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MOONSORROW: Interview mit Henri Urponpoika Sorvali

01.01.1970 | 01:00

Mit ihrem aktuellen Album "Voimasta Ja Kunniasta" haben die Nordlandkrieger von MOONSORROW ein ganz famoses Werk hingelegt, wie man meiner Rezension hoffentlich entnehmen kann. Also kam ich eigentlich kaum umhin, mich ein wenig mit den Heathen-Metallern zu unterhalten. Während bislang immer Lead Vocalist Ville Interviews bearbeitet hat, wurden meine via Mail gesandten Fragen diesmal vom Meister Henri selbst beantwortet. Nahezu vier Stunden Zeit hat er sich dafür genommen, entsprechend umfangreich ist dieses Interview geworden. Aber lasst euch vom Umfang nicht abschrecken, die Antworten sind den Zeitaufwand des Lesens wert!

Andreas:
Hail and well met, warrior of the northern twilight! [So eine richtige Dosis Kriegerpathos zum Warmwerden muss hier einfach sein. Anm. d. Verf.]
Von eurem aktuellen Album war ich schwer beeindruckt, muss ich sagen.
Ich wundere mich etwas - bemessen an der Zeit, die MOONSORROW bereits existieren -, dass bisher praktisch keine Veröffentlichungen von euch die Aufmerksamkeit der Metal-Szene außerhalb von Finnland erregt haben - bis 2001, als gleich zwei Alben herauskamen und überdies ein remastertes Demo. Warum hat es so lange gedauert, bis das Material in dieser Form fertig gestellt war? Soweit ich weiß, existierten die Songs für "Suden Uni" bereits seit 1999. Scheint so, als hättet ihr einige Startschwierigkeiten gehabt.

Henri:
Nun, was soll ich sagen? Unser erstes offizielles Demo, "Metsä" (05/1997), war nicht gerade etwas, das wir einen Verkaufsschlager nennen könnten; also blieben wir weitesgehend unbekannt, bis wir unser zweites offizielles Tape veröffentlichten: Tämä Ikuine Talvi (01/1999). Es verkaufte sich ziemlich gut in Finnland, aber auch die Reaktion in andren Ländern war sehr gut; besonders in südlichen Ländern wie Italien oder gar Südamerika. Also denke ich mal, dass wir gar nicht so unbekannt waren zu der Zeit, wenngleich natürlich nicht gerade jeder Metalhead der Welt sich in Oden über unsre Größe und exzellente Musik erging, da sie von uns noch gar nichts gehört haben dürften, hehe.
Dann, im März 1999, bekamen wir einen Deal mit Plasmatica angeboten und die erste Scheibe in voller Länge wurde im Februar 2000 aufgenommen. Das einzige "Startproblem" war die Tatsache, dass Carlos von Plasmatica Records das Album nicht vor April 2001 rausbringen konnte. Nebenbei bemerkt, hat er es kaum promotet und auch die Verteilung dieser einzigen Pressung von 1000 Stück war echt beschissen. Nachdem wir unser Lager bei Spikefarm aufschlugen, lief alles ausgezeichnet. Sie haben uns sehr gut behandelt, zum Beispiel mit viel Werbung, völliger Freiheit, die Musik oder Albumcover etc. betreffend. Jetzt können wir uns endlich auch mit andren Bands vergleichen, gewissermaßen. Nun ja, die Zeit wird zeigen, wie "bekannt" wir werden werden. Zumindest die finnische Zuhörerschaft hat das neue Album sehr begierig aufgenommen.

Andreas:
Du mischt ja auch bei FINNTROLL mit, die derzeit doch weitaus bekannter sind, obwohl MOONSORROW schon länger existieren. Was glaubst du, ist der Grund dafür? Und wie viel Einfluss hat deine Arbeit bei FINNTROLL auf die Kompositionen für MOONSORROW? Welche der Bands nimmt den größeren Platz in deinem Herzen ein?

