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MEZARKABUL: Interview mit Tarkan

01.01.1970 | 01:00

"Unspoken" heißt die neue Scheibe von der bekanntesten türkischen Metal-Band namens MEZARKABUL (die vier Vorgänger liefen allerdings unter dem Namen PENTAGRAM). Bassist Tarkan stellte sich meinen Fragen und gab mir bereitwillig Auskunft über den nicht ganz leichten Stand von Heavy Metal in der Türkei und darüber, dass die Hoffnung niemals stirbt.


Stephan:
Was denkst du, wie viele Leute hören harte Musik in der Türkei und wie populär ist sie bei euch?

Tarkan:
Also auf jeden Fall mehr als 100.000 Menschen, weil wir mehr als diese Zahl an Platten verkauft haben. Es werden natürlich um einiges mehr sein, da ja nicht alle unsere Alben kaufen. Es gibt schon eine große Metal Szene in der Türkei, aber eben auch viele Probleme. Zum Beispiel hat die Industrie ein paar Probleme mit der Piraterie. Das illegale Kopieren und so weiter macht es natürlich schwieriger für die Plattenfirmen und Bands.

Stephan:
Mit welchen politischen Problemen seht ihr euch als Metalband in eurer Heimat konfrontiert?

Tarkan:
Also wir werden durch die bestehenden Gesellschaftsstrukturen etwas blockiert. Es gibt ein sehr alteingesessenes, vorgegebenes Moralempfinden in der Türkei. Aber mit jedem Album, das wir herausgebracht haben, konnten wir einen kleinen Teil davon zerstören. Trotzdem versuchen natürlich einige konservativen Leute gegen uns zu arbeiten.

Stephan:
Welche negativen Erlebnisse sind dir da besonders in Erinnerung?

Tarkan:
Ich würde nicht unbedingt von negativen Erlebnissen sprechen. Es gab aber Zeiten, da wurden wir von gewissen Leuten auf Grund unserer langen Haare beschimpft.

Stephan:
Ich dachte da zum Beispiel an die aufgeheizte Situation, nachdem ein junges Mädchen von drei Satanisten ermordet worden war?

Tarkan:
Also dazu kann ich eigentlich nur sagen, dass es zwei Möglichkeiten gibt, seine Energie zu nutzen. Wenn du dich unterdrückt und depressiv fühlst, dann wird deine Energie zerstörerisch. Man sollte aber versuchen sich selbst zu verwirklichen um sich frei fühlen zu können. Wenn man sich vergegenwärtigt, was man fühlt, dann kann man seine Energie auch positiv nutzen. Und ich denke von da her ist es mit diesem Vorfall genauso wie mit jedem anderen Verbrechen auch.

Stephan:
Aber ich glaube, das eigentliche Problem war, dass von diesen drei Verbechern, die eben Metal gehört haben, auf die gesamte Metal-Szene verallgemeinert wurde.

Tarkan:
Ja, es war damals sicherlich eine schwierige Zeit. Das Ganze ist jetzt zwei Jahre her. Da gab es diese schwere Erdbeben in der Türkei, bei dem über 50.000 Menschen ums Leben kamen. Es herrschte danach eine Art düstere Atmosphäre in unserem Land. Es war bei weitem nicht das einzige Verbrechen, das in Folge dieser Katastrophe geschah. Eigentlich war jede Gesellschaftsschicht betroffen und entsprechend verängstigt waren die Leute. Auch die Wirtschaft bekam Probleme und es war schon eine ziemlich ernste Situation. Es wurden viele Menschen ins Gefängnis gesteckt, bloß weil sie T-Shirts von Hard Rock- oder Metal-Bands trugen. Ich denke, das alles resultierte aus dieser Katastrophe.

Stephan:
Ist es richtig, dass jetzt so eine Art Aufbruchstimmung herrscht?

