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NATTEFROST: Interview mit Nattefrost

01.01.1970 | 01:00

Vor geraumer Zeit in Münster/Breitefeld, auf dem Parkplatz hinter der "Live Arena": Saß ich eben noch im gemütlichen Tourbus von KATAKLYSM, muss ich nun feststellen, dass der von CARPATHIAN FOREST eine ganze Ecke spartanischer und versiffter ausfällt. Der Zustand von Nattefrost passt dazu. Der Frontkreischer leidet nicht nur an einem Hangover, er hat sich auf der "No Mercy"-Tour auch noch das linke Schlüsselbein in fünf Teile zerbrochen. Nach einem Zwischenstopp in einer Salzburger Klinik und einem CARPATHIAN-Gig ohne ihn macht der kleine Bandkopf nun gute Mine zum bösen Spiel. Während er frisch gedrehtes Kraut qualmt, philosophiert er über die norwegische Black-Metal-Szene, sein Soloalbum "Blood & Vomit" und die Zukunft seiner Band. Ich begnüge mich zwar mit einer handelsüblichen Kippe, bekomme dafür aber anschließend die Ehre, Nattefrost "unmasked" zu fotografieren.

CARSTEN:
Wie geht's?

NATTEFROST:
Es ist scheißkalt und ich werd krank oder so, keine Ahnung. Vielleicht hab ich auch einen Hangover von gestern, vom Alkohol. Ich hab nicht gut geschlafen.

CARSTEN:
Erzähl mir etwas über dein Soloalbum "Blood & Vomit". Welche Idee steckte dahinter?

NATTEFROST:
Es waren Songs, von denen ich dachte, sie seien zu primitiv und nicht gut für CARPATHIAN FOREST. Vielleicht hätte ich sie benutzen können, wenn ich sie umarrangiert hätte. Aber ich arbeite als NATTEFROST primitivere Formen aus, und auf dem nächsten Album wird das noch einfacher zu hören sein. Denn es ist noch primitiver als Death und Punkrock, oder die Essenz dessen, was ich als Black Metal fühle. Das ist zwar auch bei CARPATHIAN der Fall, aber ich wollte nicht zu sehr mit den Formalitäten einer Band rumficken. Es ist auch eine Frage der Zeit, wie lang CARPATHIAN FOREST interessant bleiben wird. Denn ich bin der Maincomposer. Aber da ist jetzt neues Blut in der Band, das gibt schon einiges her. Aber manchmal sind CARPATHIAN ausgebrannt, weißt du. Also ist es nur interessanter, diese egoistischen Trips zu wagen.

CARSTEN:
Du meinst also, diese Art von Songs hättest du mit CARPATHIAN FOREST nicht spielen können?

NATTEFROST:
Nein, nein, sie hätten vielleicht schon zu den früheren Alben, zu deren Tracks gepasst. Aber wenn ich Songs für CARPATHIAN FOREST mache, mag ich jedes Mal eine Art kleine Entwicklung hören. Wie ein Schritt in eine Art Richtung. Nach "Defending The Throne Of Evil" wird es eine klare, neue Richtung geben, weil ich es hasse, mich selbst zu wiederholen.

CARSTEN:
Du hast das Album ja mit zwei ehemaligen CARPITHIAN FOREST-Mitgliedern eingespielt, Nordavind und Vrangsinn.

NATTEFROST:
Ja, sie sind immer noch ein Teil von uns. Aber Vrangsinn ist nicht mit uns auf dieser Tour, weil er zu fett und abgefuckt ist. (grinst) Ich weiß also nicht, ob er draußen oder drin ist. Aber Nordavind singt die Backing-Vocals. Er ist auch einer meiner besten Freunde, weil er 100 Prozent hinter dem steht, was er macht, und es gibt keinen Scheiß mit ihm. Er ist nur nicht der Typ, der in einer Band spielt.

CARSTEN:
Was ist denn dein Lieblingssong auf "Blood & Vomit"?

NATTEFROST:
Ich muss sagen, "fucking all". Weißt du, ich denke, es ist ein sehr gutes Black-Metal-Album. Es zeigt, was ich denke, wie Black Metal sein sollte. Ich wollte als NATTEFROST die Antwort darauf geben, wie Black Metal wieder gespielt werden sollte. Weil ich denke, es gibt da draußen so viele, wo ich fühle, sie spielen irgend etwas anderes. Aber es ist nicht die Essenz von Black Metal. Vielleicht ist es Fantasy, oder was für einen Scheiß die da machen, aber es ist nicht echt.

CARSTEN:
Ich war wohl einer der wenigen, der in seiner Review einzelne Songs herausgepickt hat. Manche haben ja einfach geschrieben: Jeder Song ist gut!