Henri:
Also, ich kann mir ganz gut vorstellen, warum FINNTROLL populärer sind. Aber nebenbei bemerkt, sind sie gerade im deutschsprachigen Raum beliebter als anderswo, was zu dem Eindruck bei euch führt, sie wären überall populärer. Doch ich kann eine Ansatzerklärung aus meiner Sicht bringen, warum die Dinge so sind, wie sie sind:

1) Die Songs sind absolute Party-Musik, das Konzept zugleich bösartig und grimmig, jedoch ebenso auf ironische Weise polka-beeinflusster (oder Humppa, wenn das genehmer ist) Kram. Perfekt für jede Sauforgie sozusagen, hehe.

2) Die Songs sind drei bis fünf Minuten lang, also etwas "zuhörerfreundlicher" als Moonsorrows ausladende Stücke. Und sie - wir? - bringen auch musikalische Anteile ein, die derzeit recht "trendy" sind, und hier spreche ich von Power Metal (was ich persönlich nicht sonderlich gut leiden kann, mit Ausnahme von RHAPSODY, die einfach dermaßen "cheesy" sind, dass man sie einfach mögen muss).

3) Die Musik von FINNTROLL ist einfacher gehalten als MOONSORROWs und somit leichter zu erfassen (siehe Teil 2).

4) FINNTROLL spielen eine Menge Gigs, um sich - uns? - zu promoten. Nicht so wie MOONSORROW, die vielleicht sieben Mal im Jahr live spielen und das nur in Finnland. Aber möglicherweise wird sich das in Zukunft ändern.

Ich denke also, es ist offensichtlich, warum FINNTROLL bekannter sind. Und offen gestanden, ist mir das so auch lieber. Es ist schwieriger, in die Musik von MOONSORROW hineinzukommen, und es ist mir allemal lieber, zwei Moonsorrow-Fans zu sehen, die verstehen, worum es uns geht als zwanzig Idioten, die glauben, wir sind böse skandinavische Satanswikinger, die Christen fressen und "Musik der europäischen Kultur" spielen oder so'n Scheiß. MOONSORROW ist meine Hauptband und wird es immer sein, und das ist etwas, was den Jungs sowohl von MS als auch FT sehr wohl klar ist.
Und zu den Einflüssen: Also für mich zumindest ist es immer klar, wenn ich ein Riff schreibe, für welche Band es letztlich sein wird. Natürlich sind einige gemeinsame Elemente zu finden, wie zum Beispiel folkloristische Musik im Allgemeinen, Maultrommel, Akkordeon und all die andren Folk-Instrumente, und die Texte erzählen im Kern von der vorchristlichen Ära. Während jedoch FINNTROLL genau die böse Trollhorde ist, die bei Nacht loszieht, um Christen zu verspeisen (!) und Priester zu schlachten, während sie komplett hackedicht und voll mit Pilzen sind, geht es bei MOONSORROW um den "Mann von Ehre, Familie und Volkstum", den zornigen Krieger und Verteidiger unsres einheimischen Glaubens und unsrer Kultur, jederzeit bereit, für sein Heim zu kämpfen, jedoch ebenso bereit, zu feiern, sich auszuruhen und Met mit den Anhängern des Einäugigen [Odin/Wotan, Anm. d. Verf.] zu trinken.

Andreas:
Wie sieht es mit den Reaktionen seitens Presse und Fans bisher aus? Seid ihr mit der Resonanz ebenso zufrieden wie mit eurer Arbeit? Wieso wählt ihr eigentlich die Stil-Bezeichnung „Heathen Metal“? Die etablierteren Begriffe Pagan oder Viking Metal beschreiben die gleichen Inhalte. Gibt es dafür spezielle Gründe?