Tarkan:
Es ist sehr schwer zu sagen, dass es besser geht. Die Politik in der Türkei ist sehr kompliziert. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft bessern wird. Aber zur Zeit brauchen die Menschen einfach viel Hoffnung.

Stephan:
Kannst du mal einen kurzen Überblick über die Metal-Szene in der Türkei geben?

Tarkan:
Also es gibt sehr viele Leute, die diese Musik mögen. Aber es ist keine etablierte Industrie für diese Art von Musik vorhanden. Es ist sehr schwierig, Alben zu veröffentlichen, Magazine herauszubringen oder einen Plattenladen zu betreiben. Es gibt Leute, die versuchen es, aber sie können es meist nicht lange durchhalten. Sie werden gewissermaßen blockiert von den Moralvorstellungen der Gesellschaft.

Stephan:
Wie weit geht die Ignoranz der Medien?

Tarkan:
In der Presse gibt es nicht viele Leute, die sich mit dieser Art von Musik befassen. Man kann da keine News über die Metal-Szene finden im Gegensatz zu anderen sozialen oder kulturellen Ereignissen.

Stephan:
Also habt ihr nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda sechsstellige Verkaufszahlen erreicht?

Tarkan:
Wir sind ja auch schon eine ganze Weile dabei, es sind jetzt 14 Jahre. Und wann man so lange dabei ist, dann ist man automatisch ziemlich bekannt.

Stephan:
Denkst du, dass ihr mit eurer Musik etwas zu einer positiven Entwicklung beitragen könnt?

Tarkan:
Unsere Musik reflektiert unsere persönliche und spirituelle Entwicklung. Wenn das anderen Leuten als Beispiel dient, dann kann es ihnen vielleicht helfen, sich individuell zu entwickeln. Aber ich weiß nicht, ob und wie es die allgemeine Gesellschaft beeinflusst.

Stephan:
Worauf legt ihr bei der Musik von MEZARKABUL Wert?

Tarkan:
Da gibt es verschiedene Aspekte. Zuerst einmal haben wir alle unsere eigenen Lebenserfahrungen und spirituelles Wachstum, wie jeder andere auch. Das kann ein sehr schmerzhafter Prozess sein. Ich denke, dass Allerwichtigste, wenn man als Band zusammen spielt, ist seine Gefühle auszudrücken. Das ist auch der Grund, warum es die Band gibt. So lange wir am Leben sind, versuchen wir, uns selbst zu verwirklichen, auf welchem Weg auch immer. Auf der anderen Seite muss man eine Art Struktur bekommen. Dazu muss ich sagen, dass man uns live spielen sehen muss, um sich eine Meinung darüber bilden zu können, was wir mit unserer Musik ausdrücken wollen. Denn unsere gesamte Musik ist dadurch geformt worden, dass wir live zusammen spielen. Auf der CD hört man eben nur den Sound davon, aber es entstehen immer wieder diese magischen Momente, wenn wir zusammen spielen. Das ist der wichtigste Punkt unserer Musik.

Stephan:
Und gibt es etwas, dass du als Trademarks eurer Band bezeichnen würdest?

Tarkan:
Also wir haben eigentlich die Erfahrung gemacht, dass es da keine bestimmten Punkte gibt. Aber wenn die Leute, besonders in der Türkei, einen neuen Song von uns hören, dann sagen sie schon: "Hey, das ist MEZARKABUL bzw. PENTAGRAM". Denn in der Türkei sind wir eigentlich immer noch PENTAGRAM. Ich denke schon, dass die Leute ihre Gefühle in unserer Musik wieder erkennen können. Bei jedem Album formen wir unseren Stil etwas um, aber es bezieht sich alles auf das gleiche Gefühl, dass die Leute wieder erkennen können.

Stephan:
Welche metal-untypischen Elemente verwendet ihr?

Tarkan:
Es ist schwer, unsere Musik in einzelne Elemente zu unterteilen. Wir betrachten es eigentlich als Einheit. Aber wir leben ja in Istanbul und hier findet man sowohl die westliche als auch die östliche Kultur. Wir leben sozusagen in einem Schmelztiegel. Und ich denke, dass bringt auch unsere Musik zum Ausdruck.

