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NAZARETH: Die Achterbahnfahrt der 80er und 90er Jahre

27.10.2019 | 22:43

BMG lässt sich nicht lumpen und nachdem ein ordentlicher Schwung an NAZARETH-Alben in den letzten Monaten bereits im Vinyl-Format das edle Licht der Welt erblickt hat, werden nun die 1980er und 90er Jahre etwas durchleuchtet. Wir schauen also auf die als Vinyl neuaufgelegten Versionen der Live-Scheibe "Snaz" sowie "2XS", "Sound Elixir", "Cinema" und natürlich "No Jive" und "Move Me". Erneut wurden Artwork und Sound sämtlicher Re-Releases überarbeitet und selbige mit farbigem Vinyl versehen. Sechs echte Hingucker im Schallplattenregal!

"Snaz"

"The Fool Circle" wurde 1981 veröffentlicht und selbstverständlich gingen die nimmermüden Schotten um McCafferty auch anschließend auf eine ausgiebige Tournee. Aus dieser entstand schließlich das bis zum heutigen Tag einzige offizielle Live-Album der Jungs. "Snaz" wurde im Pacific Coliseum Vancouvers aufgenommen und glich mehr einem Best-Of mit authentischem Live-Feeling, das eigentlich in keiner Sammlung fehlen darf. Hier passt einfach alles: die Atmosphäre, die Song-Auswahl, das eingespielte Schotten-Quartett auf der Bühne und der wunderbar erdige Sound, der für das gewisse Extra sorgt. Auffällig sind hierbei zwei wesentliche Eigenschaften: Auch wenn NAZARETH öfter mal in Richtung AOR schielte, merkt man anhand dieser exzellenten Live-Scheibe zum einen die extrem rockigen, vom Blues durchtränkten und dezent zum Heavy Metal tendierenden Wurzeln, zum anderen machen sich auch heute noch die Fremdkompositionen wie 'Cocaine', 'Shape Of Things' und 'Tush' extrem gut in der Setliste. Dass auch die Klassiker 'Razamanaz', 'Hair Of The Dog' oder der Schmachtfetzen 'Love Hurts' nicht fehlen dürfen, ist klar. Doch "Snaz" macht als Ganzes eben eine unheimlich tolle Figur und sorgt für einen absoluten Lichtblick in der NAZARETH-Diskographie.

"2XS"

Nach "Snaz" wurde es wieder Zeit für eine Studioplatte. 1982 bot mit dem 13. Langdreher NAZARETHs wohl eines der am meisten unterschätzten Alben der Bandgeschichte, unterscheidet es sich doch noch mehr als gedacht vom nur ein Jahr später erschienenen "Sound Elixir". Und neben dem Überhit 'Dream On', der auch heute noch zum Live-Pflichtprogramm der Schotten gehört, lässt durch und durch toller Heavy Rock seine Duftmarke zurück, obgleich es sich leider auch etwas belanglose Durchschnittskost auf "2XS" gemütlich macht. Die Songs jedoch, die qualitativ herausstechen, haben es faustdick hinter den Ohren und in sich: 'Love Leads To Madness', 'Take The Rap' oder auch 'Lonely In The Night' und 'Games' gehören zu dem Besten, was NAZARETH in den 1980er Jahren veröffentlichte, was dieses Album entsprechend wertvoll macht. Rückblickend gehört es auch aus persönlicher Sicht zu meinen Lieblingsalben, stibitzte ich als kleiner Junge doch stets "2XS" von meinem Vater, der selbst großer NAZARETH-Fan war und noch immer ist, um mich selbst in Sachen musikalische Früherziehung weiterzubilden.

"Sound Elixir"

Die Whiskey-Flaschen auf dem Artwork, drei große NAZARETH-Schriftzüge auf den Etiketten – man hätte 1983 glauben können, dass NAZARETH dort draufsteht, wo NAZARETH auch drinsteckt. Doch durch den stetig wachsenden AOR-Einfluss verwässerte der typische Bandsound: Nur noch eine Handvoll Rocker ('Whippin' Boy', 'Rags To Riches') waren neben zwar ordentlichen, aber für die Schotten nicht wirklich repräsentativen Pop-Rock-Songs wie 'Why Don't You Read The Book' oder 'Rain On The Window' vertreten. Mit 'Where Are You Now' gab es die obligatorische Schmacht-Ballade, die man sich auch als gestandener Alt-Fan problemlos anhören konnte, doch so richtig identifizieren kann ich mich mit dieser weder-Fisch-noch-Fleisch-Platte eher weniger. Hinzu kam die fehlende Promotion seitens MCA. Musikalisch gesehen und nur für sich genommen, ist "Sound Elixir" definitiv gelungen, darin besteht kein Zweifel, aber den Fans und sich selbst haben McCafferty und Co. damit jedenfalls keinen großen Gefallen getan, was sich leider in den Verkaufszahlen widergespiegelt hat.