Henri:
Das ist tatsächlich eine einfache Sache: Wie du selbst bemerkt hast, werden die Begriffe „Viking Metal“ und „Pagan Metal“ heutzutage ziemlich missbraucht und entheiligt. Die meisten der Bands, die solche satanische, drittklassige Mayhem-Nepp-Musik spielten, jedermann verkündend, sie spielten True Black Metal, begannen plötzlich den selben schrecklichen Müll zu spielen, ersetzten jedoch das Wort „Satan“ durch „Odin“, änderten in jedem Song ein Riff um in die Kopie irgend eines alten nordischen Folk-Tunes und erklärten sich selbst zu True Viking Metal. [Wow, harte Worte vom Obersten Richter, hehe. Anm. d. Verf.] Und das ist mit Sicherheit nicht das, worum es im Pagan / Heathen / Viking Metal geht! Und nebenbei, barsch gesagt, denke ich, dass eine Band aus Rumänien, zum Beispiel, sich schlecht als Viking Metal ansehen kann, ebenso wenig, wie eine skandinavische Band von sich behaupten könnte, Transsilvanischen Metal zu spielen. Im Kern möchten wir uns einfach aus der Herde herausheben. Es bleibt jedem selbst überlassen, unsere Musik „Satanic Marijuana Gothic Metal“ zu nennen [Gar nicht so unkreativ. Anm. d. Verf.], wenn’s nach mir geht; doch wir selbst etikettieren uns mit „Epic Heathen Metal“ und werden das auch in Zukunft so halten. Was wir machen, ist epic, es ist heathen, um Odins Willen!, und es ist Metal!

Andreas:
Soweit ich einigen Fanreaktionen folgen konnte, gab es einiges Gemurre über die Ähnlichkeit in Struktur und Melodien des aktuellen Albums gegenüber „Suden Uni“. Was denkst du über diese Kritiker und Kritiken?

Henri:
Ja sicher ist es ähnlich, und weist du, warum? Weil es dieselbe Band ist!
Aber dennoch: Ja, ich weiß, da sind so einige Gleichheiten gegenüber dem ersten Album, doch sind diese absolut beabsichtigt. Wir benutzen die gleiche Art von Strukturierung und Melodien und werden es auch weiterhin, denn wir sind die Createure, nicht die Zuhörer, denen jederzeit freisteht, etwas anderes zu kaufen, wenn ihnen nicht zusagt, was wir kreieren. Ich kann verstehen, warum einige Leute darüber murren, aber ich denke, wir tun die Dinge einfach nach unsrer Art und daran ist nichts verkehrt. Oder was meinst du? Entsinne dich, es ist ehrenhaft, ehrlich zu sein, hehe. [Ohne meinen Kriegerstolz zu verletzen, kann ich hier als Antwort nur weise mit dem Kopf nicken, hehe. Anm. d. Verf.]

Andreas:
Welche Komponisten, Filme, Bücher oder andre Bands beeinflussen eure Arbeit am meisten? Zumindest die Maultrommel und das Händeklatschen versetzen mich irgendwie in einen Film von Sergio Leone.

Henri:
Sergio Leone? Uh, das war krank, Kumpel, hehe! Ich werde dir mal eine kurze Liste der Dinge geben, die uns beeinflussen oder auch nur verstärkt interessieren:

Filme: Braveheart (immer!) [Anm. d. Verf.: Ich frage mich ohnehin immer noch, wieso James Horners Meisterwerk den Oscar gegen den Soundtrack zu The Postman vergeigt hat], Gladiator, Conan, Herr der Ringe und alles, was man so an barbarischem „Schwert und Stahl“-Kram findet. Außerdem historische Filme und Dokumentationen im Allgemeinen.

Komponisten: Nun ja, tatsächlich eher Filmsoundtracks, aber durchaus auch Bach, Mozart, Dvorak, Pärt und Wagner. Von den Filmkomponisten Jerry Goldsmith, Danny Elfman und James Horner. [Da hat er doch glatt den Conan-Soundmagier Basil Poledouris vergessen, Schande über ihn! Anm. d. Verf.]