Stephan:
Inwiefern habt ihr euch seit eurem letzten Studioalbum "Anatolia" musikalisch weiterentwickelt?

Tarkan:
Nun, wir sind ein bisschen älter geworden und ich denke auch, uns ist die mystische Seite des Lebens bewusster geworden. Der Hauptunterschied zwischen "Anatolia" und dem aktuellen Album ist, dass wir uns mehr der spirituellen Welt zugewandt haben

Stephan:
Wovon handeln die Texte auf "Unspoken"?

Tarkan:
Es ist schwer, darüber zu sprechen, deswegen heißt es ja auch "Unspoken". Es geht um falsche Entscheidungen, die man trifft und die Erfahrungen, die man sammelt. Wir haben versucht, das in Worte zu fassen, was die mystische Seite des Lebens betrifft. Ich würde nicht sagen, dass wir konkrete Botschaften oder Defintionen in den Lyrics haben, aber wir versuchen mit ihnen Emotionen zu erwecken. Ich hoffe, dass das hilfreich ist, um seine Vergangenheit zu bewältigen und im Einklang mit anderen Menschen zu leben.

Stephan:
Kannst du mir mal was zu eurer Geschichte unter dem Namen PENTAGRAM erzählen?

Tarkan:
Wir haben uns 1987 gegründet. Zu diesem Zeitpunkt war der Wunsch Musik zu machen der einzige Grund, der uns zusammen gebracht hat. Später wurden wir dann gute Freunde, sozusagen wie eine Familie. Zu allererst haben wir Live-Shows in Istanbul gespielt, als die schnellste, härteste und lauteste Band, die es in der Türkei gab. Als wir merkten, dass wir mit unserer Musik Menschen erreichen können, hat uns das Auftrieb gegeben, weiterzumachen. Wir haben weiterhin live gespielt, Platten aufgenommen und je länger wir zusammen Musik machen, um so mehr wächst die Band. Wir haben in den 14 Jahren 5 Platten rausgebracht und wir lieben es einfach, das zu tun.

Stephan:
Was bedeutet der Name MEZARKABUL?

Tarkan:
Es sind eigentlich zwei Wörter, die wir zu einem Neuen zusammengesetzt haben. "Mezar" bedeutet Grab und "kabul" heißt soviel wie akzeptieren. Wenn man das als eine Einheit zusammenfügt, bedeutet es in etwa den Tod akzeptieren bzw. zu begreifen, was der Tod ist. Das reflektiert auch unsere Sichtweise auf das Leben.

Stephan:
Werden wir euch wie KNIGHT ERRANT auf dem diesjährigen Wacken Open Air auch mal auf einem deutschen Festival erleben?

Tarkan:
Hast du KNIGHT ERRANT gesehen?

Stephan:
Ja.

Tarkan:
Haben sie dir gefallen?

Stephan:
Ja, sie waren echt gut.

Tarkan:
Wir haben an ihrem neuen Album mitgearbeitet und es sind wirklich nette Jungs. (lacht) Ich bin gestern in Berlin angekommen und wir werden noch ein paar Gespräche mit der Promotion Firma hier haben. Ich denke, wir werden ein paar europäische Festivals spielen und je nach dem, wie das Feedback von der Presse und dem Publikum ist, werden wir vielleicht auch ein Tourprogramm zusammenstellen. Darauf arbeiten wir wirklich hin, weil das Wichtigste für uns ist es einfach, live zu spielen.

Stephan:
Wie oft kommen ausländische Bands in die Türkei auf Tour?

Tarkan:
In letzter Zeit häufiger, als das früher noch der Fall war. Aber es ist immer noch relativ selten.

Stephan:
Welche bekannten Bands waren schon alles da?

