wächst, die sich zwar auch für Musik interessieren mag, aber nie am eigenen Leib erfahren wird, wie es ist, ganz aufgeregt vor dem örtlichen Plattenladen in der Schlange zu stehen, weil an diesem Tag endlich das neue Album deiner Lieblingsband erscheint? Heute lädt man das Zeug einfach irgendwo runter. Ein anderes Beispiel: Kaum einer ruft noch einfach mal an oder kommt vorbei, um Hallo zu sagen. Man kann sich ja eine E-Mail schicken. Viel zu viele Leute leben heute ihr Leben hinter der Tastatur ihres Rechners versteckt. Das ist wirklich schade!

Martin:
Haben dich inzwischen eigentlich alle alten Fans als METAL CHURCH-Sänger akzeptiert?

Ronny:
Es wird wohl immer auch die beinharten David-Wayne-Liebhaber und Mike-Howe-Supporter unter den METAL CHURCH-Fans geben. Aber die Zahl der Ronny-Munroe-Anhänger wächst stetig, ich fühle mich wirklich akzeptiert und aufgenommen. Mir ist jeder METAL CHURCH-Fan wichtig, egal, wer sein Lieblingssänger in dieser Band ist oder war. Die Situation ist da in anderen Bands mit einer so langen, wechselhaften Geschichte und diversen Frontmännern doch auch nicht anders. Wichtig ist vor allem, dass sich METAL CHURCH musikalisch immer treu geblieben sind, egal wer gerade sang. Das wissen unsere Fans zu schätzen.

Martin:
Möchtest du noch etwas dazu sagen, weshalb Gitarrist Jay Reynolds die Band verlassen musste? Er soll ja zwischenzeitlich im Knast gesessen haben.

Ronny:
Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Jay hat METAL CHURCH aus persönlichen Gründen verlassen, folglich möchte ich hier nicht über diese Gründe im Detail reden. Zu den Gerüchten kann ich auch nichts sagen, davon weiß ich nichts.

Martin:
Hast du deinen ROTTWEILER-Bandkollegen Rick van Zandt als Ersatz für Ray ins Spiel gebracht?

Ronny:
Oh, da musste ich gar nicht viel nachhelfen, Kurdt kannte Rick und wusste von seinem hervorragenden Talent. Rick ist ein begnadeter Musiker und hat genau den frischen Wind mit in die Band gebracht, nach dem wir gesucht hatten. Unsere gemeinsame musikalische Vorgeschichte spielte da keine zentrale Rolle.

Martin:
Was ist eigentlich aus deinen Plänen für ein Solo-Album geworden? Dabei wollte dich Rick doch auch unterstützen, nicht wahr!?

Ronny:
METAL CHURCH genießen höchste Priorität bei mir, und da wir zuletzt sehr hart an "This Present Wasteland" gearbeitet haben und jetzt die Promo-Aktivitäten zur Platte anstehen, habe ich meine anderweitigen Pläne erstmal auf Eis gelegt. Die Songs sind allerdings fertig, und sobald ich etwas Zeit finde, werden wir sie aufnehmen.

Martin:
Stichwort Promo-Aktivitäten: In eurer Heimat seid ihr mit Business-Größen wie JUDAS PRIEST und QUEENSRYCHE unterwegs. Was ist denn für Europa geplant?

Ronny:
Wir werden im Februar kommenden Jahres zusammen mit OVERKILL in Europa unterwegs sein. Das wird bestimmt großartig, wir freuen uns sehr darauf.

Martin:
Wir uns auch. Ich nehme an, dann gibt es neben brandneuem Material auch wieder ein paar ganz alte Klassiker zu hören?

Ronny:
Selbstverständlich! Die Fans würden uns auch wohl kaum aus der Halle lassen, bis wir nicht auch ein paar alte Nummern gespielt haben, hehehe!

Martin:
Zum Cover von "This Present Wasteland" seid ihr auf ziemlich originelle Art und Weise gekommen. Über eure Website habt ihr einen Wettbewerb ausgeschrieben und die Fans um Verschläge gebeten. Wer hat sich denn das ausgedacht?

Ronny:
Ich habe die Idee an Kurdt heran getragen, und er mochte sie sofort. Ich finde es sehr wichtig, die Fans mit einzubeziehen und sie spüren zu lassen, dass jeder von ihnen ein Teil der großen METAL CHURCH-Familie ist. Wir waren wirklich überwältigt von der Resonanz. Uns tat es richtig leid, dass wir für das Frontcover nur einen Vorschlag auswählen konnten. Darum haben wir uns auch entschieden, im Booklet noch viele andere Entwürfe zu zeigen.

Martin:
Mitte des Jahres hat euer Management mal einen Newsletter rumgeschickt mit einer Tracklist für "This Present Wasteland", die aus 13 Song bestand. Jetzt sind zumindest auf meiner Version der CD nur zehn drauf. Die restlichen Nummern sind vermutlich der obligatorische Bonus-Kram für Asien, oder so!?

Ronny:
Nein, es gibt keine weiteren Songs. Die Liste hatte vorläufigen Charakter und enthielt die Arbeitstitel der Songs, an denen wir zu jener Zeit herum werkelten. Nicht alle haben es auf's Album geschafft.

Martin:
In derselben Meldung hieß es, Chris Caffery habe euch im Studio besucht und auch etwas beigesteuert.

Ronny:
Ja, Chris war da und hat ein Solo eingespielt. Angus Clark vom TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA ist ebenfalls zu hören und Matt Leff von WICKED WITCH. Es macht immer wieder Spaß, ein paar Freunde einzuladen und sie den einen oder anderen Part übernehmen zu lassen.

Martin:
METAL CHURCH gehören wohl in die Kategorie "Lebende Legenden". Interessiert ihr euch eigentlich dafür, was die Metal-Bands der jüngsten Generationen so treiben?

Ronny:
Ich höre viel Musik und bin dabei nicht auf einen bestimmten Stil festgelegt. Von den neueren Metal-Bands bekomme ich ehrlich gesagt nicht so viel mit. Aber DRAGONFORCE kenne ich zum Beispiel, die sind wirklich gut!

Redakteur:
Martin van der Laan

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