Bücher: Geschichtsbücher bei allen, bei einigen Fantasy (Ich mag allerdings David Eddings sehr) und Kochbücher (!), bei einigen auch noch Sci-Fi (die ich selbst immer sehr langweilig fand).

Bands: BATHORY! (Nun, war das überhaupt nötig zu erwähnen?), NORDMAN, GARMANA, KING CRIMSON, BAL-SAGOTH, SLAYER, ENSLAVED und sagen wir mal „Prog“ im Allgemeinen, da wir alle bis auf Lord Eurén große Prog-Fans sind (Ich höre zum Beispiel im Augenblick MAHAVISHNU ORCHESTRA, hehe). Und dann sind da natürlich die Zillionen anderer Bands, die die gleichen Sachen machen wie wir, aber wir sind von ihnen nicht „beeinflusst“, sondern mögen einfach, was sie tun und umgekehrt, zumeist jedenfalls. Nebenbei gesagt ist die Pagan/Viking-Szene so klein, dass nahezu jede Band die andere kennt. Wir sind zum Beispiel in Kontakt mit HERESIARH (lat), JOTUNHEIM (swe), THYRFING (swe, das neue Album ist ein Killer!), METSATÖLL (est), SHAMAN (fin), LEMPO (fin), PIMENTOLA (fin), ADHUR (spa). TURISAS (fin), WAYLANDER (ir), ENSIFERUM (fin), HELHEIM (nor) und so weiter. [Wer mehr als die Hälfte davon kennt, möge sich bitte bei mir melden, er bekommt dann einen Orden von mir an die Brust genagelt. Anm. d. Verf.]

Für mich ist die Natur zudem eine ganz wichtige Quelle (Ja, ich weiß, dass man aus einem Wald kein Riff machen kann [Der Meister übt sich in Wortspielen? Grinsende Anm. d. Verf.], aber zumindest für mich ist die Atmosphäre sehr inspirierend.) und ich verbringe gern viel Zeit dort, um Inspirationen und Emotionen aufzunehmen. Fischen ist übrigens auch ganz groß dafür!

Andreas:
Stammen die tragenden Melodien von finnischen Folk Traditionals oder sind sie in der eigenen Küche gebraut?

Henri:
Wenn du das nächste Mal ein Interview mit jemandem führst, frage ihn: „Sind diese Riffs, die ihr spielt, von einer andren Band gestohlen oder habt ihr die selbst gemacht?“ und du wirst wahrscheinlich feststellen, dass das Interview sehr schnell endet. [Anm. d. Verf.: Es gibt Menschen, die mit kritischen Fragen umgehen können, geht das Gerücht.] Nun, das ist einfach etwas, was mich ziemlich ankotzt. Wir schaffen unsre eigenen Folk-Melodien genau so, wie wir unsre eigenen Riffs machen. Und wenn eine Band eine bereits vorhandene Melodie in ihren Song einbaut, ist es entweder Diebstahl oder diese Wichser [vernehmliches Hüsteln vom Verfasser] sollten wegen [Brage – ließ sich nicht übersetzen] geopfert werden, so sieht’s aus, oder es sollte zumindest in den Credits erwähnt werden. Für mich ist das das Gleiche als würde ich plötzlich ein Riff von Morbid Angel zwischen unsren Riffs benutzen. Was soll der Scheiß? Das nennt man einen verdammten Diebstahl, soweit ich weiß. [Anm. d. Verf.: Da werden sich eine Menge Bands jetzt sehr freuen, abgesehen davon, dass es wahrscheinlichkeitstechnisch unmöglich ist, eine Melodie zu benutzen, die es noch nie gab. Max Bruch, der für mich größte Komponist von Violinenkonzerten, wird sich im Grabe umdrehen zu erfahren, dass die traditionellen Folk-Melodien in seinen Werken auf seine Minderwertigkeit und verbrecherische Aktivität hinweisen, von Brahms mal ganz zu schweigen. Gelächter von den Rängen.]