"Cinema"

Wo stand NAZARETH also nach "Sound Elixir" Mitte der 1980er Jahre? Um ehrlich zu sein: zwischen den Stühlen des eher poppigen AORs, der sich in den letzten Jahren abzeichnete, und dem klassischen Hardrock im bluesig-metallischen Gewand. Gott sei Dank wurde es auf "Cinema" wieder etwas härter, bodenständiger und bisweilen auch ruppiger. Ob McCafferty und seine Jungs damals den Zahn der Zeit trafen, sei mal so dahingestellt, doch mit 'Hit The Fan', 'Just Another Heartache' und 'One From The Heart' gab es auf diesem 1986er Album durchaus Songs, die auch gut in die Bandhochphase im Jahrzehnt zuvor gepasst hätten. Leider folgten sehr ernüchternde Verkaufszahlen, die jedoch in Anbetracht solch großartiger Songs wie der Abschlussballade 'A Veterans Song' oder dem bockstarken Titelstück doch unverständlich sind. Somit ist "Cinema" sicherlich kein zweites "Hair Of The Dog", aber durchaus ein äußerst unterhaltsames Album, das die Altfans wieder ansprechen konnte.

"No Jive"

Ein ordentlicher Rumms ging durch die ach so heile NAZARETH-Welt zu Beginn des neuen Jahrzehnts: Die Kooperation mit der langjährigen Plattenfirma Vertigo/Phonogram war genauso am Ende wie die Zusammenarbeit mit Manny Charlton, der die Band in den Heavy Pop der 1980er Jahre drängen wollte. Doch mit Billy Rankin, der NAZARETH schon einmal als zweiter Gitarrist unterstützt hatte, war es einmal mehr an der Zeit für den guten, alten Hardrock, wie man ihn gewohnt war. Und wenn wir ehrlich sind, steht diese Klamotte, die die Schotten 1991 auf "No Jive" präsentierten, der Band auch am besten. Dank jener Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln kam das insgesamt 18. Studioalbum auch recht gut bei den Fans an. Songs wie 'Hire And Fire', 'Right Between The Eyes', 'Cover Your Heart' oder auch 'Cry Wolf' bieten auch heute noch schlichtweg tollen, coolen und vor allem authentischen Rock, wie ihn NAZARETH mitunter geprägt hat. Somit starteten die 1990er Jahre für McCafferty und Co. äußerst verheißungsvoll.

"Move Me"

Weg also mit dem AOR und zurück zu den Wurzeln. Auch drei Jahre nach "No Jive" drückte der Rückkehrer Billy Rankin den Schotten seinen Stempel auf – und das in einer Zeit, die für unsere geliebte Sparte eh schwierig war. Wo die Vorgängerplatte aufhört, fängt "Move Me" an und Fans konnten sich entspannt zurücklehnen und sich einem Bilderbuch-NAZARETH-Album hingeben. Es gibt stimmungsvolle Nackenschläge ('Streamroller'), ordentliche Rockstampfer ('Let Me Be Your Dog', 'Can't Shake Those Shakes') und der balladeske Anteil, für den die Band damals auch berühmt war, kam dank des tollen Titelstücks auch für Zartbesaitete nicht zu kurz. Es ist nur jammerschade, dass ein Jahr darauf Rankin NAZARETH wieder verließ, gab sein Zugang der Truppe doch den entscheidenden Impuls, wieder das zu fabrizieren, was sie speziell in den 1970er Jahren am besten konnte: Rocken! Und das teils hart, teils bluesig, aber stets typisch NAZARETH. Insofern ist auch heute "Move Me" noch ein durch und durch gelungenes Scheibchen.

Wir wir also sehen, stecken auch die für die Rockwelt eh äußerst abenteuerlichen 1980er Jahre voller Überraschungen. Dass diese nicht durchweg positiv angenommen wurden, versteht sich von selbst. Doch nun – viele Jahre später – kann man eher kontrovers aufgenommene Scheiben wie "Sound Elixir" mit dem nötigen Abstand erkunden und muss sagen, dass sich die Zeit definitiv lohnt. Vielleicht musste die AOR-Zeit einfach sein, damit NAZARETH in den 1990er Jahren wieder zu alter Stärke zurückfinden konnte, wer weiß. Fest steht jedoch, dass alle Platten dieser beiden Dekaden ihre absolute Daseinsberechtigung haben und dank der Wiederauflagenwelle auch jene Aufmerksamkeit im Großformat genießen dürfen, die sie auch verdienen. Es tut jedenfalls gut, sie als Vinyl im Schrank stehen zu haben und sich der Tatsache bewusst zu sein, dass man jederzeit in einer äußerst authentischen Art und Weise eine kleine Zeitreise unternehmen kann. Lasst euch dieses Abenteuer nicht entgehen, BMG macht es möglich!

Redakteur:
Marcel Rapp

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