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NACHTBLUT: Interview mit Skoll

15.11.2017 | 22:09

"Apostasie", aus dem Griechischen für "Abfallen, Wegfallen", bezeichnet im religiösen Sinne den Abfall vom Glauben. Nach "Antik", "Dogma" und "Chimonas" bedienen sich die Dark Metaller von NACHTBLUT damit wieder einmal großer Worte - und legen auch in den eigenen Texten nur zu gerne den Finger in die Wunde, um mit Bildgewalt und Brachialpoesie auf Missstände und Abgründe hinzuweisen.

"Tabus haben wir eigentlich keine", bestätigt uns auch Drummer Skoll. Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ist die "Apostasie"-Tournee quer durch die deutsche Bundesrepublik voll im Gange. Er selbst ist jedoch noch von den Eindrücken der ersten China-Reise von NACHTBLUT schwer beeindruckt. Dort gibt es keinen Passivkonsum des schweigenden Genießers mit dem Bierbecher in der Hand, die Konzertbesucher dort seien nämlich überaus aktiv bei den Gigs der Nachtblüter zugange gewesen. "Dort werden die Texte vor den Konzerten gelernt und lauthals mitgesungen", weiß er zu berichten. Und wer nicht ganz so textsicher ist, der grölt eben einfach die Melodie mit. Eine deutschsprachige Band, die derart auch über ihre Texte funktioniert, im Land des Lächelns - ob das gut geht? Zweifel der Autorin werden schnell zur Seite gewischt. "Doch, das funktioniert ganz gut", versichert Skoll. "Im dortigen Youtube findet man unsere Songs mit der dazugehörigen Übersetzung." Ohnehin gelten in der chinesischen Konzertkultur ganz andere Regeln als hierzulande. Neben Regulierungen, die maskierte Bands betreffen, ist nämlich auch das Fluchen auf der Bühne nicht erlaubt. "Da verkneift man sich schon das ein oder andere Schimpfwort, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen", so Skoll weiter. "Aber eingeschränkt haben wir uns zu keinem Zeitpunkt gefühlt."
NACHTBLUT ist allerdings auch definitiv keine Band, die man einschränken sollte - so treibt auch das musikalische Schaffen der Osnabrücker bisweilen seltsame Blüten. Mit ihrer KOLLEGAH-Coverversion des Songs 'Wat is denn los mit dir' überraschte die Band erstmals in diesem Sommer auf dem Rockharz selbst treue Wegbegleiter, nun hat der Titel es auch auf das neue Album geschafft. "Das ist so ein Running Gag bei uns", erzählt Skoll. "Irgendwie ist das Lied einmal auf unserer Playlist bei einer Aftershow-Party gelandet und seitdem immer wieder aufgetaucht." Bis aus dem Running Gag eben eine Party-Nummer im NACHTBLUT-Style wurde: frech, düster und mit ordentlich Wumms hinter den Elektro-Klängen.

Was zeichnet ihn aber eigentlich aus, den typischen NACHTBLUT-Stil? Danach gefragt, muss Skoll erst einmal überlegen. "Das ist schwer zu sagen. Immerhin macht es wenig Sinn, das Ganze aufzuschlüsseln, was für ein Anteil von wessen Musikgeschmack da in unserer Musik steckt", sagt er schließlich. Denn jeder der insgesamt fünf Musiker bringe natürlich seine Erfahrung und seinen persönlichen Hintergrund mit. Das schlage sich auch im Songwriting nieder. "Meistens kommt Askeroth mit einer Idee", beginnt Skoll. "Da er Keyboarder ist, hat er eine gewisse Sicht auf die Musik. In diese Idee bringen wir alle dann unsere Impulse und Fähigkeiten ein - Greif, der am besten im Blick hat, wie es ein Gitarrist an dieser Stelle weiter verfolgen würde; ich, wenn es um die Drums geht..." Inzwischen sei man ein eingespieltes Team seit mehr als zehn Jahren, welches sich auch durch Besetzungswechsel in seiner Dynamik nicht sonderlich verändert hat, wie Skoll betont: "Sowohl Amelie als auch Ablaz haben sich in NACHTBLUT super eingefügt und bringen sich ein", bestätigt er.

Nachdem die Keyboarderin Lymania 2015 NACHTBLUT verließ, war die Band zwei Jahre lang ohne weibliche Verstärkung an den Tasten unterwegs, ehe Amelie in diesem Jahr als "frischestes" Mitglied zum nun wieder vollendeten Quintett stieß. Doch nicht nur Amelie sorgt für den weiblichen Akzent auf der aktuellen „Apostasie“-Scheibe. Denn das Duett 'Einsam' hebt sich durch seine ruhige, melancholische und gefühlvolle Art hörbar von den sonstigen Titeln ab. Ganz so fremdartig für das Schaffen von NACHTBLUT mutet die Ballade für Skoll jedoch nicht an. "Auf "Dogma“ hatten wir mit 'Die Schritte' schon einmal ein ähnlich emotionales Stück", erinnert er. "Schließlich decken wir in unseren Texten ja ein recht großes Spektrum der menschlichen Gefühle ab, da kann es eben auch einmal etwas ruhiger klingen." Von Anfang an sei 'Einsam' als Duett geplant gewesen, die Suche nach einer Sängerin gestaltete sich zu Beginn jedoch etwas schwierig. "Schließlich war ich auf einem Konzert von LORD OF THE LOST. Aeva war dort mit ihrer Band AEVARIUM als Vorband aufgetreten" erzählt Skoll. Kurz einen Mitschnitt mit dem Handy an die Kollegen geschickt und die Sache war eingetütet. Entstanden ist damit ein Song, der eine weitere Seite der facettenreichen Welt von NACHTBLUT darstellt - ob nun gefühlvoll wie auf diesem Song, wütend wie auf dem Opener 'Multikulturell' oder ausgelassen wie mit 'Wat is denn los mit dir'. Ein Wechselbad an Gefühlen, welches auch derzeit auf Tour grandios funktioniert...

Redakteur:
Leoni Dowidat

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