Andreas:
Was würdest du als Hauptänderungen und –entwicklungen im Vergleich zu früheren Arbeiten sehen?

Henry:
Ich behaupte, wir haben inzwischen Ahnung davon, Songs zu arrangieren. Du weißt schon, Themen und Stimmungen, Nuancen etc. verwenden. Zumindest halte ich es für sehr wichtig zu wissen, wie man einen Song gut arrangiert, sonst endet man, indem man wie CRADLE OF FILTH klingt. [Zustimmendes Gelächter vom Verfasser.] Die Songs sind auch allgemein einfach besser. Ich denke zudem, dass wir unsren eigenen Stil gefunden – siehe Frage Nummer 4 - und ihn zu neuen Sphären entwickelt haben. Wir sind älter geworden und „erwachsener“ und spielen besser als fünf Jahre zuvor. Und was noch? Ich weiß nicht recht. Das ist etwas, was ich nicht richtig beantworten kann, aber jemand, der MOONSORROWs Arbeiten lauscht, kann es. Den solltest du fragen.

Andreas:
Kann es sein, dass Mitglieder von euch aktive Rollenspieler sind oder gern zu Mittelalterfesten oder Wikingerlagern gehen? Das würde erklären, warum euer Auftreten mir so sympathisch ist [Schmunzeln].

Henri:
Es tut mir leid, dich da enttäuschen zu müssen, aber niemand von uns macht Rollenspiele – nun gut, mag sein, dass ich ein wenig Baldur’s Gate verfallen bin. Also vermute ich, du machst selbst Rollenspiele? [9 von 10 Punkten für den Kandidaten; der Verf.] Ich habe einmal einem Live-Rollenspiel (LARP?) zugesehen, fand es aber nicht besonders reizvoll. Leute, die mit komischen Schaumstoffschwertern herumwuseln und versuchen, zu schauspielern, aber letztlich schlimmer als bei „Marienhof“ enden. [Mein Gott, wie peinlich, so weit ist diese deutsche Fernseh-Unkultur verbreitet, da muss man sich ja verstecken. Anm. d. Verf.] Allerdings besuchen wir gelegentlich diese Zusammentreffen, die du erwähnt hast, die sind einfach großartig! In der Tat eine witzige Sache.
Ich erinnere mich da an gerade an etwas, das vor zwei Jahren geschah. Jemand von uns - ich weiß gerade nicht, wer – bekam aus der Lokalzeitung mit, dass da „nur fünfzehn Kilometer von uns eine Wikinger-Veranstaltung und ein Wikinger-Flohmarkt (was immer das sein soll) stattfindet“, also entschieden wir, dahin zu gehen, auch wenn es recht früh – 10 Uhr - am nächsten Samstag Morgen sein würde. Trotz unsres Katers dachten wir, wir versuchen das mal, weil es ziemlich cool klang. Baron war zuerst da, während die andren noch unterwegs waren, und plötzlich ging mein Handy. Baron war am andren Ende, klang ziemlich angepisst. „Verdammt, es ist schon irgendwie eine Wikinger-Veranstaltung, aber es sieht so aus als würde die von einer Sportgruppe namens „The Vikings“ gemacht.“ Man kann sagen, wir sind verkatert aufgewacht, nur um uns eine Sportlergruppe anzusehen, die versuchte, hausgemachte Kuchen und alte Sportkleidung zu verkaufen, um Geld für ihr Team reinzubekommen, und die nur eines mit den Wikingern gemeinsam hatte: Ihren Namen. [So Mist kommt in dem Sektor immer wieder mal vor. Ich sage nur „Barock-Fest“ in Arolsen. Gelächter. Anm. d. Verf.]

Andreas:
Wie ernst ist es euch eigentlich mit den Tugenden, die in eurer Musik und speziell euren Texten zum Ausdruck kommen? Sehnt ihr euch nach mehr Tradition und Ursprünglichkeit in der Gesellschaft? Denkt ihr, so was fehlt heutzutage?