NATTEFROST:
Sicher! Aber das ist ja das coole. Jede Person ist anders, und es geht nicht darum, ob man das Album mag oder nicht oder vielleicht etwas dazwischen. Es geht immer um den Stil.

CARSTEN:
Kannst du mir auch etwas über die Texte erzählen?

NATTEFROST:
Nun, weißt du Mann, die hab ich vielleicht auch etwas weiter getrieben als normale CARPATHIAN FOREST-Texte. Ich versuche, bei CARPATHIAN FOREST so ehrlich wie möglich zu sein. Und das selbe mache ich auch bei NATTEFROST, alles laut herausschreien. Es geht um die Gegenseite, die umgedrehten Kreuze, Pentagramme – und die Ziege. (lacht) Aber CARPATHIAN FOREST ist vielleicht nicht so primitiv und engstirnig und geht vielleicht etwas tiefer in den Texten. Hier (bei "Blood & Vomit", Anm. d. Verf.) geht es die ganze Zeit nur um eins, um Satanismus, Terrorismus und Tod. Ich meine, es ist in jeder Hinsicht fortgeschrittener als CARPATHIAN FOREST. Aber die Musik, die ich persönlich höre, ist Rock'n'Roll. Wenn ein Song also primitiv und komplex ist, ist er nichts für mich. Denn die meisten Leute mögen primitive Songs, die sie aber nicht verstehen, wie irgendwelchen hypertechnischen Scheiß. Ich find es ehrlicher, es einfach primitiv zu machen.

CARSTEN:
Wie würdest du denn die heutige Black-Metal-Szene beschreiben, speziell in Norwegen?

NATTEFROST:
Es gab bessere Zeiten, ich würde es aber auch nicht schlechte Zeiten nennen. Denn wenn du es mit anderen Ländern vergleichst, können nicht viele so zwischen vorher und heute vergleichen wie beim norwegischen Black Metal. Natürlich haben einige Bands ihren Stil etwas geändert, aber wer ist Gott, wer kann richten, wer hat Recht und wer Unrecht, wer ist "true" oder ein Schwindler? Es hat vielleicht auch etwas mit Neid zu tun. Wenn jemand vielleicht eine Band am Anfang mag, aber nicht ihre Entwicklung, ist es das eigentliche Problem. Denn es ist natürlich für Menschen, sich irgendwohin zu entwickeln. Aber ich mag gute und starke Individuen, die starke Musik machen. Ich könnte hier einfach sitzen, und auch viel Mist erzählen, aber ich denke, das ist nicht nötig. Ich fühle, dass es immer noch eine scheißstarke Umgebung ist.

CARSTEN:
Gerade in Norwegen hat sich die Black-Metal-Szene ja sehr verändert. Vor zehn Jahren gab es noch den schwarzen Zirkel um Varg Vikernes und Konsorten, die Kirchen angezündet haben. Heute ist es mehr eine reine Musikszene.

NATTEFROST:
Ja, aber es ist auch wichtig, daran zu erinnern, dass die Leute damals gerade mal zwischen 17 und 22 Jahren alt waren. Sie waren noch nicht völlig erwachsen, es war eine andere Art des Denkens. Es war vielleicht eine Art Jugendrebellion. Einige Dinge haben sich natürlich geändert, es gibt nicht mehr so viele Kirchenbrände. Aber das ist auch nicht so wichtig, denn wenn man eine Kirche niederbrennt, bauen sie immer eine neue auf. Ich denke also, das Wichtigste ist die antichristliche Botschaft. Es gibt immer noch viele Antichristen in Norwegen. Außerdem sind in den letzten anderthalb Jahren auch sehr coole neue Bands aufgetaucht, sowohl mit alten als auch mit neuen Leuten, die verstanden haben, dass Black Metal eine Ideologie braucht. Nicht nur einen guten Gitarristen oder einen guten Schlagzeuger. Black Metal muss etwas tiefer gehen als all die Fantasy-Black-Metal-Bands, ohne jetzt "fucking" Namen zu nennen. (Ich zeige augenzwinkernd auf meinen DIMMU-Kapu.) Die kenne ich auch, ich habe keine Probleme mit ihnen, das sind coole Typen. Aber (zeigt auf zwei gegenüberliegende Tischkanten) sie sind dort und ich bin hier. Da gibt es viele Bands dazwischen. Aber einige Bands leben das nicht 24 Stunden am Tag. Es ist Image und sie mischen auch romantische Dinge mit hinein. Das hat nichts mit ihren musikalischen Fähigkeiten zu tun, einige dieser Bands sind scheißgut. Aber es ist nicht Black Metal, es ist etwas anderes.

