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Metal & Gothic - Porträts aus der Szene: Teil 3

28.07.2008 | 00:46

Auf der Suche nach dem Alltag eines weiteren Metalheads, verschlägt es mich diesmal nach Bonn. In der überfüllten Stadt, an der sich an diesem Wochenende Tausende zu "Rhein in Flammen" einfinden, hoffe ich, meinen dritten Kandidaten für unsere Reihe "Leserporträts aus der Szene" nicht zu verfehlen. Und dass er kein Stockfisch ist, wünsche ich mir, aber da habe ich mir alle Sorge umsonst gemacht. Der Kandidat sammelt mich am Hauptsbahnhof ein und dann füllen wir mühelos den Nachmittag mit einem munteren mehrstündigen Gespräch...

Auf der Wiese im Bonner Hofgarten lerne ich den 25jährigen Simon aus Mondorf kennen. Mit seinem schulterlangen Haar, das er lässig im Nacken zusammengebunden hat und einem T-Shirt von AC/DC ist Simon sofort als Fan musikalisch härterer Töne zu erkennen. Und so hört er Metal seit seinem 14. Lebensjahr. "Irgendwann hab ich auf einer Ferienfreizeit das erste Mal AC/DC gehört, fand´s geil und hab mich von da an mehr mit härterer Musik beschäftigt. Nach und nach kamen dann immer mehr Gruppen und Genres dazu." Als spezifisches "Erweckungserlebnis" will Simon seine erste Stunde mit dem Rockurgestein AC/DC allerdings nicht verstanden wissen. Inzwischen gehört die Beschäftigung mit der Musik zu Simons bevorzugten Hobbys. So besucht er regelmäßig Konzerte im Rhein-Sieg-Raum und fühlt sich hierbei besonders dem Underground verbunden. Seine Begeisterung für die Musik drückt sich inzwischen auch dadurch aus, dass Simon im Internet eine kleine Homepage mit dem Namen www.embassy-of-rock.de.tl betreibt, auf der er selbstverfasste Konzertberichte und CD-Reviews veröffentlicht.

Seine Vorliebe für die Schreiberei hätte dabei ursprünglich auch richtungsweisend für die Berufswahl werden sollen. Hatte Simon doch während seiner Schulzeit, die er auf einem katholischen Gymnasium verbracht hat, zunächst die Idee, Journalistik zu studieren. Zweifel an den Berufsaussichten haben den jungen Mann dann aber zum Lehramtsstudium geführt, mit der Folge, dass er derzeit an einer Siegburger Grundschule sein Referendariat durchführt. Beamter auf Widerruf ist Simon jetzt und hofft, nach dem zweiten Staatsexamen in dem eher weiblich dominierten Grundschulbereich eine Festanstellung zu bekommen. Über eine Beamtenkarriere hat er sich dabei zu Beginn seines Studiums nicht die geringsten Gedanken gemacht. Überhaupt hat Simon zum Begriff Karriere eine eher beamtenuntypische Haltung: "Karriere ist wichtig, allerdings auf persönliche Art und Weise im Sinn von persönlicher Weiterbildung und Streben nach dem individuell Möglichen. Karriere im Sinn von „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ interessiert mich nicht wirklich".

Dafür interessiert er sich seit jeher für das Thema Jugendarbeit.
"Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fand ich immer sehr spannend und nie langweilig. Außerdem denke ich, dass sie mir für meinen Umgang mit Menschen viel gebracht hat", erklärt Simon. Und tatsächlich hat er unter dem Dach der katholischen Kirche begonnen, Messdienerfreizeiten durchzuführen und Pfadfinderarbeit zu leisten. Die Frage nach dem Verhältnis zur Kirche heute beantwortet Simon zunächst mit "gar keins", aber diesbezüglich lasse ich nicht so schnell locker. Aufgewachsen in einer katholischen Familie und ausgebildet auf einer Klosterschule, kann Simon hier doch nicht ganz unbeeinflusst geblieben sein. Er lacht und gibt zu, sich erst in späteren Jahren gegen Ende der Schulzeit von der Kirche distanziert zu haben. Ein ursprünglich vorhandener Gottesglaube ist einer nüchtern-pragmatischen Weltsicht gewichen, mit der Simon zwar die praktizierte Religiosität der Eltern gut tolerieren kann, sich selbst aber ausklinkt. Dennoch: Immerhin hat er bis zum Beginn des ernstzunehmenden Berufsalltages als Tenor in einem Vokalensemble neues geistliches Lied gesungen. Singen macht eben auch Simon einfach Spaß. Ebenso wie das Gitarrenspiel. Für die Teilhabe oder gar Gründung einer Band hat es nicht gereicht, aber zur Entspannung spielt der Metalhead Gitarre in einem Mandolinenorchester.

Großen Raum in unserem Gespräch im Bonner Hofgarten nimmt das Thema Politik ein. Simon sieht sich als politischen Menschen, hat sogar versucht in die Partei der GRÜNEN einzutreten, was allerdings offenbar daran gescheitert ist, dass die Geschäftsstelle seinen Aufnahmeantrag nicht bearbeitet hat. Macht nichts! Es geht auch ohne Partei. Ohnehin findet Simon sich auch im politischen Bereich heute sehr viel realistischer und pragmatischer als noch zu Schulzeiten. Im eher konservativen Milieu des kirchlichen Gymnasiums war er nicht nur wegen seines einsamen Musikgeschmackes ein Exot, sondern auch aufgrund seiner Gesellschaftssicht.

An der Kölner Universität ist Simon politisch eher in die Mitte gerutscht. "Manche sind da so links, dass sie bald rechts wieder anklopfen können", bewertet der junge Lehrer einen Teil seiner Kommilitonen. Dementsprechend war die Arbeit im ASTA der Uni seine Sache nicht. Dass manche Studenten aber nicht mal hinsichtlich der sie selbst betreffenden Einführung von Studiengebühren auf dem Laufenden waren, hat ihn schon aufgeregt.

Nach unserem Rundumschlag durch verschiedene Bereiche aus Simons Alltag kommen wir unweigerlich doch noch einmal auf den Metal und die so genannte Szene zu sprechen. Ob Simon ein Teil davon ist, das weiß er selbst gar nicht so genau. "Ich gehöre zu den Leuten, die den Begriff 'Szene' durchaus kritisch sehen, weil er in letzter Zeit in meinen Augen zu inflationär gebraucht wird", erklärt er mir. Die pathetische Idee des 'Brotherhood in steel' nervt ihn dabei am meisten. "Ich habe auf diversen Konzerten und Parties schon viele Menschen getroffen, mit denen ich einige der besten Augenblicke meines Lebens verbinde. Leute, die ich alle paar Monate treffe, aber direkt weiß, wie es ihnen geht und umgekehrt", konstatiert er. "Bei anderen Leuten habe ich mir eher die Frage gestellt, wie hoch man Scheiße eigentlich stapeln kann....".

Eine provokante Aussage, die gleichwohl zeigt, dass mein Gesprächspartner seine Freunde nicht nach dem Musikgeschmack auswählt und dass Metal durchaus nicht der einzige Bezugspunkt in seinem Leben ist.
Nichts desto trotz: Am 18. und 19. Juli findet in den Euskirchener Erftauen das SUMMER NIGHT OPEN AIR statt und das ist dann für Simon doch noch mal ein verdammt wichtiger Termin in Sachen Metal!

Redakteur:
Erika Becker

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