Henri:
Ich vermute mal, die Frage ist mehr an Ville gerichtet, aber ich wird mein Bestes geben, sie zu beantworten.
Mit dem, was wir schreiben und wofür wir stehen, ist es uns 100 % ernst, und natürlich ist die heutige Gesellschaft absolut verrottet. Einige verhungern, während andere – wie ich, hehe – übergewichtig sind. Menschen leben auf der Straße, während andere geradezu in Schlössern hausen. Aber so war es ja schon immer. Die Menschen sind gleichwertig erschaffen, doch abhängig von den Umständen wälzen sich einige in Geld und andere im Dreck. Was ich vielleicht in moderner westlicher Kultur am meisten ablehne, sind diese Gier und Unehrlichkeit und die „alles-nur-für-mich“-Haltung. Ich für meinen Teil sehne mich nach alten Zeiten – alles vor dem neunzehnten Jahrhundert, offen gestanden, auch wenn dieses Christen-Ding eine Menge übler Sachen mit dem Verhalten der Menschen angestellt hat -, wo Ehrlichkeit, Beharrlichkeit, Beständigkeit, Loyalität und Ehre allgemeines Verhalten waren und nicht irgend eine Art verdammter „Tugenden“ wie heute. Nebenbei bemerkt, was ist der Nutzen darin, etwas als Tugend zu definieren, wenn ohnehin niemand danach strebt, diese zu erreichen? Es ist leichter, selbstsüchtig zu sein, und es ist noch einfacher, schlichtweg stupide zu sein, wie die Zeit gezeigt hat. Natürlich gab es schon immer Arschlöcher und andre Pissköppe, aber irgendwie scheint es, dass die Vermehrung dieses Menschentyps heutzutage auf ihrem Höhepunkt angelangt ist. Ich denke also, es fehlt definitiv etwas in unserer Gesellschaft. In der Tat habe ich darüber nachgedacht, mich in die Politik zu begeben, denn ich denke, es ist höchste Zeit, dass etwas getan wird, und die Dinge werden sich nicht ändern, wenn man nur zu Hause sitzt und herumjammert. Letzten Endes sind wir nicht das Produkt unserer Gesellschaft – auch wenn so Mancher dazu tendiert, das Gegenteil zu glauben; es ist immer so einfach, jemand Anderes Mist zu sehen und zu finden als den eigenen. Und so kann alles verändert werden, wenn man will, solange die Menschen ihre Augen öffnen und den Kopf aus dem Arsch gezogen bekommen. [Anm. d. Verf.: Man verzeihe mir die rüde Ausdrucksweise, aber in der Tat verwendet der Finne im Interview das deutsche Wort „Arschloch“.]

Andreas:
Und wie sieht’s mit eurer Einstellung gegenüber Traditionen, Glauben und Kultur aus; insbesondere unter Hinblick auf die Christianisierung und den Verlust ursprünglicher Kultur? Hier in Deutschland ist es nicht gern gesehen, sich offen zu deutscher Kultur und Traditionen zu bekennen; man wird entweder mitleidig belächelt oder für einen Nationalisten im negativen Sinne gehalten. Wie sieht das in Finnland aus?