CARSTEN:
Ich verstehe deinen Punkt. Würdest du mir zustimmen, dass "Blood & Vomit" auch gut für die Black-Metal-Szene ist, da es zwar einerseits zurück zu den Wurzeln geht, aber sich anderseits nicht zu ernst nimmt und auch lustig ist?

NATTEFROST:
Ich weiß, dass es einige Leute lustig finden. Aber die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich so bin. Ich bin tief in der Scheiße, ich pisse und kotze. Ich versuche nur, ich selbst zu sein. Natürlich ist das schwarzer Humor. Weißt du, ich fand es sehr natürlich, meine eigene Pisse und Kotze auf dem Album zu haben, einfach als Pause. (lacht) Aber ich sehe das nicht als Humor, ich sehe es einfach als Statement, oder so was. Denn ich habe so etwas noch nie zuvor auf einer CD gehört, also wollte ich es auf meiner eigenen CD hören. (lacht)

CARSTEN:
Das in 'Nattefrost Takes A Piss' bist also wirklich du, der pinkelt?

NATTEFROST:
Ja, es ist eine Pinkelpause während des Albums. (grinst)

CARSTEN:
Und das zu Beginn von 'The Art Of Spiritual Purification' bist auch du, der sich da übergibt?

NATTEFROST:
Ja, ja. Nordavind war am Singen und wir tranken. Ich stoppte ihn, während er sang, und musste kotzen. Er hielt das Mikro hin und nahm es einfach auf. Es war eine lustige Aufnahme, die ja auch eine Minute lang ging.

CARSTEN:
Als ich das hörte, musste ich an euer Konzert auf dem vergangenen Wacken denken. Ich selbst war leider nicht da, aber ich hab gelesen, dass du die halbe Bühne mit Magic Mushrooms vollgekotzt hast. (Stand zumindest so im Rock Hard.)

NATTEFROST:
Nein, keine Magic Mushrooms, aber ich war etwas vom Trinken abgefuckt. Aber das passiert öfter, wenn ich singe. Hat etwas mit der Atmung zu tun, da ich Probleme mit dem Magen und auch Asthma habe. Wenn ich zu viel Luft bekomme, fühl ich mich einfach zum Kotzen. Gestern hätte ich auch fast auf der Bühne gekotzt. Aber beim Wacken wollte ich verdammt noch mal nicht aufhören, da waren so viele Leute vor der Bühne. Es war eine gute Gelegenheit, seine schrecklichste Seite zu zeigen. Es war ein guter Augenblick, aber ich war gefickt. Ich ging weg, kam aber zurück und sang noch einen weiteren Song. (lacht) Aber ich war nicht in der besten Form bei diesem Gig, so wie jetzt. Ich habe mir das Schlüsselbein in fünf Teile gebrochen.

CARSTEN:
Wie ist denn das passiert?

NATTEFROST:
Ich war besoffen zu Hause, aber auf der Tour hab ich's noch mehr gefickt. Also musste ich in ein Hospital in Salzburg oder so. Deshalb werden wir heute wohl auch nicht so viel Paint benutzen, da wir es auch verloren haben. Wir werden sehen, wenn wir auf die Bühne gehen. Ich kann mich nicht all zuviel bewegen, aber wir müssen diese Scheiße ja machen.

CARSTEN:
Mit Corpsepaint wär's natürlich besser fürs Publikum und die Fotos.

NATTEFROST:
Sicher. Aber es ist so hart, es anschließend abzuwischen und die Haare zu waschen, weil ich mich kaum bewegen kann. Außerdem haben wir das beschissene Corpsepaint irgendwo auf der Tour auch verloren. Es ist wirklich zu schade. Aber du kannst selbst sehen, wir sind nicht grad die schönsten Typen. Das Corpsepaint ist eine Sache, und natürlich sollte es da sein. Aber wir waren von dieser Tour bisher schon begeistert, denn wir kicken auch so mit Black Metal und die Show ist großartig. Wir sind eine der Bands, die auf dieser Tour die meisten T-Shirts verkaufen. Das sagt schon etwas aus. Die Reaktionen waren "fucking" verblüffend.

CARSTEN:
Noch mal eine nicht so ernste Frage zum Wacken: Eine Freundin meinte, ich solle dich mal auf die blaue Shorts ansprechen, die du anhattest.

NATTEFROST:
Ja, ja, eine hässliche blaue Shorts. (lacht) Die Story hab ich schon zuvor gehört. "Du ... hast eine ... blaue Shorts???" Ja, sicher, hab ich. (grinst)

CARSTEN:
Okay, kommen wir noch mal zu deinem Album. Hat es Einfluss auf das nächste CARPATHIAN FOREST-Album? (Das im Juni erscheinende "Skjend Hans Lik" ist ja lediglich eine Art Re-Release mit Bonusmaterial.)