Tarkan:
Eine Menge Bands wie METALLICA, SLAYER und OVERKILL waren schon da, oder auch Gruppen wie DEEP PURPLE, PAGE & PLANT, YNGWIE MALMSTEEN oder THERAPY?. Aber auch von anderen Musikrichtungen wird hier gespielt, Mainstream-Bands oder Dance Musik. Aber so etwas war lange Zeit sehr selten.

Stephan:
Wann wird eure Homepage (http://www.mezarkabul.com) fertig sein, die sich ja noch im Aufbau befindet, oder?

Tarkan:
Das ist richtig. Als wir von unserer letzten Tour zurück waren, haben wir angefangen, dieses Album zu schreiben und aufzunehmen. Es hat zwei Jahre gedauert, es fertig zu stellen. Jetzt haben wir etwas Zeit gefunden, eine Homepage zu erstellen und ich denke, sie wird in circa einem Monat fertig sein.

Stephan:
Wie beurteilst du die Möglichkeiten des Internets gerade für eine türkische Band außerhalb des eigenen Landes bekannt zu werden?

Tarkan:
Also ich muss sagen, das Internet ist eine großartige Sache um miteinander zu kommunizieren. Die Zahl der Menschen, die das Internet nutzen, wächst ständig, auch in der Türkei. Ich kann dir nichts darüber erzählen, wie es ist, berühmt zu sein. Das ist nichts, worauf wir uns konzentrieren oder wofür wir kämpfen. Aber das Internet unterstützt die Kommunikation weltweit und Kommunikation ist sehr wichtig für die Menschheit. Vor allem um die Trennung der verschiedenen Religionen, Nationen oder Rassen abzubauen. Das ist ein wichtiger Weg, damit die Leute verstehen, dass wir Alle Menschen sind und die Unterteilungen nur Illusion sind.

Stephan:
Absolut. Was steht als nächstes für MEZARKABUL an?

Tarkan:
Ich denke, wenn wir wieder zu Hause sind, werden wir uns auf den türkischen Release von diesem Album konzentrieren. Dann werden wir in diesem Jahr noch ein anderes Album aufnehmen mit türkischen Texten. Und dann beginnen wir mit unseren Live-Shows.

Stephan:
Was bedeutet Heavy Metal für dich?

Tarkan:
Auf jeden Fall ist es eine Form von Kunst und die Möglichkeit, sich darüber auszudrücken. Außerdem ist ein effektiver Weg für unsere Generation miteinander zu kommunizieren. So wie wir uns jetzt unterhalten auf Grund dieser Musik, denn sonst wäre das wohl gar nicht möglich. (Da die Türkei nicht zur EU gehört, sind Arbeitsgenehmigungen und Visa nötig, um z.B. in Deutschland einreisen zu dürfen. - Anm. d. Verf.) Ich denke, alle Formen von Musik oder Kunst sind ein guter Weg, um die Seelen der Menschen zu berühren.

Stephan:
Was erhoffst du dir für die Zukunft des Heavy Metal in der Türkei?

Tarkan:
Also wir leben jetzt in einer Zeit, wo wir uns viele Gedanken darüber machen, was in der Vergangenheit passiert ist und was wir uns von der Zukunft für Veränderungen erhoffen. Allerdings ist da vielleicht auch viel Illusion mit dabei, so dass wir trotzdem versuchen, den Moment zu genießen. Denn das Leben ist nicht nur das Hier und Jetzt, sondern es bedeutet Veränderung. Nun, wir nehmen das Leben, wie es kommt.

Stephan:
Das war's von meiner Seite. Vielen herzlichen Dank für das Interview.

Tarkan:
Danke, es war eine große Freude für mich. Bitte sag auch den anderen Leuten von powermetal.de einen schönen Gruß von mir. (Viele Grüße von Tarkan und MEZARKABUL, liebe Kollegen... - d. Verf.) Ich hoffe, wir sehen uns mal auf einer unserer Live-Shows.

Stephan:
Das hoffe ich auch. Mach's gut.

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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