Henri:
Offenbar sind die Dinge hier in Finnland ganz anders. Hier können wir offen die finnische Kultur anerkennen und natürlich ebenso frei ablehnen. Ich schätze, es ist schwieriger sich in Deutschland zu deutscher Kultur zu bekennen, weil die Leute immer zuerst an das denken, was vor 60 Jahren geschah. Was natürlich absolut stupide ist, weil ich a) stark bezweifle, dass derlei wieder geschehen könnte, weil die Leute einfach mehr Durchblick haben inzwischen, und b) die Leute, die sich gegen die Kultur-Liebhaber aussprechen, ohnehin selbst nichts zu tun hatten mit den Dingen, die geschahen. Ich meine, das ist nicht viel anders als das, was die Nazis taten, nämlich Faschismus, jemandem zu verwehren, seine eigene Kultur zu achten und zu lieben. Ich opportuniere gegen jegliche Form von Faschismus, sei es Pro-Nazis oder Anti-Nazis. Die Leute müssen ihre Ausdrucksfreiheit haben, sonst enden wir nur wieder damit, alles zu vermasseln. Ein Nationalist kann etwas Gutes sein oder etwas Schlechtes, natürlich, doch diese oben genannten Leute beweisen nur ihre Dummheit, indem sie annehmen, derlei sei grundsätzlich etwas Schlechtes. Grundsätzlich könnten wir alle ohne jeden Nationalismus eine Provinz der USA oder Sowjetunion sein, je nach geographischer Lage. Auf der andren Seite kann ich diese Arschlöcher absolut nicht ausstehen, die Fremde und Ausländer nur um der Sache willen zusammenschlagen.

Andreas:
Es ist doch recht offensichtlich und interessant, dass die meisten bekannteren Bands, die Doom, Death, Black oder Gothic Metal spielen, aus Skandinavien stammen, die meisten meiner eigenen Favoriten kommen aus Finnland. Was denkst du, ist der Grund dafür? Welche anders gerichtete Mentalität könnte dahinterstecken? Und wie steht’s mit dem Gerücht, die lange Zeit der Dämmerung und die monatelangen Winter in den nördlichsten Regionen seien die Ursache? *grins*

Henri:
Ja, die ewige Winterzeit, Polarbären, Eisdämonen – okay, die vielleicht nicht. *lacht*
Natürlich sind skandinavische Leute düsterer drauf als zum Beispiel Italiener, wegen des Klimas und der Kultur, aber die Finnen sind die düstersten von allen! Von den Norwegern wird gesagt, sie fürchteten sich selbst heute noch vor den Finnen, also zieh deine eigenen Schlüsse, hehe. Also dein *grins* ist hier schon angebracht, da es immer Persönlichkeit und Geisteshaltung hinter der Musik sind, und nicht das Klima. Das ist ganz ulkig, da diese Frage in MS-Interviews recht beliebt ist. Irgendwie fragen nicht-nordische Interviewer immer nach dem Wetter, hihi. Die Winter an sich dauern hier auch nicht länger als bis März, aber sie sind schon ziemlich extrem und wechselhaft mit reichlich Vereisungen durch den Wechsel von Regen, Schnee, Frost und so. Ja, wir Wikinger leben ein gefährliches Leben! *lacht* Es lebe das Küstenwetter.

Andreas:
Metal aller Art, aber interessanterweise gerade die härteren Stile, scheinen in Finnland weitaus akzeptierter zu sein als hier in Deutschland. Die Charts hier sind voll von kommerziellem Pop-Müll, und ich beneide euch wirklich darum, selbst Black-Metal-Bands in den Top 10 zu haben. Ist diese Akzeptanz wirklich in eurer Kultur verbreitet oder spiegeln diese Chart-Statistiken einen falschen Eindruck wider?