NATTEFROST:
Nein. Beide Bands sind zwar mein Hauptschwerpunkt, aber für mich ist es einfach, sie auseinander zu halten. Ich sehe sie nicht als Eins. Aber natürlich wird das neue CARPATHIAN FOREST-Album nicht wie "Defending The Throne Of Evil" sein, mit all seinen Keyboards und dieser großen Produktion. Es wird mehr wie "Black Shining Leather" klingen, mit Thrashriffs aus den Achtzigern. Denn mit der Thrash- und Punk-Musik der Achtziger habe ich mal angefangen. Das nächste CARPATHIAN FOREST-Album wird "Fuck You All" heißen, aber die Aufnahmen werden wohl noch ein paar Monate dauern. Aber ich bin jetzt fertig, um mit zwei neuen NATTEFROST-Alben ins Studio zu gehen. Das erste heißt "Terrorist" und das zweite "I'm An Asshole, I'm Full Of Shit". Das zweite hat ein Foto von einem amerikanischen Fotografen, auf dem ich nackt und mit meiner eigenen Scheiße bedeckt bin. So etwas habe ich auch noch nie auf einem Album gesehen. So etwas macht man natürlich nur einmal, man läuft ja nicht mit seiner eigenen Scheiße herum. Es ist ein cooles Projekt.

CARSTEN:
Du planst also schon sowohl für die nächsten NATTEFROST-Alben als auch für CARPATHIAN FOREST.

NATTEFROST:
Die zwei NATTEFROST-Alben sind sogar schon fertig. 40 Songs. Bei einigen Songs sitzt Fenriz am Schlagzeug, ebenso Frost von SATYRICON und auch der Ex-Drummer von ENSLAVED, der Schlagzeuger von CADAVER. Ich habe mit verschiedenen Drummern zusammengearbeitet, denn es ist schon schwierig mit nur einem, wenn ich 40 Songs haben will. (lacht) Ich habe also einige Freunde gefragt, ob sie Lust haben. Denn jeder Schlagzeuger hat seinen eigenen Stil. Und es gibt mir auch einiges, diese verschiedenen Drumstile auf so vielen Tracks zu hören.

CARSTEN:
Wann werden die Alben denn rauskommen?

NATTEFROST:
Ich habe sie bisher nur als Probe auf Kassette, ich war noch nicht im Studio. Ich werde aber in den nächsten Monaten hingehen, und das "Terrorist"-Album wird Ende 2004 erscheinen. Ich werde auch eine NATTEFROST-DVD machen, und auch eine CARPATIAN FOREST-DVD wird demnächst rauskommen. Drei Stunden abgefucktes Material.

CARSTEN:
Spielt ihr denn auf der "No Mercy"-Tour auch Songs von "Blood & Vomit"?

NATTEFROST:
Nein. Ich denke, dass beide Bands wirklich verschieden sind. Ich will die beiden im Moment nicht vermischen. Wenn eines der Bandmitglieder CARPATHIAN FOREST verließe, dann würde ich vielleicht ein paar der Songs spielen. Aber nicht im Moment.

CARSTEN:
Wirst du mal auf eine eigene NATTEFROST-Tour gehen?

NATTEFROST:
Nein. Ich würde nur einen Gig machen, wenn ich ein gutes Angebot von einem Festival bekäme. Ein großes Special würde ich vielleicht machen, mit großartigen Musikern von anderen, originalen Black-Metal-Bands.

CARSTEN:
Gibt es eine Setlist für heute Abend?

NATTEFROST:
Das entscheiden wir spontan. Wir haben viele der Songs so eingeprobt, dass wir uns ansehen können, wie wir uns auf der Bühne fühlen. Danach formen wir das Set. Ich weiß schon einige Songs, die ich spielen will, aber ich habe keine Setlist und ich wollte noch nie eine. Vielleicht will ich ja etwas ändern. Wenn ich merke, dass es nicht genug groovt, will ich vielleicht einen groovigeren Song spielen und schmeiße dafür einen anderen raus.

CARSTEN:
Okay, dann würde ich gern noch ein Foto von dir schießen, und wir sind fertig.

NATTEFROST:
Ein Foto ohne Corpsepaint? Ich zeige meine Augen nicht so gerne, ich hätte eine Sonnenbrille mitnehmen sollen. In Norwegen mag ich das nicht so. Aber es ist okay!

CARSTEN:
Gut, ich danke dir.

Redakteur:
Carsten Praeg

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