Henri:
Um die Wahrheit zu sagen, sähe ich lieber keine Metalbands in den Top 10. Metal hat etwas mit Rebellion zu tun, mehr eine Lebenseinstellung als nur eine andere Musikrichtung. Das ist definitiv etwas, das du niemals verstehen kannst, indem du eine Platte kaufst und jedem versicherst, du seiest nun ein „Metalhead“. Menschen, die Alben danach kaufen, was gerade „heiß“ ist, sind Leute, die meiner Ansicht nach einen kräftigen Tritt zwischen die Beine verdient haben. Wenn eine Metalband hier in die Top 10 geht, dann ist es dieser romantische Gothic-Mist, der nichts mit echtem Metal zu tun hat. [Anm. d. Verf.: Na tausend Dank auch *grinsel* - Übrigens würde ich Dimmu Borgir und Konsorten, die in Finnland durch die Top 10 hoppeln, eher weniger in die Sparte „RomantischerGothicBullshit“ drücken wollen *lach*]
Weißt du, seit wann wurde Metal von geschminkten Fummelträgern gespielt, die Rosen und Seidenlaken singen? [Da ist aber jemand schwer HIM-geschädigt. Anm. d. Verf.]
Einige „Big Seller“ wie IMMORTAL und CRADLE OF FILTH schaffen es in die Top 20, aber das war’s auch schon. Die Gesellschaft behauptet, Metalheads zu tolerieren, aber die Realität ist davon weit entfernt. Zum Beispiel: Ja, ich kann auf der Arbeit ein MARDUK-T-Shirt tragen, aber in Wirklichkeit schauen mich die all die andren Leute – die weitaus älter sind als ich mit meinen 23 Jahren – an, als hätten sie den Teufel selbst gesehen. Und unsre Nachbarn betrachten meine Freundin und mich, als hätten wir alles Leid der Welt verursacht, und jedes Mal, wenn irgendwo Lärm ist, haben wir natürlich Schuld, selbst wenn der offensichtlich hinter einer andren Tür hervorquillt.
Und ich wette, das ist etwas, wo jeder Metaller täglich durchmuss. Ich mag es auszusehen wie ein Metaller und werde so auch rumlaufen solange ich will, und vermutlich kennen wir alle diesen Ausspruch „No pain, no gain.“

Andreas:
Ich werde nun zum Ende kommen. [Wer klatscht da? *grins* Anm. d. Verf.] Verbleibt mir noch, euch über eine anstehende Tour oder Auftritte auf europäischen Festivals zu befragen. Wie sieht’s damit aus?

Henri:
Momentan sind keine Touren geplant. Es gab eine Diskussion darüber, ob wir als Aufwärmer für WINDIR auf ihrer Europatour fungieren sollen, aber dann entschied Spikefarm, dass FINNTROLL statt dessen gehen sollten, und letztlich taten selbst sie es nicht.
Ich denke, wir werden diesen Sommer einige Gigs außerhalb von Finnland spielen – zumindest Schweden und Estland könnten auf der Liste stehen – und wir haben auch mit den Pagan-Metallern von METSATÖLL darüber geredet, einige Gigs zusammen zu spielen, aber die Zeit wird zeigen, was daraus wird. Der größte Bremsfaktor ist, dass wir alle arbeitendes Volk sind, also müssten wir uns Urlaub nehmen, um auf Tour zu gehen; was nun nicht gerade einfach ist, wie man weiß. Aber eines Tages werden wir auf Tour unterwegs sein. Irgendwann.

Andreas:
Berühmte letzte Worte und Kommentare von den Nordkriegern?

Henri:
Ich danke dir für dieses sehr gute Interview! Ich habe festgestellt, dass ich nahezu vier Stunden an den Antworten gesessen habe [Fragt mich mal, wie lange die Fragenausarbeitung und die Rückübersetzung gedauert haben *g* Anm. d. Verf.], aber es war sinnvoll verbrachte Zeit. Viel Spaß wünsch ich dir beim Übersetzen ins Deutsche [Ja, den hatte ich ohne Ende, dankedankedanke. Anm. d. Verf.] Ich hoffe, meine Antworten waren nicht zu lang [Och, seit Bodenski kann mich nichts mehr erschrecken. Anm. d. Verf.] Stay heavy und für das deutsche Auditorium: Kauft das Album, esst Sauerkraut und trinkt Holsten! (Tatsächlich trinke ich kein Holsten, es ist schrecklich. Also trinkt besser, sagen wir mal, Hasseröder oder so was.) Und erinnert euch der heidnischen Vergangenheit! „HELL ODEN - HELL NORDEN!!!”

Für MOONSORROW: Henri Urponpoika Sorvali

Redakteur:
Andreas Jur

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